{"id":1184299,"date":"2020-08-28T12:05:02","date_gmt":"2020-08-28T11:05:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1184299"},"modified":"2020-08-28T12:05:02","modified_gmt":"2020-08-28T11:05:02","slug":"coronaviren-wenn-die-natur-ploetzlich-zurueckschlaegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/08\/coronaviren-wenn-die-natur-ploetzlich-zurueckschlaegt\/","title":{"rendered":"Coronaviren \u2013 wenn die Natur pl\u00f6tzlich zur\u00fcckschl\u00e4gt"},"content":{"rendered":"<h4><em>Das folgende Interview mit Prof. Dr. Matthias Glaubrecht, Biologe und Direktor des Centrums f\u00fcr Naturkunde in Hamburg, wurde von Svenja Furken, Vorstandsmitglied von PROVIEH e.V. gef\u00fchrt und erschien erstmals in &#8222;respektiere leben.&#8220; &#8211; Das Magazin f\u00fcr &#8222;Nutz&#8220;tierschutz. <\/em><\/h4>\n<p><strong>Herr Professor Glaubrecht, Sie haben seit Beginn der Corona Pandemie in einigen Gastbeitr\u00e4gen gro\u00dfer Tageszeitungen den internationalen Wildtierhandel als Ursache des Corona-Ausbruchs benannt. K\u00f6nnen Sie das n\u00e4her erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Etwa 60 Prozent aller Infektionskrankheiten beim Menschen sind tierischen Ursprungs. Influenza, HIV, Ebola, Salmonelleninfektionen, Borreliose, West-Nil-Fieber \u2013 um nur einige zu nennen. Auch Coronaviren werden von Tieren auf Menschen \u00fcbertragen. Die meisten der sieben beim Menschen bekannten Coronaviren l\u00f6sen jedoch nur leichte Erk\u00e4ltungssymptome aus.<\/p>\n<p>Anders war es, als im Jahr 2002 in Asien pl\u00f6tzlich ein neuartiges Coronavirus auftauchte, das schwere Lungenentz\u00fcndungen verursachte und etwa 800 Menschen das Leben kostete. Das Virus erhielt den Namen SARS-CoV, oder kurz SARS. Untersuchungen ergaben, dass vor allem Flederm\u00e4use das nat\u00fcrliche Reservoir f\u00fcr Coronaviren bilden. Bei der Suche nach Infektionsketten von Erkrankten konnte au\u00dferdem bald der Larvenroller, eine in B\u00e4umen lebende Schleichkatzenart, als Zwischenwirt identifiziert werden.<\/p>\n<p>Man hatte bereits vermutet, dass bei der \u00dcbertragung ein Zwischenwirt n\u00f6tig sein musste, da es nur vergleichsweise wenig direkte Kontakte zwischen Mensch und Flederm\u00e4usen gibt. So hatten sich in einem Restaurant, in dem Larvenroller lebend gehalten und als Delikatesse zum Verzehr angeboten wurden, sowohl Mitarbeiter als auch ein Gast infiziert.<\/p>\n<p>Die genetische \u00dcbereinstimmung zwischen dem entdeckten Coronavirus in diesen Schleichkatzen und dem SARS-Coronavirus beim Menschen war zudem h\u00f6her als bei Flederm\u00e4usen.<\/p>\n<p>Schon 2012 folgte ein erneuter Coronavirus-Ausbruch mit abermals aggressivem Verlauf einer Krankheit, die wir inzwischen unter dem Namen MERS kennen. Damals kursierte das neue Virus auf der Arabischen Halbinsel. Wieder bildeten Flederm\u00e4use das nat\u00fcrliche Reservoir f\u00fcr die Erkrankung. Die \u00dcbertragung vom Tier auf den Menschen erfolgte hier aber offensichtlich \u00fcber Dromedare als Zwischenwirt.<\/p>\n<p>Sowohl SARS als auch MERS blieben lokal begrenzt und konnten sich nicht zu einer Pandemie entwickeln. Grund daf\u00fcr ist die wenig erfolgreiche \u00dcbertragung des Erregers von Mensch zu Mensch.<\/p>\n<p>Anders sieht die aktuelle Situation aus. Wieder haben wir es mit einer infekti\u00f6sen Variante eines neuartigen Coronavirus zu tun. Allerdings ist diesmal die Ansteckung von Mensch zu Mensch sehr effizient, was die Ausbreitung der Erkrankung binnen nur weniger Wochen \u00fcber den gesamten Globus erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>Von den 100 Erstinfektionen mit diesem neuartigen Coronavirus hatten 48 Personen Kontakt zu einem Wildtiermarkt in Wuhan. Wie auf vielen asiatischen M\u00e4rkten wurden dort \u2013 unter oft abenteuerlichen hygienischen Bedingungen \u2013 neben Fisch und Meeresfr\u00fcchten auch Dutzende Arten exotischer Wildtiere zum Verkauf angeboten. Dicht gedr\u00e4ngt waren Schlangen und Schildkr\u00f6ten, Nagetiere und allerlei Katzenverwandte bis hin zu V\u00f6geln lebend in K\u00e4fige gepfercht, w\u00e4hrend nebenan frisch geschlachtete Tiere zum Verzehr zerlegt wurden. Von einem oder einigen dieser Tiere k\u00f6nnte der Erreger auf Menschen \u00fcbergesprungen sein.<\/p>\n<p>In einer \u00fcbereilten S\u00e4uberungsaktion wurde daraufhin s\u00e4mtliches potentielles Erregermaterial (lebende Tiere und Fleisch) auf dem verd\u00e4chtigen Markt in Wuhan von den chinesischen Beh\u00f6rden vernichtet. Dabei ging Wissenschaftlern wichtiges Beweismaterial verloren, was die Suche nach dem \u00dcbertr\u00e4ger zun\u00e4chst erschwerte.<\/p>\n<p>Den Hinweis auf einen m\u00f6glichen Zwischenwirt, brachten aber schon bald mehrere beschlagnahmte Schuppentiere aus zwei anderen chinesischen Provinzen. Die Untersuchung dieser Tiere, die entfernt mit Katzen und Mardern verwandt sind, zeigte, dass sie Coronaviren in sich trugen und diese au\u00dferdem eine zum Teil sehr hohe genetische \u00dcbereinstimmung mit dem neuartigen SARS-CoV-2 beim Menschen hatten.<\/p>\n<p>Schuppentiere, auch Pangoline genannt, geh\u00f6ren zu den am meisten illegal gehandelten Wildtieren \u00fcberhaupt, und das obwohl sie eigentlich streng gesch\u00fctzte Arten sind. Es gibt weltweit acht verschiedene Schuppentierarten, davon vier in Afrika und vier in Asien. Alle sind bedroht und alle werden illegal gehandelt. Auch Deutschland spielt \u00fcber das Drehkreuz Frankfurter Flughafen eine traurige Rolle beim Schmuggel dieser gesch\u00fctzten Wildtiere. Sie werden zu Hunderttausenden gefangen und landen \u00fcberwiegend auf Wildtierm\u00e4rkten in China.<\/p>\n<p>Ihr Fleisch gilt dort als Delikatesse und wird zunehmend zum Luxusprodukt einer aufstrebenden Mittelschicht. Ihre Schuppen, die aus Keratin bestehen \u2013 also dem gleichen Material wie unsere Fu\u00df-und Fingern\u00e4gel &#8211; sind in der traditionellen chinesischen Medizin zudem sehr gefragt und haben, \u00e4hnlich wie das begehrte Horn der Nash\u00f6rner, einen sehr hohen Handelswert.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man den weltweiten Wildtierhandel stoppen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Wildtierm\u00e4rkte m\u00fcssen umgehend weltweit verboten und der Handel mit Wildtieren gestoppt werden. Das gilt nicht nur f\u00fcr die M\u00e4rkte in Asien. Auch der Verzehr von sogenanntem Bushmeat (Wildfleisch) ist in Afrika sehr verbreitet und hat dort bereits zu lokalen Ebola-Epidemien gef\u00fchrt \u2013 und die weltweite Ausbreitung des HIV Erregers verursacht.<\/p>\n<p>Das Verbot solcher Wildtierm\u00e4rkte ist nat\u00fcrlich leichter gesagt als getan, da der Verzehr dieser Tiere oder auch ihre Anwendung in der Medizin mit Traditionen verkn\u00fcpft sind. Stellen Sie sich vor, wir w\u00fcrden den Franzosen den Konsum von Rotwein und K\u00e4se verbieten wollen.<\/p>\n<p>Dennoch m\u00fcssen wir an die Verantwortung dieser L\u00e4nder appellieren. Ihr Konsumverhalten gef\u00e4hrdet die Weltbev\u00f6lkerung und richtet gesundheitliche und wirtschaftliche Sch\u00e4den von katastrophalem Ausma\u00df an.<\/p>\n<p><strong>Als Fachverband f\u00fcr Nutztierschutz interessiert uns nat\u00fcrlich auch die Rolle der Nutztiere bei der \u00dcbertragung von Krankheiten \u2013 und m\u00f6glichen Pandemien.<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem sogenannten Neolithikum, also der Sesshaftwerdung und der beginnenden Nutztierhaltung vor 8.000 Jahren oder fr\u00fcher, r\u00fcckten Menschen und ihre domestizierten Haustiere erstmals n\u00e4her zusammen. Gleichzeitig wuchs die Bev\u00f6lkerungszahl zu dieser Zeit deutlich an, was es Krankheitserregern von Mensch und Tier leichter machte, sich auszutauschen und zu verbreiten.<\/p>\n<p>Viele unserer heutigen Infektionskrankheiten, die wir als Kinder durchleiden, haben ihren Ursprung in dieser fr\u00fchen Phase des engen Zusammenlebens zwischen Mensch und Tier.<\/p>\n<p>Durch die moderne Intensivtierhaltung haben wir das Problem noch einmal versch\u00e4rft. Die Haltung sehr vieler Tiere auf engstem Raum bietet Krankheitserregern besten N\u00e4hrboden und ein gro\u00dfes Spielfeld, in dem Evolution im Zeitraffer stattfinden kann.<\/p>\n<p>Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis im tierischen Erreger Mutationen oder genetische Rekombinationen entstehen, die eine \u00dcbertragung auf Menschen m\u00f6glich machen. Dieses Szenario haben wir bereits bei dem Vogelgrippeerreger H5N1 im Jahr 2006 aus Gefl\u00fcgelhaltungen in Asien oder der Schweinegrippe 2010 aus Schweinehaltungen in Mexiko erlebt. Beide Epidemien verliefen, \u00e4hnlich wie bereits SARS und MERS, mit nur wenigen Toten, sehr glimpflich. Auch ihnen fehlte noch eine entscheidende Komponente: die M\u00f6glichkeit der effizienten \u00dcbertragung der Infektion von Mensch zu Mensch.<\/p>\n<p>Was passiert, wenn sich ein neuartiges Virus verbreitet, bei dem die \u00dcbertragung von Mensch zu Mensch sehr effizient verl\u00e4uft, zeigte die verheerende \u201eSpanische Grippe\u201c von 1918 bis 1920, die wahrscheinlich mehr Todesopfer forderte, als die Kriegstoten des 1. und 2. Weltkrieges zusammen.<\/p>\n<p>Welches Ausma\u00df die aktuelle Corona-Pandemie annehmen wird, wird sich in den n\u00e4chsten Monaten noch zeigen.<\/p>\n<p><strong>In Ihren Fachartikeln haben Sie von globaler Verantwortung gesprochen. Was bedeutet das Ihrer Meinung nach?<\/strong><\/p>\n<p>Das Zusammentreffen von Wildtieren, Nutztieren und Menschen auf \u00fcberf\u00fcllten Lebendtierm\u00e4rkten stellt eine nicht kalkulierbare Gefahr dar. In Kombination mit unserer hohen Bev\u00f6lkerungsdichte und enormen Mobilit\u00e4t \u00fcber Kontinente hinweg, kann so in Windeseile aus einer regionalen Epidemie eine Pandemie erwachsen, so wie wir es jetzt gerade erleben.<\/p>\n<p>Doch das Problem ist noch viel komplexer. Auch die Vernichtung von Lebensr\u00e4umen l\u00e4sst Menschen und Wildtiere ungewollt n\u00e4her zusammenr\u00fccken.<\/p>\n<p>Wir alle tragen durch unser Konsumverhalten zur Vernichtung von Lebensr\u00e4umen bei. Denken wir dabei allein an die Vernichtung von Regenw\u00e4ldern f\u00fcr den Anbau von Palm\u00f6l in S\u00fcdostasien oder den Sojaanbau in S\u00fcdamerika.<\/p>\n<p>Wir machen uns damit nicht nur am gr\u00f6\u00dften Artensterben, das unser Planet seit dem Aussterben der Dinosaurier erlebt hat, schuldig, sondern riskieren zus\u00e4tzlich die Ausbreitung gef\u00e4hrlicher Seuchen durch den engen Kontakt zu Wildtieren.<\/p>\n<p>Wir sollten uns aktuell nicht nur um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sorgen, sondern uns klar machen, dass dies nicht die letzte Pandemie sein wird.<\/p>\n<p>Wenn es uns nicht gelingen wird, m\u00f6glichst schnell eine gemeinsame kulturelle L\u00f6sung f\u00fcr unsere globalen Probleme zu finden, wird es wom\u00f6glich irgendwann eine biologische L\u00f6sung aus der Natur geben. Daf\u00fcr braucht es kein Supervirus aus dem Labor.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Prof. Dr. Matthias Glaubrecht wurde 1962 in Hamburg geboren. Er studierte an der Universit\u00e4t Hamburg Biologie, wo er 1994 promoviert wurde. Zwischen 2006 und 2009 war Glaubrecht Leiter der Forschungsabteilung im Naturkundemuseum Berlin. 2011 habilitierte er sich an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin. Im Jahr 2014 wurde er zum Direktor des Centrums f\u00fcr Naturkunde in Hamburg ernannt. <\/i><\/p>\n<p><i>Glaubrecht ist au\u00dferdem als Buchautor und als Wissenschaftsjournalist f\u00fcr zahlreiche Zeitschriften und Zeitungen t\u00e4tig. Glaubrecht warnt: \u201eWir verlieren wahrscheinlich vor allen Dingen uns selber, einen <\/i><i>Gro\u00dfteil der Menschheit. Es wird das Ende der Evolution sein mit den Tieren und Pflanzen und die belebte Welt, wie wir sie kennen\u201c.\u00a0 In seinem neuen Werk \u201e<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Das-Ende-Evolution-Mensch-Vernichtung\/dp\/3570102416\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Das Ende der Evolution: Der Mensch und die Vernichtung der Arten<\/a>\u201c befasst er sich ausf\u00fchrlich mit dem Thema (erschienen im C. Bertelsmann Verlag; Originalausgabe vom 3. Dezember 2019).<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><i>Das Interview wurde von Svenja Furken, PROVIEH-Vorstandsmitglied, gef\u00fchrt und erschien erstmals in <\/i><i>&#8222;respektiere leben.&#8220; &#8211; Das Magazin f\u00fcr &#8222;Nutz&#8220;tierschutz <\/i><i>(Ausgabe 2 \/ 2020).<\/i><i> <\/i><i>Das Magazin kann <a href=\"https:\/\/provieh.de\/downloads_provieh\/PROMA-02-20_12%2008%202020.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier als PDF<\/a> kostenlos heruntergeladen werden. Die Printausgabe kann hier im <a href=\"https:\/\/www.provieh-shop.de\/shop\/magazine\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PROVIEH-Shop<\/a> bestellt werden.<\/i><\/strong><\/p>\n<p><strong><i>Wir bedanken uns bei PROVIEH f\u00fcr die freundliche Genehmigung zur Publikation.<\/i><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das folgende Interview mit Prof. Dr. Matthias Glaubrecht, Biologe und Direktor des Centrums f\u00fcr Naturkunde in Hamburg, wurde von Svenja Furken, Vorstandsmitglied von PROVIEH e.V. gef\u00fchrt und erschien erstmals in &#8222;respektiere leben.&#8220; &#8211; Das Magazin f\u00fcr &#8222;Nutz&#8220;tierschutz. 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