{"id":1187575,"date":"2020-08-31T07:29:18","date_gmt":"2020-08-31T06:29:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1187575"},"modified":"2020-08-31T07:29:18","modified_gmt":"2020-08-31T06:29:18","slug":"angriffe-auf-pressefreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/08\/angriffe-auf-pressefreiheit\/","title":{"rendered":"Angriffe auf Pressefreiheit"},"content":{"rendered":"<p>In der chilenischen Hauptstadt Santiago herrschen strenge Ausgangsbeschr\u00e4nkungen \u2013 eigentlich um die Ausbreitung des Coronavirus zu vermeiden. Mit einem <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/thema\/repression-widerstand\/neuer-angriff-auf-alternative-medien-und-pressefreiheit\/\">Erlass vom 15. Juni<\/a> hat die Regierung Pi\u00f1era auch die Aktivit\u00e4ten alternativer Medien und kritischer Reporter*innen stark eingeschr\u00e4nkt. Ihre Arbeit gilt demnach als nicht systemrelevant. Ihre Reporter*innen bekommen meist keine Passierscheine, k\u00f6nnen sich somit nicht bewegen und auch nicht berichten. In einigen F\u00e4llen legte die Polizei sogar die bestehenden Regelungen willk\u00fcrlich aus und schr\u00e4nkte dadurch das Recht auf \u00f6ffentliche Meinungs\u00e4u\u00dferung und die Pressefreiheit weiter ein.<\/p>\n<p>So z.B. am 31. Juli, dem Tag, an dem der chilenische Pr\u00e4sident Sebasti\u00e1n Pi\u00f1era seine j\u00e4hrliche Regierungsansprache hielt und Menschen im ganzen Land dagegen protestierten. Bei einer Kundgebung der Gewerkschaft \u201eCentral Clasista\u201c in Santiago wurde Guillermo Ulloa, einer der Organisatoren, festgenommen \u2013 und auch Carlos Escobar, der als Reporter von <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/thema\/kultur-medien\/onda-reinhoerer-radio-plaza-de-la-dignidad\/\">Radio Plaza de la <\/a><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/thema\/kultur-medien\/onda-reinhoerer-radio-plaza-de-la-dignidad\/\">Dignidad<\/a> dort war. Er hatte davon berichtet, wie die Polizei die Gewerkschaftskundgebung von Beginn an unterband. Er filmte die Szene \u2013 und dabei auch <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/617794705076011\/posts\/1402462249942582\/\">seine eigene Verhaftung<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Reporter filmt seine eigene Verhaftung<\/strong><\/p>\n<p>Auf der Videoaufnahme ist zuerst zu sehen, wie Polizisten ein beschlagnahmtes Transparent ansehen. Pl\u00f6tzlich kommt ein Polizist auf den \u2013 noch filmenden \u2013 Reporter zu und fordert ihn auf, mitzukommen. Carlos Escobar sagt, er sei Pressevertreter und habe sich bereits ausgewiesen. Dennoch wird er in das Polizeifahrzeug abgef\u00fchrt, in dem der Gewerkschafter Guillermo Ulloa bereits sitzt. Er wird aufgefordert, das Handy auszuschalten. Die T\u00fcr wird zugeschlagen, die Videoaufnahme stoppt.<\/p>\n<p>Drei Stunden sp\u00e4ter kommt Carlos Escobar wieder frei. Vor einer Polizeiwache stehend berichtet er erneut: \u201eIch war als unabh\u00e4ngiger Pressevertreter bei der Kundgebung der Gewerkschaft \u201aCentral Clasista\u2018, die von der Polizei unterbunden wurde. W\u00e4hrend ich dar\u00fcber berichtete, wurde ich brutal festgenommen. Der Gewerkschafter und ich wurden auch in dem Polizeifahrzeug bedr\u00e4ngt. Danach wurden wir hierher, auf die 19. Polizeiwache gebracht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Festnahme trotz Presseakkreditierung<\/strong><\/p>\n<p>Im Video ist zu sehen, dass Carlos Escobar seine Pressekarte um den Hals tr\u00e4gt. Er ist Reporter des Bewegungsradios Radio Plaza de la Dignidad und akkreditierter internationaler Korrespondent, da er auch f\u00fcr Medien in Deutschland berichtet. Per Telefon erkl\u00e4rt er, dass er vor der Festnahme bereit kontrolliert worden war: \u201eIch habe einen g\u00fcltigen Passierschein, den Presseausweis und meine internationale Akkreditierung vorgezeigt. Die Polizisten hatten nichts zu beanstanden. So begann ich zu filmen und dabei wurde ich festgenommen. Die ganze Zeit \u00fcber, stundenlang war ich auf der Polizeiwache in Handschellen. Ich durfte weder telefonieren, noch wurde ich \u00fcber meine Rechte aufgekl\u00e4rt.\u201c Beunruhigt berichtet er weiterhin: \u201eAls ich schon wieder frei war, sagte ein Zivilpolizist dem noch auf der Polizeiwache festgehaltenen Gewerkschafter gegen\u00fcber, sie w\u00fcssten, welche Leute das Radio Plaza de la Dignidad betreiben. Er z\u00e4hlte alle Namen einzeln auf und sagte, dass sie uns beobachten.\u201c<\/p>\n<p><strong>Polizei hat kritische Berichterstattung im Visier<\/strong><\/p>\n<p>Eine bedrohliche Situation f\u00fcr das Radio Plaza de la Dignidad. Es war 2019 aus der Protestbewegung entstanden, die sich an einer Fahrpreiserh\u00f6hung entz\u00fcndet hatte und unter dem Label \u201eChile despert\u00f3\u201c, also \u201eChile ist aufgewacht\u201c, monatelang teilweise \u00fcber eine Million Menschen auf die Stra\u00dfen zog: f\u00fcr eine neue Verfassung, f\u00fcr mehr soziale Gerechtigkeit, f\u00fcr die Rechte von Frauen und der indigenen <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/mapuche\/\" data-cmtooltip=\"Die indigene Gruppe der Mapuche breitete sich historisch aus der Region der Araucan\u00eda im heutigen Chile nach Argentinien aus. In beiden L\u00e4ndern k\u00e4mpfen Mapuche-Gruppen heute um ihre Territorien und ihre Unabh\u00e4ngigkeit. Dabei kommt es immer wieder zu extremer, staatlich legitimerter Gewalt durch Polizeieinheiten und zu Kriminalisierung. Die Sprache der Mapuche ist das Mapudungun. Mapu hei\u00dft \u201eErde\u201c oder \u201eLand\u201c und Che hei\u00dft \u201eMenschen\u201c. \">Mapuche<\/a>. Erst Covid-19 bremste die Bewegung aus. Heute finden an vielen Orten wieder <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/106816594195436\/posts\/189563155920779\/\">Protestaktionen<\/a> statt, oft treibt der Hunger die Menschen auf die Stra\u00dfe oder sie organisieren Gemeinschaftsk\u00fcchen, die sogenannten \u201eollas comunes\u201c. Radio Plaza de la Dignidad berichtet regelm\u00e4\u00dfig dar\u00fcber \u2013 z.B. mit Videos auf Facebook.<\/p>\n<p><strong>Basismedien berichten \u00fcber Protestaktionen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eInzwischen sind wir zu einem der wichtigsten unabh\u00e4ngigen Medien geworden. Und die sind am st\u00e4rksten von der Kriminalisierung betroffen\u201c, sagt Carlos Escobar, denn: \u201eDie gro\u00dfen, offiziellen Medien werden von m\u00e4chtigen Unternehmen gef\u00fchrt. Aber die unabh\u00e4ngigen Medien sind diejenigen, die kritisch dar\u00fcber informieren, was in Chile gerade passiert. Der Druck auf uns ist sehr gro\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Der Vorwurf gegen Medienaktivist Carlos Escobar und Gewerkschafter Guillermo Ulloa lautet, sie h\u00e4tten die \u00f6ffentliche Gesundheit gef\u00e4hrdet \u2013 dabei haben beide bei der Demonstration, auf der sie festgenommen wurden, Masken getragen und sich an alle Auflagen gehalten. Die Vereinigung unabh\u00e4ngiger Reporter*innen ARI hat eine <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sindicatoari\/posts\/2637469439804027\/\">Erkl\u00e4rung<\/a> in Solidarit\u00e4t mit Carlos Escobar nach dessen Verhaftung ver\u00f6ffentlicht. W\u00e4hrend der Vorwurf gegen den Gewerkschafter nach Intervention von Rechtsanw\u00e4lten wieder fallen gelassen wurde, besteht er gegen den Reporter des Bewegungsradios fort. Damit l\u00e4uft Carlos Escobar weiterhin Gefahr, bei der n\u00e4chsten Berichterstattung wieder verhaftet zu werden \u2013 m\u00f6glicherweise auch f\u00fcr l\u00e4nger als nur ein paar Stunden.<\/p>\n<p>Doch sein Fall ist nicht der Einzige. Am 9. August wurde in der Stadt Rancagua ein Medienaktivist vom dortigen Radio Manque verhaftet. Er hatte w\u00e4hrend eines Auftritts von Pr\u00e4sident Pi\u00f1era gefilmt.<\/p>\n<p><em>Zu diesem Artikel gibt es auch einen Podcast bei <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/thema\/kultur-medien\/reporter-verhaftet-pressefreiheit-beschraenkt-covid19-machts-moeglich\/\">Radio onda<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der chilenischen Hauptstadt Santiago herrschen strenge Ausgangsbeschr\u00e4nkungen \u2013 eigentlich um die Ausbreitung des Coronavirus zu vermeiden. Mit einem Erlass vom 15. Juni hat die Regierung Pi\u00f1era auch die Aktivit\u00e4ten alternativer Medien und kritischer Reporter*innen stark eingeschr\u00e4nkt. 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