{"id":1188285,"date":"2020-09-02T03:57:58","date_gmt":"2020-09-02T02:57:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1188285"},"modified":"2020-09-02T03:57:58","modified_gmt":"2020-09-02T02:57:58","slug":"misogynie-als-moderne-kriegsform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/09\/misogynie-als-moderne-kriegsform\/","title":{"rendered":"Misogynie als moderne Kriegsform"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rita Segato: Las nuevas formas de la guerra y el cuerpo de las mujeres.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Feminist:innen aus aller Welt griffen 2019 den Tanz \u201eUn Violador en tu Camino\u201c auf. Weniger bekannt ist, dass diese Performance auf den Texten Rita Segatos basiert. Einer davon kritisiert die Systematik aktueller Misogynie.<\/strong><\/p>\n<article>Zuerst waren es nur ein paar Dutzend Frauen und Queers in Chile. Dann aber folgten Tausende weltweit, die die Performance \u201eUn violador en tu camino\u201c (auf Deutsch: Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) auff\u00fchrten. Anlass war der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen am 27. November, an dem sich Feminist:innen weltweit auf den Strassen versammelten. Die Performance des chilenischen Kollektivs Las Tesis prangert die Mitt\u00e4terschaft des Staates und seiner Repr\u00e4sentanten an sexualisierter Gewalt an \u2013 und ging damit viral.Weniger bekannt ist, dass der Text der Performance auf die Schriften der Anthropologin Rita Segato zur\u00fcckgeht. Selten gelingt es, dass theoretische Arbeiten direkte Ideengeber und Inspirationsquelle f\u00fcr aktivistische Aktionen sind. Umso interessanter scheint die Auseinandersetzung mit Rita Segatos Werk.<\/p>\n<h3>Die neuen Kriege und Gewalt gegen Frauen<\/h3>\n<p>Die Entstellung der K\u00f6rper von ermordeten Frauen, deren Leichen an \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen f\u00f6rmlich ausgestellt werden, zeichnen ein Muster entgrenzter Grausamkeit und Gewalt. Woher kommt diese \u00fcberm\u00e4ssige Grausamkeit, die in Teilen Lateinamerikas zu beobachten ist? Wer \u00fcbt sie aus? Und zu welchem Zweck? Diesen Fragen geht Segato in ihrem Essay \u201eLas nuevas formas de la guerra y el cuerpo de las mujeres\u201c (auf Deutsch: Die neuen Formen des Krieges und der K\u00f6rper der Frauen) nach, der inzwischen ein Grundlagentext f\u00fcr feministische Theoretiker:innen und Aktivist:innen ist und bislang weder ins Englische noch ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde.<\/p>\n<p>Die neuen Kriege, von denen sie schreibt, sind keine Kriege mehr, die sich zwischen Nationalstaaten und auf Schlachtfeldern oder in Sch\u00fctzengr\u00e4ben abspielen. Es sind Kriege zwischen mafi\u00f6sen Banden, parastaatlichen Milizen und privaten Sicherheitskr\u00e4ften. Durch mangelnde Rechtsstaatlichkeit haben sie nur selten eine Bestrafung zu f\u00fcrchten. Denn bei aller n\u00f6tigen Unterscheidung je nach Region und Kontext, erlauben Korruption und Straflosigkeit den jeweiligen Akteuren, die sich in einem Gef\u00fcge aus staatlichen Institutionen, Wirtschaft und organisiertem Verbrechen bewegen, jeweilige Interessen, seien sie \u00f6konomisch oder machtpolitisch, ohne juristische Konsequenzen zu verfolgen.<\/p>\n<p>Staatliche Institutionen sind somit nicht unf\u00e4hig, sondern dulden die neuen Kriege, um jenes Gef\u00fcge zu stabilisieren. Was Segato als die neuen Kriege bezeichnet, folgt somit auch der Logik eines entfesselten Ordnungsregimes, das auf kapitalistischer Verwertung und globaler \u00d6konomie fusst: \u201eSo sind Verbrechen und die Akkumulation von Kapital mit illegalen Mitteln keine Ausnahmeerscheinung, sondern strukturell und zugleich strukturierend f\u00fcr Politik und \u00d6konomie.\u201c (S. 76, \u00dcbers. JF+SH)<\/p>\n<p>So sind die neuen Kriege durch eine hohe Informalit\u00e4t gepr\u00e4gt, nicht nur hinsichtlich der Akteure, sondern auch hinsichtlich ihrer Ziele. Es sind nicht wie fr\u00fcher klar abgesteckte, nationalstaatliche Territorien, deren Eroberung Ziel des Krieges ist. Dennoch bleibt die Notwendigkeit erhalten, den Gegner zu besiegen. Der Sieg wird durch die moralische Zerst\u00f6rung des Feindes errungen.<\/p>\n<h3>Wenn die Grausamkeit regiert<\/h3>\n<p>Auf den Kriegsschauplatz der Frauenmorde \u00fcbertragen heisst das: Mittels sexueller Gewalt zerst\u00f6rte Identit\u00e4ten definieren einen Sieg \u00fcber den Gegner. Sexuelle Gewalt, so die These Segatos, ist kein Nebenschauplatz des Krieges, sondern sein strategisches Ziel. Hierf\u00fcr reicht die Ermordung von Frauen nicht aus, denn nur entstellte K\u00f6rper und \u00f6ffentlich ver\u00fcbte Femizide verdeutlichen die Offensive gegen den Feind.<\/p>\n<p>Wenn Angreifer und Gesellschaft die gleichen Vorstellungen von Geschlechterverh\u00e4ltnissen haben, sprechen sie die gleiche Sprache und k\u00f6nnen sich verstehen. T\u00e4ter, die brutale Gewalt gegen Frauen im \u00f6ffentlichen Raum anrichten, kommunizieren einer Gruppe von Gleichrangigen ihre Machtposition in einem sozialen Gef\u00fcge. Sie stellen zur Schau, zu welcher Form des Beherrschens sie f\u00e4hig sind. Weibliche K\u00f6rper werden zum Medium der Machtdemonstration. Den Opfern gilt die Botschaft, dass ihre K\u00f6rper wertlos und ihre Lebensformen zu eliminieren seien. Diese Strategie nennt Segato P\u00e4dagogik der Grausamkeit:<\/p>\n<p>\u201eEs ist die Vernichtung des Feindes im K\u00f6rper der Frau, und der weibliche oder feminisierte K\u00f6rper ist (&#8230;) genau das Schlachtfeld, auf dem die Insignien des Sieges festgenagelt sind und das die physische und moralische Verw\u00fcstung darstellt\u201c (S. 81).<\/p>\n<p>P\u00e4dagogisch ist die Gewalt im doppelten Sinne: Einerseits indem sie den Aus\u00fcbenden des Krieges jegliches Mitgef\u00fchl entzieht, um anhand gr\u00f6sstm\u00f6glicher Desensibilisierung die T\u00e4ter auf die Aus\u00fcbung von Grausamkeit zu trimmen. Die Grausamkeit, die an Frauenk\u00f6rpern ausge\u00fcbt wird, ist andererseits unerl\u00e4sslich, um gehorsame und wenig widerst\u00e4ndige Subjekte zu erziehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Strategie feministischer K\u00e4mpfe ergibt sich hieraus die Chance und Notwendigkeit, sexualisierte Gewalt auf eine Art zu politisieren, die Rolle, Leben und schliesslich \u00dcberleben von Frauen in den Mittelpunkt stellt, indem die moralische Botschaft sexueller Gewalt entlarvt wird. Das Kollektiv Las Tesis findet daf\u00fcr konkrete Worte:<\/p>\n<p>El patriarcado es un juez<br \/>\nQue nos juzga por nacer<br \/>\nY nuestro castigo<br \/>\nEs la violencia que no ves<\/p>\n<p>(Auf Deutsch: Das Patriarchat ist ein Richter \/ Der uns f\u00fcr unsere Geburt verurteilt \/ Und unsere Strafe \/ Ist die Gewalt, die du nicht siehst)<\/p>\n<h3>Entmachtung, die in Hass umschl\u00e4gt<\/h3>\n<p>Gewalt gegen Frauen und Queers ist immer auch eine Reaktion auf deren steigende Autonomie und Selbstbestimmung. Entziehen sich Frauen und Queers einer m\u00e4nnlichen Dominanz, f\u00fchrt das bei M\u00e4nnern zu einem Gef\u00fchl der Entmachtung. Sie setzt eine Gewaltspirale in Gang, die unter bestimmten Umst\u00e4nden in Hass und Gewalt gegen Frauen umschl\u00e4gt. Segato gelingt es, sehr eindr\u00fccklich darzustellen, welche kommunikative Funktion sexuelle Gewalt hat.<\/p>\n<p>Sie vernachl\u00e4ssigt dabei jedoch, auch Frauen in diesem Gef\u00fcge als Akteur:innen in den Blick zu nehmen: Ohne die Verantwortung bei Frauen und Queers zu suchen, ist ihre aktive Rolle in Betracht zu ziehen, um zu verstehen, wie etwa die Transformation von Geschlechterverh\u00e4ltnissen einen Einfluss auf Gewaltdynamiken haben.<\/p>\n<p>Weniger gut gelingt es Segato, die unterschiedlichen sozialen Identit\u00e4ten einzubeziehen, die Frauen und Queers jeweils anderen Formen der Gewalt aussetzen. Aus ihrer Analyse kann deshalb nur unzureichend erkl\u00e4rt werden, weshalb die Opfer der brutalen Femizide insbesondere junge proletarische Frauen, h\u00e4ufig Migrant:innen sind.<\/p>\n<p>Auch die Dynamik hinsichtlich Transfemiziden vermag ihr Ansatz zumindest in diesem Essay nicht ausreichend zu erkl\u00e4ren; in ihrer Analyse bezieht sich Segato fast ausschliesslich auf cis-Frauen (also Frauen, deren zugeschriebenes Geschlecht mit der Geschlechtsidentit\u00e4t zusammenf\u00e4llt).<\/p>\n<h3>Alles Eifersuchtsdramen?<\/h3>\n<p>In Europa wird ein solcher informeller Krieg nicht in dieser Form gef\u00fchrt. Parastaatliche Strukturen gibt es nur punktuell. Femizide existieren, aber ihre Systematik ist eine andere: Meist finden sie nicht auf der Strasse, sondern im Zuhause statt, Opfer und T\u00e4ter sind in den h\u00e4ufigsten F\u00e4llen zusammen oder verwandt. Aber die Lekt\u00fcre von Segatos Essay ist auch f\u00fcr den hiesigen Kontext sehr erhellend.<\/p>\n<p>Mit ihren Theorien ist es m\u00f6glich, diese Gewalttaten nicht als Kollateralschaden des Patriarchats und schon gar nicht als tragische Beziehungstat oder Eifersuchtsdrama abzutun, sondern in ihrer Systematik zu begreifen: Femizide geschehen hierzulande entweder in F\u00e4llen von \u00f6konomischer Abh\u00e4ngigkeit oder in Umbruchsituationen, besonders wenn Frauen versuchen, sich aus der Abh\u00e4ngigkeit zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die m\u00e4nnlichen T\u00e4ter sehen sich und ihre Lebensform in Gefahr, wenn Frauen und Queers sich ihrer individuellen oder strukturellen Unterwerfung widersetzen. Die sexualisierte Gewalt oder der Femizid sind der Versuch des T\u00e4ters, seine Macht zur\u00fcckzugewinnen, seine \u00dcberlegenheit zur Schau zu stellen. Segato gelingt es, femizidale Gewalt im Kontext \u00f6konomischer Ausbeutung zu analysieren und so die Funktion von Gewalt gegen Frauen f\u00fcr eine kapitalistisch organisierte Gesellschaft auch \u00fcber den lateinamerikanischen Kontext hinaus sichtbar zu machen.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Jana Fl\u00f6rchinger und Susanne Hentschel<br \/>\n<a class=\"author_link\" href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/misogynie-als-moderne-kriegsform\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">kritisch-lesen.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rita Segato: Las nuevas formas de la guerra y el cuerpo de las mujeres. Feminist:innen aus aller Welt griffen 2019 den Tanz \u201eUn Violador en tu Camino\u201c auf. 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