{"id":1214902,"date":"2020-10-11T11:23:08","date_gmt":"2020-10-11T10:23:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1214902"},"modified":"2020-10-11T11:26:09","modified_gmt":"2020-10-11T10:26:09","slug":"irans-metoo-bewegung-stellt-das-patriarchat-und-westliche-stereotypen-in-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/10\/irans-metoo-bewegung-stellt-das-patriarchat-und-westliche-stereotypen-in-frage\/","title":{"rendered":"Irans #MeToo Bewegung stellt das Patriarchat und westliche Stereotypen in Frage"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es wurde eine iranische #MeToo Bewegung genannt, und das ist sie auch. Tausende von Frauen im Iran \u2013 und einige M\u00e4nner \u2013 gehen online, um \u00fcber die sexuellen \u00dcbergriffe und Bel\u00e4stigungen zu sprechen, die sie erlebt haben. An einem historischen Wendepunkt im Kampf der iranischen Frauen f\u00fcr ihre Rechte ist es von entscheidender Bedeutung, die Bewegung klar in ihren lokalen und globalen Kontext zu stellen, anstatt sie im Hinblick auf die bekannten Bin\u00e4ren von Ost und West zu verorten, wie es ein Gro\u00dfteil der Berichterstattung in den kommenden Wochen und Monaten tun wird.<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist ein Artikel, welcher seit Jahren im Entstehen begriffen ist, obwohl ich nie gedachte h\u00e4tte, dass es eine revolution\u00e4re Online-Verpflichtung geben w\u00fcrde, Namen zu nennen und sich gegen #Vergewaltigung (#Tajavaz), #sexuelle Bel\u00e4stigung (#Azar-e Jensi) und #Straft\u00e4ter (#Motajaves) auszusprechen. Die mutigen Frauen, die sich \u2013 im Gegensatz zu mir \u2013 gegen ihre Sch\u00e4nder ausgesprochen haben, h\u00e4tten wahrscheinlich genauso wenig damit gerechnet. Es ist jetzt schon \u00fcber zwei Wochen her: immer noch str\u00f6men Hashtags durch das Internet, die weitere Namen nennen, und es scheint nicht so, als w\u00fcrden sie bald aufh\u00f6ren. \u201eLasst und einen \u201aHashtag Sturm\u2018 aufbauen\u201c, hie\u00df es in einem Tweet.<\/p>\n<p>Als Medienanthropologin und Akademikerin der Geschlechterforschung habe ich diesen Ausbruch von Wut und Schmerz von Anfang an verfolgt, aber ich merkte, wie schwierig es f\u00fcr mich war, damit anzufangen, dar\u00fcber zu schreiben, da es zum Teil meine Geschichte ist \u2013 die Geschichte meiner acht Jahre als Journalistin im Iran. Es hat mich nicht \u00fcberrascht, viele Namen von M\u00e4nnern zu sehen, die ich nie wagte, f\u00fcr ihre Handlungen anzuprangern, von denen ich viele als Kollegen und Freunde betrachtete, die \u201ewohlwollende\u201c sexuelle Anspielungen und\/oder Ann\u00e4herungsversuche machen w\u00fcrden, die einem sagen w\u00fcrden, man solle \u201elockerer\u201c werden, nicht \u201eprovinziell\u201c oder \u201ealtmodisch\u201c sein \u2013 unter Verwendung eines Diskurses, der die befreite gro\u00dfst\u00e4dtische Moderne \u2013 nicht (wohlgemerkt) Religion oder Tradition \u2013 mit weiblicher sexueller Unterordnung assoziiert. Man erwartete von mir wiederum, dass ich \u201eaufgekl\u00e4rt\u201c und \u201emodern\u201c genug sei, all dies als m\u00e4nnlichen Scherz zu betrachten, um ihre Gef\u00fchle zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Es hat eine dramatische Ver\u00e4nderung dessen gegeben, wor\u00fcber man jetzt sprechen kann und in welchen Kontext es gesetzt wird. 2018, nach den Enth\u00fcllungen von Harvey Weinstein, ver\u00f6ffentlichte Sharq (The East), eine ber\u00fchmte Mitte-links Zeitung im Iran, einen Artikel von Mahzad Elyassi. Dies war der erste Artikel, der nicht nur #MeToo wiederspiegelte, sondern auch eine lokale Verbindung herstellte und Elyassis eigene Erfahrung teilte, wie sie als 21-J\u00e4hrige Anfang der 2000er Jahre sexuelle Avancen eines ber\u00fchmten iranischen Filmregisseurs abwehren musste, der in dem Artikel nicht genannt wurde.<\/p>\n<p>In unseren Gespr\u00e4chen der letzten Tage, als ich sie nach den Reaktionen auf ihr St\u00fcck damals fragte, sagte sie mir, die Resonanz sei im Grunde gleich null; eine Frau teilte ihre eigene Geschichte mit, wollte sich aber nicht \u00e4u\u00dfern. In einen Nachfolgeartikel einige Zeit sp\u00e4ter kam Elyassi zu dem Schluss, dass &#8222;wir (Iraner) vielleicht noch nicht bereit daf\u00fcr sind\u201c, dass #MeToo, zumindest zu dem Zeitpunkt, nur f\u00fcr privilegierte Wei\u00dfe war. Wie sie darauf hinweist, scheint die gegenw\u00e4rtige Bewegung im Iran tats\u00e4chlich Frauen sowohl aus kleineren als auch aus gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten einzubeziehen und umfasst eine Reihe von politischen wie auch wirtschaftlichen Hintergr\u00fcnden. In diesem Sinne ist sie st\u00e4rker intersektional als die urspr\u00fcngliche Bewegung von 2018.<\/p>\n<p>Der erste Hashtag-Sturm wurde Anfang August schnell um zwei F\u00e4lle herum aufgebaut, der zweite betraf einen international bekannten K\u00fcnstler, einen jener \u201enationalen Sch\u00e4tze\u201c, die im Iran meistens M\u00e4nner sind. Diese F\u00e4lle l\u00f6sten Empathie, aber auch Wut \u00fcber Frauen aus, die \u201emehr Follower\u201c wollen, die \u201eAufmerksamkeit suchen\u201c und \u201ealles tun, was n\u00f6tig ist\u201c \u2013 was in diesem Fall vors\u00e4tzlich \u201eL\u00fcgen\u201c und das Erfinden von Geschichten bedeutete.<\/p>\n<p>Diese Beleidigungs- und Missbrauchsmuster sind bekannt. Es handelt sich um \u201etoxische M\u00e4nnlichkeit\u201c, um den bekannten Begriff zu verwenden, als einem integralen Bestandteil der vermittelten globalen Kultur. (Dies setzt nat\u00fcrlich voraus, dass es innerhalb des Geschlechtssystems eine \u201egesunde\u201c M\u00e4nnlichkeit gibt oder gab, im Gegensatz dazu, ein \u201egesundes\u201c menschliches Wesen zu werden). Es spricht f\u00fcr die Idee der \u201epopul\u00e4ren Frauenfeindlichkeit\u201c, wie <a href=\"https:\/\/blogs.lse.ac.uk\/lsereviewofbooks\/2019\/03\/08\/author-interview-qa-with-sarah-banet-weiser-on-empowered-popular-feminism-and-popular-misogyny\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sarah Banet-Weiser sie genannt hat<\/a>, die den \u201epopul\u00e4ren Feminismus\u201c in der globalen \u201e\u00d6konomie der Sichtbarkeit\u201c der Medien begleitet.<\/p>\n<p>Anders als in der USA handelte es sich bei den ersten Enth\u00fcllungen mit dem Hashtag #rape jedoch nicht um eine einflussreiche Ber\u00fchmtheit, sondern um einen Kunsthochschulabsolventen und Buchhandelsassistenten, der sp\u00e4ter von der Polizei verhaftet wurde. Dieser \u201egew\u00f6hnliche Kerl\u201c lud weibliche Kollegen und Freunde zum Essen und Trinken mit hausgemachtem Wein ein und nutze die Gelegenheit, ihnen eine Droge in ihr Getr\u00e4nk zu sch\u00fctten. Die Frauen wachten in seinem Bett auf, ohne sich an viel von der vorangegangen Nacht zu erinnern. Eine Frau berichtete von ihrem Scham, ihrer Angst und der Tatsache, dass sie jahrelang geschwiegen hatte.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Stunden kam es zu einem Ausbruch \u00e4hnlicher Geschichten, wobei Frauen erz\u00e4hlten, wie er sie danach verbal erniedrigte. Als die Polizei schlie\u00dflich beschloss, einzugreifen und die Opfer zu ermutigen, sich zu melden, musste sie ausdr\u00fccklich festhalten, dass sie keine Personen wegen illegalen (unverheirateten) Sex oder Alkoholkonsum festnehmen w\u00fcrden, so dass sich niemand Sorgen machen musste.<\/p>\n<p>Angesichts der Tatsache, dass die Islamische Republik eine politische Institution ist, die die Scharia anwendet und Frauen zwingt, sich \u00f6ffentlich zu verschleiern, l\u00f6ste dieser Ansatz in den sozialen Medien eine heftige Debatte dar\u00fcber aus, wie man mit einem politisch regressiven System in einer Weise umgehen kann, die nicht die vollst\u00e4ndige Ablehnung seiner Forderungen beinhaltet. Eine weitere, viel diskutierte Komplikation war die wahrscheinliche Folge, wenn die Vorw\u00fcrfe gegen den Mann aufrechterhalten w\u00fcrden, da die gesetzliche Strafe f\u00fcr Vergewaltigung die Hinrichtung ist.<\/p>\n<p>Zuerst waren die Antworten auf diesen Fall, sowohl von M\u00e4nnern als auch on Frauen warmherzig einf\u00fchlsam und mitf\u00fchlend gegen\u00fcber den Opfern \u2013 es gab nur sehr wenige \u201esie h\u00e4tten es merken m\u00fcssen\u201c Kommentare oder Aussagen, dass eine Einladung zum Tee- oder Weintrinken nur ein anderer Ausdruck f\u00fcr \u201eNetflix and chill\u201c ist. Innerhalb weniger Tage gab es neue Hashtags, wie z.B. #sexuelleBel\u00e4stigung, bei denen Frauen Geschichten von \u00dcbergriffen und Misshandlungen posten, die eine viel \u201ealtt\u00e4glichere\u201c Qualit\u00e4t hatten. W\u00e4hrend dieser zweiten Welle kam es zu einer Ver\u00e4nderung der emotionalen Atmosph\u00e4re, zu neuen Streitigkeiten in\u00a0 den Online-Kommentaren.<\/p>\n<p>Dieses Mal gab es viele Kommentare, vor allem, aber nicht ausschlie\u00dflich von M\u00e4nnern, die darauf hinwiesen, dass \u201eFrauen es zu weit treiben\u201c \u2013 dass Frauen normale sexuelle Ann\u00e4herungsversuche als Bel\u00e4stigung \u201emissverstehen\u201c, neben Bemerkungen in der Art von: \u201eWenn sie nicht wollte, dass ich sie k\u00fcsse, warum hat sie das nicht deutlich gesagt\u201c. Die Phrase \u201everharmlose es nicht\u201c wurde auf verschiedenen Plattformen \u00fcblich und zog rhetorisch eine Grenze zwischen Vergewaltigung als ernsthafte Angelegenheit und Behauptungen \u00fcber sexuelle Bel\u00e4stigung, die nicht nur als weniger schwerwiegend, sondern auch als Inszenierung eines Anspruchs auf eine \u201eunverdiente\u201c Opferrolle dargestellt wurden.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz verfeinert die Bewegung st\u00e4ndig ihre Strategien und bildet sich als Reaktion darauf weiter. Am 25. August begannen Geschichten \u00fcber einen fr\u00fcheren Chef von mir in Umlauf zu kommen, der ihn beschuldigte, Frauen unter Druck gesetzt zu haben, damit sie Sex mit ihm hatten. Als Antwort auf diejenigen, die einwandten, dass die Frauen nicht gezwungen wurden, mit ihm zu schlafen, gab es h\u00e4ufig Kommentare \u00fcber den Zwang, der sich aus \u201eungleichen Machtverh\u00e4ltnissen\u201c ergibt. Die Menschen erinnern sich gegenseitig st\u00e4ndig daran, nicht die Schuld als Opfer bei sich zu suchen.<\/p>\n<p>Trotz oder wegen ihrer Unterschiede f\u00fchlen sich Frauen im ganzen Iran \u2013 und in der Diaspora \u2013 solidarisch miteinander, was dadurch erm\u00f6glicht wird, dass man \u00fcber den Schmerz und das Leid des Frauenseins in einem frauenfeindlichen Umfeld spricht. Wenn in den westlichen Medien bei der Berichterstattung \u00fcber den Irans die Komplexit\u00e4t fehlt, so fehlt auch die Art der Umfassung, die die globalen, transnationalen Gemeinsamkeiten der Erfahrungen von Frauen mit Unterdr\u00fcckung und deren Widerstand hervorhebt.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle diese Ereignisse nicht nur, weil <a href=\"https:\/\/www.dukeupress.edu\/why-stories-matter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Geschichten wichtig sind<\/a>, sondern weil es darauf ankommt, wer die Geschichten erz\u00e4hlt. Iranische Frauen sind aktive Wissensproduzentinnen; sie suchen nicht nach einer Sprecherin, die ihre Erfahrungen vertritt oder erz\u00e4hlt. Wir lassen uns auch nicht auf exotische Spektakel reduzieren, die f\u00fcr ein westliches Publikum au\u00dfergew\u00f6hnlich verletzlich anmuten.<\/p>\n<p>Sowohl unsere Verwundbarkeit als auch unsere Formen des Handelns als Frauen sind alles andere als einzigartig. Als solche ist diese Bewegung Teil eines globalen Ausbruchs von Wut gegen m\u00e4nnliche Privilegien. Wir k\u00f6nnen ihn als popul\u00e4ren Feminismus bezeichnen, als Feminismus der sozialen Medien&#8230; aber dieser Feminismus, in dessen Mittelpunkt die individuelle Stimme und die Selbstbef\u00e4higung stehen, hat &#8211; fl\u00fcsternd gesagt &#8211; eine gewisse Universalit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u201eHashtags sind doch emanzipierend; niemand kann nach dem iranischen #Metoo etwas anderes sagen\u201c, wie jemand getwittert hat. Die M\u00f6glichkeiten der sozialen Medien erlauben und erm\u00f6glichen zwar viel Privatsph\u00e4re &#8211; die &#8222;\u00d6konomie der Sichtbarkeit&#8220; hat zum Teil mit Selbstkommodifizierung zu tun -, aber sie birgt auch das Potenzial f\u00fcr marginalisierte Stimmen, eine alternative \u00d6ffentlichkeit zu schaffen &#8211; eine <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/1344169?seq=4#metadata_info_tab_contents\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">intime \u00d6ffentlichkeit<\/a>, die auf gemeinsamen Gef\u00fchlen basiert und das Pers\u00f6nliche mit dem Politischen und das Nationale mit dem Transnationalen verbindet, um den frauenfeindlichen Erz\u00e4hlungen entgegenzutreten, die versuchen w\u00fcrden, diese Stimmen durch Methoden zum Schamgef\u00fchl oder die Drohung, besch\u00e4mt zu werden, zu ersticken.<\/p>\n<p>Sicher, wie Feministinnen in vielen L\u00e4ndern seit langem argumentieren, w\u00e4re es besser, wenn Frauenrechtlerinnen sich physisch treffen, Strukturen, Forderungen und eine Marschroute vereinbaren, Sprecherinnen und Sprecher w\u00e4hlen k\u00f6nnten, und zwar in einer offenen und demokratischen Art und Weise. Die M\u00f6glichkeit der sozialen Medien, schneller und mit mehreren Leuten zu kommunizieren, sollte uns dazu veranlassen, die Kritik an &#8222;spontanen&#8220; Bewegungen zu \u00fcberdenken, die nicht nur von feministischen Aktivistinnen im Iran, sondern von der globalen Linken im Allgemeinen untersch\u00e4tzt wurde.<\/p>\n<p>Anstelle des Bildes der Islamischen Republik Iran als allumfassende autorit\u00e4re Einheit, wie es <a href=\"https:\/\/en.radiofarda.com\/a\/iran-s-own-brand-of-me-too-movement-gains-momentum-following-allegations-of-sexual-violence-against-celebrities-\/30800078.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">im Westen<\/a> so oft gerahmt wird, sehen wir ein viel komplexeres Bild des Kampfes gegen sexuelle \u00dcbergriffe und Bel\u00e4stigung. In einem <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/gdpr-consent\/?next_url=https%3a%2f%2fwww.washingtonpost.com%2fopinions%2f2020%2f08%2f26%2firanian-women-are-staging-an-offensive-against-sexual-abuse-its-long-overdue%2f\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel der Washington Post<\/a> wurden die Proteste von Frauen als gegen &#8222;das Regime selbst&#8220; gerichtet dargestellt. Ja, die Bewegung hat sich innerhalb der Islamischen Republik herausgebildet, aber ihre Orientierungspunkte sind, wie ich argumentiert habe, zu einem gro\u00dfen Teil global und universell: Die Hauptreferentin der Frauen, die sich zu Wort meldet, ist weder der Staat noch das Regime; es sind die sehr frauenfeindlichen und patriarchalischen Strukturen sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Gesellschaft, in die das Leben dieser Frauen eingebettet ist. Und ja, zu den Angeklagten geh\u00f6ren Kleriker und Angestellte des staatlichen Rundfunks, aber viele von denen, die in der Schusslinie stehen, haben nichts direkt mit dem &#8222;Regime&#8220; zu tun.<\/p>\n<p>In Wahrheit l\u00e4sst dieser Moment der iranischen Frauen feministische Erz\u00e4hlungen, die Lehren aus dem \u201eliberalen\u201c Westen ziehen wolle, deutlich als Ladenh\u00fcterin erscheinen. In dem Artikel der Washington Post, der von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Masih_Alinejad\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Masih Alinejad<\/a>, dem bekannten iranischen Menschenrechtsk\u00e4mpfer gegen den Zwangs-Hijab, und der Schriftstellerin <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Roya_Hakakian\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Roya Hakakian<\/a> mitverfasst wurde, ist eine zentrale Behauptung, dass die iranische #MeToo die Illusion entlarvt, dass der Hijab Frauen vor missbrauchenden M\u00e4nnern h\u00e4tte sch\u00fctzen k\u00f6nnen &#8211; als ob die Frauen, die ihre Geschichten ver\u00f6ffentlichen, dies nicht schon w\u00fcssten. Ihr Standpunkt ist im Wesentlichen, dass die Islamische Republik &#8211; ausnahmsweise &#8211; auf dem Missbrauch von Frauen beruht &#8211; als ob Staatsmacht und Patriarchat in den westlichen L\u00e4ndern oder sogar anderswo nicht miteinander verflochten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Rechtstaatlichkeit gelte im Westen, aber nicht im Iran. Dies ist eine irref\u00fchrende Vereinfachung: Sie leugnet oder reduziert die Komplexit\u00e4t der Bewegung und ihre Urspr\u00fcnge im Iran \u2013 und sie weist gleichzeitig die geschlechtsspezifische und rassistische Problematik der Justizsysteme im Westen zur\u00fcck. Ich bin misstrauisch gegen\u00fcber dieser Besitznahme der iranischen Frauenbewegung f\u00fcr eine politische Agenda, die uns so darstellt, als ob wir immer versuchen w\u00fcrden, aufzuholen und vom Westen zu lernen.<\/p>\n<p>Angesichts der Tatsache, dass #MeToo als Hashtag, eine Bewegung und ein emp\u00f6render Eindruck im Oktober 2017 in den USA entstand, als Tausende von Frauen sich gegen ihre Missbraucher aussprachen, und dass dies nach dem <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/lifeandstyle\/live\/2017\/jan\/21\/womens-march-on-washington-and-other-anti-trump-protests-around-the-world-live-coverage\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Protestmarsch f\u00fcr Frauen- und Menschenrechte in Washington<\/a> im Januar 2017 folgte, der durch Trumps Bemerkungen \u00fcber das &#8218;Pussy-Grabbing&#8216; provoziert wurde, ist allein schon die Verwendung des Begriffs &#8218;Me Too&#8216; durch iranische Frauen eine Zurechtweisung f\u00fcr diejenigen, die den Westen als das Reich der Freiheit und den Osten als den Ort der Frauenunterdr\u00fcckung identifizieren w\u00fcrden. Es ist dieselbe Regierung, die die Rechte der Frauen &#8222;zur Waffe umwandelt&#8220; (wie <a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/news\/news-desk\/how-the-trump-administration-is-exploiting-irans-burgeoning-feminist-movement\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Niki Akhavan es 2018 formulierte<\/a>), um den Iran aus ihren eigenen geopolitischen Gr\u00fcnden als einen einzigartig repressiven Staat darzustellen.<\/p>\n<p>Was hat dies f\u00fcr die Frauenbewegung gegen den sexuellen Missbrauch weltweit zu bedeuten? Zun\u00e4chst einmal muss jede transnationale feministische Solidarit\u00e4tsbewegung, die ihr Salz wert ist, anerkennen, dass die &#8222;Barbarei&#8220; zu Hause beginnt, wo auch immer das ist &#8211; und &#8222;zu Hause&#8220; kann sowohl im pers\u00f6nlichen als auch im nationalen Sinne verstanden werden. Dabei m\u00fcssen zwei Dinge hinter sich gelassen werden: Erstens der &#8222;wei\u00dfe Retter&#8220;-Komplex &#8211; die Vorstellung, &#8222;braune Frauen vor braunen M\u00e4nnern zu retten&#8220;; zweitens ein vorget\u00e4uschter &#8222;antiimperialistischer&#8220; Nativismus, der seine unterdr\u00fcckerische Agenda als &#8222;Authentizit\u00e4t&#8220; &#8222;unserer&#8220; Traditionen ausgibt.<\/p>\n<p>Wir brauchen eine globale Solidarit\u00e4tsbewegung, die effektiv zwischen &#8222;Heimat und Welt&#8220; vermittelt (um <a href=\"https:\/\/core.ac.uk\/download\/pdf\/9831601.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rahul Rao<\/a> in Anlehnung an <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Rabindranath_Tagore\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rabindranath Tagore<\/a> zu zitieren), die den nationalen Partikularismus verachtet, aber nicht den Fehler macht, all ihr Vertrauen in eine liberale internationale Ordnung zu setzen, die seit jeher eine Dimension kolonialer Gewalt beinhaltet. Wie <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/1369801X.2019.1581643\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Frantz Fanon<\/a> erkannte, baut die internationale Solidarit\u00e4t auf einem Dialog mit und zwischen den Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene auf. [IDN-TiefenNews &#8211; 15. September 2020]<\/p>\n<p><em><strong>Von Sara Tafakori, der Artikel wurde auf <a href=\"https:\/\/www.opendemocracy.net\/en\/north-africa-west-asia\/irans-metoo-movement-challenges-patriarchy-and-western-stereotypes\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">openDemocracy<\/a> erstver\u00f6ffentlicht. Die \u00dcbersetzung aus dem Englischen wurde von Maria Kaschner vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam erstellt. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wir suchen Freiwillige!<\/a><br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Sara Tafakori hat vor kurzem ihre Doktorarbeit an der Universit\u00e4t von Manchester, Gro\u00dfbritannien, abgeschlossen, wo sie auch \u00fcber die Politik von Geschlecht und Sexualit\u00e4t im Nahen Osten lehrte. Sie wuchs im Iran auf und lebte dort, wo sie als Journalistin und Reporterin f\u00fcr nationale Zeitungen und Zeitschriften arbeitete.<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wurde eine iranische #MeToo Bewegung genannt, und das ist sie auch. Tausende von Frauen im Iran \u2013 und einige M\u00e4nner \u2013 gehen online, um \u00fcber die sexuellen \u00dcbergriffe und Bel\u00e4stigungen zu sprechen, die sie erlebt haben. 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