{"id":1175371,"date":"2020-08-10T05:07:01","date_gmt":"2020-08-10T04:07:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1175371"},"modified":"2020-08-10T12:06:00","modified_gmt":"2020-08-10T11:06:00","slug":"kollektive-versorgung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/08\/kollektive-versorgung\/","title":{"rendered":"Kollektive Versorgung"},"content":{"rendered":"<div id=\"shortcode-widget-2\" class=\"sidebar-wrap clearfix shortcode_widget\">\n<div class=\"textwidget\">\n<p><strong>Interview mit der Aktivistin Miriam Miranda \u00fcber selbstorganisierte Gesundheitszentren in den Gar\u00edfuna-Gemeinden in Honduras.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"shortcode-widget-3\" class=\"sidebar-wrap clearfix shortcode_widget\">\n<div class=\"textwidget\">\n<p>Weil die staatliche Gesundheitsversorgung in Honduras nicht funktioniert, haben sich die Gar\u00edfuna-Gemeinden kollektiv organisiert und ein eigenes System aufgebaut, um der Pandemie zu begegnen. Die <em>LN<\/em> sprachen mit Miriam Miranda, Koordinatorin der Gar\u00edfuna-Basisorganisation OFRANEH, die den Prozess mit angesto\u00dfen hat. Sie berichtet, welche Strategien die Gemeinden zu ihrem Schutz entwickelt haben und wie diese durch organisierte Kriminalit\u00e4t und staatliche Ma\u00dfnahmen bedroht werden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><strong>Warum haben die Gar\u00edfuna-Gemeinden angesichts der Corona-Krise beschlossen, sich selbst zu organisieren?<br \/>\n<\/strong>Wir wussten mit Sicherheit, dass es viele Tote in den Garifuna-Gemeinden geben w\u00fcrde, wenn wir kein eigenes System zum Schutz der Gemeinden entwickeln. Honduras wird seit dem Putsch 2009 ausgepl\u00fcndert. Es wurde nie in den Gesundheitsbereich investiert. Bei einem Skandal um das Sozialversicherungsinstitut, das IHSS, wurde \u00f6ffentlich, dass dieses v\u00f6llig ausgenommen wurde (Anm. d. Red.: Korruptionsskandal, bei dem 2015 \u00f6ffentlich wurde, dass hochrangige Funktion\u00e4re der Wirtschaft und Politik \u00fcber 300 Millionen US-Dollar veruntreut haben, u.a. wurde damit 2013 die Wahlkampagne der regierenden Nationalen Partei finanziert, siehe <em>LN<\/em> 493\/494). Das hat zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems im Land gef\u00fchrt. Es gab so schreckliche F\u00e4lle, bei denen die Gesundheitsstationen nicht einmal eine Spritze hatten. Nicht nur in den l\u00e4ndlichen Gebieten, sondern sogar in den gro\u00dfen St\u00e4dten. Au\u00dferdem erleben wir in Honduras seit Jahren eine gro\u00dfe Krise mit dem Dengue-Fieber, an dem viele Leute sterben. Die Regierung hat das vertuscht, aber die Situation mit dem Coronavirus kann sie nicht verstecken, weil die Erkrankungen an dem Virus so exponentiell wachsen.<\/p>\n<p><strong>Wie bewerten Sie den Umgang der honduranischen Regierung mit dem Coronavirus?<\/strong><br \/>\nDer Staat hat vor einem Monat die Strategie der \u201eintelligenten \u00d6ffnung\u201c beschlossen. Es ist eine Dummheit, dem Druck der Unternehmer nachzugeben, die fordern, die Wirtschaft zu \u00f6ffnen, egal, ob sich dadurch Menschen infizieren. Ich denke, dass die \u00d6ffnung der Wirtschaft den Bedingungen im Land entsprechen muss, mit der Pandemie umzugehen. Und das Gesundheitssystem in Honduras ist eine Katastrophe. Das Coronavirus entbl\u00f6\u00dft dieses desastr\u00f6se Gesundheits\u00adsystem. Den \u00c4rzten bleibt nur noch die M\u00f6glichkeit zu sagen: \u201eBitte bleibt zu Hause und kommt nicht ins Krankhaus. Es gibt keinen Platz.\u201c In Honduras werden Tests nur in Tegucigalpa ausgewertet, das hei\u00dft, wenn jemand in der Mosquitia oder in Gracias a Dios lebt, kommt das Testergebnis erst an, wenn die Person schon gestorben ist. Besonders schlecht ist die Gesundheitsversorgung in vielen indigenen Gemeinden. Sehr viele Misquitos sind an Corona gestorben und den Staat interessiert das nicht. Es ist schrecklich. Regierungen wie die in Honduras provozieren einen Genozid an der armen Bev\u00f6lkerung, weil sie wissen, dass sie unter den aktuellen sanit\u00e4ren Bedingungen die Wirtschaft nicht auf diese Weise \u00f6ffnen d\u00fcrfen. Die Zahl der Ansteckungen hat seit der \u00d6ffnung auf unglaubliche Weise zugenommen, zum Beispiel in der Hauptstadt. Diese Pandemie zeigt sehr deutlich die soziale Ungleichheit in Honduras. So wurde beispielsweise das Milit\u00e4rkrankenhaus ge\u00f6ffnet, um den Pr\u00e4sidenten und alle ihm nahestehenden Personen zu versorgen.<\/p>\n<p><strong>Welche Strategien verfolgen Sie in dieser Situation in den Gemeinden?<\/strong><br \/>\nSeit dem 7. M\u00e4rz haben wir begonnen, uns in den Gemeinden kollektiv zu organisieren, um Gesundheitszentren zu schaffen. Bisher haben wir 31 Zentren eingerichtet. Unser Ziel ist es, so viele Leben wie m\u00f6glich zu retten. Daf\u00fcr ist es notwendig, Gesundheit ganzheitlich zu denken, denn Gesundheit hat auch damit zu tun, wie wir uns ern\u00e4hren und welche Luft wir atmen. Das sehen wir auch daran, dass mehr Menschen am Coronavirus sterben, die in Gebieten leben, in denen die Luft kontaminiert ist. Die Infektionsherde liegen momentan in den Industriezentren, wie San Pedro Sula. Die Pandemie hat eine Gesundheitskrise ausgel\u00f6st, aber diese ist eng verkn\u00fcpft mit Umweltfragen und der Klimakrise. Die Pandemie lehrt uns, dass Gesundheit nicht einfach bedeutet, zum Arzt zu gehen und Tabletten zu nehmen. Deshalb k\u00e4mpfen wir in den Gar\u00edfuna-Gemeinden auch gegen den Bau von Wasserkraftwerken und die Ausbeutung nat\u00fcrlicher Ressourcen, weil auch das die Gesundheit gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/lateinamerika-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Vorbereitung_medizinische-Tees_Foto_OFRANEH_BEARB.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-104853 alignnone\" src=\"https:\/\/lateinamerika-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Vorbereitung_medizinische-Tees_Foto_OFRANEH_BEARB-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"472\" height=\"650\" \/><\/a><br \/>\n<strong>Uraltes Wissen Tees <\/strong>Zubereitung von Tee zur St\u00e4rkung des Immunsystems<br \/>\n(Foto: OFRANEH)<\/p>\n<p><strong>Wie spiegelt sich der ganzheitliche Ansatz von Gesundheit in der Arbeit der Gesundheitszentren wider, die Sie in den Gemeinden aufgebaut haben?<\/strong><br \/>\nViele Menschen in den Gemeinden z\u00e4hlen zur Risikogruppe, weil sie Diabetes oder Bluthochdruck haben. Das brachte uns auf die Idee, dass es wichtig ist, das Immunsystem zu st\u00e4rken, im Besonderen bei unseren Gro\u00dfm\u00fcttern und Gro\u00dfv\u00e4tern. In den Gemeinden existiert ein uraltes Wissen dar\u00fcber, welche Pflanzen medizinische Wirkungen haben und welche hilfreich f\u00fcr das Immunsystem sind, wie Eukalyptus- und Avocadobl\u00e4tter, Zitronen, Knoblauch und Zitronengras. Die Corona-Krise sehen wir auch als M\u00f6glichkeit, dieses Wissen wieder mehr zu verbreiten. Ein Bestandteil der Kultur der Gar\u00edfuna ist das Trinken von aus frischen Kr\u00e4utern zubereitetem Tee. Daher ist eine der Aufgaben der Gesundheitszentren die Zubereitung von medizinischen Tees, die zur St\u00e4rkung des Immunsystems beitragen. Au\u00dferdem haben wir ein Handbuch \u00fcber die Medizin unserer Vorfahren und Vorfahrinnen ver\u00f6ffentlicht, das auch in anderen L\u00e4ndern Lateinamerikas von indigenen Gemeinden und anderen Menschen genutzt wird. Innerhalb der Gemeinden arbeiten wir als Kollektiv, um zu verhindern, dass sich das Virus ausbreitet, und um betroffene Personen zu unterst\u00fctzen. Beispielsweise werden in den Gesundheitszentren Masken hergestellt und verteilt. Wir k\u00fcmmern uns um Menschen, die Vorerkrankungen haben. Mittlerweile gibt es <em>compa\u00f1eras<\/em> und <em>compa\u00f1eros<\/em>, die fast schon die Arbeit von \u00c4rztinnen und \u00c4rzten \u00fcbernehmen, indem sie Hausbesuche machen und Menschen, die Symptome von COVID-19 zeigen, beobachten und versorgen. Ebenso haben wir Suppenk\u00fcchen eingerichtet und registrieren in den Gesundheitsstationen F\u00e4lle von h\u00e4uslicher Gewalt, um Frauen, die davon betroffen sind, unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wer ist an dieser kollektiven Arbeit beteiligt?<\/strong><br \/>\nDas sind Menschen, die sich in den einzelnen Gemeinden organisiert haben. OFRANEH hat diesen Prozess angesto\u00dfen und Freiwillige haben sich angeschlossen. In einer Gemeinde sind es 20 oder 30 Personen, die sich in Arbeitsgruppen organisiert haben, in einer anderen 80. In jeder Gemeinde teilt die Arbeitsgruppe die anfallenden Aufgaben unter den Mitgliedern auf.<br \/>\nDiese Arbeit wird vor allem von Frauen geleistet. Ich w\u00fcrde sagen, 99 Prozent der selbstorganisierten Gesundheitszentren sind in den H\u00e4nden von Frauen. Wir nennen die Frauen K\u00e4mpferinnen, denn es ist harte Arbeit, sieben Tage die Woche daf\u00fcr zu sorgen, dass alles funktioniert, dass es Medizin und Essen gibt und nicht so viele Neuinfektionen.<br \/>\nWir sind sehr zufrieden, dass die Gar\u00edfuna-Gemeinschaft im Moment im Vergleich zu den umliegenden Regionen die geringste Anzahl an Infektionen aufweist. Die zwei Zonen, in denen sich Gar\u00edfuna-Gemeinden befinden, die aktuell die h\u00f6chsten Infektionsraten haben, sind Trujillo und Punta Gorda, aber die Mehrheit der an COVID-19 erkrankten Menschen sind keine Gar\u00edfuna, sondern leben in der N\u00e4he der Gemeinden. Aber das kann sich in den n\u00e4chsten Monaten \u00e4ndern, denn wir sind keine Insel, die von der Umwelt isoliert ist, sondern die Menschen verlassen die Gemeinden, um einkaufen zu gehen und ihre Produkte zu verkaufen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/lateinamerika-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Vorbereitung_medizinische-Tees_Foto_OFRANEH_BEARB_BEARB.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-104854 alignnone\" src=\"https:\/\/lateinamerika-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Vorbereitung_medizinische-Tees_Foto_OFRANEH_BEARB_BEARB-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"453\" height=\"638\" \/><\/a><br \/>\n<strong>Freiwillige in den Gesundheitszentren<\/strong> Vor allem Frauen engagieren sich<br \/>\n(Foto: OFRANEH)<\/p>\n<p><strong>Wurden Vorkehrungen getroffen, um die Mobilit\u00e4t zwischen den Gemeinden einzuschr\u00e4nken?<\/strong><br \/>\nDaf\u00fcr zu sorgen, dass nicht alle m\u00f6glichen Leute in die Gemeinden kommen, ist ein wichtiges Thema. Deshalb wurden an den Eing\u00e4ngen Kontrollpunkte eingerichtet. Dies hat zu Konflikten gef\u00fchrt, in einem Fall sogar zu einem Mord. Als ein <em>compa\u00f1ero<\/em> aus R\u00edo Tinto, Edwin Fern\u00e1ndez, sich weigerte, die Schl\u00fcssel an Personen auszuh\u00e4ndigen, die nachts seine Gemeinde betreten wollten, t\u00f6teten sie ihn. Die Region der Karibikk\u00fcste, in der wir leben, wird von Gruppen der organisierten Kriminalit\u00e4t f\u00fcr den Drogenhandel genutzt. Sie sind es gewohnt, dass sie in den Gemeinden ein- und ausgehen k\u00f6nnen, wie sie m\u00f6chten, auch nachts, wenn die Menschen schlafen. Das geht jetzt nicht mehr so einfach, denn die Eing\u00e4nge werden Tag und Nacht kontrolliert. Es w\u00e4re die Aufgabe des Staates f\u00fcr unsere Sicherheit zu sorgen, aber in Honduras sind das organisierte Verbrechen und der Staat eng miteinander verwoben. Wir fordern von der Regierung, dass sie den Mord an Edwin Fern\u00e1ndez aufkl\u00e4rt und diejenigen daf\u00fcr bestraft, die in unsere Gemeinden kommen und unsere Leute umbringen.<\/p>\n<p><strong>Wie hat die Regierung darauf reagiert, dass sich die Gar\u00edfuna-Gemeinden zur Eind\u00e4mmung des Virus selbst organisiert haben?<\/strong><br \/>\nDie Regierung respektiert unserer Autonomie und unsere Souver\u00e4nit\u00e4t nicht. Sie missachtet die Menschenrechte derjenigen, die in ihren Gemeinden daf\u00fcr arbeiten, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet. Zum Beispiel hat die Polizei versucht, die Menschen einer Gemeinde im Department Cort\u00e9s daran zu hindern, dass sie ihre Gemeindegrenzen einz\u00e4unen. Wenn der Staat schon nicht hilft, muss er wenigstens unsere Arbeit respektieren, denn wir haben ein Recht darauf, f\u00fcr unsere eigene Gesundheit zu sorgen und auch darauf, dies auf eine Art und Weise zu tun, die unserer Kultur und Identit\u00e4t entspricht. Das ist ein Thema, f\u00fcr das wir immer k\u00e4mpfen mussten. Die Arbeit, die wir geleistet haben, wird missachtet. Zum Beispiel wurde staatlicherseits zu Beginn der Pandemie gesagt, dass wir Masken tragen m\u00fcssen, aber hier haben die Menschen keinen Zugang zu einer Maske. Also haben wir unser eigenes System zur Herstellung von Masken entwickelt. Anfangs haben sie gesagt, dass die selbst hergestellten Masken, nichts taugen.<\/p>\n<p><strong>Worin ist diese Missachtung Ihrer Meinung nach begr\u00fcndet?<\/strong><br \/>\nDas hat mit vielen Dingen zu tun. Dahinter stecken wirtschaftliche Interessen, aber es h\u00e4ngt auch mit Rassismus zusammen, da es eine Missachtung dessen ist, was die Menschen selbstbestimmt tun. Wenn etwas nicht wissenschaftlich erwiesen ist, wird dem jeglicher Wert abgesprochen. Und es sind dieselben Unternehmen, die das entscheiden, die in der Krise durch die Produktion von unter anderem Masken eine Menge Geld verdienen. Sie haben auch gesagt, dass unsere medizinischen Tees nichts nutzen. Mittlerweile trinken alle Leute Tee, weil sie wissen, dass sie ihr Immunsystem st\u00e4rken m\u00fcssen und es keinen Sauerstoff zu kaufen gibt. Dies zeigt, dass das Wissen unserer Vorfahren und Vorfahrinnen sowohl eine Antwort auf die derzeitige Gesundheitskrise gibt als auch auf die Pandemien, die noch kommen werden. Diesem Wissen muss wieder mehr Wert zugesprochen werden. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass einfach zur sogenannten Normalit\u00e4t zur\u00fcckgekehrt wird, sondern wir sollten diese Pandemie nutzen, um dieses System in Frage zu stellen, in dem die Wirtschaft wichtiger ist als Menschenleben, nicht nur in Honduras, sondern auf der ganzen Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit der Aktivistin Miriam Miranda \u00fcber selbstorganisierte Gesundheitszentren in den Gar\u00edfuna-Gemeinden in Honduras. 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