{"id":1202241,"date":"2020-09-23T06:15:55","date_gmt":"2020-09-23T05:15:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1202241"},"modified":"2020-09-23T06:15:55","modified_gmt":"2020-09-23T05:15:55","slug":"wie-normativ-muss-sisterhood-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/09\/wie-normativ-muss-sisterhood-sein\/","title":{"rendered":"Wie normativ muss sisterhood sein?"},"content":{"rendered":"<p><strong><span class=\"article_title_intro\">Roxane Gay: Bad Feminist. <\/span><\/strong><strong>Ein Sammelband, der \u00fcber Frauen*freundschaften in der Popkultur und im Alltag nachdenkt.<\/strong><\/p>\n<div class=\"img_box_float_l_09\">\n<article>Auch wenn die derzeitigen Protestbewegungen Hoffnung machen, allt\u00e4gliche Solidarit\u00e4t unter Frauen* scheint nicht immer einfach zu sein. Gepr\u00e4gt von vorherrschenden antifemininen Haltungen und heterosexistischen Ideen von Freundschaft und Kollegialit\u00e4t, h\u00e4lt sich recht hartn\u00e4ckig ein Bild von Frauen* als zickige, hinterh\u00e4ltige Gegnerinnen. Roxane Gay r\u00e4t: \u201eAbandon the cultural myth that all female friendship must be bitchy, toxic, or competitive.\u201d (Lege den kulturellen Mythos ab, dass jede Frauen*freundschaft bitchy, toxisch oder rivalisierend sein muss; S. 47, \u00dcbers. FK) Das ist Lektion 1 des Leitfadens \u201eHow to be friends with another woman\u201d (Wie man mit einer anderen Frau* befreundet sein kann, \u00dcbers. FK), Teil ihres Essaybands \u201eBad Feminist\u201d.Aber Roxane Gay w\u00fcrde ihrem unverkennbarem Credo, Widerspr\u00fcche auszuhalten, nicht gerecht werden, wenn auf Lektion 1 nicht Lektion 1A. folgen w\u00fcrde: \u201eThis is not to say women aren\u2019t bitches or toxic or competitive sometimes but rather to say that these are not defining characteristics of female friendship, especially as you get older.\u201d (Damit soll nicht gesagt werden, dass Frauen* nicht manchmal bitchy, toxisch oder rivalisierend sind, sondern vielmehr dass dies keine definierenden Merkmale von Frauen*freundschaften sind, insbesondere wenn man \u00e4lter wird; ebd., \u00dcbers. FK) Die Realit\u00e4t des Erwachsenwerdens ist immer noch komplizierter als die Lektionen.<strong>Feminismus ohne Sockelfigur<\/strong>Gays Schreiben ist politik mit kleinem p, die Politik im Privatem, in ihrem Leben als Schwarze Frau, als grosse Frau, als queere Frau, als Schriftstellerin und als Professorin mit einem B\u00fcro f\u00fcr sich selbst. Ihre Positionierung in den Widerspr\u00fcchen ist eine Position im Dazwischen und weil sie weiss, dass das nicht alle gut finden, nennt sie sich \u201ebad feminist\u201c. Auch eine \u00fcberh\u00f6hte und zwanghafte sisterhood, quasi eine Art Gegenentwurf zur rivalisierenden Frauen*freundschaft, empfindet sie als einengend und moralisierend.<\/p>\n<p>Sie spielt mit der Vorstellung einer misstrauischen, urteilenden Feminist*innenunion, die einem immer \u00fcber die Schulter schaut und die Nase r\u00fcmpft. \u00dcber den misogynen Rap, den man in guilty pleasure-Momenten h\u00f6rt. Dar\u00fcber, dass man den Orgasmus vort\u00e4uscht und sich die Beine rasiert oder dar\u00fcber, dass man sich freut, dass man nicht den Rasen m\u00e4hen k\u00f6nnen soll. Wer entscheidet, ob man ein*e gute*r Feminist*in ist?<\/p>\n<p>Roxane Gay sagt, sie m\u00f6chte auf keinen Sockel gestellt werden und m\u00f6glicherweise macht sie zu lesen auch deshalb dann am meisten Spass, wenn sie sich nicht in Programmatik versucht, sondern pers\u00f6nliche Kritiken schreibt. Wenn sie heutige Popkultur kommentiert und Filme, Serien und Musik auseinandernimmt und ihren Feminismus anwendet, statt ihn zu theoretisieren. Sie schafft es mit immer treffender Sprache, eingeschriebene Stereotype, Sexismen und Rassismen herauszuarbeiten und h\u00e4lt ihnen den Spiegel vor.<\/p>\n<p>In ihrer Sammlung finden sich Beitr\u00e4ge \u00fcber \u201eDjango Unchained\u201c, \u00fcber Literatur zum Abnehmen, Witze, die besser sind als Vergewaltigungswitze und Scrabble-Turniere. Ihr Stil ist ehrlich und schlagfertig, jedes Essay w\u00e4rmt sich kurz auf, um dann in einem Sprint zu enden. Die Beschreibungen sind auch deshalb immer pers\u00f6nlich, weil sie k\u00f6rperlich sind: Es sind die K\u00f6rper der Autorin und diejenigen der Lesenden, die diese kulturellen Artefakte betreffen. Dies ist kein Buch, das sich in Einem lesen l\u00e4sst, sondern eher eine Sammlung scharfsinniger Gespr\u00e4chsaufh\u00e4nger.<\/p>\n<p><strong>Girls and Girlfriends<\/strong><\/p>\n<p>Als Hoffnungstr\u00e4gerin in der Darstellung von Frauen*freundschaften und Erwachsenwerden wurde die Serie \u201eGirls\u201c von Lena Dunham auch in feministischen Kreisen gelobt. Als eine Wiederauflage von \u201eSex and the City\u201c mit weniger perfekt gestylten, d\u00fcnnen, wohlhabenden Charakteren gefeiert, zeigt \u201eGirls\u201c das Leben vierer Freundinnen Mitte zwanzig in New York City. Roxane Gay bezieht sich auf die Serie und reiht sich ein in Kritiken, die nicht-weisse Darsteller*innen vermissen; das New York von \u201eGirls\u201c erscheine viel weniger divers als das echte New York. Gay merkt allerdings an, dass ziemlich viel von dieser einzelnen Serie erwartet wird:<\/p>\n<p>\u201eIt is unreasonable to expect Dunham to somehow solve the race and representation problem on television while crafting her twenty-something witticism and appalling us with sex scenes so uncomfortable they defy imagination.\u201d (Es ist unvern\u00fcnftig von Duhnham zu erwarten, das race- und Repr\u00e4sentationsproblem im Fernsehen irgendwie zu l\u00f6sen, w\u00e4hrend sie ihren Mittzwanziger-Witz ausgestaltet und uns mit Sexszenen entsetzt, die so unkomfortabel sind, dass sie sich der Vorstellungskraft entziehen. (S. 58, \u00dcbers. FK)<\/p>\n<p>Die Autorin der Serie hat laut Gay beschrieben, was sie kennt, aber das Problem liege vor allem darin begr\u00fcndet, wer heutzutage Serien \u00fcber ihr Coming-of-Age unter Freundinnen schreiben und produzieren kann und welche Protagonistinnen es sich leisten k\u00f6nnen, unbezahlte Praktika anzunehmen.<\/p>\n<p>Roxane Gay umschreibt popkulturelle Darstellungen, setzt diese miteinander in Verbindung und macht ihre gesellschaftliche Verankerung deutlich. Sie zeigt, wie ungeheuerlich selbstbestimmte Frauen* in Literatur und Fernsehen immer noch sind. Es ist daher kein Wunder, dass eine, die weibliche Unversch\u00e4mtheit in der Unterhaltungskultur zelebriert, auch mit dem schlechten Feminismus spielt.<\/p>\n<p>Phoebe Waller-Bridges Charakter der Fleabag fl\u00fcstert ihrer Schwester zu, \u201eWe are bad feminists\u201c, als die beiden als einziges Duo im Raum die Hand heben bei der Aufforderung: \u201ePlease raise your hands if you would trade five years of your life for the so-called perfect body.\u201c (Bitte heb deine Hand, wenn du f\u00fcnf Jahre deines Lebens f\u00fcr den so genannten perfekten K\u00f6rper eintauschen w\u00fcrdest; \u00dcbers. FK) Eingezw\u00e4ngt zwischen dem Verlangen, begehrt zu werden und dem dumpfen Gef\u00fchl, dass man damit seine feministische Haltung verr\u00e4t, sind die Charaktere vielleicht jenseits von gut und schlecht zun\u00e4chst ehrlich.<\/p>\n<p>Gays Feminismus will Widerspr\u00fcche und Komplexit\u00e4t aushalten und sichtbar machen. Im Gegensatz zu \u201eGirls\u201c und auch zu \u201eFleabag\u201c ist die Sichtweise der Autorin immer auch von den Intersektionen von Gender, race und Klasse gepr\u00e4gt: \u201eIch werde \u00fcber die Schnittpunkte dieser Probleme weiterhin nachdenken und schreiben [&#8230;]. Ich will nicht l\u00e4nger glauben, diese Probleme seien zu komplex f\u00fcr uns.\u201c (Gay 2019, S. 30) Stimmen wie ihre sind wichtig, wenn auch nicht mehr besonders ungew\u00f6hnlich auf der Suche nach Haltung und Zusammenhalt ohne Dogmatik. Auch diese Rezension enth\u00e4lt Spuren von Gespr\u00e4chen mit Freundinnen.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Freia Kuper<br \/>\nkritisch-lesen.de<\/p>\n<p class=\"fussnoten\">Roxane Gay: Bad Feminist. \u00dcbersetzt von: Anne Spielmann. btb Verlagsgruppe Random House, M\u00fcnchen 2019. 416 S., ca. 14.00 SFr, ISBN <a href=\"tel:9978-3-442-71781-1\">9978-3-442-71781-1<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roxane Gay: Bad Feminist. 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