{"id":1174515,"date":"2020-08-09T08:37:04","date_gmt":"2020-08-09T07:37:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1174515"},"modified":"2020-08-09T08:37:04","modified_gmt":"2020-08-09T07:37:04","slug":"journalismus-heute-vertrieb-der-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/08\/journalismus-heute-vertrieb-der-angst\/","title":{"rendered":"Journalismus heute: Vertrieb der Angst"},"content":{"rendered":"<p>Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland waren die Medien-Gaukler so ratlos unter der Zirkuskuppel wie heute. Soll man sich dar\u00fcber freuen oder muss man Sorge tragen? Wohl beides. Freuen darf man sich dar\u00fcber, dass ein verh\u00e4ngnisvolles Gesch\u00e4ftsmodell sich offensichtlich seinem Ende zuneigt. Wer der Meinung ist, dass das Mediengesch\u00e4ft in erster Linie ein Gesch\u00e4ft ist und dass ein Verlag nicht anders gef\u00fchrt werden sollte als eine Schraubenfabrik, selbst wenn in ihr an den Stellschrauben unserer Gesellschaft gedreht wird, hat sich die aktuellen Umsatzeinbu\u00dfen redlich verdient.<\/p>\n<p><strong>Konsumgut Journalismus<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00d6konomisierung unseres Berufes durch viele Verlagsmanager, die sich ausschlie\u00dflich an der Rendite messen lie\u00dfen, war der <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/09\/09\/der-anfang-vom-ende\/\">Anfang einer Fehlentwicklung<\/a>, die den Journalismus zum Konsumgut degradiert hat. Dumm nur, dass die Klientel im Zirkus Maximus, die man sich auf billigstem Unterhaltungsniveau herangez\u00fcchtet hat, inzwischen in arge Zahlungsschwierigkeiten geraten ist, was die werbetreibende Wirtschaft nun davon abh\u00e4lt, in gewohnter Weise in Anzeigen zu investieren.<\/p>\n<p>Betroffen sind in erster Linie die <strong>Printmedien<\/strong>. Da helfen den Zeitungen auch die zahlreichen Onlineangebote nicht weiter, die mit ihren niedrigen Einnahmen keine Ausfallb\u00fcrgschaft antreten k\u00f6nnen. Ein Gro\u00dfteil des Werbekuchens wird inzwischen durch branchenfremde Akteure wie Suchmaschinen, Social Media und Telekommunikationsunternehmen abgezogen.<\/p>\n<p>Wohl gemerkt, wir reden hier ausschlie\u00dflich von der Krise des Informationsjournalismus, von der <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/12\/12\/warum-unabhaengige-medien-so-wichtig-sind\/\">vierten Macht im Staate<\/a>. Und da muss man sich in der Tat Sorgen machen. Schlie\u00dflich l\u00e4sst sich an den Gesch\u00e4ftsmodellen, die Dienstleistungen und Merchandising an journalistische Plattformen binden, eine h\u00f6chst unerfreuliche Nebenwirkung ablesen: die Erosion der redaktionellen Unabh\u00e4ngigkeit. Ein hohes Gut in der Demokratie, dessen Zerfall von den Medien selbst betrieben wird.<\/p>\n<p><strong>Durch den Abbau von Korrespondentennetzen und Ressorts zum Beispiel, durch die Schaffung sogenannter Zentralredaktionen f\u00fcr verschiedene Zeitungen, durch die H\u00f6rigkeit gegen\u00fcber der Marktforschung und nicht zuletzt durch eine \u201ezielgerichtete\u201c Ausbildung des Journalistennachwuchses.<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Wenn-man-den-Maechtigen-nach-dem-Maul-schreibt-bekommt-man-die-besseren-Honorare-3372111.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Harald Schumann<\/a><\/strong> vom Tagesspiegel bringt es auf den Punkt: \u201eUm der wirklichen Gefahrenlage, in der wir uns befinden, als Journalist gerecht zu werden, br\u00e4uchte es eine Form von innerer Unabh\u00e4ngigkeit, die die meisten Kollegen nicht haben. Auf den Nachwuchs braucht man nicht zu setzen. Der Zugang zum Journalistenberuf ist inzwischen so schwer geworden, dass die jungen Leute, die in den Beruf kommen, eine Orgie der Anpassung hinter sich haben, bevor sie das erste Mal einen festen Vertrag unterzeichnen d\u00fcrfen\u201c.<\/p>\n<p>Der Schweizer Medienwissenschaftler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kurt_Imhof\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Kurt Imhof<\/strong><\/a> hielt diesen Anspruch f\u00fcr illusorisch: \u201eMit der Kommerzialisierung des Medienwesens lassen sich die Qualit\u00e4tsanspr\u00fcche des professionellen Journalismus immer weniger erf\u00fcllen und damit auch nicht die notwendigen Leistungsfunktionen der politischen \u00d6ffentlichkeit \u2013 wir werden also ausgerechnet in der Globalisierung innenpolitisch d\u00fcmmer\u201c. Daf\u00fcr sieht er vor allem einen Grund: Der Informationsjournalismus ist der Transnationalisierung der Politik nicht nachgewachsen, das hei\u00dft, es gibt keine europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit, daf\u00fcr aber m\u00e4chtige transnationale politische Institutionen ohne \u00d6ffentlichkeit. Und diesen R\u00fcckschritt haben wir ausgerechnet in einer Zeit hinzunehmen, die nichts dringender braucht als eine funktionierende freie Presse, welche sich der seri\u00f6sen Aufkl\u00e4rung verpflichtet f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Der Journalismus wird nicht mehr als kulturelle Leistung begriffen, auf die wir ein Anrecht haben, meint <a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/66148\/3214044\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Klaus Liedtke<\/strong><\/a>, Ex-Chefredakteur von Stern und National Geographic. \u201eDie Menschen haben ein im Grundgesetz verbrieftes Recht auf Informationen, und die Medien stehen in der Pflicht, diese Informationen zu liefern. Wer sollte es sonst tun?\u201c<\/p>\n<h2><span id=\"Ein_propagandistischer_Ausstoss_an_Angst\" class=\"ez-toc-section\"><\/span>Ein propagandistischer Aussto\u00df an Angst<\/h2>\n<p>Das kapitalistische Wirtschaftssystem und sein <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2020\/07\/25\/weltwirtschaftskrise-und-geld-aus-dem-nichts\/\">Finanzsystem<\/a> konfrontiert gerade seinen eigenen <a href=\"https:\/\/www.reiner-wein.org\/finanzsektor-als-supermacht-im-gesprach-mit-ernst-wolff\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kollaps<\/a>. Um die Massen unter Kontrolle zu bringen, bevor diese aufstehen, haben die Drahtzieher in Politik und Wirtschaft mit Hilfe der Medien eine globale Bedrohung inszeniert: <strong>das Coronavirus<\/strong>. Ein enormer propagandistischer Aussto\u00df an Angst l\u00e4hmt zur Zeit jeden Widerstand. Ob das jedoch noch lange gut gehen wird, darf bezweifelt werden, wie die Demonstration in Berlin vom 1. August nahelegt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dort hunderttausende Menschen friedlich gegen die ihnen auferlegten Beschr\u00e4nkungen aufbegehrten, schalteten die sogenannten \u201eQualit\u00e4tsmedien\u201c in ihrer Berichterstattung in den L\u00fcgenmodus, fuhren die Teilnehmerzahlen unisono auf 20.000 herunter und \u00fcbten sich im Gleichschritt in einer gigantischen Diffamierungskampagne normaler B\u00fcrger. Hier wurde deutlich, wie sehr sich die Medien inzwischen von ihren Lesern entfernt haben. Die drastisch <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/infografik\/10376\/verkaufte-auflage-ueberregionaler-tageszeitungen-in-deutschland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">sinkenden Auflagenzahlen<\/a> belegen das ebenfalls.<\/p>\n<p>Ein weiteres, viel schlimmeres Indiz f\u00fcr den vertr\u00e4umten Journalismus unserer Tage ist der Umgang der Mainstreammedien mit der menschengemachten <strong><a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/11\/24\/die-oeko-katastrophe\/\">\u00d6kokatastrophe<\/a><\/strong>, die unsere Lebensbedingungen dramatisch ver\u00e4ndern wird. Der Klimawandel ist nur ein Aspekt, aber allein er wird in absehbarer Zeit enorme Auswirkungen auf unser politisches, wirtschaftliches, soziales und kulturelles Leben haben.<\/p>\n<p>Der rasante Ausverkauf der nat\u00fcrlichen Ressourcen, der durch den Wachstumsrausch in den ehemaligen Schwellenl\u00e4ndern <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2019\/08\/25\/china-ist-zu-stark-um-den-handelskrieg-zu-verlieren\/\">China<\/a>, Indien und Brasilien noch extrem bef\u00f6rdert wird, gibt ebenfalls zu gr\u00f6\u00dfter Sorge Anlass. Ganz abgesehen von den \u201eKriegen gegen den Terror\u201c, in die wir uns haben hineinziehen lassen und dem kriminellen Gebaren einer von Gier gesteuerten internationalen Finanzindustrie, welche die Werte der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft sukzessive zersetzt und uns die Demokratie aus der Hand zu nehmen droht.<\/p>\n<p>Einem Gro\u00dfteil der etablierten Medien scheint das jedoch egal zu sein. Aber solange sie sich als Teil der Unterhaltungsindustrie verstehen und nicht als aufkl\u00e4rendes Instrument, ist ihr Einfluss auf die Gesellschaft \u00e4tzend und zersetzend. Wenn ZEIT-Chefredakteur <strong>Giovanni di Lorenzo<\/strong> beispielsweise sagt, dass Begriffe wie Klimawandel oder Nachhaltigkeit selbst die Leser der ZEIT regelm\u00e4\u00dfig abzuschrecken scheinen, ist das ein erb\u00e4rmliches Zeugnis f\u00fcr die Medien. Sie selbst haben sich ein derart desinteressiertes Publikum geschaffen.<\/p>\n<h2><span id=\"Die_politische_Demarkationslinie\" class=\"ez-toc-section\"><\/span>Die politische Demarkationslinie<\/h2>\n<p>\u201eWoran liegt es, dass einige der wichtigsten Fragen der Menschheit auf ein so geringes Interesse sto\u00dfen?\u201c, gibt sich di Lorenzo dennoch ratlos <sup><a id=\"fnref-1\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2020\/08\/05\/journalismus-heute-vertrieb-der-angst\/#fn-1\">[1]<\/a><\/sup>. Daf\u00fcr gibt es mehrere Ursachen. W\u00e4hrend die Politik es noch immer als ihr erkl\u00e4rtes Ziel ansieht, Wachstumszahlen zu produzieren, w\u00e4chst die Zahl der Menschen, die sich nach praktikablen L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten au\u00dferhalb des kollabierenden Systems sehnen, sprunghaft an. Die Kommunikation im Internet gibt dar\u00fcber hinreichend Aufschluss. Inzwischen hat sich dort eine alternative Medienwelt herangebildet, die zunehmend m\u00e4chtiger wird und der weit mehr Vertrauen entgegengebracht wird, als den Dickschiffen der gro\u00dfen Verlagsh\u00e4user.<\/p>\n<p>Es ist schon erstaunlich, wie unzureichend diese Aufbruchstimmung von den klassischen Medien erfasst wird. \u201eDie wirklichen Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft finden oft jenseits dessen statt, was wir im Print oder meinetwegen auch Online veranstalten\u201c, gestand der Buchautor und ehemalige Chefredakteur des Stern, <strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_J%C3%BCrgs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Michael J\u00fcrgs<\/a><\/strong>. \u201eDas sind alles Bewegungen, die nicht von uns bewirkt worden sind: Occupy, Attac, Anonymous, <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2020\/02\/11\/freeassange-wikileaks-chefredakteur-kristinn-hrafnsson-berichtet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">WikiLeaks<\/a>. Diese Leute interessiert nicht mehr, was die klassischen Medien machen\u201c.<\/p>\n<p>Wohl wahr. Die politische <strong>Demarkationslinie<\/strong> verl\u00e4uft schon lange nicht mehr zwischen links und rechts, auch nicht zwischen oben und unten, sie verl\u00e4uft mittlerweile zwischen zukunftsfeindlich und zukunftsf\u00e4hig. Die Medien m\u00fcssen sich fragen, ob es m\u00f6glich ist, die Aufregung und das Aufregende unserer Zeit neu zu gewichten. Oder ob ihnen auf ewig die H\u00e4nde gebunden sind in der gnadenlosen Gewinn- und Verlustrechnung unserer Tage.<\/p>\n<p>Aber wie immer man es andenkt, es bleiben Wunschtr\u00e4ume. \u201eMedien sind nur dann Instrumente zur gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung, wenn sich die Gesellschaft schon in einem Umbruch befindet. Wer diese Reihenfolge umdrehen will, h\u00e4ngt einem naiven Wunschtraum an\u201c, konstatiert Harald Schumann n\u00fcchtern.<\/p>\n<p>Noch desillusionierender ist das, was <strong>Hans-Ulrich J\u00f6rges<\/strong> <sup><a id=\"fnref-2\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2020\/08\/05\/journalismus-heute-vertrieb-der-angst\/#fn-2\">[2]<\/a><\/sup>, von 2007 bis 2017 Mitglied der Stern-Chefredaktion, sagt: \u201eWenn wir \u00fcber ver\u00e4nderte Medien reden, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst einmal feststellen, dass die Unf\u00e4higkeit der Politik, die Welt und sich selbst zu erkl\u00e4ren, noch nie so ausgepr\u00e4gt war wie heute. Diese Aufgabe bleibt jetzt allein an den Medien h\u00e4ngen. Und die sind damit brutal \u00fcberfordert.\u201c Na denn, lieber Leser, Bild dir deine Meinung! Am besten im Internet, wo sich die Informationen noch verifizieren lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland waren die Medien-Gaukler so ratlos unter der Zirkuskuppel wie heute. Soll man sich dar\u00fcber freuen oder muss man Sorge tragen? Wohl beides. 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