{"id":1214876,"date":"2020-10-11T16:12:48","date_gmt":"2020-10-11T15:12:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1214876"},"modified":"2020-10-11T16:12:48","modified_gmt":"2020-10-11T15:12:48","slug":"big-pharma-profite-zu-jedem-preis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/10\/big-pharma-profite-zu-jedem-preis\/","title":{"rendered":"Big Pharma \u2013 Profite zu jedem Preis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Staat finanziert die Forschung, Pharmafirmen streichen die Gewinne ein und halten billige Medikamente bewusst zur\u00fcck.<\/strong><\/p>\n<p><em>Monique Ryser f\u00fcr die Online-Zeitung <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Politik\/Big-Pharma--Profite-zu-jedem-Preis\">INFOsperber<\/a><\/em><\/p>\n<div class=\"content\">\n<p class=\"paragraph\">Der deutsch-franz\u00f6sische TV-Sender arte hat mit dem Dokumentarfilm \u00abBig Pharma \u2013 die Allmacht der Konzerne\u00bb die grossen Medikamentenproduzenten unter die Lupe genommen (auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WwHr4mYkhF4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">YouTube<\/a> abrufbar, in der Schweiz sind die Sendungen des deutsch-franz\u00f6sischen Senders online gesperrt).<\/p>\n<p class=\"paragraph\">Eines der Beispiele betrifft direkt die Schweiz: Es geht um die Altersblindheit und die Medikamente Avastin und Lucentis. Avastin ist eigentlich ein Krebsmedikament, bei dem aber festgestellt wurde, dass es sehr gut gegen Altersblindheit (Altersbedingte Makula-Degeneration AMD) wirkt (in der Schweiz war das bereits 2011 ein Thema, <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Gesundheit\/SP-Maillard-fordert-Pharmakonzern-Roche-heraus1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">wie Infosperber berichtete<\/a>). Nur: Das von Roche hergestellte Avastin wurde bei den Beh\u00f6rden nie als Mittel gegen AMD angemeldet, weil der Konzern das Medikament Lucentis mit dem gleichen Wirkstoff auf dem Markt hat. Und dieses ist sagenhafte 13-mal teurer als Avastin. Wie <a href=\"https:\/\/www.aargauerzeitung.ch\/wirtschaft\/teures-augenmedikament-die-krankenkasse-helsana-geht-auf-konfrontation-mit-dem-bund-139386182\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">CH Media<\/a> berichtete, l\u00e4sst sich das die Krankenversicherung Helsana nicht mehr bieten: Helsana-Chef Daniel Schmutz gab bekannt, dass Avastin verg\u00fctet werde, auch wenn es gegen das Gesetz verstosse. \u00abWir sparen f\u00fcr unsere Kunden j\u00e4hrlich rund eine Million Franken\u00bb, wird er zitiert. Auf die ganze Schweiz berechnet g\u00e4be es ein Sparpotential von j\u00e4hrlich 80 Millionen Franken, wenn auf das teurere Lucentis verzichtet w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"section3\"><strong>Konkurrenten spannen zusammen und helfen sich gegenseitig<\/strong><\/p>\n<p class=\"paragraph\">Avastin und Lucentis sind noch in einem anderen Zusammenhang ein gutes Beispiel f\u00fcr die Macht der Konzerne: Beide Medikamente werden von Roche produziert. In den USA vertreibt Roche auch beide Produkte selber. Ausserhalb der USA ist aber der grosse Schweizer Konkurrent Novartis \u2013 der selber zu 33 Prozent an Roche beteiligt ist \u2013 f\u00fcr den Vertrieb von Lucentis zust\u00e4ndig. Zwei Konzerne, die eigentlich im Wettbewerb stehen sollten, arbeiten hier zusammen und sichern sich gegenseitig die Marktmacht. Allerdings beginnen sich nicht nur Versicherer, wie in der Schweiz, sondern auch staatliche Wettbewerbsbeh\u00f6rden zu wehren: In Frankreich wurden die beiden Schweizer Firmen mit <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/wirtschaft\/busse-in-frankreich-novartis-und-roche-muessen-444-millionen-euro-\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">444 Millionen Franken<\/a> geb\u00fcsst. In Italien ist eine \u00e4hnliche Klage h\u00e4ngig. Novartis und Roche haben in beiden L\u00e4ndern Berufung eingereicht.<\/p>\n<p class=\"section4\"><strong>\u00d6ffentliche Forschungsgelder, private Profite<\/strong><\/p>\n<p class=\"paragraph\"><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Marcia_Angell\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Marcia Angell<\/a>, ehemalige Chefredaktorin des New England Journal of Medicine und heute Professorin an der Harvard Medical School, gibt sich im arte-Film desillusioniert: \u00abBei den Arzneimittelpreisen geht es l\u00e4ngst nicht mehr darum, die Entwicklungskosten zu decken, sondern nur noch darum, so viel Gewinn wie m\u00f6glich zu machen.\u00bb Als Beispiel wird das Medikament Kymriah genannt (<a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Gesundheit\/Pharma-Powerplay-Rises-Healthcare-Costs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Infosperber berichtete<\/a>). Die Gentherapie gegen Leuk\u00e4mie kostet 320\u2019000 Euro. Besonders st\u00f6rend, so Angell: Die Therapie wurde an der University of Pennsylvania mit \u00f6ffentlichen Geldern erforscht. Novartis ist am Patent beteiligt und vertreibt die Therapie, die auch in der Schweiz und in Deutschland zugelassen ist. Der H\u00e4matologe <a href=\"https:\/\/www.aphp.fr\/offre-de-soin\/medecin\/567993\/066\/49\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Jean-Paul Vernant<\/a> r\u00e4umt ein, dass die Gentherapie komplexe Verfahren erfordere und sehr aufw\u00e4ndig sei. \u00abDas rechtfertigt aber nicht diesen \u00fcberh\u00f6hten Preis. Wenn wir diese Therapie in \u00f6ffentlichen Spit\u00e4lern nachbauen w\u00fcrden, entst\u00fcnden Kosten von h\u00f6chstens 40\u2019000 Euro\u00bb, so der im Pariser Spital Piti\u00e9 Salp\u00eatri\u00e8re praktizierende Arzt.<\/p>\n<p class=\"paragraph\">\u00abFast alle Innovationen kommen heutzutage aus \u00f6ffentlicher Forschung\u00bb, so Marcia Angell. Daraus entst\u00fcnden oft Spin-offs, die dann von grossen Pharmafirmen \u00fcbernommen w\u00fcrden. \u00abDie Pharmafirmen lokalisieren sich auch \u00f6rtlich rund um die Universit\u00e4ten, damit sie nur die Strasse \u00fcberqueren k\u00f6nnen, um ein Patent zu kaufen oder gleich die ganze Firma zu \u00fcbernehmen\u00bb, beschreibt es Marcia Angell.<\/p>\n<p class=\"section6\"><strong>\u00abWie kann ich ein Maximum verdienen\u00bb<\/strong><\/p>\n<p class=\"paragraph\">Ein weiteres Problem: Die Staaten, in denen die grossen Pharmafirmen domiziliert sind, h\u00e4tten oft kein Interesse, strengere Regeln durchzusetzen. Das sagt im Film die ehemalige Gesundheitsministerin von Frankreich, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marisol_Touraine\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Marisol Touraine<\/a>, heute Pr\u00e4sidentin der Hilfsorganisation <a href=\"https:\/\/unitaid.org\/#en\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Unitaid<\/a>. \u00abDie Pharmafirmen fragen sich nur noch: Wie kann ich ein Maximum verdienen.\u00bb So sei das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi der Firma Gilead in den USA zu einem Einf\u00fchrungspreis von rund 80\u2019000 Euro auf den Markt gekommen. In Europa, wo im Gegensatz zu den USA die Preise immerhin reguliert w\u00fcrden, koste es 42\u2019000 Euro. Doch auch dieser Preis ist unbezahlbar f\u00fcr Menschen in \u00e4rmeren L\u00e4ndern und ohne soziale Gesundheitssysteme. Marisol Touraine hat es mit Verhandlungen geschafft, ein Generikum herstellen zu lassen. Nun gibt es f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder MyHep DVIR zum Preis von 80 US-Dollar. \u00abAber eben, nur in Entwicklungsl\u00e4ndern\u00bb, so Touraine. Das zeigt aber auch, zu welchem Preis man das Medikament auch noch herstellen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"section7\"><strong>Tricksereien mit Pandemie<\/strong><\/p>\n<p class=\"paragraph\">Ebenfalls von der Firma Gilead stammt das Medikament Remdesivir, das zurzeit gegen Covid-19 angewandt wird, j\u00fcngst auch an Pr\u00e4sident Trump. Wie unverfroren Gilead vorgeht, zeigt der zeitliche Verlauf der Markteinf\u00fchrung. Als erste Meldungen \u00fcber eine eventuelle Wirkung eingingen, liess Gilead Remdesivir in 70 L\u00e4ndern sch\u00fctzen, rapportieren die Journalisten der arte-Dokumentation. Da das Mittel aber als Ebola-Medikament entwickelt worden war und nur daf\u00fcr eine Bewilligung vorlag, liess die Pharmafirma das Medikament als sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Orphan-Arzneimittel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00abOrphan Drug\u00bb<\/a> in den USA registrieren. \u00abOrphan Drugs\u00bb sind Medikamente gegen seltene Krankheiten. Die Regulierungsbeh\u00f6rden gehen davon aus, dass damit wegen der Seltenheit der Krankheit nicht viel verdient werden kann und gew\u00e4hren daf\u00fcr neben einem auf 20 Jahre verl\u00e4ngerten Patentrecht noch eine siebenj\u00e4hrige Monopolstellung und Steuervorteile. Damit ein Medikament als \u00abOrphan Drug\u00bb\u00a0akzeptiert wird, muss die Zahl der Erkrankten in den USA unter 200\u2019000 liegen. Gilead nutzte dies ganz zu Beginn der Pandemie und bekam den Status zuerkannt. Es brauchte dann die Proteste und den Druck der NGO <a href=\"https:\/\/www.citizen.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Public Citizen<\/a>, damit die US-Regulierungsbeh\u00f6rde Gilead den \u00abOrphan Drug\u00bb-Status wieder entzog. \u00abEs ist skandal\u00f6s, dass Gilead das \u00fcberhaupt versucht hat\u00bb, emp\u00f6rten sich die Verantwortlichen von Public Citizen. Und sie gehen noch weiter: Nun bauen sie Druck auf, dass Gilead &#8211; im Falle der Wirksamkeit von Remdesivir &#8211; das Mittel f\u00fcr alle zug\u00e4nglich und mit Lizenzen in grossem Mass verf\u00fcgbar macht. Bei einer Pandemie und so viel \u00d6ffentlichkeit wie jetzt hat Public Citizen vielleicht auch Erfolg.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Staat finanziert die Forschung, Pharmafirmen streichen die Gewinne ein und halten billige Medikamente bewusst zur\u00fcck. 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