{"id":1208403,"date":"2020-10-03T12:47:45","date_gmt":"2020-10-03T11:47:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1208403"},"modified":"2020-10-03T12:48:40","modified_gmt":"2020-10-03T11:48:40","slug":"marie-doutrepont-ueber-unsere-haltung-zum-lager-moria-und-zur-aufnahmepolitik-der-eu-werden-unsere-kinder-von-uns-rechenschaft-verlangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/10\/marie-doutrepont-ueber-unsere-haltung-zum-lager-moria-und-zur-aufnahmepolitik-der-eu-werden-unsere-kinder-von-uns-rechenschaft-verlangen\/","title":{"rendered":"Marie Doutrepont: \u201e\u00dcber unsere Haltung zum Lager Moria und zur Aufnahmepolitik der EU werden unsere Kinder von uns Rechenschaft verlangen.\u201c"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong><em>Marie Doutrepont \u00fcber Moria: \u201ejedes St\u00fcckchen Menschlichkeit verschwand wie ein Wassertropfen auf einem hei\u00dfen Stein.\u201c<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Marie Doutrepont ist eine belgische Anw\u00e4ltin und Autorin des Buches \u201eMoria: Chroniques des limbes de l\u2019 Europe\u201c (Moria: Chroniken aus der Vorh\u00f6lle Europas), erschienen 2018 bei 180\u00b0 \u00e9ditions. Nachdem wir ihr Buch gelesen hatten, haben wir uns zu einem Gespr\u00e4ch mit ihr entschlossen. Wir wollten sie besser kennenlernen und die Arbeit all derer wertsch\u00e4tzen, die sich um Gefl\u00fcchtete k\u00fcmmern. Wir hoffen auch, dass diejenigen, die sich gerade von der Problematik nicht betroffen f\u00fchlen, dazu angeregt werden, die in diesem Buch ver\u00f6ffentlichten Briefe zu lesen, die w\u00e4hrend Maries Aufenthalt im Lager Moria wie ein Rettungsring wirken.<\/p>\n<p>Das Interview fand einen Tag vor der Ank\u00fcndigung des neuen EU-Migrationspaktes 2020 (PACT) und im Eindruck des Brandes statt, der sich in der \u201eSchande Europas\u201c ereignet hatte \u2013 dem Registrierungs- und Aufnahmezentrum \/ Lager Moria. Marie Doutrepont spricht aufrichtig und engagiert \u00fcber ihre Erfahrungen in Moria, wo sie ehrenamtlich etlichen Asylsuchenden rechtlichen Beistand geleistet hat, die gefangen sind zwischen den restriktiven europ\u00e4ischen Gesetzen und der Unm\u00f6glichkeit, in ihr Land zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Gerade vor einigen Tagen hat die griechische Regierung das vom Brand zerst\u00f6rte Lager Moria durch ein neues Lager in Kara Tepe, in der N\u00e4he von Moria auf Lesbos ersetzt. Dieses Interview bringt den dringenden Bedarf aller nach Ver\u00e4nderungen nicht nur in der Struktur des Lagers zum Ausdruck, also warmes Wasser, mehr sanit\u00e4re Anlagen, ad\u00e4quate Lebensmittelversorgung und Wohnraum. Es geht dar\u00fcber hinaus auch um die Leistungen, die f\u00fcr die EU gem\u00e4\u00df ihrer Satzung f\u00fcr Personen verpflichtend sind, die sich ihren Au\u00dfengrenzen mit der Bitte um internationalen Schutz n\u00e4hern. Das Recht auf Asyl ist unabdingbar und die Art und Weise, wie dieses Recht durch die Vereinbarung zwischen der EU und der T\u00fcrkei und die aktuelle Asylpolitik der EU verletzt wird, ist eine Schande und befleckt unsere westliche menschliche Kultur. Wie wir schon mehrfach wiederholt haben, sind L\u00f6sungen vorhanden und k\u00f6nnen auch an diesen entlegenen Orten gefunden werden, l\u00e4sst man sich nur von der Menschlichkeit leiten.<\/p>\n<p><strong><em>\u00dcbersetzung des Videotranskripts weiter unten<\/em><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Interview de Marie Doutrepont \u00e0 propos du camp de Moria\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/whNR4OX9JOM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><strong><em>Weshalb waren sie im Lager Moria?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich war von Beginn an im Ausl\u00e4nderrecht t\u00e4tig. Mein Spezialgebiet ist das Asylrecht. Seit zehn Jahren begegne ich Menschen, die mir die Gr\u00fcnde ihrer Flucht aus ihren Heimatl\u00e4ndern erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Ein Teil der Geschichte blieb ein schwarzes Loch. Es ist der Teil, den man als Anwalt relativ wenig hinterfragt, da man mehr an der Verfolgung im Heimatland interessiert ist. Es ist der Teil der Geschichte, die sich mit der Fluchtroute befasst. Genauer gesagt interessierte mich hierbei, wie die Asylsuchenden in Europa behandelt werden und zwar an dessen Grenzen, in den Gebieten, die rechtlos sind \u2013 das Niemandsland, die man die \u201eHot Spots\u201c nennt, die an den Grenzen von Europa errichtet worden sind.<\/p>\n<p>Und dann entdeckte ich eine kleine Anzeige einer Organisation, die freiwillige Anw\u00e4ltinnen und Anw\u00e4lte suchte, um in diesen Hot Spots eine Rechtshilfe anzubieten. Ich habe mich sofort beworben und meine Bewerbung wurde angenommen. So bin ich nach Moria gekommen.<\/p>\n<p><strong><em>Stellt der Vernehmungsprozess der Asylbewerber eine Verletzung der Menschenrechte dar?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das Asylverfahren in Moria an sich ver\u00e4ndert sich sehr stark. Die Abl\u00e4ufe sind sehr unklar, instabil und die Regeln \u00e4ndern sich st\u00e4ndig. Damit und weil sich alles \u00e4ndert, ist es sehr schwierig, den Asylsuchenden auch nur eine minimal gesicherte rechtliche Beratung zu geben. Als ich dort angekommen bin \u2013 das ist jetzt schon dreieinhalb Jahre her \u2013 hatten wir zu Beginn jeder Woche ein juristisches Briefing. Wir alle waren Anw\u00e4ltinnen und Anw\u00e4lte f\u00fcr Asylrecht. Das hei\u00dft, wir alle hatten sehr genaue Kenntnisse des europ\u00e4ischen Rechts. In Moria jedoch gab es all diese gesonderten Verfahren, die wir nicht beherrschten und mitunter \u00e4nderten sich die Regeln von einer auf die andere Woche komplett.<\/p>\n<p>Um es klar zu sagen \u2013 dieser juristische Schwebezustand, die Unf\u00e4higkeit, klar sagen zu k\u00f6nnen, wie es weitergehen wird, ist an sich schon eine signifikante Ursache f\u00fcr Gewalt. Und es ist nicht nur die Tatsache, dass ich nicht klar sagen konnte, wie das Verfahren ablaufen wird, sondern es \u00e4ndert sich dar\u00fcber hinaus erheblich. Es hat sich ge\u00e4ndert, als ich dort vor Ort war und auch mehrere Male danach \u2013 das allein schon ist eine grundlegende Verletzung der Menschenrechte derer, die v\u00f6llig aus der Bahn geworfen worden sind, die wirklich eine Perspektive ben\u00f6tigen und die verstehen m\u00fcssen, wohin sie gehen, wo sie sich registrieren k\u00f6nnen. Schon das ist eine Verletzung. Es ist sicher, dass es auf allen Ebenen fundamentale Rechtsverletzungen gibt.<\/p>\n<p>Es gibt bereits zu Beginn ein erstes gro\u00dfes Problem \u2013 die Feststellung von sogenannten \u201eschutzbed\u00fcrftigen\u201c Personen. In Moria gab es ein Verfahren f\u00fcr die Menschen, die auf der Insel, also in Europa ankamen. Man unterteilte sie in \u201eschutzbed\u00fcrftige\u201c und \u201enicht schutzbed\u00fcrftige\u201c Personen. Das ist jedoch eine recht zynische Verfahrensweise f\u00fcr jemanden, der auf einem \u00fcberf\u00fcllten Boot angekommen ist, der geglaubt hat, er m\u00fcsse dort sein Leben lassen, der manchmal mit ansehen musste, wie Menschen an seiner Seite ertrunken sind&#8230; Sie sind also eigentlich alle schutzbed\u00fcrftig! Man muss jedoch unterteilen, wer mehr oder weniger schutzbed\u00fcrftig ist und schon da fingen die Probleme an, denn die Festlegung dieser Schutzbed\u00fcrftigkeit muss in wenigen Minuten getroffen werden, mitunter noch nicht einmal mit Unterst\u00fctzung eines Dolmetschers, daf\u00fcr mit vielen Hindernissen die dazu f\u00fchren, dass diese Personen mitunter ihre Probleme nicht benennen. Denn sie haben Angst, dass wenn sie zum Beispiel sagen, dass sie krank sind, ihr Asylantrag negativ beschieden werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an ein Beispiel: Ein Mann aus dem Kongo, der furchtbar gefoltert worden war und zwar so sehr, dass sein K\u00f6rper mit Blasen \u00fcbers\u00e4ht war. Er zeigte sie einem Arzt, der daf\u00fcr zust\u00e4ndig war, die Unterteilung vorzunehmen. Der Arzt dachte, dass der Mann eine Hautkrankheit habe, verschrieb ihm eine Salbe und klassifizierte ihn als \u201enicht schutzbed\u00fcrftig\u201c.<\/p>\n<p>Ich bin Menschen begegnet, die sich in einer unertr\u00e4glichen Notlage befanden. Hat man jedoch einmal diesen negativen Bescheid bekommen, ist es sehr schwer, das Ganze r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Problematisch sind auch die Verz\u00f6gerungen.<\/p>\n<p>Ich habe eine Freundin, die k\u00fcrzlich nach Moria gegangen ist und die mir sagte, dass die Menschen, die im Dezember 2019 dort angekommen sind, ihre Asylanh\u00f6rung 2021 haben werden.<\/p>\n<p>Moria war also als ein \u00dcbergangslager f\u00fcr Menschen konzipiert, die sich dort lediglich einige Tage, maximal ein bis zwei Wochen aufhalten sollten\u2026 Die Realit\u00e4t ist, dass Moria mittlerweile ein Lager ist, in dem die Menschen lange bleiben. Auch das ist eine Menschenrechtsverletzung \u2013 Menschen dazu zu zwingen, in einem abgeschlossenen Lager auszuharren. Ein Lager, in dem die Menschen auf engstem Raum konzentriert sind, ein Lager mit einer Kapazit\u00e4t von 2500 Pl\u00e4tzen, in dem man aktuell von 20.000 Bewohnern ausgeht.<\/p>\n<p>Der rechtliche Beistand dort ist keinesfalls ausreichend. Als ich dort vor Ort war, waren wir ca. 6 Anw\u00e4ltinnen und Anw\u00e4lte f\u00fcr damals 7000-8000 Menschen. Also nicht was ben\u00f6tigt w\u00fcrde, um die Menschen korrekt vorzubereiten. Und es gibt keine Unterst\u00fctzung. Wenn hier in Belgien jemand eine Asylrechtsklage einreicht, begleite ich diese Person zu ihrer Anh\u00f6rung. Dort jedoch war das fast unm\u00f6glich, denn es gibt keine Autorisierung, die ausl\u00e4ndischen Anw\u00e4lte sind nicht autorisiert, die Personen zu begleiten etc. Egal auf welcher Ebene \u2013 alles ist \u00e4u\u00dferst problematisch. Es funktioniert wirklich nichts, sei es hinsichtlich der Informationen, der Weitergabe von Informationen oder der Klarheit. Selbst die auf Asylrecht spezialisierten Anw\u00e4ltinnen und Anw\u00e4lte verstanden dort oft nichts \u2013 die Rechtsm\u00e4\u00dfigkeit der Regelungen, die sich st\u00e4ndig \u00e4nderten oder die Verz\u00f6gerungen bei der Bearbeitung der Antr\u00e4ge. Und auch grunds\u00e4tzlich war es so, dass der erste Schritt in der Einteilung der Schutzbed\u00fcrftigkeit war und der zweite zu schauen, ob man die Menschen wieder in die T\u00fcrkei zur\u00fcckschicken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Sobald anerkannt war, dass man zu einer Gruppe mit hoher Anerkennungsrate hinsichtlich der Fluchtursachen geh\u00f6rte, wie zum Beispiel Menschen aus Syrien, wurde sogleich damit begonnen zu pr\u00fcfen, ob man die Menschen nicht in die T\u00fcrkei zur\u00fcckschicken k\u00f6nnte. Und sobald die T\u00fcrkei als sichere Alternative erachtet wurde, gen\u00fcgte schon eine minimale Garantie daf\u00fcr, dass die Menschen von dort aus nicht direkt nach Syrien zur\u00fcckgeschickt werden, um die Abschiebung in die T\u00fcrkei zu vollziehen. Fakt ist, dass man noch nicht einmal den Grund f\u00fcr den Asylantrag pr\u00fcfte, das Motiv, weshalb der oder diejenige das Heimatland verlassen musste \u2013 was also eine klare Verletzung der Genfer Konvention darstellt. Eine Konvention im Sinne der Gefl\u00fcchteten, die die Unterzeichnerstaaten zwingt, zumindest zu fragen \u201eWeshalb sind Sie hier? Was ist Ihr Motiv?\u201c Und dort werden in Wirklichkeit Verfahren im europ\u00e4ischen Rahmen angewandt mit der Aussage: \u201ewir werden das Fluchtmotiv, den Grund, weshalb die Menschen Asyl suchen, nicht erfragen\u201c. Und das betrifft gerade die Menschen, die aufgrund ihrer Nationalit\u00e4t mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit schutzbed\u00fcrftig sind.<\/p>\n<p><strong><em>Dient die Vereinbarung zwischen der EU und der T\u00fcrkei einer Beschleunigung des Verfahrens?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass sie dazu dienen sollte, das Verfahren zu beschleunigen. Es war vielmehr daf\u00fcr gedacht \u2013 und ich hasse diese Begriffe \u2013 die Flut, die Welle, den Schwall, die Brandung etc. zu stoppen. Diese Bilder werden st\u00e4ndig benutzt, als ob es sich hierbei um einen Tsunami, eine Naturkatastrophe handeln w\u00fcrde. Als nun diese erhebliche \u201eWelle\u201c von Menschen gab, die 2014 und 2015 ankamen, war es das Ziel, dies zu bremsen und zu sehen, wie man dem ein Ende setzen k\u00f6nnte. Ich glaube nicht, dass es das vorderste Anliegen war, den Asylprozess zu beschleunigen. Ich glaube, das war nie die Absicht. Davon bin ich \u00fcberzeugt und umso mehr, wenn ich Berichte von Leuten lese, die nach mir gekommen sind. Ich habe das Buch von Ziegler, \u201eEuropas Schande\u201c gelesen und es ist interessant zu sehen, dass unsere Analyse die gleiche ist, n\u00e4mlich festzustellen, dass Moria nicht einfach nur Vernachl\u00e4ssigung und schlechte Leitung bedeutet. <strong>Es ist vielmehr eine bewusste Politik mit dem Ziel einer Botschaft an die Menschen, die nach Europa kommen wollen: \u201eSeht was wir mit den Menschen machen, die hierherkommen. Wir behandeln sie schlecht, wir behandeln sie wie Hunde, wir lassen sie in einem Lager verrecken\u201c.<\/strong> Man hofft, dass sich diese Botschaft herumspricht und die Menschen von der Flucht abh\u00e4lt. So hat also die Vereinbarung zwischen der EU und der T\u00fcrkei zu keinem Zeitpunkt zum Ziel gehabt, die Asylverfahren zu beschleunigen. Nein, Ziel war und ist es, den Zuzug zu bremsen und die Menschen im \u201eNiemandsland\u201c verkommen zu lassen, wo sie zwar in Europa sind, das aber de facto keineswegs der Fall ist. Und ja, das funktioniert nicht schlecht.<\/p>\n<p><strong><em>Haben Sie Empfehlungen f\u00fcr die NGOs vor Ort?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine schwierige Frage und ich wei\u00df nicht so recht, wie ich darauf antworten soll. Fakt ist, dass es derma\u00dfen kompliziert ist, in Moria zu arbeiten, denn man das Gef\u00fchl hat, das Meer mit einem Kescher auszusch\u00f6pfen. Was mir geholfen hat und was mir in jedem Fall als absolut notwendig erschien \u2013 und ich spreche da von meiner eigenen Erfahrung und habe dar\u00fcber auch in meinem Buch geschrieben &#8211; ist es, Zeuge zu sein und mir zu sagen, dass das Einzige, was ich vermutlich tun konnte ist, dar\u00fcber zu sprechen, was sich dort abspielt, anzuprangern, Beispiele zu liefern und zu schauen, dass das die Menschen ber\u00fchrt. Dass ich einfach die Geschichten von Personen, von Menschen erz\u00e4hlt habe, ist denke ich der Grund, weshalb das Buch die Leserinnen und Leser ber\u00fchrt hat. Wenn ich Aussagen von Personen lese, die in Moria sind oder dort waren, so haben oft einfach Lebensgeschichten wiedergegeben. Sie sind M\u00e4nnern, Frauen und Kindern begegnet, die ihnen ihre Geschichte erz\u00e4hlt haben und berichtet haben, wie es ihnen in Moria ergeht. Und es scheint mir, dass das wesentlich ist. Und schlie\u00dflich \u2013 aber hier spricht dann eher die Juristin in mir \u2013 denke ich, m\u00fcssen wir dar\u00fcber nachdenken, wie man auch unsere europ\u00e4ischen Instanzen in die Verantwortung holen kann. Denn sie sind es, die all dies autorisieren, unterst\u00fctzen und gestatten.<\/p>\n<p>Ich glaube jedoch, dass eine Verantwortung daf\u00fcr besteht, \u00fcber die Lage in Moria zu sprechen, denn es gibt einen sehr entscheidenden Drang, \u00fcber alles den Mantel des Schweigens zu legen. Man kann im Lager keine Fotos machen und man kann keine Fotos des Lagers ver\u00f6ffentlichen. Im Prinzip m\u00fcssen alle Personen, die im Lager als Freiwillige arbeiten, eine Vertraulichkeitserkl\u00e4rung unterschreiben, mit der sie sich verpflichten, nichts dar\u00fcber zu sagen, was im Lager geschieht. Nichts soll an die \u00d6ffentlichkeit gelangen. Einige Zeit hat das funktioniert. Ich finde, dass seit einigen Jahren, seitdem ich zur\u00fcckgekehrt bin, gelangen immer mehr Aussagen an die \u00d6ffentlichkeit und die Menschen beginnen besser dar\u00fcber im Bilde zu sein, was sich in Moria ereignet. Ich denke jedoch, dass wir hier weitermachen m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen uns sagen, dass es eine Chance ist, vor Ort zu sein und wir m\u00fcssen weiter dar\u00fcber berichten, was wir dort sehen.<\/p>\n<p><strong><em>Wie ist die Haltung Belgiens gegen\u00fcber den Gefl\u00fcchteten von Moria?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die ist nicht einheitlich. Es gen\u00fcgt, sich die politische Landschaft anzuschauen. Wir haben ein Land mit einer Mehrheit von Rechtsextremen, zumindest in Flandern. Es gibt Menschen, die sehr feindselig sind und die gro\u00dfe Angst vor der Migration haben. Und dann gibt es Menschen, wie zum Beispiel auf b\u00fcrgerschaftlicher Ebene, die sich sehr stark engagieren.<\/p>\n<p>Interessant ist, dass eine Sensibilisierung durch die schuldhafte Missachtung des belgischen Staates entstanden ist, der es abgelehnt hat, Gefl\u00fcchtete aufzunehmen. Pl\u00f6tzlich gibt es da Menschen, die bisher weder in besonderer Weise engagiert waren oder eine klare politische Haltung zu diesen Themen hatten, denen bewusst geworden ist, dass die Art und Weise, wie man die Gefl\u00fcchteten behandelt, nicht richtig ist. Es ist also ein wenig so wie \u00fcberall, man kann es nicht vereinheitlichen. Manches ist sehr gut und dann gibt es aber leider auch viele \u00c4ngste, die seitens der Politik stark bef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p><strong><em>Die Grenzen \u00f6ffnen oder weiter Mauern hochziehen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich denke auf jeden Fall, dass etwas in der Art und Weise nicht stimmt, mit der man bisher mit dieser Frage umgegangen ist. Das ist offensichtlich. Wir sind dabei, einen Genozid im Mittelmeer auszul\u00f6sen!! <strong>Und ich glaube, dass uns in 5 bis 10 Jahren unsere Kinder best\u00fcrzt fragen werden: \u201eWas habt Ihr da getan?\u201c Ich glaube, dass es einen N\u00fcrnberger Prozess der \u00c4g\u00e4is, des Mittelmeers geben wird. <\/strong>All die Menschen, die man dort zum Teil erschreckenderweise \u00e4u\u00dferst bewusst hat ertrinken lassen oder deren Schiffbruch man provoziert hat. Ein k\u00fcrzlich in der New York Times erschienener Artikel zeigt, wie die griechischen Beh\u00f6rden mit Menschen umgeht, die mitunter in Griechenland oder den Hot Spots einen Fl\u00fcchtlingsstatus haben: Sie setzen sie in Boote und lassen sie abdriften, um sie so in die T\u00fcrkei zur\u00fcckzuschicken. Es l\u00e4uft hier also wirklich etwas aus dem Ruder \u2013 man hat den Eindruck, dass es keine Grenzen daf\u00fcr gibt, was man diesen Menschen antun kann. Es liegt auf der Hand, dass das hier nicht funktioniert. Und man kann sehr gut beobachten, dass dort, wo man lediglich auf den Bau einer Mauer gesetzt hat \u2013 sei es in Mexiko oder in Pal\u00e4stina, man dadurch die Spannungen nur erh\u00f6ht und mehr Gewalt bewirkt hat.<\/p>\n<p>Ich denke, dass man trotzdem unterscheiden sollte. Es gibt Menschen, die aus ihrem Land fliehen m\u00fcssen und die dorthin nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen und deshalb Asyl in einem anderen Land suchen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es gibt auch Menschen, die aus anderen Gr\u00fcnden fliehen und die leider keinen Schutz erhalten, da ihre Fluchtursache nicht unter die Kriterien der Genfer Konvention f\u00e4llt. Sie fliehen, weil sie verhungern, wenn sie bleiben w\u00fcrden. Und das ist kein anerkanntes Kriterium f\u00fcr das Gew\u00e4hren von internationalem Schutz. Es gibt auch jene, die ihre Chance ergreifen wollen, um f\u00fcr sich und ihre Kinder eine bessere Zukunft zu bekommen. Oder die, die einfach neugierig sind! All das ist doch Teil der menschlichen Realit\u00e4t \u2013 erkunden zu wollen, was auf der anderen Seite der Berge liegt! Und das wird man niemals unterbinden. Denn es geh\u00f6rt zur menschlichen Natur.<\/p>\n<p>Das Problem ist, dass die Menschen gezwungen sind, sich auf eine Reise ohne m\u00f6gliche R\u00fcckkehr zu begeben. Denn wenn sie einmal ihre Heimat verlassen, m\u00fcssen sie all ihr Hab und Gut verkaufen, manchmal tr\u00e4gt das ganze Dorf zur Finanzierung der Reise bei. Oder sie haben ganz einfach deshalb nicht mehr die M\u00f6glichkeit einer R\u00fcckkehr, weil ihr Dorf nicht mehr existiert.<\/p>\n<p>Ich denke, dass wenn man die Grenzen \u00f6ffnet, es immer Menschen geben wird, die kommen, weil sie keine andere Wahl haben. Es werden auch die kommen, die einfach etwas Neues versuchen wollen. Und die dann vielleicht feststellen, dass es doch nicht ihr Ding ist oder die einfacher zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So hat es China gemacht. Ich will damit nicht sagen, dass China hier ein Vorbild ist, aber man sieht, was China mit vielen afrikanischen L\u00e4ndern gemacht hat: die Grenzen ge\u00f6ffnet und festgestellt, dass vor Ort durch die Menschen, die nun hin und her reisen, neue Handelsbeziehungen entstanden sind.<\/p>\n<p>Ich glaube wir sind ein wenig auf diese Vorstellung fokussiert, diesen Deich unbedingt halten zu m\u00fcssen, denn, wenn er eines Tages nachgibt, eine endlose Flut \u00fcber uns hereinbricht. Man k\u00f6nnte auf alle F\u00e4lle die Kurzzeitvisa abschaffen. Es zulassen, dass jeder f\u00fcr weniger als drei Monate nach Europa kommen darf. So wie wir, die Europ\u00e4er. Wenn sich weniger als drei Monate ein wenig in der Welt umsehen m\u00f6chte, soll man das tun k\u00f6nnen. Nach Ablauf dieser Zeit muss man zur\u00fcckkehren und wenn man aber bleiben m\u00f6chte, m\u00fcssen daf\u00fcr andere Regelungen getroffen werden. Ich denke jedoch, dass das Ganze auf dieser Ebene durchl\u00e4ssiger werden kann.<\/p>\n<p>Das ist jetzt belgischer als belgisch, aber ich habe vor kurzem ein Interview mit Louis Michel gelesen, den man sicher nicht als Linken bezeichnen kann, der das jedoch auch bef\u00fcrwortet. Er hat tats\u00e4chlich gesagt: \u201eMan muss die Grenzen f\u00fcr Afrika \u00f6ffnen, das w\u00fcrde den Austausch, den Handel voranbringen\u201c<\/p>\n<p>Ich sehe die Zahl der Menschen, die hierherkommen und die vielleicht gerne wieder zur\u00fcckkehren m\u00f6chten, dies aber nicht k\u00f6nnen, weil ihre Familie hier ist. Sie wissen, dass wenn sie zur\u00fcckkehren, k\u00f6nnen sie ihre Familie nicht mehr sehen. Sie w\u00fcrden vielleicht gerne f\u00fcr zwei Monate kommen, im Sommer ihre Enkel besuchen und dann zur\u00fcckkehren. Es g\u00e4be also viel zu tun, den Status Quo umzugestalten. Und hier meine ich den gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfstab, nicht nur die Asylsuchenden oder Gefl\u00fcchteten. Ich spreche von allen Menschen, die migrieren wollen.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt jedoch zur selben Frage. Ich denke, man muss hier einiges umgestalten und ich wei\u00df nicht, wohin das f\u00fchren wird.<\/p>\n<p>Ich bin keine Hellseherin, aber ich denke, dass man etwas Anderes versuchen muss. Denn mit dem, was wir aktuell tun, laufen wir geradewegs gegen die Wand.<\/p>\n<p><strong><em>Haben Sie auch Beispiele f\u00fcr eine gute Behandlung und gegenseitige Hilfe im Lager?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ein irakischer K\u00fcnstler, der in seinem Zelt, das er mit zw\u00f6lf bis f\u00fcnfzehn M\u00e4nnern geteilt hat, einen Raum f\u00fcr Happenings geschaffen hat. Er hat seine Mitbewohner gebeten, eine etwas k\u00fcnstliche Pose einzunehmen und hat das dann gefilmt. Das hat dem Raum einen k\u00fcnstlerischen Moment gegeben.<\/p>\n<p>Ein Fris\u00f6r, der Haarschnitte f\u00fcr 3 Euro angeboten hat. Er hatte seinen Standort am Eingang des Lagers, es spielte Reggae, und es gab sogar Gefl\u00fcchtete, die bereits anerkannt waren und das Lager verlassen hatten, die zur\u00fcckkehrten, um sich von ihm die Haare schneiden zu lassen, weil es doch deutlich g\u00fcnstiger war als in Mytilini.<\/p>\n<p>Manchmal, wenn eine Afrikanerin, etwas Wolle fand, sah man am n\u00e4chsten Tag 25 Leute mit Flechtfrisuren, oder man sah, dass einige Nagellack in der gleichen Farbe trugen. Es gab diese kleinen Momente, in denen man sich selbst etwas Gutes tat.<\/p>\n<p>Es gab auch poetische Begebenheiten: ich sah Menschen, die in der N\u00e4he ihrer Behausung oder ihres Zeltes Blumen gepflanzt haben.<\/p>\n<p>Es gab kleine Momente wie diese, voller Poesie.<\/p>\n<p>Und es gibt letztlich auch Unterst\u00fctzung in struktureller Hinsicht. Schlie\u00dflich sind viele Personen, die dort ankommen, stark isoliert. Es gibt daher eine gegenseitige Hilfe.<\/p>\n<p>Darunter sind auch viele Frauen, den ein sehr gro\u00dfes Problem in Moria sind Orte f\u00fcr Frauen. Als Frau isoliert in einem solchen Lager\u2026 Es ist schon sehr kompliziert, als Frau die ganze Flucht alleine unternommen zu haben. Aber sich alleine als Frau in Moria wiederzufinden, das ist eine Katastrophe.<\/p>\n<p>Es gibt Berichte von Frauen, die nachts Windeln tragen, damit sie nicht auf Toilette gehen m\u00fcssen, denn es gibt f\u00fcr 20000 Menschen nur zwei bis vier Toiletten. Sie k\u00f6nnen sich vorstellen, was das bedeutet! Die Toiletten sind ein extrem gef\u00e4hrlicher Ort, und nachts umso mehr.<\/p>\n<p>Es gab Frauen, die sich zusammengetan haben, um wenigstens im Lager nicht alleine zu sein.<\/p>\n<p><strong><em>Wie k\u00f6nnen wir als B\u00fcrger handeln?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, man muss sich vergegenw\u00e4rtigen, dass die Politik in Moria unsere Politik ist, eine europ\u00e4ische Politik. Es sind also auf alle F\u00e4lle nicht \u201edie Griechen\u201c oder \u201enur die Griechen\u201c. Die Griechen sind die Vollstrecker einer Politik, die in Br\u00fcssel gemacht wird. Man muss sich also klarmachen, dass wir es sind, wenn wir w\u00e4hlen gehen, obwohl sich die Demokratie sicher nicht nur auf unser Kreuz in der Wahlkabine beschr\u00e4nkt. Wir sind es, die entscheiden, dass diese Politik gemacht wird. Es ist an uns. Wir haben hier auch eine Handlungsmacht. Wir k\u00f6nnen demonstrieren, Petitionen aufsetzen und unterschreiben, alternative Vorschl\u00e4ge einbringen, unsere Vertreter zur Rede stellen um klarzumachen, dass wir mit dieser Politik nicht einverstanden sind. Das ist ein erster Schritt. Es ist sich klarzumachen, dass wir das hier keinesfalls als rein griechisches Problem abtun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist das nebenbei bemerkt ziemlich problematisch. Es gibt einen faulen Handel mit Griechenland, das finanziell ausgeblutet ist und dem Europa die ganze Dreckarbeit aufgehalst hat, indem es sagt: \u201ebehaltet mal ein bisschen diese ganzen Fl\u00fcchtlinge auf Euren Inseln, weit weg von unseren Metropolen.\u201c Hier muss einiges getan werden. Und man muss sich auch eingestehen, dass sich diese europ\u00e4ische Politik in mehrfacher Hinsicht auch auf nationaler Ebene widerspiegelt.<\/p>\n<p>Ich finde es frappierend zu sehen, dass es auf einmal so einen Teufelskreis gibt: man kriminalisiert die Migranten und dann, sei es durch Europa oder den Staat, verbietet man, ihnen zu helfen. In Griechenland war es verboten, Ertrinkende aus dem Meer zu retten.<\/p>\n<p>Hier in Br\u00fcssel war man mit diesem ganzen Problem rund um den Parc Maximilien konfrontiert: Kann man Menschen helfen, die auf der Stra\u00dfe schlafen? Und wieder werden diejenigen kriminalisiert, die helfen.<\/p>\n<p>Neben den Verfahren hier in Belgien gegen Leute, die Menschen bei sich aufgenommen haben, gab und gibt es zahlreiche andere Beispiele in Griechenland, oder der Fall von Carola Rackete, der Kapit\u00e4nin des deutschen Schiffes, die juristisch verfolgt wurde, weil sie Migranten gerettet hat. Es gibt also diesen Teufelskreis, der es mit sich bringt, dass man nicht nur die kriminalisiert, die fliehen oder versuchen einzuwandern. Dar\u00fcber hinaus sieht der Staat absichtlich tatenlos zu, es ist eine Tatenlosigkeit, die wirklich sehr schwere Konsequenzen mit sich bringt. Deshalb mobilisieren sich B\u00fcrger und es sind diese B\u00fcrger, die kriminalisiert werden.<\/p>\n<p>Ich denke, dass die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Migranten sowohl hier in Belgien als auch in jedem anderen Land, in dem man lebt und der Widerstand gegen die Kriminalisierung derer, die helfen, sehr konkrete Aktionen sind. Es ist nicht so, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Unterst\u00fctzung f\u00fcr Menschen hier in Belgien, die Gefl\u00fcchtete aufnehmen und den Ereignissen in Moria gibt. All das ist durch dieselbe Politik begr\u00fcndet. Hier zu handeln bedeutet also gleichzeitig denen zu helfen, die versuchen, die Zust\u00e4nde in Griechenland oder in Moria zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p><em><strong>Die \u00dcbersetzung aus dem Franz\u00f6sischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam erstellt. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wir suchen Freiwillige!<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marie Doutrepont \u00fcber Moria: \u201ejedes St\u00fcckchen Menschlichkeit verschwand wie ein Wassertropfen auf einem hei\u00dfen Stein.\u201c Marie Doutrepont ist eine belgische Anw\u00e4ltin und Autorin des Buches \u201eMoria: Chroniques des limbes de l\u2019 Europe\u201c (Moria: Chroniken aus der Vorh\u00f6lle Europas), erschienen 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