{"id":1207778,"date":"2020-10-02T17:48:05","date_gmt":"2020-10-02T16:48:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1207778"},"modified":"2020-10-02T17:48:05","modified_gmt":"2020-10-02T16:48:05","slug":"bergkarabach-konflikt-kriegstreiber-tuerkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/10\/bergkarabach-konflikt-kriegstreiber-tuerkei\/","title":{"rendered":"Bergkarabach-Konflikt &#8211; Kriegstreiber T\u00fcrkei"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den fr\u00fchen Morgenstunden des 27. Septembers hat die aserbaidschanische Armee die armenisch kontrollierte Region Karabach mit Artillerie und Bomben angegriffen.<\/strong><\/p>\n<p>Armenien hat den Kriegszustand ausgerufen und eine Generalmobilmachung angek\u00fcndigt. Ein nicht unwesentlicher Grund f\u00fcr das Aufflammen dieses Jahrzehnte andauernden Konflikts ist die neo-osmanische Grossmachtpolitik der T\u00fcrkei. Die Erinnerung an den Krieg zwischen 1988-1994, in dem 30.000 bis 50.000 Menschen starben und Armenien nicht nur Karabach selbst, sondern auch einige umliegende Provinzen unter seine Kontrolle brachte, ist frisch<\/p>\n<p>Armenien und Aserbaidschan wurden Anfang der 1920er Teil der neu geschaffenen Sowjetunion und es war kein geringerer als Josef Stalin, der 1921 das Gebiet Karabach der Aserbaidschanischen Unionsrepublik zuteilte, obwohl zu dem Zeitpunkt \u00fcber 90 Prozent der Bewohner*innen Armenier*innen waren. Infolge des Zerfalls der UdSSR ab dem Ende der 1980er Jahre kam es auch in Karabach zu einer Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung.<\/p>\n<p>Bei einem Volksentscheid 1991 sprach sich eine Mehrheit f\u00fcr eine Unabh\u00e4ngigkeit von Aserbaidschan aus.. Da Baku diesen Entscheid ignorierte, intensivierte sich der Krieg um das Gebiet, das die Armenier*innen Arzach nennen, ehe am 12. Mai 1994 ein br\u00fcchiges Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wurde.<\/p>\n<p>Seitdem gibt es immer wieder Scharm\u00fctzel an der Grenze, wobei im April 2016 Aserbaidschan einen gr\u00f6sseren Anlauf t\u00e4tigte, das Gebiet zur\u00fcckzuerobern. Der Angriff wurde seitens Armeniens zur\u00fcckgeschlagen, aber innerhalb von nur vier Tagen gab es \u00fcber 200 Tote. Armenien und Aserbaidschan pflegen bis heute keine diplomatischen Beziehungen, die Grenzen untereinander sind geschlossen.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei stilisiert sich dabei als Schutzmacht Aserbaidschans und h\u00e4lt die Grenze zu Armenien ebenfalls geschlossen. Armenien selbst z\u00e4hlt Russland zu seinen engsten Verb\u00fcndeten. Moskau hat in Armenien sogar einen eigenen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt und grossen Einfluss auf die armenische Wirtschaft, besonders im Energiesektor mit dem teilstaatlichen Konzern Gazprom. In gewisser Weise ist der Konflikt auch ein Stellvertreterkrieg zwischen Moskau und Ankara. Der russische Aussenminister Sergej Lawrow f\u00fchrt mit beiden Seiten intensive Gespr\u00e4che und forderte zur Einhaltung des Waffenstillstands auf, w\u00e4hrend die t\u00fcrkische Regierung einmal mehr versicherte, fest an der Seite Aserbaidschans zu stehen.<\/p>\n<h4><strong>Kriegstreiberin T\u00fcrkei<\/strong><\/h4>\n<p>Eine der Ursachen f\u00fcr das Wiederaufflammen des Krieges sind der innenpolitischen Schw\u00e4che des Erdogan-Regimes geschuldet. Geschw\u00e4cht von dem Niedergang der heimischen Wirtschaft, reagiert die t\u00fcrkische Regierung nach aussen hin immer aggressiver und heizt seit Wochen den Konflikt immer weiter an. Als es im Juli dieses Jahres zu milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen in der nordarmenischen Provinz Tavush kam, gab es besonders schrille bellizistische T\u00f6ne seitens des t\u00fcrkischen Verteidigungsministers, Hulusi Akar: \u201cArmenien wird unter seiner eigenen Verschw\u00f6rung begraben werden, darin ertrinken und f\u00fcr seine Taten auf jeden Fall bezahlen\u201d.<\/p>\n<p>Diese Intervention der T\u00fcrkei im Nachbarland ist nichts Neues. Schon die Regierung unter Turgut \u00d6zal (1989 -1993) spekulierte \u00f6ffentlich, an der Seite Aserbaidschans zu intervenieren und Armenien zu bombardieren. Mitten im Krieg 1993 drohte er offen damit,\u201cf\u00fcr den Fall, dass Armenien die Lektion von 1915 nicht verstanden\u201d h\u00e4tte \u2013 eine unmissverst\u00e4ndliche Anspielung auf den von der damaligen jungt\u00fcrkischen Regierung ver\u00fcbten Genozid, dem Sch\u00e4tzungen zufolge mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Tode kamen, haupts\u00e4chlich Armenier*innen, aber auch Assyrer*innen und Mitglieder anderer christlicher Minderheiten.<\/p>\n<p>Heute ist es Re\u00e7ep Tayyip Erdogan, der bei der j\u00fcngsten kurzzeitigen milit\u00e4rischen Eskalation zwischen Armenien und Aserbaidschan im Juli 2020 offen mit weiteren Massenmorden drohte: \u201cWir werden die Mission fortf\u00fchren, die unsere Grossv\u00e4ter seit Jahrhunderten im Kaukasus angef\u00fchrt haben.\u201d<\/p>\n<p>Wie Erdogan sich die\u201cFortf\u00fchrung der Mission\u201d vorstellt, kann mensch darin sehen, dass er am 25. September rund 1000 dschihadistische K\u00e4mpfer nach Baku schickte, die fortan gegen Armenien k\u00e4mpfen.. Dass die T\u00fcrkei islamistische S\u00f6ldner einsetzt ist dabei weder neu, noch \u00fcberraschend:Der kurdische YPG-K\u00e4mpfer Azad Cudibeschreibt beispielsweise in senem Buch wie er in Koban\u00ea die Herkunft der verstorbenen IS-K\u00e4mpfer recherchierte.<\/p>\n<p>Er stellte fest, dass nicht wenige der dschihadistischen M\u00f6rder gar keine Syrer oder Iraker waren, sondern ausl\u00e4ndische S\u00f6ldner aus Tschetschenien oder Turkmenistan. Die gleiche Erfahrung machte 20 Jahre vorher schon Monte Melkonian, als er im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan die P\u00e4sse der get\u00f6teten K\u00e4mpfer aufseiten Bakus untersuchte: Viele kamen aus der T\u00fcrkei, aus Tschetschenien oder Turkmenistan. Sie waren bezahlte S\u00f6ldner, unter anderem Graue W\u00f6lfe, deren K\u00e4mpfer von der t\u00fcrkischen Regierung nach Karabach geschickt wurden, um Armenier*innen zu ermorden und ihrerseits den Genozid von 1915 fortzusetzen.<\/p>\n<h4><strong>Azerbaidschan intensiviert die Angriffe<\/strong><\/h4>\n<p>W\u00e4hrend der aserbaidschanische Angriff auf Tavush im Juli dieses Jahres eher unkoordiniert und schlecht vorbereitet war, gab es seitdem gemeinsame Milit\u00e4r\u00fcbungen mit der T\u00fcrkei in der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan, die an Armenien, die T\u00fcrkei und den Iran grenzt, aber nicht an Aserbaidschan. In dieser Autonomen Republik Nachitschewan hat die T\u00fcrkei einen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt aufgebaut. Es gibt keine Zweifel daran, dass der jetzige Angriff besser vorbereitet ist und grossfl\u00e4chiger ausgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>\u00dcber Wochen hinweg wurde Aserbaidschan von der t\u00fcrkischen, aber auch der israelischen Regierung massiv hochger\u00fcstet, sodass es nur eine Frage der Zeit war, wann es zu diesem Angriff kommen w\u00fcrde. Die T\u00fcrkei versucht mit Aserbaidschan eine panturkistische Allianz aufzubauen und es ist kein Zufall, dass Erdogan auf diese Karte setzt. Da die muslimische Bev\u00f6lkerung Aserbaidschans zu 85 Prozent schiitisch ist, passt das eigentlichnicht in das Bild des sunnitischen Islamisten Erdogan. Aber es passt ins Bild der nationalistisch-kemalistischen CHP, deren Vorsitzender Muharrem Ince sagte: \u201cMein Herz, meine Seele, meine Gebete sind bei Aserbaidschan und verurteilen die Aggression Armeniens, die die Stabilit\u00e4t der Region bedroht.\u201d<\/p>\n<p>Das sind fast die gleichen Worte, die auch Erdogan benutzte. Es zeigt sich, dass die b\u00fcrgerlichen Parteien in der T\u00fcrkei felsenfest zu jeglicher Kriegshandlung Erdogans stehen \u2014 in den F\u00e4llen der Angriffe auf Rojava war das schliesslich nicht anders.<\/p>\n<p>Die Reaktion Armeniens mit der Generalmobilmachung, sowie der Ausrufung des Kriegsrechts deutet darauf hin, dass ein langanhaltender Krieg zumindest nicht ausgeschlossen werden kann. Die aufkommende patriotische Stimmung soll sicherlich auch innenpolitischen Zwecken dienen. Der Krieg um Arzach ist ein Teil der nationalen armenischen Identit\u00e4t und geh\u00f6rt zum Gr\u00fcndungsmythos der jungen Republik.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite leben in Aserbaidschan mehr als 700.000 Vertriebene des Krieges, die seit Jahren vom Pr\u00e4sidenten Ilham Aliyev nichts anderes h\u00f6ren, als dass es nur eine Frage der Zeit sei, wann Karabach \u201cbefreit\u201d werden w\u00fcrde. Aliyevs Erkl\u00e4rungen waren dementsprechend auch wenig \u00fcberraschend oder neu: \u201cDie aserbaidschanische Armee f\u00fchrt gegenw\u00e4rtig Schl\u00e4ge gegen die milit\u00e4rischen Stellungen des Gegners aus.\u201c In mehreren St\u00e4dten wurde zudem eine Ausgangssperre verh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Es ist eher eine Tat der Verzweiflung, dass der eigentlich s\u00e4kular eingestellte aserbaidschanische Diktator nun islamistische S\u00f6ldner braucht, um seinen Krieg zu f\u00fchren und von den innenpolitischen Probleme abzulenken: Ilham Aliyev, der 2003 das Amt von seinem Vater Heydar Aliyev \u00fcbernommen hatte, ist alles andere als beliebt im Land und geht schonungslos gegen jegliche Opposition vor. Das Land, das enorm vom \u00d6lexport abh\u00e4ngig ist, macht eine tiefe wirtschaftliche Krise durch, weswegen dieser Angriff wie das Ausspielen der letzten Karte eines in die Ecke gedr\u00e4ngten Diktators erscheint. Mit Erdogan hat er dabei einen f\u00e4higen und willigen Unterst\u00fctzer.<\/p>\n<p><em>Hovhannes Gevorkian \/ lcm<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den fr\u00fchen Morgenstunden des 27. Septembers hat die aserbaidschanische Armee die armenisch kontrollierte Region Karabach mit Artillerie und Bomben angegriffen. Armenien hat den Kriegszustand ausgerufen und eine Generalmobilmachung angek\u00fcndigt. 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