{"id":1220362,"date":"2020-10-19T17:12:47","date_gmt":"2020-10-19T16:12:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1220362"},"modified":"2020-10-19T17:15:10","modified_gmt":"2020-10-19T16:15:10","slug":"die-krise-und-ihre-facetten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/10\/die-krise-und-ihre-facetten\/","title":{"rendered":"Die Krise und ihre Facetten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gleich einem Hurrikan fegt die Krise \u00fcber den Planeten. Tag f\u00fcr Tag reiht sich ein neues Land in diese soziale Welle ein und die Stra\u00dfen der St\u00e4dte verwandeln sich in wahre menschliche Fl\u00fcsse. Massen, die vorher nicht dort anzutreffen waren, stellen jetzt ihre Forderungen auf. Was wollen sie? Gut, das ist ziemlich offensichtlich, insbesondere in jenen Staaten, die als \u201eSchwellenl\u00e4nder\u201c gelten, so wie das unsere und andere in Lateinamerika: Die Erwartungen eines besseren Lebens, die die Leute hoffen und hart arbeiten lassen, wurden immer wieder aufs Neue entt\u00e4uscht. Diese schwerwiegende Desillusion hat eine unaufhaltsame Flutwelle sozialer Wut ausgel\u00f6st.<\/strong><\/p>\n<p>Die Worf\u00fchrer eher orthodoxer Ansicht sehen die Situation als eine weitere Krise, als eine der vielen, denen sich der Kapitalismus zu stellen hat, durch die Pandemie zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft. Aber sie glauben, dass, sobald sich das gesundheitliche Problem gel\u00f6st hat, die Dinge wieder ihren gewohnten Gang gehen \u2013 mit ein wenig staatlicher Hilfe kann die Wirtschaft wieder angekurbelt werden und alle sind zufrieden. Diese F\u00fcrsprecher des Systems sind in der Tat davon \u00fcberzeugt, dass die monstr\u00f6se soziale Zerbrechlichkeit, die durch die aktuelle Situation zum wiederholten Male offengelegt wurde und die gesamte Bev\u00f6lkerung in hohem Ma\u00df betrifft, schnell vergessen sein wird und dass die Menschen, die ihre Unzufriedenheit auf tausend verschiedene Arten herausschreien, gelassen zur idealen Logik zur\u00fcckfinden, zu arbeiten, um zu konsumieren und zu konsumieren, um zu arbeiten. Keiner von ihnen ist in der Position, das System in Frage zu stellen, da sie als seine Strohm\u00e4nner fungieren. Stattdessen k\u00fcndigen sie einige \u201eReformen\u201c an, die nicht \u00fcber Slogans hinausgehen, ohne irgendeinen konkreten Plan zur Umsetzung, gem\u00e4\u00df dem Zitat aus dem Roman \u201eDer Leopard\u201c von Giuseppe die Lampedusa: \u201eAlles soll sich ver\u00e4ndern, damit alles so bleibt, wie es ist. Das prim\u00e4re Ziel der Eliten ist es, die F\u00fchrungsst\u00e4rke wiederzuerlangen und deswegen hielten sie es f\u00fcr notwendig, ihre Reden neu zu formulieren und ihren Vorrat sch\u00f6ner L\u00fcgen an die Gegenwart anzupassen, um die Bev\u00f6lkerung erneut zu verf\u00fchren. Wird es ihnen gelingen?<\/p>\n<p>Auch den fortschrittlichen Sektoren der Opposition ist es nicht allzu gut ergangen. Wie wir wissen, gehen ihre Vorschl\u00e4ge stets in die Richtung, die F\u00fchrungsrolle des Staates in sozialen Forderungen \u2013 eine Funktion, von dem dieser durch den Neoliberalismus vollkommen ausgeschlossen wurde \u2013 wiederherzustellen. Dabei haben sie jedoch nicht ber\u00fccksichtigt, dass in einer Epoche der Globalisierung wie der aktuellen die notwendigen Gelder nicht mehr in den jeweiligen Staaten vorhanden sind, sondern in einem internationalen, spekulativen Kreislauf gebunden sind. Wenn ein Staat finanzielle Mittel zur L\u00f6sung seiner innenpolitischen Probleme ben\u00f6tigt, ist er gezwungen, sich zu verschulden und \u201eAnleihen\u201c auszustellen, die vom \u201eAnleihegl\u00e4ubigern\u201c erworben werden. Die Zinsen, die f\u00fcr diese Darlehen gezahlt werden, h\u00e4ngen vom Risikorating des Landes ab, das die Anleihen ausgibt, ein Faktor, der auf der Grundlage verschiedener Indikatoren gewichtet wird, die seine interne Stabilit\u00e4t messen. Die lateinamerikanischen Nationen sind in der schlechtesten Lage, um Zugang zu solchen Krediten zu erhalten, da ihre Volkswirtschaften prek\u00e4r sind und grundlegend vom Preis ihrer nat\u00fcrlichen Ressourcen (Rohstoffe) auf dem internationalen Markt abh\u00e4ngen. Diese globale Wirtschaftsdynamik hat die Autonomie der Nationalstaaten drastisch reduziert, weil sich die Entscheidungsgewalt in eine Art Parastaat um internationales Finanzkapital verlagert hat. Die Beispiele, die die Manifestation dieses f\u00fcr unsere Zeit so typischen Ph\u00e4nomens belegen, nehmen tagt\u00e4glich zu.<\/p>\n<p>Alle Indikatoren deuten also darauf hin, dass wir uns in einer globalen Systemkrise befinden, welcher gegen\u00fcber keine der in der Vergangenheit verwendeten L\u00f6sungsans\u00e4tze sinnvoll erscheinen. Ist die Zeit daf\u00fcr gekommen, neue Wege zu beschreiten?<\/p>\n<h4><strong>Was genau bedeutet eine globale Systemkrise?<br \/>\n<\/strong><\/h4>\n<p>Einfach gesagt bedeutet dies, dass die L\u00f6sungen und Ma\u00dfnahmen, die wir bisher zur Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens gefunden haben, nicht mehr funktionieren. Die Globalisierung hat einen einheitlichen Lebensstil auf dem gesamten Planeten geschaffen: Kapitalismus mit einigen \u201esozialen\u201c Varianten, vorrangig in Europa, in Form liberaler repr\u00e4sentativer Demokratie. Das wirtschaftliche System war seit seinen Anf\u00e4ngen vor drei Jahrhunderten umstritten &#8211; wegen seines Unverm\u00f6gens, einen akzeptablen Standard sozialer Gerechtigkeit zu schaffen. Aber niemals wurde es ersetzt. Die Str\u00f6mungen des realen Sozialismus sind nicht bis zu dem Punkt gelangt, alternative Formen der Produktion vorzuschlagen, au\u00dfer dass die gesamte Verwaltung des Produktionsapparates in die H\u00e4nde des Staates gelegt werden soll. Eine Art Staatskapitalismus, in der Art des heutigen China.<\/p>\n<p>Heutzutage haben sich die sozialen Gegens\u00e4tze versch\u00e4rft, was das Versagen dieses Systems als einzige Richtlinie f\u00fcr gemeinschaftliches Leben offenbart hat. Der wirtschaftliche Niedergang und der Vertrauensverlust der Menschen in ihre Vertreter haben die Gesellschaften in eine Situation der Unregierbarkeit gest\u00fcrzt, wie es sie seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hat. Zu allen jenen sozialen Erscheinungsformen der Krise gesellt sich jetzt ein neues Ph\u00e4nomen: Die irreversible Zerst\u00f6rung der Umwelt, die im Wesentlichen durch unsere kapitalistischen Formen der Produktion und des Konsums vorangetrieben wird. Die aktuellen Regierungen versuchen, die umfassende wissenschaftliche Beweislage \u00fcber die Situation der Umwelt zu leugnen und planen, der sozialen Unzufriedenheit durch oberfl\u00e4chliche Ma\u00dfnahmen entgegenzuwirken, mit dem einzigen Ziel, den Status Quo aufrechtzuerhalten. Im Angesicht der Schwere und Tragweite der Krise aber ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass diese Versuche Erfolg haben werden.<\/p>\n<h4><strong>Die Unf\u00e4higkeit, neue Antworten zu entwickeln<\/strong><\/h4>\n<p>Im Allgemeinen wurden die Formen der Konditionierung wenig erforscht, welche den Individuen und sozialen Gruppen ein System auferlegt hat, dem sie angeh\u00f6ren. Bis zu dem Punkt, dass man nicht wei\u00df, ob diese Konditionierungen lediglich kultureller Natur sind oder sogar bis zur physiologischen Ebene reichen, in Gestalt einer Blockade bestimmter Bereiche im Gehirn, die stets au\u00dfer Gebrauch bleiben, da sie f\u00fcr vorherrschende Einstellungen und Verhaltenskodexe nicht ben\u00f6tigt werden. Vielleicht kann dies eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Synkretismus sein, der mit dem Verfall und der Dekadenz einhergeht (Vermischung von Antworten in verschiedenen Bereichen, aber jede dieser \u201eAntworten\u201c bleibt im gleichen System, genauso wie es mit den \u201eReformen\u201c versucht wird, die zur Bew\u00e4ltigung der Krise vorgeschlagen werden.<\/p>\n<p>Sind wir im Niedergang?). Dieses Problem spitzt sich zu, wenn es sich um ein so geschlossenes System wie das aktuelle handelt, welches nur einen Weg kennt und jede M\u00f6glichkeit ausschlie\u00dft, sich zu \u00f6ffnen, um Alternativen zu \u00fcbernehmen, die in \u00e4hnlichen Systemen in Gang gesetzt wurden.<\/p>\n<p>W\u00e4re diese Konditionierung wirklich nur kulturell, w\u00e4re es sehr wahrscheinlich, dass der Prozess der Suche nach neuen, soziokulturellen Gestaltungsformen realisierbar w\u00e4re, unter der Voraussetzung, dass eine gewisse innere Freiheit existiert, um die ungenutzten kognitiven Bereiche zu aktivieren und dabei gleichzeitig die vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten zu nutzen, die uns k\u00fcnstliche Intelligenz er\u00f6ffnet, um neue Muster zu erschaffen.<br \/>\nWenn diese Konditionierung aber tiefgehender ist, wird das Problem komplizierter, weil es notwendig w\u00e4re, irgendeine Art Verfahren zu entwickeln, das in der Lage ist, die kollektive Blockade einer Spezies zu l\u00f6sen. Doch die Kenntnisse der menschlichen Psyche sind heutzutage nur schwach ausgepr\u00e4gt, wodurch ein solches Vorhaben nicht wirklich machbar erscheint.<\/p>\n<h4><strong>Die Frage<\/strong><\/h4>\n<p>Was der Neue Humanismus seit seiner Entstehung als politische und soziale Referenz vorschl\u00e4gt, ist die M\u00f6glichkeit, in einer Gesellschaft zu leben, in der Zusammenleben auf Basis von Gegenseitigkeit und Kooperation stattfindet und nicht von Konkurrenz und Individualismus gepr\u00e4gt ist. Eine Gesellschaft, in der die Macht in den H\u00e4nden der Menschen liegt und nicht beim Staat oder Gro\u00dfkapital. Eine f\u00f6derierte und dezentralisierte Gesellschaft, in welcher die Autonomie der menschlichen Gemeinschaften an erster Stelle steht \u2013 keine zentralisierte Kontrolle, die von nachtr\u00e4glich eingef\u00fchrten Verwaltungsstrukturen ausge\u00fcbt wird. Eine Gesellschaft voller Vielfalt, die koordiniert und nicht unterworfen werden muss. Eine Gesellschaft ohne Gewalt und Diskriminierung und keine, in der soziale Segmentierung und Spaltung vorherrscht. Eine Gesellschaft, die Formen geteilten Eigentums erprobt, unter all denjenigen, die zur sozialen Bereicherung beitragen und keine, die den Besitz und die krankhafte Anh\u00e4ufung von G\u00fctern f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Was m\u00fcsste in den K\u00f6pfen der Menschen (in unseren K\u00f6pfen) geschehen, dass wir aufh\u00f6ren, an den gesellschaftlichen Richtlinien festzuhalten, die uns dieses System aufgezwungen und dabei all seine Zwangsmittel verwendet hat? Und dass wir stattdessen beginnen, an Alternativen zu glauben, wie sie der Humanismus (oder andere Bewegungen, die sich anfangen k\u00f6nnten zu formen) vorschl\u00e4gt?<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df der humanistischen Auffassung findet der wahrhaftige Wandel im Kopf statt, weswegen wir auch vom Psychosozialen und nicht nur vom Sozialen sprechen. Der Marxismus zum Beispiel stellte sich den Prozess aus seiner materialistischen Perspektive genau umgekehrt vor. F\u00fcr dessen Anh\u00e4nger galt, dass das menschliche Bewusstsein nicht mehr als ein Spiegelbild ist: Es reichte aus, die sozio\u00f6konomischen Strukturen zu reformieren, um den \u201e\u00dcberbau\u201c (die kulturelle Dimension) zu ver\u00e4ndern. Also war es zwingend notwendig, die Macht zu ergreifen, von wo aus diese revolution\u00e4ren Wandel des sozialen Konstrukts vollzogen werden konnten, weil sich daraus der Rest er\u00fcbrigen w\u00fcrde. So haben sie es umgesetzt und dementsprechend ist es ihnen ergangen.<\/p>\n<p><strong><em>Es gibt zwei Faktoren, die diesen Wandel der \u00dcberzeugungen tiefgreifend beeinflussen k\u00f6nnen:<\/em><\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Die tiefe \u00dcberzeugung vom endg\u00fcltigen Scheitern des gegenw\u00e4rtigen Systems und die <em>Beweglichkeit der Vorstellung<\/em>, die aus dem daraus entstehenden Fehlen an Antworten, wieder aktiviert werden k\u00f6nnte.<\/li>\n<li>Die Wahrnehmung des unmittelbaren Risikos einer globalen Umweltkatastrophe, mit einer Fortsetzung von unumkehrbarer Zerst\u00f6rung, Schmerz und Leiden der gesamten Menschheit f\u00fcr tausende von Jahren oder vielleicht f\u00fcr immer. Wir wissen: Sobald das \u00dcberleben unserer Spezies bedroht ist, steigern sich die Chancen daf\u00fcr, sich radikalem Wandel zu \u00f6ffnen.<\/li>\n<\/ol>\n<h4><strong>Auf der Suche nach Zeichen f\u00fcr den Wandel<br \/>\n<\/strong><\/h4>\n<p>Es besteht kein Zweifel, dass die M\u00f6glichkeiten einer systemischen Transformation \u00fcber nie da gewesene Handlungsformen in den neuen Generationen gesucht werden m\u00fcssen, weil uns bewusst sind, dass <em>die bereits vom System installierten Landschaften<\/em> in den K\u00f6pfen \u00e4lterer Generationen eher konservative und jeglichem Wandel widerstrebende Szenarien sind. Was m\u00fcsste jedoch gefunden werden? Zun\u00e4chst w\u00e4re es notwendig, festzustellen, ob die zwei genannten Wahrnehmungen, des Systemversagens und der drohenden Gefahr, bereits im psychosozialen Bereich vorliegen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass <em>die handlungstreibenden Bilder<\/em> noch nicht genug ausgestaltet sind, angesichts der Schwierigkeiten vorherrschender Blockaden, auf die wir bereits zu sprechen kamen. Was die Bev\u00f6lkerung heutzutage mobilisiert, ist das Erlebnis von Frustration und deswegen dr\u00fcckt sie sich in Form kathartischer Entladung ohne Richtung aus.<\/p>\n<p>Es wird die Aufgabe neuer Anf\u00fchrerinnen und Anf\u00fchrer sein, den neuen Generationen zu helfen, ihre Konditionierung zu durchbrechen und damit voranzuschreiten, jene Landschaften, denen die Zukunft innewohnt, zu errichten, unter der Voraussetzung, dass diese F\u00fchrung den sichtbaren Ausdruck einer neuen Sensibilit\u00e4t repr\u00e4sentiert, die derzeit entsteht, und nicht von alten Eliten errichtet wird, wie es bis heute in der Politik der Fall ist. Wenn dieser Qualit\u00e4tssprung stattfindet, wird alles anders sein: Von Handlungsformen, \u00fcber Beziehungsmuster bis zu Produktionsweisen. Dann wird die Zukunft angekommen sein, sogar bevor sie tats\u00e4chlich aufgebaut wird.<\/p>\n<p><strong><em>Von Francisco Ruiz-Tagle und Jos\u00e9 Gabriel Feres \u2013 Humanistisches Observatorium f\u00fcr Psychosoziale Wirklichkeit. Die <\/em><em>\u00dcbersetzung aus dem Spanischen von Chiara Pohl vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\">Wir suchen Freiwillige!\u00a0<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich einem Hurrikan fegt die Krise \u00fcber den Planeten. Tag f\u00fcr Tag reiht sich ein neues Land in diese soziale Welle ein und die Stra\u00dfen der St\u00e4dte verwandeln sich in wahre menschliche Fl\u00fcsse. 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