{"id":1202473,"date":"2020-09-24T06:25:35","date_gmt":"2020-09-24T05:25:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1202473"},"modified":"2020-09-24T06:25:35","modified_gmt":"2020-09-24T05:25:35","slug":"deutschlands-pazifische-vergangenheit-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/09\/deutschlands-pazifische-vergangenheit-i\/","title":{"rendered":"Deutschlands pazifische Vergangenheit (I)"},"content":{"rendered":"<p class=\"news-item-subtitle\"><strong>Das brutalste deutsche Massaker im Kolonialkrieg in China fand heute vor 120 Jahren statt &#8211; in der Kleinstadt Liangxiang.<\/strong><\/p>\n<p class=\"news-item-subtitle\">Heute vor 120 Jahren begingen deutsche Milit\u00e4rs das furchtbarste Massaker ihres Kolonialkriegs in China. Unter dem Vorwand, gegen Aufst\u00e4ndische vorgehen zu wollen, beschossen Soldaten zweier deutscher Seebataillone Wohngebiete in der Kleinstadt Liangxiang s\u00fcdwestlich von Beijing und brachten nach der Eroberung alle m\u00e4nnlichen Bewohner um. Die Einwohnerzahl wurde auf 3.000 bis 4.000 gesch\u00e4tzt. Dem Massaker von Liangxiang folgten im Rahmen der Niederschlagung des &#8222;Boxeraufstands&#8220; noch viele weitere. Kriegsrechtliche Normen galten nach Auffassung Berlins lediglich f\u00fcr &#8222;zivilisierte&#8220; Nationen und wurden, da China und seine Bev\u00f6lkerung nicht als solche eingestuft wurden, im deutschen Kolonialkrieg dort nicht ber\u00fccksichtigt. Die Mordbrennereien der deutschen Truppen in China weisen klare Parallelen zur kolonialen Kriegf\u00fchrung des Deutschen Reichs in den afrikanischen Kolonien auf. &#8211; Aus Anlass der neuen &#8222;Indo-Pazifik&#8220;-Offensive Berlins ruft german-foreign-policy.com die m\u00f6rderische deutsche Kolonialvergangenheit am Pazifik in Erinnerung.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Mobilisierung gegen Beijing<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Als die deutschen Truppen, die nur wenig sp\u00e4ter das Massaker von Liangxiang begingen, am 15. August 1900 in China eintrafen, war die Niederschlagung des Boxeraufstands l\u00e4ngst voll im Gang. Die Rebellion gegen die Kolonialm\u00e4chte aus Europa, Japan und den USA hatte im Juni 1900 auf Beijing \u00fcberzugreifen begonnen. Mitte Juni nahmen die Aufst\u00e4ndischen nach Provokationen ausl\u00e4ndischer Diplomaten &#8211; auch des deutschen Gesandten Clemens von Ketteler, der pers\u00f6nlich mehrere Aufst\u00e4ndische erschoss &#8211; das Gesandtschaftsviertel in der Hauptstadt ins Visier. Der Aufstand eskalierte zum Krieg, als am 20. Juni regul\u00e4re chinesische Soldaten begannen, das Gesandtschaftsviertel zu belagern. In Europa hatte die Mobilisierung freilich einige Tage fr\u00fcher begonnen. Den Anlass lieferte ein am 16. Juni in der Londoner Daily Mail erschienener Bericht, in dem g\u00e4nzlich unzutreffend behauptet wurde, Aufst\u00e4ndische h\u00e4tten das Gesandtschaftsviertel gest\u00fcrmt und dort s\u00e4mtliche Ausl\u00e4nder ermordet &#8211; eine Kriegsl\u00fcge, wie man sie heute noch kennt. Versuchten die Kolonialm\u00e4chte zun\u00e4chst mit in der Region befindlichen Truppen zu intervenieren, Deutschland etwa mit Einheiten aus seinem &#8222;Pachtgebiet Kiautschou&#8220; (Qingdao), so setzte in der zweiten Junih\u00e4lfte auch im Reich eine umfassende Mobilisierung ein. Am 27. Juli verabschiedete Kaiser Wilhelm II. in Bremerhaven das Ostasiatische Expeditionskorps &#8211; als Kontingent einer internationalen Interventionsmacht unter F\u00fchrung des deutschen Generalfeldmarschalls Alfred von Waldersee. Seine damalige Rede ist als &#8222;Hunnenrede&#8220; bekannt.[1]<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Ermordet, gepl\u00fcndert, niedergebrannt<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Bereits zuvor, am 2. Juli 1900, hatte die Reichsregierung, um m\u00f6glichst rasch intervenieren zu k\u00f6nnen, das Erste und das Zweite Seebataillon nach China ausgeschifft; die beiden Einheiten, die jeweils um die tausend Mann umfassten, waren einige Jahre zuvor eigens als Spezialtruppen f\u00fcr Interventionen in den deutschen Kolonien geschaffen worden.[2] Als die zwei Seebataillone die chinesische Hafenstadt Tianjin erreichten, hatten Streitkr\u00e4fte der Kolonialm\u00e4chte soeben die Belagerung des Gesandtschaftsviertels in Beijing niedergeschlagen und sofort mit der Pl\u00fcnderung der chinesischen Hauptstadt begonnen, \u00fcber die Paula von Rosthorn, Ehefrau des Gesch\u00e4ftstr\u00e4gers der \u00f6sterreichischen Gesandtschaft, sp\u00e4ter berichtete: &#8222;Erbarmungslos wurde alles niedergemacht, M\u00e4nner, Frauen und Kinder, alles Wertvolle geraubt und dann die H\u00e4user in Brand gesteckt.&#8220;[3] Tausende Chinesen wurden ermordet; gepl\u00fcnderte Waren wurden oft versteigert, der Ertrag wurde zur Finanzierung der Besatzungskosten genutzt oder an die Soldaten der Kolonialm\u00e4chte verteilt. Das Erste Seebataillon traf am 23. August in Beijing ein, das Zweite Seebataillon folgte am 1. September. Zur Einrichtung ihrer Quartiere raubten die deutschen Milit\u00e4rs, wie es in einer Studie \u00fcber ihren Einsatz hei\u00dft, &#8222;vornehmlich chinesische Tempel aus&#8220;.[4] Das Erste Seebataillon gab seinen Einstand am 27. August mit einem Massaker an 76 Chinesen, die vor der Erschie\u00dfung &#8211; an ihren Z\u00f6pfen zusammengebunden &#8211; gezwungen worden waren, ihre eigenen Gr\u00e4ber auszuheben.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Wahllos erschossen<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Das furchtbarste Massaker der deutschen Kolonialtruppen in China begingen Soldaten der beiden Seebataillone bereits am 11. September 1900, einen Tag, bevor das Ostasiatische Expeditionskorps unter Generalfeldmarschall von Waldersee in Tianjin eintraf. Anlass waren angebliche Sch\u00fcsse auf eine deutsche Patrouille von den W\u00e4llen der Kleinstadt Liangxiang im S\u00fcdwesten Beijings. Am folgenden Tag &#8211; ebenjenem 11. September &#8211; r\u00fcckten die deutschen Milit\u00e4rs auf Liangxiang vor; sie erhielten dabei Unterst\u00fctzung von rund 50 Reitern der britisch-indischen Kolonialtruppen.[5] Mit hoch \u00fcberlegenen Waffen ausgestattet, eroberten sie zun\u00e4chst einen Pagodenh\u00fcgel vor Liangxiang, von dem aus sie die chinesische Verteidigung an den W\u00e4llen unter Beschuss nehmen konnten; sie feuerten dabei Berichten zufolge auch wahllos in Wohngebiete und auf fliehende Chinesen. Anschlie\u00dfend folgte der Sturm auf die Stadt, die ohne weiteres eingenommen werden konnte. Die H\u00e4user wurden systematisch durchk\u00e4mmt; &#8222;Krieger, die noch gruppenweise mit Waffen und widerstandsleistend angetroffen wurden, band man mit den Z\u00f6pfen aneinander, f\u00fchrte sie vor die Stadt und erschoss sie dort kriegsrechtlich&#8220;, hei\u00dft es in einem Korrespondentenbericht.[6]<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Systematisch umgebracht<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Tats\u00e4chlich wurden im Rahmen der sogenannten Strafexpedition nicht nur gefangengenommene Aufst\u00e4ndische ermordet, sondern alle m\u00e4nnlichen Bewohner. So berichtet ein Augenzeuge, es seien &#8222;s\u00e4mtliche M\u00e4nner, die in der Stadt waren und dort nicht bereits ihr Schicksal gefunden hatten, an die Mauer gestellt und erschossen worden&#8220;. Die Gesamtzahl der Einwohner Liangxiangs wird auf etwa 3.000 bis 4.000 gesch\u00e4tzt. &#8222;Die gesamte Strafexpedition&#8220;, urteilt der Historiker Bernd Martin, &#8222;kam eher einem Man\u00f6ver mit scharfer Munition an lebenden Zielscheiben gleich als einer Kampfhandlung&#8220;; &#8222;die deutschen Verluste, ein get\u00f6teter Seesoldat und vier Leichtverletzte&#8220;, h\u00e4tten &#8222;zahlenm\u00e4\u00dfig den bei Man\u00f6vern \u00fcblichen Unf\u00e4llen&#8220; entsprochen.[7] Nach der Beendigung des Massenmords zogen die zwei deutschen Seebataillone wieder ab, allerdings nicht, ohne zuvor noch die Ruinen von Liangxiang in Brand gesetzt zu haben. In einer Darstellung eines an dem Massaker beteiligten deutschen Oberleutnants hei\u00dft es zur Begr\u00fcndung: &#8222;Die deutsche Minderheit musste r\u00fccksichtslos vorgehen, um dem sch\u00e4ndlichen Treiben der Boxer ein f\u00fcr allemal ein Ende zu machen.&#8220;[8]<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>&#8222;Zivilisierte&#8220; Nationen<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Dem Massaker von Liangxiang folgten noch zahlreiche weitere. F\u00fcr die damalige Provinz Zhili rings um die Hauptstadt z\u00e4hlen Historiker 76 sogenannte Strafexpeditionen, von denen 51 alleine von deutschen Truppen durchgef\u00fchrt wurden; an den anderen waren deutsche Soldaten h\u00e4ufig \u00fcberproportional beteiligt. Man begr\u00fcndete sie &#8211; au\u00dfer mit dem Vorgehen gegen tats\u00e4chliche oder angebliche Aufst\u00e4ndische &#8211; zuweilen auch mit Vergeltung f\u00fcr Angriffe von Rebellen auf deutsche Milit\u00e4rs. \u00dcblicherweise wurde bei den &#8222;Strafexpeditionen&#8220; nach &#8211; angeblichen &#8211; Aufst\u00e4ndischen gefahndet, die anschlie\u00dfend an die lokalen Beh\u00f6rden \u00fcbergeben oder gleich ermordet wurden; &#8222;Massenexekutionen waren die Regel&#8220;, hei\u00dft es in einer Untersuchung \u00fcber die Mordbrennereien der deutschen Soldaten.[9] An die kriegsrechtlichen Normen der Haager Friedenskonferenz von 1899 f\u00fchlten sich die deutschen Streitkr\u00e4fte nicht gebunden &#8211; diese galten nur f\u00fcr &#8222;zivilisierte&#8220; Nationen, zu denen China und seine Bev\u00f6lkerung laut Auffassung der Kolonialm\u00e4chte nicht z\u00e4hlten. Nicht wenige deutsche Soldaten, die an den Massakern in China beteiligt waren, nahmen sp\u00e4ter an Kolonialkriegen im heutigen Namibia und im heutigen Tansania teil. Zudem weisen die Massaker Parallelen zu &#8222;Strafexpeditionen&#8220; deutscher Kolonialtruppen in den 1890er Jahren in Afrika auf.[10] Unter den Nachfahren der T\u00e4ter sind die deutschen Kolonialverbrechen weithin in Vergessenheit geraten, unter den Nachfahren der Opfer &#8211; in Afrika wie in China &#8211; freilich nicht.<\/p>\n<p class=\"western\">[1] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8066\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die &#8222;Hunnenrede&#8220;<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\">[2] Bernd Martin: Soldatische Radikalisierung und Massaker. Das deutsche Erste und Zweite Seebataillon im Einsatz im &#8222;Boxerkrieg&#8220; in China 1900. In: Milit\u00e4rgeschichtliche Zeitschrift 69 (2010). S. 221-241.<\/p>\n<p class=\"western\">[3] Mechthild Leutner: Die Belagerung der Gesandtschaften oder: Wie der Krieg begann. In: Mechthild Leutner, Klaus M\u00fchlhahn (Hg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901. S. 102-110.<\/p>\n<p class=\"western\">[4] Bernd Martin: Soldatische Radikalisierung und Massaker. Das deutsche Erste und Zweite Seebataillon im Einsatz im &#8222;Boxerkrieg&#8220; in China 1900. In: Milit\u00e4rgeschichtliche Zeitschrift 69 (2010). S. 221-241.<\/p>\n<p class=\"western\">[5] Vgl. die Schilderungen des Massakers bei: Bernd Martin: Soldatische Radikalisierung und Massaker. Das deutsche Erste und Zweite Seebataillon im Einsatz im &#8222;Boxerkrieg&#8220; in China 1900. In: Milit\u00e4rgeschichtliche Zeitschrift 69 (2010). S. 221-241. Susanne Ku\u00df: Deutsche Strafexpeditionen im Boxerkrieg. In: Mechthild Leutner, Klaus M\u00fchlhahn (Hg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901. Berlin 2007. S. 135-146.<\/p>\n<p class=\"western\">[6], [7], [8] Zitiert nach: Bernd Martin: Soldatische Radikalisierung und Massaker. Das deutsche Erste und Zweite Seebataillon im Einsatz im &#8222;Boxerkrieg&#8220; in China 1900. In: Milit\u00e4rgeschichtliche Zeitschrift 69 (2010). S. 221-241.<\/p>\n<p class=\"western\">[9] Susanne Ku\u00df: Deutsche Strafexpeditionen im Boxerkrieg. In: Mechthild Leutner, Klaus M\u00fchlhahn (Hg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901. Berlin 2007. S. 135-146.<\/p>\n<p class=\"western\">[10] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7246\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Auf dem Weg zum Vernichtungskrieg (I)<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7250\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Auf dem Weg zum Vernichtungskrieg (II)<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/3133\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rezension: V\u00f6lkermord in Deutsch-S\u00fcdwestafrika<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das brutalste deutsche Massaker im Kolonialkrieg in China fand heute vor 120 Jahren statt &#8211; in der Kleinstadt Liangxiang. Heute vor 120 Jahren begingen deutsche Milit\u00e4rs das furchtbarste Massaker ihres Kolonialkriegs in China. 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