{"id":1237653,"date":"2020-11-13T09:10:10","date_gmt":"2020-11-13T09:10:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1237653"},"modified":"2020-11-13T09:10:10","modified_gmt":"2020-11-13T09:10:10","slug":"berlins-beitrag-zur-destabilisierung-des-mittelmeers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/11\/berlins-beitrag-zur-destabilisierung-des-mittelmeers\/","title":{"rendered":"Berlins Beitrag zur Destabilisierung des Mittelmeers"},"content":{"rendered":"<p class=\"news-item-subtitle\"><strong>Deutschland setzt die Aufr\u00fcstung der t\u00fcrkischen Marine fort &#8211; obwohl diese mit Griechenland und Zypern zwei EU-Mitglieder bedroht.<\/strong><\/p>\n<p>Die im \u00f6stlichen Mittelmeer operierende t\u00fcrkische Marine ist in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten mit Kriegsschiffen und Ger\u00e4t aus Deutschland im Wert von fast zehn Milliarden Euro aufger\u00fcstet worden. Dies best\u00e4tigt das Bundeswirtschaftsministerium. Ankara kann f\u00fcr seine Operationen unmittelbar vor griechischen Inseln ebenso deutsche Fregatten nutzen wie zur Begleitung von Forschungsschiffen, die illegal zyprische Seegebiete auf m\u00f6gliche Erd\u00f6l- und Erdgaslagerst\u00e4tten erkunden. Im Konflikt mit Griechenland und Zypern stehen der T\u00fcrkei auch deutsche Schnell- und U-Boote zur Verf\u00fcgung &#8211; eine Tatsache, die nicht zuletzt deswegen Brisanz besitzt, weil Griechenland und Zypern als EU-Mitglieder Schutz auch durch Deutschland einfordern k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich geh\u00f6rte Ankara zu den fr\u00fchesten Kunden bundesdeutscher Kriegsschiffbauer; noch heute werden deutsche U-Boote in der T\u00fcrkei in Lizenz produziert. Galt der Bundesregierung die Belieferung der Marine lange als legitim (&#8222;alles, was schwimmt, geht&#8220;), so r\u00e4cht sich dies, seit sich Ankara als Seemacht zu begreifen beginnt.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Fast zehn Milliarden Euro<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Deutsche R\u00fcstungsunternehmen haben die t\u00fcrkische Marine seit dem Jahr 2004 mit Kriegsschiffen oder mit Teilen daf\u00fcr im Wert von rund 9,8 Milliarden Euro aufger\u00fcstet. Dies teilt das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage der Bundestagsabgeordneten Sevim Da\u011fdelen (Die Linke) mit. Der Betrag geht massiv \u00fcber den Gesamtwert der Ausfuhrgenehmigungen hinaus, die die Bundesregierung seit dem Jahr 2002 laut ihren offiziellen R\u00fcstungsexportberichten erteilte; dieser belief sich den Angaben des Wirtschaftsministeriums zufolge auf rund 522 Millionen Euro. Die Differenz ergibt sich vermutlich daraus, dass milliardenschwere Exporterlaubnisse schon vor dem Jahr 2002 erteilt wurden, die tats\u00e4chlichen Lieferungen aber erst Jahre sp\u00e4ter erfolgten. Derlei Verz\u00f6gerungen sind bei gro\u00dfen R\u00fcstungsgesch\u00e4ften durchaus \u00fcblich. Zur Genehmigung der R\u00fcstungsexporte kommt hinzu, dass die Bundesregierung die Lieferungen auch mit B\u00fcrgschaften abgesichert hat; so gew\u00e4hrte sie im Zusammenhang mit dem Verkauf deutscher U-Boote an die t\u00fcrkische Marine eine Hermes-B\u00fcrgschaft von 2,49 Milliarden Euro.[1]<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Einer der fr\u00fchesten Kunden<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Die Belieferung der t\u00fcrkischen Marine durch bundesdeutsche R\u00fcstungsunternehmen reicht bis in die 1960er Jahre zur\u00fcck. Bereits 1963 wandte sich Ankara mit der Bitte an Bonn, die damals noch bei den Kieler Howaldtswerken in Entwicklung befindlichen U-Boote der Klasse 209 erstehen zu d\u00fcrfen. Die Verhandlungen zogen sich in die L\u00e4nge, weil Athen Einw\u00e4nde gegen die Aufr\u00fcstung seines traditionellen Rivalen erhob; sie endeten damit, dass sowohl Griechenland als auch die T\u00fcrkei beliefert wurden. Als die f\u00fcr Griechenland bestimmten U-Boote 1971 und 1972 in Dienst gestellt werden konnten, herrschte dort ein Milit\u00e4rregime, und als die Kieler HDW 1971 den Bau zweier U-Boote f\u00fcr die T\u00fcrkei in Angriff nahm, waren auch dort Putschisten an der Macht. Den bundesdeutschen Waffenlieferungen stand dies nicht im Wege. Ebensowenig lie\u00dfen sich deutsche Regierungen von der Genehmigung von R\u00fcstungsexporten an die beiden s\u00fcd\u00f6stlichen NATO-Staaten dadurch abhalten, dass es zwischen ihnen Anfang 1996 im Konflikt um zwei unbewohnte \u00c4g\u00e4isinseln (griechisch: Imia, t\u00fcrkisch: Kardak) beinahe zum Krieg kam: In den Jahren danach erlaubte die Bundesregierung die Lieferung weiterer U-Boote an Athen sowie an Ankara.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>U-Boote, Fregatten, Schnellboote&#8230;<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Entsprechend verf\u00fcgt die t\u00fcrkische Marine heute \u00fcber eine erhebliche Zahl an Kriegsschiffen aus deutscher Produktion. Nicht wenige davon wurden in Lizenz &#8211; und mit Unterst\u00fctzung durch deutsche Unternehmen &#8211; von der Werft der t\u00fcrkischen Seestreitkr\u00e4fte, &#8222;G\u00f6lc\u00fck Naval Shipyards&#8220;, s\u00fcd\u00f6stlich von Istanbul gebaut. Zu den Kriegsschiffen deutscher Bauart im Besitz der t\u00fcrkischen Seestreitkr\u00e4fte z\u00e4hlen zw\u00f6lf \u00e4ltere U-Boote, die von ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) bzw. dessen Vorl\u00e4ufer HDW (Howaldtswerke &#8211; Deutsche Werft) hergestellt wurden. Acht Fregatten wurden in Hamburg bei Blohm + Voss oder mit deren Lizenz in G\u00f6lc\u00fck gebaut; vier davon sollen bis 2025 mit Blick auf k\u00fcnftige Eins\u00e4tze recht aufwendig modernisiert werden. Dar\u00fcber hinaus ist die t\u00fcrkische Marine im Besitz von fast 20 Schnellbooten, die von der Bremer L\u00fcrssen-Werft entworfen wurden; hinzu kommen mehrere Minensuchboote, die in Deutschland von L\u00fcrssen und Abeking &amp; Rasmussen aus Lemwerder oder in Lizenz in der T\u00fcrkei hergestellt wurden. Zur Zeit sind dar\u00fcber hinaus sechs neue, von TKMS entworfene U-Boote in Bau.[2] Das erste wurde mittlerweile von der t\u00fcrkischen Marine \u00fcbernommen.[3]<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>&#8222;Alles, was schwimmt, geht&#8220;<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Die Aufr\u00fcstung der t\u00fcrkischen Seestreitkr\u00e4fte ist von der Bundesregierung stets heruntergespielt worden. Scharfer Kritik ausgesetzt war gew\u00f6hnlich die Lieferung von Waffen an das t\u00fcrkische Heer, die etwa im Krieg gegen die kurdischsprachige Minderheit oder j\u00fcngst beim Einmarsch nach Syrien zum Einsatz kamen; in Syrien operierten die t\u00fcrkischen Truppen etwa mit Panzern des Typs Leopard 2.[4] Letztlich sah sich die Bundesregierung wegen der Nutzung deutschen Kriegsger\u00e4ts f\u00fcr v\u00f6lkerrechtswidrige Milit\u00e4roperationen wie den t\u00fcrkischen Einmarsch nach Syrien gezwungen, die R\u00fcstungslieferungen an die T\u00fcrkei zumindest offiziell einzuschr\u00e4nken. Zur Aufr\u00fcstung der t\u00fcrkischen Marine hingegen ist in Berlin immer wieder eine Position des einstigen Au\u00dfenministers Hans-Dietrich Genscher zitiert worden: &#8222;Alles, was schwimmt, geht.&#8220;[5] Die Auffassung gr\u00fcndete darauf, dass &#8211; ganz im Gegensatz zum Heer &#8211; die t\u00fcrkische Marine nicht in gr\u00f6\u00dfere Operationen involviert war. Dies hat sich inzwischen freilich ge\u00e4ndert. W\u00e4hrend die T\u00fcrkei ihren Einfluss vor allem in L\u00e4ndern des fr\u00fcheren Osmanischen Reichs zu st\u00e4rken sucht (&#8222;Neo-Osmanismus&#8220;), setzen sich Marineoffiziere seit Jahren daf\u00fcr ein, ihr Land im \u00f6stlichen Mittelmeer auch als Seemacht zu etablieren. Dies wird unter dem Schlagwort &#8222;Blaue Heimat&#8220; (&#8222;Mavi Vatan&#8220;) diskutiert (german-foreign-policy.com berichtete [6]).<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Der Zusammenhalt der EU<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Im Rahmen von Operationen, die die t\u00fcrkische Marine inzwischen in diesem Sinne realisiert, kommt es zunehmend zu Konflikten mit Griechenland. Dabei stehen sich die Seestreitkr\u00e4fte beider L\u00e4nder immer h\u00e4ufiger feindlich gegen\u00fcber &#8211; wobei die T\u00fcrkei ihre Kriegsschiffe deutscher Bauart gegen das EU-Mitglied Griechenland nutzen kann. &#8222;Griechenland wird durch deutsche Waffen in den H\u00e4nden der T\u00fcrkei bedroht&#8220;, stellte am Wochenende der griechische Au\u00dfenminister Nikos Dendias fest, um mit Blick insbesondere auf die aktuelle U-Boot-Lieferung zu fordern: &#8222;Gebt der T\u00fcrkei nicht etwas, womit sie das gesamte \u00f6stliche Mittelmeer destabilisieren kann.&#8220;[7] Berlin freilich, das in anderen F\u00e4llen immer wieder den Zusammenhalt der Union beschw\u00f6rt, verweigert dies &#8211; und stellt damit einmal mehr nationale Interessen, in diesem Fall diejenigen der deutschen R\u00fcstungsindustrie, \u00fcber Schutzinteressen eines anderen EU-Staates, n\u00e4mlich Griechenlands.<\/p>\n<p class=\"western\">[1] Deutsche R\u00fcstungsexporte f\u00fcr t\u00fcrkische Marine in Milliardenh\u00f6he. handelsblatt.com 09.11.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[2] T\u00fcrkei bekommt U-Boote aus Deutschland. spiegel.de 08.05.2018.<\/p>\n<p class=\"western\">[3] Peter Carstens: Deutsche Technik auf beiden Seiten. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.09.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[4] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7064\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wie man Jihadisten f\u00f6rdert<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\">[5] Holger Stark, Klaus Wiegrefe: &#8222;Eine \u00dcberflutung mit Waffen&#8220;. spiegel.de 08.04.2013.<\/p>\n<p class=\"western\">[6] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8363\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Streit um die T\u00fcrkeipolitik<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\">[7] Deutsche R\u00fcstungsexporte f\u00fcr 522 Millionen Euro an T\u00fcrkei. welt.de 09.11.2020.<\/p>\n<div class=\"col-md-4\">\n<div class=\"thumbnail\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland setzt die Aufr\u00fcstung der t\u00fcrkischen Marine fort &#8211; obwohl diese mit Griechenland und Zypern zwei EU-Mitglieder bedroht. 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