{"id":1229537,"date":"2020-11-02T06:34:35","date_gmt":"2020-11-02T06:34:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1229537"},"modified":"2020-11-02T06:34:35","modified_gmt":"2020-11-02T06:34:35","slug":"das-lithium-und-der-putsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/11\/das-lithium-und-der-putsch\/","title":{"rendered":"Das Lithium und der Putsch"},"content":{"rendered":"<p class=\"news-item-subtitle\"><strong>Berlin nimmt erneut Zugriff auf die weltgr\u00f6\u00dften Lithiumvorr\u00e4te in Bolivien ins Visier. Zuvor hatte es dort Putschisten den R\u00fccken gest\u00e4rkt.<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Pr\u00e4sidentenwahl in Bolivien hoffen Berlin und deutsche Wirtschaftskreise auf direkten Zugriff auf die vermutlich gr\u00f6\u00dften Lithiumlagerst\u00e4tten der Welt. Schon Ende 2018 hatte das deutsche Unternehmen ACI Systems ein Joint Venture mit der staatlichen bolivianischen YLB schlie\u00dfen k\u00f6nnen, um das Lithium im Salar de Uyuni zu f\u00f6rdern, dem gr\u00f6\u00dften Salzsee der Erde im bolivianischen Hochland. Lithium ist f\u00fcr die Produktion von Batterien, wie sie etwa in Elektroautos verwendet werden, unverzichtbar und von speziellem Wert f\u00fcr die deutsche Kfz-Industrie. Das deutsch-bolivianische Joint Venture war allerdings Anfang November vergangenen Jahres im Verlauf schwerer Unruhen in Bolivien auf Eis gelegt und nach dem Putsch in La Paz vom 10. November 2019 nicht wieder aufgenommen worden &#8211; dies, obwohl die Bundesregierung dem Putschregime den R\u00fccken st\u00e4rkte. Nach der klaren Wahlniederlage der Putschisten setzt Berlin nun auf ein Entgegenkommen des Wahlsiegers Luis Arce &#8211; obwohl es gebilligt hatte, dass dessen Parteikollege Evo Morales 2019 gewaltsam gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Ein deutsch-bolivianisches Joint Venture<\/h3>\n<p class=\"western\">Den Zugriff auf die gewaltigen Lithiumvorkommen im Salar de Uyuni, dem gr\u00f6\u00dften Salzsee der Erde, hatte sich Mitte Dezember 2018 der deutsche Mittelst\u00e4ndler ACI Systems aus Zimmern ob Rottweil (Baden-W\u00fcrttemberg) sichern k\u00f6nnen.[1] Dazu hatten der Firmenableger ACISA (ACI Systems Alemania) und die staatliche bolivianische YLB (&#8222;Yacimientos de Litio Bolivianos&#8220;, &#8222;Bolivianische Lithiumvorkommen&#8220;) ein Joint Venture gegr\u00fcndet, an dem YLB die knappe Mehrheit von 51 Prozent hielt. ACI Systems hatte dabei von politischer Unterst\u00fctzung profitiert: Die Bundesregierung w\u00fcnscht einen direkten deutschen Zugriff auf Lithium, weil der Rohstoff f\u00fcr die Produktion von Batterien f\u00fcr Elektroautos, damit aber auch f\u00fcr die deutsche Kfz-Industrie unverzichtbar ist. Allerdings hatte die damalige Regierung in La Paz unter Pr\u00e4sident Evo Morales strikt darauf gedrungen, dass ACISA den Rohstoff nicht unverarbeitet exportiert, sondern dass das Lithium in Bolivien weiterverarbeitet und dass mit Hilfe des deutschen Unternehmens auch eine Batterieproduktion im Land selbst aufgebaut wird. Ziel war es, einen gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Teil der Wertsch\u00f6pfung vor Ort zu realisieren, um den Wirtschaftsaufbau vorantreiben und die Armut im Land wirksam bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen.[2]<\/p>\n<h3 class=\"western\">Auf Eis gelegt<\/h3>\n<p class=\"western\">Schwierigkeiten ergaben sich im Herbst 2019. Damals protestierten im Departement Potos\u00ed im bolivianischen Hochland, in dem der Salar de Uyuni liegt, lokale B\u00fcrgerkomitees gegen den Lithiumabbau, weil sie erhebliche Umweltsch\u00e4den etwa mit Auswirkungen auf das Grundwasser bef\u00fcrchteten und sich von dem ACISA\/YLB-Joint Venture finanziell \u00fcbervorteilt sahen (german-foreign-policy.com berichtete [3]). Die Proteste fielen zeitlich zusammen mit dem Wahlkampf und der Durchf\u00fchrung der Pr\u00e4sidentenwahl am 20. Oktober 2019, nach der die unterlegene Opposition unter dem Vorwand, es habe massive F\u00e4lschungen gegeben, breite Unruhen gegen Pr\u00e4sident Morales organisierte. Unter heftigen Druck geraten, legte Morales das Projekt vorl\u00e4ufig auf Eis; geplant war, wie unter Berufung auf ihn berichtet wurde, &#8222;bis Ende des Jahres in Uyuni eine autonome Region zu schaffen und das Problem damit zu l\u00f6sen&#8220;.[4] Der Plan scheiterte, weil die rechte Opposition &#8211; angef\u00fchrt von wohlhabenden Wei\u00dfen, nicht zuletzt Gro\u00dfgrundbesitzern, aus dem bolivianischen Tiefland &#8211; die Unruhen gewaltt\u00e4tig eskalierte und Morales, den politischen Vertreter der verarmten indigenen Bev\u00f6lkerungsmehrheit vor allem aus dem Hochland, schlie\u00dflich per Putsch aus dem Amt jagte.[5] Damit steckte auch das deutsche Lithiumprojekt fest.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Legitimation f\u00fcr den Putsch<\/h3>\n<p class=\"western\">An der Behauptung der Putschisten, Morales habe die Wahl massiv f\u00e4lschen lassen, sind von Anfang an begr\u00fcndete Zweifel laut geworden.[6] Dies wiegt schwer, denn die Behauptung wurde von der &#8211; unter klarem US-Einfluss stehenden &#8211; Organization of American States (OAS), die die Wahl beobachtet hatte, best\u00e4tigt, was von den westlichen Staaten als Legitimation genutzt wurde, Morales&#8216; Sturz zu billigen. Mittlerweile kann sie allerdings als widerlegt gelten. Bereits im Juni wurde eine wissenschaftliche Studie bekannt, die nachweist, dass statistische Besonderheiten, die die OAS fehlerhaft als angeblichen Beleg f\u00fcr Wahlf\u00e4lschungen heranzog, tats\u00e4chlich aus dem normalen Wahlablauf in abgelegenen l\u00e4ndlichen Regionen erkl\u00e4rbar sind.[7] In der vergangenen Woche hat nun das Washingtoner Center for Economic and Policy Research (CEPR) aus einem Vergleich der diesj\u00e4hrigen Wahlergebnisse mit den inkriminierten Resultaten des Vorjahres gleichfalls den Schluss gezogen, die F\u00e4lschungsvorw\u00fcrfe seien aus der Luft gegriffen gewesen. Dazu verweist das CEPR darauf, dass Arce dieses Jahr in manchen indigenen Wahlbezirken des Hochlandes mehr als 90 Prozent erzielen konnte. Dies war &#8211; politisch leicht erkl\u00e4rlich &#8211; im vergangenen Jahr auch Morales gelungen, damals aber von der OAS als unwiderlegbarer Beweis f\u00fcr Wahlf\u00e4lschungen angef\u00fchrt worden.[8] Morales zieht jetzt in Betracht, den verantwortlichen OAS-Generalsekret\u00e4r Luis Almagro vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu bringen.[9]<\/p>\n<h3 class=\"western\">&#8222;Die richtige Entscheidung des Milit\u00e4rs&#8220;<\/h3>\n<p class=\"western\">Auch die Bundesregierung sowie Teile der Opposition hatten sich im vergangenen Jahr offen auf die Seite der bolivianischen Putschisten geschlagen. Unmittelbar nach Morales&#8216; Sturz behauptete Regierungssprecher Steffen Seibert, dieser sei ein &#8222;wichtiger Schritt hin zu einer friedlichen L\u00f6sung&#8220;. Omid Nouripour, au\u00dfenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen, erkl\u00e4rte, &#8222;das Milit\u00e4r&#8220; habe &#8222;die richtige Entscheidung getroffen, sich auf die Seite der Demonstrierenden zu stellen&#8220;.[10] Auf die Frage der Linksfraktion im Bundestag, ob sie die in La Paz amtierende Putschpr\u00e4sidentin Jeanine \u00c1\u00f1ez &#8222;als rechtm\u00e4\u00dfige Interimspr\u00e4sidentin Boliviens&#8220; anerkenne, teilte die Bundesregierung im Januar 2020 mit, sie &#8222;begr\u00fc\u00df[e], dass das Machtvakuum&#8220; in dem Land &#8222;durch Ausrufen von Jeanine \u00c1\u00f1ez zur \u00dcbergangspr\u00e4sidentin beendet wurde&#8220;.[11] Diesem Urteil stand auch nicht entgegen, dass Polizei und Armee mit brutaler Gewalt gegen Unterst\u00fctzer von Morales vorgegangen waren und bei deren Demonstrationen alleine in den Orten Sacaba (Cochabamba) und Senkata (El Alto) mindestens 19 Menschen von den Repressionskr\u00e4ften get\u00f6tet worden waren. Die UN-Hochkommissarin f\u00fcr Menschenrechte, Michelle Bachelet, hat im August erkl\u00e4rt, sie sei &#8222;zutiefst besorgt&#8220;, dass die F\u00e4lle immer noch nicht aufgekl\u00e4rt worden seien und f\u00fcr mutma\u00dfliche Verbrechen der Repressionsapparate unter \u00c1\u00f1ez Straffreiheit herrsche.[12] Berlin, das sich bei politischer Opportunit\u00e4t stets als Vork\u00e4mpfer f\u00fcr die Menschenrechte weltweit inszeniert, schweigt.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Vor der Wiederaufnahme<\/h3>\n<p class=\"western\">Seit dem haushohen Wahlsieg von Luis Arce, dem Kandidaten der Morales-Partei Movimiento al Socialismo (MAS), bei der Pr\u00e4sidentenwahl am 18. Oktober &#8211; Arce gewann bereits im ersten Wahlgang mit 55,1 Prozent der Stimmen vor seinem weit abgeschlagenen Hauptrivalen Carlos Mesa (28,8 Prozent) &#8211; nehmen deutsche Medien jetzt wieder die Chance ins Visier, einen direkten Zugriff auf das bolivianische Lithium zu erhalten. Das Bundeswirtschaftsministerium sowie das Ausw\u00e4rtige Amt hatten das Rohstoffprojekt von ACI Systems im vergangenen Jahr begleitet, &#8222;auf Arbeitsebene&#8220;, wie die Bundesregierung best\u00e4tigt. Arce hatte bereits vor seinem Wahlsieg zu erkennen gegeben, er wolle das Vorhaben nach M\u00f6glichkeit gemeinsam mit der deutschen Firma wieder aufnehmen. Jetzt hat er mitgeteilt, &#8222;die lokalen Organisationen&#8220; im Departement Potos\u00ed wollten &#8222;einen gr\u00f6\u00dferen Anteil&#8220; am Ertrag &#8222;und eine k\u00fcrzere Vertragsdauer&#8220;: &#8222;Wenn die deutsche Firma die Bedingungen anpasst, dann setzen wir die Zusammenarbeit fort.&#8220; Weigere sich ACI Systems allerdings, dies zu tun, dann &#8222;gibt es andere Partner, mit denen wir die Verarbeitung von Lithium vorantreiben k\u00f6nnen&#8220;.[13] Die bolivianische Lithiumf\u00f6rderung h\u00e4nge &#8222;nicht von einer einzelnen Firma ab&#8220;.<\/p>\n<p class=\"western\">[1] Deutschland soll weltgr\u00f6\u00dftes Lithium-Vorkommen in Bolivien ausbeuten. handelsblatt.com 12.12.2018.<\/p>\n<p class=\"western\">[2] Karl-Ludolf H\u00fcbener: Was wird aus der Lithium-Verarbeitung? npla.de 03.06.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[3] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8081\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Protest gegen deutsche Rohstoffsicherung in Bolivien<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\">[4] Evo Morales: Lithium-Projekt mit ACI Systems war nicht vom Tisch. handelsblatt.com 19.11.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[5] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8102\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Berlin und der Putsch<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\">[6] Vilma Guzman, Jonatan Pfeifenberger: Bolivien: Kuba zieht Personal ab, unabh\u00e4ngige Berichte sehen keinen Wahlbetrug. amerika21.de 16.11.2019. S. auch <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8108\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Berlin und der Putsch (II)<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\">[7] Anatoly Kurmanaev, Mar\u00eda Silvia Trigo: A Bitter Election. Accusations of Fraud. And Now Second Thoughts. nytimes.com 07.06.2020. Nicol\u00e1s Idrobo, Dorothy Kronick, Francisco Rodr\u00edguez: Do Shifts in Late-Counted Votes Signal Fraud? Evidence From Bolivia. papers.ssrn.com 30.09.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[8] Jake Johnston: Data from Bolivia&#8217;s Election Add More Evidence That OAS Fabricated Last Year&#8217;s Fraud Claims. cepr.net 21.10.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[9] Marta Andujo: Kann Luis Almagro am Amt des OAS-Generalsekret\u00e4rs weiter festhalten? amerika21.de 26.10.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[10] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8102\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Berlin und der Putsch<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\">[11] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Andrej Hunko, Heike H\u00e4nsel, Michel Brandt, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke. Deutscher Bundestag, Drucksache <a href=\"tel:19\/16877\">19\/16877<\/a>. Berlin, 29.01.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[12] Bolivia: Bachelet insta a realizar cambios estructurales ante crisis. ohchr.org 24.08.2020. Jonatan Pfeifenberger: Tote und Folter nach Putsch in Bolivien: UNO fordert Aufkl\u00e4rung. amerika21.de 26.08.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[13] &#8222;Ich werde regieren, nicht Evo&#8220;. Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.10.2020.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin nimmt erneut Zugriff auf die weltgr\u00f6\u00dften Lithiumvorr\u00e4te in Bolivien ins Visier. Zuvor hatte es dort Putschisten den R\u00fccken gest\u00e4rkt. 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