{"id":1180160,"date":"2020-08-18T04:52:04","date_gmt":"2020-08-18T03:52:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1180160"},"modified":"2020-08-18T04:52:04","modified_gmt":"2020-08-18T03:52:04","slug":"assata-shakur-assata-eine-autobiografie-die-erzaehlungen-einer-pantherin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/08\/assata-shakur-assata-eine-autobiografie-die-erzaehlungen-einer-pantherin\/","title":{"rendered":"Assata Shakur: Assata. Eine Autobiografie  &#8211;  Die Erz\u00e4hlungen einer Pantherin"},"content":{"rendered":"<article>Assata Olugbala Shakur, geboren am 16. Juli 1947, z\u00e4hlt zu den bekanntesten Aktivist*innen der afroamerikanischen Befreiungsbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre und war Mitglied der Black Panther Party sowie der Black Liberation Army. 1977 wurde sie wegen Mordes an einem Polizisten verurteilt. Insgesamt war sie sechseinhalb Jahre in unterschiedlichen Haftanstalten in den USA inhaftiert, bevor sie 1979 aus einem Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis befreit wurde. Seit 1984 lebt Shakur im politischen Asyl auf Kuba. 2013 wurde sie vom FBI als erste Frau auf die Liste der meistgesuchten Terrorrist*innen gesetzt.Die Autobiografie (1988 erstver\u00f6ffentlicht, auf Deutsch zuerst 1990 erschienen, hier besprochen die Neu\u00fcbersetzung von 2017) beginnt mit einer Schilderung der Ereignisse, die zu Assata Shakurs Inhaftierung f\u00fchrten \u2013 eine Verkehrskontrolle, die in einer Schiesserei endete und deren Umst\u00e4nde nie vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt wurden. Im Folgenden wechseln Berichte \u00fcber Gerichtsverfahren und ihre Erfahrungen in Haft mit Erinnerungen an Kindheit, Aufwachsen und junges Erwachsenenleben. Letztere berichten ausserdem von ihrer zunehmenden Politisierung bis hin zu ihrer Mitgliedschaft und Aktivit\u00e4t in der Black Panther Party und der Black Liberation Army. Am Ende jedes Kapitels finden sich zudem pers\u00f6nliche, lyrische Texte.<\/p>\n<h3>Aufwachsen im Rassismus<\/h3>\n<p>In den Abschnitten zu Kindheit und Jugend berichtet Shakur in sehr klarer und pers\u00f6nlicher Sprache vom Leben in den von strukturellem Rassismus gepr\u00e4gten USA. Beginnend mit dem Aufwachsen bei ihren Grosseltern im North Carolina der 1950er Jahre, wo ethnische Segregation und offener Rassismus in allen Lebensbereichen gegenw\u00e4rtig waren, schildert sie nachfolgend subtilere Formen rassistischer Diskriminierung und Gewalt im New York der 1960er Jahre. Sie berichtet von internalisiertem Rassismus, (teilweise sexualisierten) \u00dcbergriffen und Diskriminierungen sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich.<\/p>\n<p>\u201eEines Tages kam ich aus dem Laden und sah Joe. Er gesellte sich zu mir und begleitete mich ein St\u00fcck. [\u2026] Dann platze er pl\u00f6tzlich heraus: \u201aWillst du mit mir gehen?\u2018 [\u2026] Ich war regelrecht schockiert. Hatte er wirklich geglaubt, dass ich mit ihm gehen und meinen guten Ruf ruinieren w\u00fcrde? \u201aNein\u2018, erwiderte ich. \u201aNein\u2018, wiederholte er, \u201awarum nicht?\u2018 [\u2026] Ich stammelte und stotterte, und dann stiess ich mit eisiger Schonungslosigkeit aus: \u201aWeil du zu schwarz und zu h\u00e4sslich bist.\u2018\u201c (S. 114)<\/p>\n<p>Sie zeichnet so ein Bild der strukturellen Ungleichheit in Politik, Bildung und dem Wirtschaftssystem der USA, das dem heutigen stark \u00e4hnelt. Dar\u00fcber hinaus erz\u00e4hlt sie von ihrer famili\u00e4ren, kulturellen und politischen Bildung und davon, wie ihr das rassistische System, in dem sie aufgewachsen ist und in dem sie lebt, zunehmend bewusster wird.<\/p>\n<p>\u201eIn Amerika sind Schulen daran interessiert, dir mit Amerikanismus das Hirn zu waschen, dir ein bisschen Bildung zu verpassen und Fertigkeiten anzutrainieren, die das kapitalistische System braucht, um zu funktionieren. Solange wir von den Schulen Amerikas erwarten, uns zu bilden, werden wir dumm und unwissend bleiben.\u201c (S. 248)<\/p>\n<p>Kulturelle Bildung erlangt sie in ihrer Kindheit prim\u00e4r durch den Einfluss ihrer Tante, die sie an Bildende Kunst, Film und Theater heranf\u00fchrt. Shakur \u00e4ussert grundlegend Kritik am US-amerikanischen Bildungssystem und dem ihm immanenten Rassismus. Insbesondere kritisiert sie dabei die mangelnde Weitergabe von Wissen \u00fcber Sklaverei und den amerikanischen B\u00fcrgerkrieg sowie ein dominantes eurozentristisches Narrativ, das mit einer Vernachl\u00e4ssigung afrikanischer beziehungsweise afroamerikanischer Geschichte und Kultur einhergeht.<\/p>\n<p>Ende der 1960er Jahre kommt sie an der Universit\u00e4t in Kontakt mit der B\u00fcrgerrechtsbewegung, wo sie zunehmend Wissen \u00fcber Black History und afrikanische Kultur erlangt, sich in der Schwarzen Community vernetzt und engagiert und ihren Namen wechselt. Sie identifiziert sich als afrikanische Frau, deren Denken, F\u00fchlen, Herz und Seele nach Afrika zur\u00fcckgekehrt seien, deren Name \u2013 JoAnne Chesimard \u2013 jedoch in Europa gestrandet sei. Der Nachname Chesimard, den sie von ihrem kurzzeitigen Ehemann \u00fcbernommen hatte, verweist auf den Sklavenhalter seiner Vorfahren. Als neuen Namen w\u00e4hlt sie einen, der mit Kampf assoziiert werden kann: Assata (\u201edie K\u00e4mpfende\u201c) Olugbala (\u201eLiebe zu den Menschen\u201c) Shakur (\u201edie Dankbare\u201c).<\/p>\n<h3>\u201eTo my people\u201c<\/h3>\n<p>Durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Unterdr\u00fcckung \u00f6ffnet sich ihr Blick zudem f\u00fcr die multiplen Formen von Unterdr\u00fcckung, die in unserer Gesellschaft pr\u00e4sent sind. Eine programmatische Sequenz ist in diesem Kontext die Rede \u201eTo my people\u201c, in der Assata Shakur ihre individuelle Geschichte in globale Kontexte der Schwarzen B\u00fcrgerrechtsbewegung einbettet. Sie schildert die politische, soziale und juristische Ungerechtigkeit ihrer pers\u00f6nlichen Situation und ordnet sie als Teil eines etablierten Unterdr\u00fcckungssystems ein.<\/p>\n<p>Sie besch\u00e4ftigt sich dabei nicht allein mit den Effekten von Rassismus, sondern ebenfalls mit den gesellschaftlichen Bedingungen, die eine rassistische Ideologie erst erm\u00f6glichen und erzeugen und sieht deren Ursprung im Kapitalismus und dessen didaktischen, kulturellen und \u00f6konomischen Logiken. In diesem Kontext betont sie, dass ein antirassistischer Kampf immer zugleich auch antikapitalistisch und feministisch sein m\u00fcsse und spricht sich zudem f\u00fcr eine Untrennbarkeit von Theorie und Praxis aus, die f\u00fcr ihr gesamtes Denken programmatisch ist.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr mich musste der revolution\u00e4re Kampf der Schwarzen sich gegen Rassismus, Kapitalismus, Imperialismus und Sexismus richten und auf echte Freiheit unter einer sozialistischen Regierung abzielen.\u201c (S. 268)<\/p>\n<h3>Macht und Kontrolle<\/h3>\n<p>In den Passagen \u00fcber ihre Haftaufenthalte und Gerichtsverfahren gibt sie Einblick in einen rassistischen Strafvollzug sowie die rassistische Struktur des US-amerikanischen Justizsystems (gepr\u00e4gt unter anderem von racial profiling, den \u00fcberproportionalen Inhaftierungsraten von Afroamerikaner*innen und mangelnder Repr\u00e4sentation von PoC in juristischen Berufen). Ende der 1960er- und Anfang der 1970er Jahre wurde sie Ziel einer landesweiten Fahndung, nachdem sie zur Hauptverd\u00e4chtigen bei einer Serie von Bank\u00fcberf\u00e4llen und Mordversuchen erkl\u00e4rt wurde, bevor sie schliesslich 1973 verhaftet wurde. Aus einer dem Buch vorangestellten chronologischen \u00dcbersicht \u00fcber die Gerichtsverfahren geht hervor, dass alle Anklagen bis auf die des Mordes an einem Polizisten abgewiesen wurden beziehungsweise die Verfahren mit Freispruch endeten. Dass sie dennoch verhaftet wird, muss im Kontext systematischer polizeilicher Repression Schwarzer Bewegungen betrachtet werden.<\/p>\n<p>Die meiste Zeit ihrer Inhaftierung in unterschiedlichen Gef\u00e4ngnissen in den USA verbrachte Shakur in Einzelhaft; teilweise in M\u00e4nnergef\u00e4ngnissen. Sie berichtet von unzureichender medizinischer Versorgung, schlechten Hygienebedingungen, untersagtem Zugang zu Rechtsberatung, physischen und psychischen \u00dcbergriffen sowie von N\u00f6tigung. Dar\u00fcber hinaus gibt sie einen detaillierten Einblick in den Kampf um gerechte Repr\u00e4sentation und Gleichheit vor Gericht.<\/p>\n<h3>Kein Aktivismus ohne Selbstkritik<\/h3>\n<p>An einigen Stellen bleibt das Geschriebene \u2013 in gewissem Masse sicherlich der Gattung Autobiografie geschuldet \u2013 vage, weshalb eine kritische Lekt\u00fcre und weitere Recherche empfehlenswert sind. Schade ist, dass die Autobiografie eine tiefer gehende Analyse der angesprochenen strukturellen Repression nicht ausf\u00fchrt, wie beispielsweise die systematische \u00dcberwachung, Unterwanderung, St\u00f6rung und Verfolgung politisch aktiver Gruppierungen und Einzelpersonen durch Programme wie COINTELPRO (Counterintelligence Program) des FBI, die in den letzten Kapiteln des Buches sowie insbesondere in den Vorworten von Angela Davis und Lennox S. Hinds zwar aufgegriffen werden, jedoch nicht ins Detail gehen. Als hilfreich f\u00fcr eine weitere Recherche erweisen sich hier jedoch die Anmerkungen mit weiterf\u00fchrenden Informationen.<\/p>\n<p>Die in zug\u00e4nglicher, direkter und kraftvoller Sprache verfasste Autobiografie stellt eine wichtige Position im Kontext afroamerikanischer Befreiungsbewegungen dar. Sie regt an zu einer Auseinandersetzung mit Rassismus als politischem, juristischem und ideologischem System und lenkt die Blicke der Lesenden auf die rassistische Struktur, die uns umgibt, und die von politischen und juristischen Institutionen sowie insbesondere durch kapitalistische Strukturen gest\u00fctzt und kontrolliert wird.<\/p>\n<p>Assata Shakur schildert anhand ihrer pers\u00f6nlichen Geschichte und dar\u00fcber hinaus eindr\u00fccklich, wie diese Struktur in unserer Gesellschaft ideologisch verankert ist und sich unter anderem in Politik, Bildung und Kultur manifestiert. Positiv hervorzuheben sind ebenfalls der kritische Blick und die Reflexion aktivistischer Praxis. Intelligent und selbstkritisch hinterfragt Shakur die Strukturen und Hierarchien in aktivistischen und militanten Gruppierungen und argumentiert f\u00fcr die Notwenigkeit eines intersektionalen Ansatzes im antirassistischen Kampf, der heute ebenso relevant erscheint wie vor 30 Jahren.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Caroline Schwarz<br \/>\nkritisch-lesen.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Assata Olugbala Shakur, geboren am 16. 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