{"id":1176090,"date":"2020-08-10T05:13:58","date_gmt":"2020-08-10T04:13:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1176090"},"modified":"2020-08-10T05:13:58","modified_gmt":"2020-08-10T04:13:58","slug":"wie-wird-das-new-normal-aussehen-und-wer-gestaltet-es","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/08\/wie-wird-das-new-normal-aussehen-und-wer-gestaltet-es\/","title":{"rendered":"Wie wird das \u2018New Normal\u2019 aussehen und wer gestaltet es?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nach der Corona-Zwangspause soll es Schritt f\u00fcr Schritt wieder zur\u00fcck in die alte Normalit\u00e4t gehen. Fragen an die Zeit nach Corona.\u00a0<\/strong><\/p>\n<article>Doch ein Zur\u00fcck zu \u201ebusiness as usual\u201c w\u00e4re eine vertane Chance f\u00fcr einen Neuanfang. Kann die Krise nicht ein Weckruf sein? Zukunftsforscherin und Berliner Gazette-Autorin Nora S. Stampfl sucht Antworten:Wochenlang herrschte ein dystopischer Zustand, wie man ihn allerh\u00f6chstens im Kino zu erleben f\u00fcr m\u00f6glich hielt. Ein Virus versetzte die Welt in eine Ausnahmesituation und brachte das gesamte \u00f6ffentliche Leben zum Stillstand. Die Pandemiebek\u00e4mpfung beherrschte die gesellschaftliche Debatte genauso wie \u00fcberhaupt alle Aspekte des Lebens unversehens dem Ziel \u201eflatten the curve\u201c untergeordnet waren.Die zur Eind\u00e4mmung von SARS-CoV-2 beschlossenen Massnahmen betrafen das Leben jedes Einzelnen: Kontakt- und Ausgangsbeschr\u00e4nkungen liessen die Menschen mit sich allein. Da aber, glaubt man Blaise Pascal, das ganze Ungl\u00fcck der Menschen daher r\u00fchre, \u201edass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben k\u00f6nnen\u201c, kann es nicht \u00fcberraschen, dass die ersten Anzeichen eines Abflachens der Kurve umgehend Rufe nach der R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t nach sich zogen.Aber was heisst schon normal? Hygienevorschriften und Abstandsregeln, ausgiebiges Testen und Kontaktnachverfolgung sowie auch immer wieder lokale, befristete Shutdowns \u2013 all dies wird uns noch auf absehbare Zeit begleiten. Auch wenn die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen sein wird, verschwunden ist das Virus deswegen dann noch nicht. Solange Herdenimmunit\u00e4t nicht erreicht, ein Impfstoff nicht verf\u00fcgbar ist, wird die Seuche immer wieder an verschiedenen Orten und innerhalb bestimmter Gruppen aufflackern und entsprechende Gegenmassnahmen erfordern. Wie normal also kann eine Normalit\u00e4t sein, in der Ereignisse und Situationen, die eine grosse Anzahl von Menschen zusammenbringen und somit das Infektionsrisiko erh\u00f6hen, stets in den Krisenmodus zur\u00fcckschalten lassen?Welche Normalit\u00e4t soll das sein, wenn Konzerte, Festivals und Demonstrationen stets unter dem Damoklesschwert des immensen Ausbruchsrisikos stehen? Wenn jede Familienfeier, jeder Abend im Kino oder im Restaurant, jeder Besuch im Pflegeheim unter dem Zeichen des Infektionsrisikos steht? Die gesamte Gesellschaft wird in Alarmbereitschaft bleiben m\u00fcssen, kleinere oder gr\u00f6ssere Krankheitsausbr\u00fcche wird es immer wieder geben und somit wird immer wieder auch das, was wir Normalit\u00e4t nennen, ausgesetzt sein und der Ausnahmezustand f\u00fcr bestimmte Personengruppen immer auch wieder Realit\u00e4t sein.<\/p>\n<h3>Einmal Ausnahmezustand und zur\u00fcck<\/h3>\n<p>Was also ist es, was wir uns als normalen Alltag zur\u00fcckw\u00fcnschen? Das Widerspr\u00fcchliche des momentanen Herbeisehnens des alten Alltags tritt schon begrifflich zutage. Der \u201egraue Alltag\u201c, dem wir gew\u00f6hnlich zu \u201eentfliehen\u201c suchen, der bestimmt ist von Routine und einem Abspulen der immer gleichen Muster steht ja nicht gerade im allerbesten Leumund. Positiv gewendet ist es dann wohl das Vertraute und Selbstverst\u00e4ndliche, was in den Coronazeiten zu kurz kommt und entsprechend herbeigew\u00fcnscht wird, unser unhinterfragter Platz in der Welt, all das, was gewohnt ist und wie geschmiert l\u00e4uft und nicht weiter problematisiert, erkl\u00e4rt und entschieden zu werden braucht.<\/p>\n<p>Selbstredend stellt sich diese Frage nach der Normalit\u00e4t nicht f\u00fcr alle in gleicher Weise. Denn Normalit\u00e4t ist schwerlich mit objektiv messbaren Massst\u00e4ben in den Griff zu bekommen, stets ist sie auch Ausdruck von Gef\u00fchlslagen und letztlich vielleicht sogar Ansichtssache. Als kleinsten gemeinsamen Nenner k\u00f6nnte man nun freilich Normalit\u00e4t schlicht als Kehrseite der Krise fassen. Und tats\u00e4chlich wird ja Normalit\u00e4t immer erst dann zum Thema, wenn sich die Dinge grundlegend \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Aus dieser Sichtweise ergibt sich freilich sogleich eine weitere Frage: Wie viel Abweichung vom Gewohnten vertr\u00e4gt Normalit\u00e4t und ab wann beginnt der krisenhafte Ausnahmezustand? W\u00e4hrend sich ansonsten das Umschlagen von erlebter Normalit\u00e4t in Krisenzustand wohl eher in individuellen F\u00e4llen bemerkbar macht, so erfahren wir in diesen Tagen einen kollektiven Verlust von \u201eNormalit\u00e4t\u201c. Wir erleben, wie urpl\u00f6tzlich ein Bruch unsere Lebenswelt durchzieht und im Handumdrehen das Fraglose fraglich und das Unproblematische problematisch erscheinen l\u00e4sst. Wenn uns der die Husserlsche Lebenswelt kennzeichnende \u201eselbstverst\u00e4ndliche, unbefragte Boden allt\u00e4glichen Handelns und Denkens\u201c nun aber unter den F\u00fcssen weggezogen wird, dann verlieren Handeln und Denken ihre Orientierung.<\/p>\n<p>Denn grunds\u00e4tzlich vertraut der Mensch darauf, dass die vertraute Wirklichkeit weiter so bleiben wird, wie sie einem bislang begegnet ist und dass darum erfolgreiches Handeln wiederholbar ist. Mit dieser Idealit\u00e4t des \u201eUnd So Weiter\u201c, wie Edmund Husserl die Annahme einer konstanten Weltstruktur innerhalb unserer Lebenswelt nennt, r\u00e4umt nun allerdings das Virus grundlegend auf. Ein Bruch wie dieser bringt bew\u00e4hrte Erfahrungen und Handlungspraktiken ins Wanken und l\u00e4sst fraglich erscheinen, ob ein schlichtes \u201eZur\u00fcck auf Start\u201c plausibel ist. Ist der Ausnahmezustand ein blosser \u00dcbergangszustand oder hat dieser nicht vielmehr die Vorzeichen unseres Lebens nicht nur vor\u00fcbergehend drastisch, sondern bleibend ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Ist es also \u00fcberhaupt m\u00f6glich, jenen Zustand, wie er uns aus pr\u00e4-Corona-Zeiten in Erinnerung ist, wieder zu erlangen? Immerhin leben wir bereits eine gute Weile mit dem Virus und dies unter recht \u201eunnormalen\u201c Bedingungen. Das Leben der meisten Menschen hat sich radikal ver\u00e4ndert. Bis hin zur globalen Ebene haben soziale und wirtschaftliche Beziehungen einen tiefgreifenden Wandel erfahren, wie er allenfalls mit Kriegszeiten Vergleiche findet. Ist dann nicht anzunehmen, dass jene Normalit\u00e4t, nach deren R\u00fcckkehr sich nun kollektiv gesehnt wird, zur Illusion geworden ist? Weil unsere Normen sich l\u00e4ngst verschoben haben und die Realit\u00e4t unsere Vorstellung von dem, was \u201enormal\u201c und allt\u00e4glich war, \u00fcberholt hat?<\/p>\n<p>Denn die Herausforderung, die SARS-CoV-2 brachte, ist nicht in die gesellschaftliche Normalit\u00e4t zu integrieren und daher auch mit der gesellschaftlichen Kontinuit\u00e4t nicht zu vereinbaren. Insofern der Umgang mit der Pandemie auf die Wahrnehmung derselben Einfluss hat, verbreiten sich entsprechende Praktiken und Einstellungen, die nun unter den neuen Bedingungen f\u00fcr angebracht gelten.<\/p>\n<p>Erst einmal verinnerlicht, sind neue Normen dann nicht l\u00e4nger auf den Kontext des Ausnahmezustandes limitiert. Normalit\u00e4t ist also keineswegs etwas Naturgegebenes. Sie wird gesellschaftlich konstruiert, weswegen sich sogleich die Frage aufdr\u00e4ngt: Welche Normalit\u00e4t wollen wir eigentlich? Der Weg in die Zeit nach Corona f\u00fchrt also dar\u00fcber, an einer neuen Normalit\u00e4t zu basteln, die mehr ist als ein R\u00fcckfall in alte Zeiten. Eine Normalit\u00e4t, die gute Ausgangsbedingungen schafft, um, gest\u00e4rkt durch die Erfolge, die Krise \u00fcberwunden zu haben, mit einem Gef\u00fchl daf\u00fcr, was alles \u201egeht\u201c, und einer Gesellschaft, die sich ein St\u00fcck weit besser kennengelernt hat, die liegengebliebenen Probleme in Angriff zu nehmen.<\/p>\n<h3>Neue Normalit\u00e4t gesucht<\/h3>\n<p>Nochmals gefragt: Kann es also eine R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t geben? Ja, schon, aber die neue Normalit\u00e4t wird eine andere sein als die alte. Zum Schlechten muss dies freilich nicht sein! Denn es w\u00e4re ja weitaus \u00fcbertrieben, stellte man heute im R\u00fcckblick fest, dass alles zum Besten gestanden h\u00e4tte vor Corona \u2013 nur weil die Pandemie die grossen Probleme dieser Welt aus den t\u00e4glichen Nachrichten verdr\u00e4ngte. Waren da nicht eben noch die Massen von Jugendlichen, die f\u00fcr die Rettung des Klimas auf die Strasse gingen? Wurde uns nicht eben noch weisgemacht, dass Roboter uns die Arbeitspl\u00e4tze wegn\u00e4hmen und die Arbeitswelt sich radikal wandeln m\u00fcsse?<\/p>\n<p>Wer denkt noch an Kriege und ihre Fl\u00fcchtlinge? Erinnern wir uns noch an die Manipulation der \u00f6ffentlichen Meinung durch Fake News mit allen damit zusammenh\u00e4ngenden Gef\u00e4hrdungen f\u00fcr die Demokratie? Und ganz zu schweigen von Problemen im Gesundheitswesen, auf die Corona nun h\u00f6chstselbst ein Schlaglicht warf, wie etwa eine mangelhafte Krankenhausfinanzierung und ein sich ausweitender Pflegenotstand, der nun in der Krise virulent wurde. Seien wir also ehrlich: Ist das Gewohnte tats\u00e4chlich immer auch das Gew\u00fcnschte?<\/p>\n<p>Weil sie Anlass zu neuen Weichenstellungen gaben, zogen Krisen immer schon \u00fcber ihre jeweiligen unmittelbaren Folgen hinaus gesellschaftliche Umbr\u00fcche nach sich. Nicht anders als historische Seuchen \u2013 von der \u201eAttischen Pest\u201c bis zur \u201eSpanischen Grippe\u201c \u2013 wird auch Corona Ausl\u00f6ser gesellschaftlicher Strukturver\u00e4nderungen sein. Wie aber gelingt es, diesen Prozess nicht einfach dem Zufall zu \u00fcberlassen, sondern ihn aktiv zu gestalten? Wie gelangt man nicht bloss zur\u00fcck zum Gewohnten, sondern zum Gew\u00fcnschten?<\/p>\n<p>Die erzwungene Langsamkeit w\u00e4hrend der Wochen des Lockdowns haben zu Verunsicherung und Unzufriedenheit und viele an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gef\u00fchrt. Menschen wurden aus ihren gewohnten Bahnen geworfen, Arbeit und Alltag gaben nicht mehr den Takt vor, die gewohnten Gemeinschaften gaben keinen Halt mehr. Aber gerade weil das Individuum in dieser Zeit der Beschr\u00e4nkung und Isolation auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen ist, er\u00f6ffnen sich auch neue Freir\u00e4ume, \u00fcber die Welt nachzudenken. Die unser Leben bestimmende Steigerungslogik des \u201eH\u00f6her \u2013 Weiter \u2013 Schneller \u2013 Mehr\u201c l\u00e4sst ja \u00fcblicherweise keinen Raum f\u00fcr Vorstellungen vom guten Leben.<\/p>\n<p>Derart eingespannt ist der moderne Mensch in die Zw\u00e4nge und Notwendigkeiten des Alltags, dass es kein Rasten und keine Musse gibt. Doch nun, da das Hamsterrad pl\u00f6tzlich stillsteht, ein kollektives Runterkommen einen neuen Ton anschl\u00e4gt, stellt sich die Frage, ob sich nicht auch einige Lehren ziehen lassen aus der Corona-Zeit. Weniger pendeln und mehr Zeit f\u00fcr Partner, Kinder und Musse, ein selbstbestimmter Tagesablauf, mehr Ruhe, weniger Verkehr \u2013 l\u00e4sst sich nicht so manches auch in die post-Coronazeit hin\u00fcberretten, was unser Leben insgesamt reicher machen k\u00f6nnte? Denn neben all dem Frust und den Belastungen ist doch auch zu sp\u00fcren, dass die der Pandemie geschuldeten Beschr\u00e4nkungen unseres Lebens an vielen Stellen auch freier machen, weil sie Optionen verringern, die ansonsten in Stress versetzen.<\/p>\n<p>\u201eDas Virus ist der radikalste Entschleuniger, den wir in den letzten 200 Jahren erlebt haben\u201c, fasst der Soziologe Hartmut Rosa den Bruch zusammen, der eine Zeitenwende sein k\u00f6nnte: von der \u00c4ra der Beschleunigung und des Immer-Mehr zu einer neuen \u00c4ra der Entschleunigung und des Weniger. Der aristotelischen Idee vom guten Leben folgend, suchten wir unser Gl\u00fcck nicht l\u00e4nger im Ansammeln von Habseligkeiten und Erreichen materieller Reicht\u00fcmer.<\/p>\n<p>Das Streben nach Gl\u00fcckseligkeit bestimmte unsere Lebensf\u00fchrung. Und der Weg dorthin f\u00fchrt, wollen wir Aristoteles glauben, \u00fcber ein bewusstes Handeln, das entfaltet, was der Mensch als Ziel schon in sich selbst tr\u00e4gt. Selbstverwirklichung, so w\u00fcrden wir heute sagen, w\u00e4re das Rezept f\u00fcr ein gl\u00fcckliches, gelungenes Leben. Ein Leben, das der aristotelischen Gl\u00fcckskonzeption folgt, durchbricht die Steigerungsspirale des Immer-Mehr, denn wer das gute Leben verwirklicht, meint der antike Philosoph, dessen Streben gelangt an ein Ende. Gl\u00fcckseligkeit gen\u00fcgt sich selbst.<\/p>\n<h3>Vor der Krise war auch schon Krise<\/h3>\n<p>Daher w\u00e4re zu fragen: Kamen wir nicht auch ganz gut zurecht ohne Shopping als Freizeitvergn\u00fcgen? Ohne Konsum, der \u00fcber das N\u00f6tige hinausgeht? Denn in der Zeit des Ausnahmezustandes war der Mensch ja nicht nur auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen, sondern auch auf die untersten Ebenen der Bed\u00fcrfnispyramide: Im Angesicht der Gesundheitsgef\u00e4hrdung, zeitweise leergefegter Supermarktregale und eingeschr\u00e4nkter Sozialkontakte gewannen die Maslowschen Grund- und Sicherheitsbed\u00fcrfnisse blitzartig eine hervorragende Bedeutung, wie ihnen in unserer Konsumgesellschaft ansonsten nicht zuteilwird.<\/p>\n<p>Auch der Konsum pausierte: Internetshopping stellte sich in vielen F\u00e4llen doch nicht als zufriedenstellender Ersatz f\u00fcr das geschlossene Ladengesch\u00e4ft heraus und demonstrativer Konsum verfehlte angesichts des stillstehenden Soziallebens ohnehin seine Zweckbestimmung. Schafft es die Coronakrise also, ein Schlaglicht auf unser Konsumverhalten zu werfen und etwas vom Minimalismus der vergangenen Tage zur neuen Normalit\u00e4t werden lassen? Wird Alternativen jenseits von Massenkonsum und Wachstumsdruck eine Chance einger\u00e4umt oder werden sich die alten Reflexe durchsetzen, die nichts anderes kennen, als mit allerlei Kaufanreizen die Wirtschaft \u201eanzukurbeln\u201c sowie Konsum zum Rettungsanker zu stilisieren und zum Dienst an der Gemeinschaft umzudeuten?<\/p>\n<p>Die Krise hat eine Welle der Solidarit\u00e4t und Hilfsbereitschaft losgetreten und gezeigt, dass es auch in einer derart individualisierten Gesellschaft wie der unsrigen m\u00f6glich ist, an einem Strang zu ziehen. Wie gelingt es \u00fcber die Krisentage hinaus, zwischen Gemeinsinn und Eigensinn zu vermitteln? Das gute Leben war f\u00fcr Aristoteles keine Privatsache, sondern eine politische Angelegenheit. Weil Gl\u00fcck f\u00fcr den griechischen Philosophen nur in der Gemeinschaft zu erreichen ist, kann das Streben nach Gl\u00fcckseligkeit kein individuelles, \u201eegoistisches\u201c Interesse sein.<\/p>\n<p>Nun da das Schlimmste \u00fcberwunden scheint und ein Wettlauf um Lockerung der einschr\u00e4nkenden Massnahmen entbrannte, steht zu bef\u00fcrchten, dass die Solidarit\u00e4t abebbt, dass die Durchsetzung partikularer Interessen in den Vordergrund tritt. Wie k\u00f6nnen wir in einer Zeit, in der Unmengen an Staatshilfen ausgesch\u00fcttet werden eine gesunde Balance zwischen Sozialstaatsidee und Eigenverantwortung halten? Vielleicht ist es Zeit, neuerlich Anlauf zu nehmen und der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens neuen Schwung zu verleihen? Immerhin k\u00f6nnte das Konzept nicht nur der Masse an Menschen, die Corona in existenzielle Krisen st\u00fcrzte eine Perspektive bieten, sondern w\u00e4re auch eine passende Form der Grundsicherung f\u00fcr eine Gesellschaft, die es ernst meint mit dem entschleunigten, selbstbestimmten Leben.<\/p>\n<p>Eine neue Form der Grundsicherung k\u00f6nnte auch der Diskussion rund um die Zukunft der Arbeit neue Impulse verleihen. Denn es sind nicht zuletzt Solo-Selbst\u00e4ndige, die seit Jahren als Speerspitze einer neuen Arbeitswelt gelten, denen die Krise nun gewaltig zusetzt. Gerade solchen Arbeitenden aber w\u00fcrde ein bedingungsloses Grundeinkommen eine g\u00e4nzlich neue Ausgangsposition bieten: mehr Sicherheit und gleichzeitig mehr Raum f\u00fcr Kreativit\u00e4t. Das kommt nicht nur dem Einzelnen zugute, sondern bedeutete f\u00fcr die Gesellschaft als Ganzes eine Investition in Erfindungsgeist und Innovationskraft.<\/p>\n<h3>Kinderbetreuung und Home Office<\/h3>\n<p>Corona schuf ein Experimentierfeld f\u00fcr neue Arbeitsformen. Seit Jahren wird \u00fcber die Zukunft der Arbeit debattiert \u2013 quasi \u00fcber Nacht sind die neuen Arbeitsformen f\u00fcr viele Wirklichkeit geworden \u2013 von Home Office \u00fcber neue Formen der Onlinekollaboration bis zu flexiblen Arbeitszeiten. Ist es nun nicht an der Zeit, ernsthaft \u00fcber die \u201eArbeit der Zukunft\u201c nachzudenken und das Thema von hippen Konferenzen in die praktische Wirklichkeit der Arbeitswelt zu f\u00fchren? Was hat sich bew\u00e4hrt und was nicht? Vielleicht kommen wir ja zu dem Schluss, dass die Wahrheit irgendwo zwischen Stempeluhrmentalit\u00e4t und gesetzlichem Anspruch auf Home Office liegt? Dass Heimarbeit durchaus seine Reize und Vorteile hat, aber eben auch jede Menge Nachteile und Schwierigkeiten mit sich bringt.<\/p>\n<p>Weil der Gang ins B\u00fcro f\u00fcr viele eine verl\u00e4ssliche Struktur bietet sowie ein soziales Umfeld, ohne das sich nur schwer leben l\u00e4sst. Und vielleicht sehen wir ein, dass Kinderbetreuung und Home Office doch nicht so leicht unter einen Hut zu bringen sind und es eine Illusion bleiben muss, die Karriere von zu Hause aus zu machen. Vielleicht also bringt der eremitische Arbeitsalltag der Coronazeit einen Neustart, Arbeit neu zu denken? Und zwar braucht es Nachdenken nicht nur dahingehend, wie wir arbeiten m\u00f6chten, sondern auch: Was verstehen wir denn \u00fcberhaupt unter Arbeit?<\/p>\n<p>Denn die Herausforderung der Kinderbetreuung hat ja das alte Problem der unbezahlten, zumeist an Frauen h\u00e4ngenbleibenden Care-Arbeit h\u00f6chst akut werden lassen. Pl\u00f6tzlich wurde unsichtbare Arbeit h\u00f6chst sichtbar und dies k\u00f6nnte der l\u00e4ngst f\u00e4llige Anlass sein, neu zu definieren, was wir unter Arbeit verstehen, wof\u00fcr wir Anerkennung zollen und welche T\u00e4tigkeiten auf welche Weise entlohnt werden sollten.<\/p>\n<p>Dass ein grosser Anteil der Arbeitenden in Heimarbeit t\u00e4tig war, wirft auch ein neues Licht auf Digitalisierung und ihre M\u00f6glichkeiten. Welche neuen Formen und Mittel des Arbeitens werden \u2013 ist das Virus erst einmal Geschichte \u2013 den Krisenmodus \u00fcberstehen und dauerhaft in Unternehmen Einzug halten? Wird die Krisenerfahrung Klarheit dar\u00fcber verschaffen, welche Aktivit\u00e4ten sinnhaft online vollbracht werden k\u00f6nnen und wann pers\u00f6nliche Interaktionen angebracht sind? Wir werden also lernen m\u00fcssen, bei welchen Gelegenheiten Technologie wertvolle Dienste erweisen kann, indem soziale Netzwerke virtuell reproduziert werden und wann hingegen der pers\u00f6nliche Kontakt, das direkte Gespr\u00e4ch und das Auf-Tuchf\u00fchlung-Gehen mit Anderen nicht zu ersetzen sind. Der staatlich verordnete Lockdown hat enorme Energie freigesetzt, das soziale Leben im virtuellen Raum nachzubilden \u2013 von privaten infektionsfreien Treffen in Chatr\u00e4umen \u00fcber kulturelle Veranstaltungen im Cyberspace bis hin zu Seminaren auf Lernplattformen und dem digitalen B\u00fcroarbeitsplatz.<\/p>\n<p>Zwar ist all dies immer schon selbstverst\u00e4ndlicher Teil des Lebens einer wachsenden Gruppe von Menschen, nichtsdestotrotz ist der digital divide nach wie vor Realit\u00e4t. Gesellschaftliche Ungleichverteilungen r\u00fchren in der digitalen Gesellschaft nicht zuletzt von den gegebenen Unterschieden im Zugang zu und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie her. Doch k\u00f6nnen die digitalen Infrastrukturen nur dann zur St\u00e4rkung von solidarischen Beziehungsgef\u00fcgen beitragen, wenn sie nicht schon von vornherein durch eine \u00fcbergrosse digitale Kluft exkludierend wirken.<\/p>\n<h3>Flugzeuge am Boden<\/h3>\n<p>Vielleicht auch, das ist zu hoffen, gibt das notgedrungene Experimentieren mit technologischen Mitteln der vergangenen Wochen Anlass zu einem n\u00fcchterneren, realistischeren Blick auf Technologie. Weil viele mit neuen technologischen Mitteln in Ber\u00fchrung kamen, wurden vielleicht Schwellen\u00e4ngste \u00fcberkommen und wird das Neue weniger verteufelt. Gleichzeitig aber wird uns das Virus m\u00f6glicherweise anders auf einen von Allmachtphantasien befeuerten technologischem Solutionismus blicken lassen, wie Evgeny Morozov jenes unb\u00e4ndige Vertrauen in die L\u00f6sungskr\u00e4fte von Technologie f\u00fcr komplexe soziale Probleme nannte. Werden wir nicht vielmehr dem\u00fctiger werden m\u00fcssen angesichts eines winzig kleinen Virus, das die Welt aus den Angeln hebt?<\/p>\n<p>Man muss nicht dem Narrativ von der zur\u00fcckschlagenden Natur folgen, um zu dem Schluss zu kommen, dass es eben doch einiges gibt, das sich der Mensch nicht ganz so einfach untertan machen kann. Wenn die Coronakrise eines gebracht haben wird, dann sicherlich dies: Die Einsicht, dass es Geschehnisse gibt, die zu Einschnitten ins Gewohnte f\u00fchren, die uns auf ganz neue Art herausfordern, weil sie uns die Kontrolle verlieren lassen und Spontaneit\u00e4t erfordern. Dass wir schlagartig Herausforderungen gegen\u00fcberstehen, f\u00fcr die es keine Versicherung gibt und auch keine App.<\/p>\n<p>Doch ist dies kein Grund f\u00fcr Fatalismus: Denn die Krise zeigt auch, welch unvergleichliche Geschwindigkeit und Durchsetzungskraft im Politischen m\u00f6glich ist. Dass Flugzeuge am Boden, Gesch\u00e4fte geschlossen bleiben und die Regierung ins Privateste hineinregiert und dass Menschen sich all dem solidarisch f\u00fcgen, dies war bis noch vor kurzem unvorstellbar. Heute wissen wir, welche Kraft der gemeinsame Wille entfalten kann, um ein h\u00f6heres Gut zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Daher \u2013 so abgedroschen es auch klingen mag \u2013 was bliebe anderes zu tun, als die Krise als Chance zu begreifen? Es geht eben nicht darum, einfach nur so schnell wie m\u00f6glich das Heft des Handelns zur\u00fcck in die Hand zu bekommen, \u201edie Verf\u00fcgbarkeit krampfhaft wiederherzustellen\u201c, wie Hartmut Rosa die gegenw\u00e4rtigen \u2013 erwartbaren \u2013 gesellschaftlichen Versuche, mit der Krise fertigzuwerden beschreibt. Auch geht es nicht darum, bloss die verf\u00fcgten Massnahmen zur Eind\u00e4mmung der Pandemie so weit zur\u00fcckzudrehen bis der gewohnte Alltag wieder erlangt ist.<\/p>\n<p>Bietet nicht vielmehr der momentane erzwungene Stillstand die Chance zu einem einmaligen Experiment: Die Zwangspause zu nutzen zu kollektivem Innehalten, um die gewohnten Handlungspraktiken und -logiken auf den Pr\u00fcfstand zu heben, verkrustete Strukturen zu \u00fcberdenken, Abschied zu nehmen von unheilvollem Gewohnten und planvoll gestalterisch eine neue w\u00fcnschbare Zukunft, eine neue Normalit\u00e4t zu errichten? Wenn die Normalit\u00e4t dann eine bessere sein sollte als die alte, w\u00e4re es nicht zum Ungl\u00fcck der Menschen gewesen, dass wir alle einfach einmal ruhig in unseren Zimmern geblieben sind.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Nora Stampfl<br \/>\n<a class=\"author_link\" href=\"https:\/\/berlinergazette.de\/fragen-an-die-zeit-nach-corona\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">berlinergazette.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Corona-Zwangspause soll es Schritt f\u00fcr Schritt wieder zur\u00fcck in die alte Normalit\u00e4t gehen. Fragen an die Zeit nach Corona.\u00a0 Doch ein Zur\u00fcck zu \u201ebusiness as usual\u201c w\u00e4re eine vertane Chance f\u00fcr einen Neuanfang. 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