{"id":1169672,"date":"2020-07-31T17:02:06","date_gmt":"2020-07-31T16:02:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1169672"},"modified":"2020-07-31T17:02:06","modified_gmt":"2020-07-31T16:02:06","slug":"silvia-federici-wir-brauchen-einen-gesellschaftlichen-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/07\/silvia-federici-wir-brauchen-einen-gesellschaftlichen-wandel\/","title":{"rendered":"Silvia Federici: Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel"},"content":{"rendered":"<p>Die COVID-19-Pandemie hat viele Diskussionen \u00fcber m\u00f6gliche Wege aus der Krise angesto\u00dfen. Viele w\u00fcnschen sich eine \u201eR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t\u201c, eine R\u00fcckkehr zum wachstumsorientierten Wirtschaftsmodell, ohne dabei die Schw\u00e4chen dieses Systems zu hinterfragen. Andere, radikalere Ansichten fordern dagegen das Ende des \u201epatriarchalen Kapitalismus\u201c.<\/p>\n<p>Im Rahmen eines Forschungsprojekts \u00fcber Postwachstums-Gesellschaften erkl\u00e4rt die marxistische Theoretikerin und Feministin Silvia Federici in einem Webinar ihre Ansichten und Ideen zur aktuellen Situation. Das Projekt wurde vom Forschungszentrum f\u00fcr Entwicklung und soziale Transformation der Elisabeth-Bruyere-Schule f\u00fcr soziale Innovation an der Universit\u00e4t Saint Paul in Ottawa (Kanada) organisiert. Die Nachrichtenplattform Colombia Informa ver\u00f6ffentlichte eine spanische \u00dcbersetzung des Seminars, das sich mit neuen Formen einer Gesellschaft jenseits von Wachstum, Kapitalismus, <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/kolonialismus\/\" data-cmtooltip=\"In Lateinamerika begann die Zeit des Kolonialismus mit der Ankunft von Christoph Kolumbus (spanisch Cristobal Col\u00f3n) auf einer der Bahamas-Inseln im Jahr 1492. Die europ\u00e4ischen Nationen begannen zu dieser Zeit den gewaltvollen Wettstreit um die politische und wirtschaftliche Vorherrschaft (Hegemonie) auf der Erde. Die Unterwerfung fremder Gebiete und ihrer Bev\u00f6lkerung war dabei wichtigstes Ziel, um die Ressourcen und Arbeitskr\u00e4fte ausbeuten zu k\u00f6nnen. Auf dem lateinamerikanischen Kontinent konkurrierten das spanische und das portugiesische Kolonialreich um die Vorherrschaft. \">Kolonialismus<\/a> und dem Patriarchat besch\u00e4ftigt. Soziale Reproduktion, das Gemeinwohl und die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt waren Themen im Gespr\u00e4ch mit einer der wichtigsten kritischen Philosophinnen unserer Zeit.<\/p>\n<p>Silvia Federici, emeritierte Professorin der Hofstra University im Bundesstaat New York, war in den 1970er Jahren Mitbegr\u00fcnderin des International Feminist Collective und Aktivistin der \u201eLohn f\u00fcr Hausarbeit\u201c-Kampagne, ein Thema, das bis heute nicht an Aktualit\u00e4t verloren hat und sich in dem aktuellen Kampf gegen die Ignoranz gegen\u00fcber der von Frauen geleisteten Arbeit widerspiegelt. Federici schrieb zahlreiche B\u00fccher wie <em>Aufstand aus der K\u00fcche:<\/em> <em>Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution <\/em>(2012), <em>Caliban und die Hexe <\/em>(2014), <em>Die Welt wieder verzaubern. Feminismus, Marxismus und Commons<\/em> (2018) und <em>Jenseits unserer Haut. K\u00f6rper als umk\u00e4mpfter Ort im Kapitalismus <\/em>(2020).<\/p>\n<p><strong>Schule f\u00fcr soziale Innovation: <\/strong>In Ihren letzten B\u00fcchern <em>Die Welt wieder verzaubern<\/em> und <em>Jenseits unserer Haut<\/em> sprachen Sie \u00fcber das Thema \u201ePostkapitalismus\u201c im Hinblick auf die gesellschaftliche Reproduktion. K\u00f6nnen Sie uns erl\u00e4utern, was Postkapitalismus bedeutet?<\/p>\n<p>Silvia Federici: Ich denke es ist wichtig, die Frage in den richtigen Kontext zu stellen und zu definieren, welche Art von Ver\u00e4nderung wir brauchen. Ich hoffe, dass die aktuelle Krise, die Pandemie, eine historische Chance bietet, einen Moment der Erkenntnis. Durch die heutigen sozialen Strukturen wird das menschliche Leben systematisch entwertet, entw\u00fcrdigt. Das f\u00fchrt zu einem endlosen Teufelskreis. Doch die momentane Krise ist global und wirkt sich daher auf alle Bereiche des Lebens aus. Hoffentlich haben wir nun einen Wendepunkt erreicht, denn wir sind an einem Moment angekommen, der es uns nicht mehr erlaubt, zur fr\u00fcheren Normalit\u00e4t zur\u00fcckzukehren. Dies ist ein kritischer Augenblick f\u00fcr alle Menschen weltweit. Covid-19 hat die Krisen, die bereits seit langem existieren, nun ans Tageslicht gebracht, und das ist wichtig. Die zahlreichen Probleme, die sich immer weiter zuspitzen, sind nun sichtbar geworden, beispielsweise die Krise unseres Gesellschaftssystems.<\/p>\n<p><strong>Die verschiedenen Krisenfaktoren greifen ineinander<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten 30 Jahren haben Gesundheitsversorgung und Hygiene die Bev\u00f6lkerung systematisch in verschiedene Klassen unterteilt. Zwar hat diese Politik \u00fcberall auf der Welt unterschiedliche Formen angenommen, jedoch \u00fcberall zu einer Aush\u00f6hlung des Sozialsystems gef\u00fchrt. In den USA zum Beispiel ist es besonders die rassifizierte und schwarze Bev\u00f6lkerung, die \u00fcberproportional vom Abbau und von der Privatisierung des Gesundheitswesens betroffen ist.<\/p>\n<p>Gleichzeitig haben wir mit der Intensivierung der Agrarindustrie und der Ausbreitung von Monokulturen in den vergangenen 30 Jahren eine systematische Sch\u00e4digung der Landwirtschaft erlebt, die sich unmittelbar auf die Nahrungsmittelproduktion, den wichtigsten Reproduktionsbereich f\u00fcr das Leben \u00fcberhaupt, ausgewirkt hat. Durch den Einsatz von Chemie und genver\u00e4nderten Samen wurde die Nahrungsmittelproduktion an die Anspr\u00fcche der Industrie angepasst \u2013 mit direkten Folgen f\u00fcr unsere K\u00f6rper, unser Immunsystem, unser soziales Miteinander und unsere Fortpflanzungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen verstehen, dass die verschiedenen Krisenfaktoren zusammenh\u00e4ngen. Nur so k\u00f6nnen wir verstehen, warum so viele Menschen durch Maschinen ersetzt werden und arbeitslos sind, w\u00e4hrend andere mehr arbeiten m\u00fcssen als je zuvor. Wir haben also einerseits Arbeitslosigkeit und andererseits die Not, immer mehr zu arbeiten. Insbesondere Frauen sind von dieser Entwicklung stark betroffen. Heutzutage m\u00f6chten sich die Frauen durch Arbeit emanzipieren und unabh\u00e4ngig sein. Faktisch m\u00fcssen sie jedoch oft zwei oder drei Jobs gleichzeitig haben, um zumindest einen gewissen Grad an wirtschaftlicher Selbstbestimmung zu erlangen. Ein Job allein ist da nicht ausreichend. Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch zwischen Reproduktionsarbeit im famili\u00e4ren Bereich und Lohnarbeit. Und das wirkt sich besonders auf die Kinder sowie die \u00e4ltere Bev\u00f6lkerung aus.<\/p>\n<p><strong>Wir brauchen einen strukturellen Wandel<\/strong><\/p>\n<p>Wahrscheinlich haben viele bereits auf die eine oder andere Weise die Folgen dieses sozialen Widerspruchs zu sp\u00fcren bekommen und beginnen nun zu verstehen, dass wir einen strukturellen Wandel brauchen. Dabei m\u00fcssen wir unsere gesellschaftlichen Strukturen und die soziale Reproduktion grundlegend ver\u00e4ndern. Denn der Kapitalismus basiert auf einer Logik, die das menschliche Leben ausnutzt und als oberste Ziel verfolgt, das Kapital zu vergr\u00f6\u00dfern. Ich m\u00f6chte hier nicht weiter in die Tiefe gehen, denn ich denke, diesen Aspekt der Krise kennen Sie alle zu Gen\u00fcge, und die Auswirkungen haben wir alle in gewissem Umfang zu sp\u00fcren bekommen. Was genau ist also das Neue an der heutigen Situation?<\/p>\n<p>Uns ist bewusst, dass unser Leben in Gefahr ist. Wir brauchen einen strukturellen Wandel. Einen gesellschaftlichen Wandel, der mit einer Neustrukturierung der sozialen Reproduktion beginnen muss, denn die grunds\u00e4tzliche Logik des Kapitalismus basiert auf der Entwertung des menschlichen Lebens und seiner Subsumierung unter die Akkumulation des Kapitals.<\/p>\n<p>Das heutige Wirtschaftssystem hat unendliches Wachstum zum Ziel und beutet daf\u00fcr das menschliche Leben aus. Um einen Wandel zu erm\u00f6glichen, muss der Mensch im Mittelpunkt stehen. In den feministischen Bewegungen ist das bereits ein zentraler Aspekt. Lebensqualit\u00e4t ist das Stichwort. Wir sprechen hier von einer Gesellschaft, die es ihren Mitgliedern und ihren Gemeinschaften erlaubt aufzubl\u00fchen und zu gedeihen und sich nicht ein Leben lang versklaven zu m\u00fcssen. In dieser Gesellschaft w\u00fcrden alle vom gemeinsamen Wohlstand profitieren.<\/p>\n<p><strong>Der Einkauf im Supermarkt gleicht einem Gl\u00fccksspiel<\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr m\u00fcssten alle Bereiche der sozialen Reproduktion transformiert werden, angefangen nat\u00fcrlich mit den zentralen Aspekten unseres Lebens: der h\u00e4uslichen Arbeit, der Kindererziehung und der Pflege von bed\u00fcrftigen Personen. Aber das reicht nicht aus. Wir m\u00fcssen die Landwirtschaft neugestalten und uns vom Modell der heutigen der Agrarindustrie verabschieden, denn es basiert auf den Prinzipien der Marktwirtschaft und des Profits und produziert vor allem Not und Leid. Es profitieren nur diejenigen, die sich industriell produzierte Lebensmittel leisten k\u00f6nnen. Gleichzeitig wird durch die Agrarindustrie das Grundwasser verschmutzt, und nat\u00fcrliche Nutzpflanzen gehen durch Genmanipulation verloren. Der Einsatz von Agrargiften belastet den Boden, die Luft und auch unsere K\u00f6rper. Folglich k\u00f6nnen wir uns inzwischen nicht mehr sicher sein, ob die Lebensmittel, die wir kaufen, uns guttun oder uns schaden. Heutzutage gleicht der Einkauf im Supermarkt einer Art Gl\u00fccksspiel, und das ist be\u00e4ngstigend. Wir m\u00fcssen \u00fcber einen grunds\u00e4tzlichen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel nachdenken. Kultur meint in diesem Kontext, dass wir eine Gesellschaft ohne dieses Misstrauen schaffen m\u00fcssen, das uns immer wieder durch die Medien eingebl\u00e4ut wird. Wir haben eine negative Beziehung zueinander verinnerlicht und stattdessen den Reichtum priorisiert. Das Gleiche trifft auch auf unser Verh\u00e4ltnis zu Tieren und der Natur zu. Wir m\u00fcssen unser Verhalten \u00e4ndern und dem grausamen Umgang mit Tieren ein Ende setzen. In den Massenbetrieben im Westen der USA zum Beispiel werden Hunderttausende von Tieren misshandelt und get\u00f6tet. Da es oft nicht genug Personal gibt, um alle Tiere zu schlachten und das Fleisch zu verkaufen, werden Tiere immer wieder grundlos get\u00f6tet. Das ist grausam und leider keine Seltenheit in der Lebensmittelindustrie, deren Grundpfeiler das Leiden der Tiere ist. In den Betrieben werden bis zu 5.000 Schweine oder H\u00fchner auf engstem Raum eingesperrt und von Medikamenten ern\u00e4hrt. Das ist ein riesiges Problem.<\/p>\n<p>Es besteht ein grundlegender Zusammenhang zwischen dem, was auf \u00f6kologischer Ebene passiert (beispielsweise die Verschmutzung der Meere) und der industriellen Landwirtschaft. Auch muss man ber\u00fccksichtigen, dass die Agrarindustrie die Zwangsumsiedlung von Millionen von Bauern zur Folge hat und ganze Migrationswellen ausl\u00f6st. Diese Menschen haben ihre Heimat nicht ohne Grund verlassen. Sie sind fortgegangen, weil ihr Land privatisiert wurde. Das ist eine der Hauptursachen der globalen Migration. Wir brauchen also tiefgreifende strukturelle Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p><strong>Denken auf zwei Ebenen<\/strong><\/p>\n<p>Dazu m\u00fcssen wir anfangen, auf zwei Ebenen zu denken. Eine Ebene ist die Sofortma\u00dfnahme. Es braucht unmittelbare Ver\u00e4nderungen, und wir alle m\u00fcssen daran mitwirken. Menschen, die durch die Krise an den Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt wurden, sind in unmittelbarer Gefahr und brauchen den Schutz jetzt. Die zweite Ebene umfasst das langfristige Denken. Jenseits des Wirtschaftswachstums und des Kapitalismus kann eine Gesellschaft entstehen, in der wir Produktions- und Reproduktionsprozesse in einem neuen, weiteren Sinne denken. Auch das Verh\u00e4ltnis zur Natur und zu den Tieren muss neu \u00fcberdacht werden. Doch das erfordert eine gro\u00dfe kollektive Anstrengung.<\/p>\n<p>Meine Arbeit hat sich in den letzten Jahren stark auf die Kommunalpolitik konzentriert. In meinen Augen sind die Kommunen wie eine kulturelle Einheit, deren Gesellschaft sich kollektiv weiterentwickelt. In den Kommunen werden Entscheidungen gemeinsam getroffen, sodass auf die soziale Reproduktion und die zentralen Bereiche des Lebens Einfluss genommen werden kann. Die Kommunen sind keine passiven Empf\u00e4nger der Entscheidungen der Landesregierung. Seit mehr als 500 Jahren diktiert der Kapitalismus, wie wir uns dem System zu f\u00fcgen haben, nicht nur als Individuen, sondern auch als Gemeinschaft, die sich nun der Neustrukturierung der gesellschaftlichen Reproduktion stellen muss.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen unser Verh\u00e4ltnis zu Ressourcen und zum Reichtum ver\u00e4ndern, den wir f\u00fcr den Erhalt unserer Lebensqualit\u00e4t produzieren, und die gesellschaftliche Reproduktion in den Mittelpunkt der Gemeinschaft stellen. Der Bereich der Reproduktion muss kollektiver gestaltet werden, damit niemand durch Verrichtung der t\u00e4glichen Arbeiten zu Hause isoliert wird.<\/p>\n<p><strong>Zwischen Konsum und Machtlosigkeit besteht ein Zusammenhang<\/strong><\/p>\n<p>Wichtig ist auch das Thema Wachstum, das eng verbunden ist mit dem Thema Konsum. Dabei wird viel Kritik ge\u00fcbt an dem Konsumverhalten mancher Menschen, besonders der \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerung, die das Wenige, was sie besitzt, f\u00fcr Konsumg\u00fcter ausgibt. Das ist eine Folge der wachsenden sozialen Verarmung, die wir erleben, und der Konsum ist die logische Antwort darauf. Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sind unbefriedigend und der gesellschaftliche Zusammenhalt schwach, sodass wir uns jeden Tag wie Verlierer f\u00fchlen. Die unerf\u00fcllten Bed\u00fcrfnisse dr\u00fccken sich in unserem Konsumverhalten aus, denn der Konsum gibt uns ein Art Machtgef\u00fchl. Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der uns das soziale Zusammenleben erf\u00fcllt. Dann br\u00e4uchten wir keine f\u00fcnf Hosen kaufen, um das zu ersetzen, was uns im gesellschaftlichen Zusammenleben fehlt. Die Ware wird ein Ersatz, um diese Leere in uns zu f\u00fcllen. Das hat mit dem Wachstum zu tun, deshalb ist es so wichtig, es zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen unsere sozialen Strukturen neugestalten und lernen zusammenzuarbeiten. Dabei w\u00fcrden wir nicht bei null anfangen, denn viele Leute besch\u00e4ftigen sich schon damit; es gibt soziale Bewegungen, die genau das fordern. Was wir machen m\u00fcssen, ist, diese K\u00e4mpfe b\u00fcndeln und gemeinsam f\u00fcr unsere Ziele k\u00e4mpfen, denn dadurch entstehen neue M\u00f6glichkeiten, mit Hilfe derer wir unsere Ziele erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei gibt es nicht nur ein m\u00f6gliches Zukunftsmodell. Um die Zapatistas zu zitieren: \u201eEs gibt ein Nein und viele Ja\u201c. Wir brauchen Klarheit dar\u00fcber, was wir f\u00fcr unsere Gesellschaft nicht wollen: dass sie von Ungerechtigkeit gepr\u00e4gt ist und den Planeten zerst\u00f6rt. Wir k\u00f6nnen auch fr\u00fchere soziale Bewegungen und K\u00e4mpfe zur Inspiration hinzuziehen. Das gute Leben, \u201eEl <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/buen-vivir\/\" data-cmtooltip=\"w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt \u201eGutes Leben\u201c, beschreibt ein harmonisches und nachhaltiges Miteinander der Menschen, mit allen auf der Erde lebenden Wesen. Es fu\u00dft auf indigenen Vorstellungen der Welt (Kosmovisionen) aus dem Anden- und dem Amazonas-Raum, bei der die Gattung Mensch nicht \u00fcber der Natur steht, sondern vielmehr Teil von ihr ist, so wie alle anderen, von Mutter Erde (Pachamama) geschaffenen Kreaturen. Dementsprechend verpflichtet das Buen Vivir die Menschen zu einem ma\u00dfvollen Handeln: Ihre zivilisatorischen Wachstumspl\u00e4ne d\u00fcrfen nicht auf Kosten nat\u00fcrlicher G\u00fcter und \u00d6kosysteme gehen (siehe: Imperiale Lebensweise). Entsprechend dieser Auffassung werden der Natur besondere Rechte einger\u00e4umt, die in L\u00e4ndern wie Ecuador und Bolivien inzwischen auch in der Verfassung verankert\u2013 doch konsequent umgesetzt werden diese Garantien nur selten. \">Buen Vivir<\/a>\u201c, wie man in Lateinamerika sagt, kann \u00fcberall unterschiedliche Formen annehmen. Hier ist Kreativit\u00e4t gefordert, um die Vielfalt der Gesellschaft in den sozialen Kampf und die Gestaltung einer neuen Gemeinschaft einflie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>Wenn wir unseren Kindern keine tragischen Zukunft \u00fcberlassen wollen, m\u00fcssen wir uns bewusst werden, was sich gerade vor unseren Augen abspielt. Die Pandemie ist ein Alarmsignal, und wir m\u00fcssen es h\u00f6ren. Doch die wichtigste Voraussetzung f\u00fcr Ver\u00e4nderung ist, dass wir uns nicht wieder auf die alten Eliten verlassen, die seit Jahrzehnten unseren Planeten zerst\u00f6ren. Diejenigen, die f\u00fcr diese Krisen mitverantwortlich sind, k\u00f6nnen uns nicht aus der Pandemie f\u00fchren. Diese Aufgabe k\u00f6nnen wir ihnen nicht anvertrauen. Stattdessen m\u00fcssen wir uns alle einbringen und gemeinsam an einer L\u00f6sung aus der globalen Krise beteiligen.<\/p>\n<p><strong>Die Krise war vorhersehbar<\/strong><\/p>\n<p><strong>E.I.S.:<\/strong> Wie k\u00f6nnen wir die aktuelle Situation nutzen, um den Weg f\u00fcr eine Postwachstums-Gesellschaft zu ebnen, ohne uns bei der Pandemiebew\u00e4ltigung wieder auf die alten politischen und wirtschaftlichen Eliten einzulassen?<\/p>\n<p><strong>S.F.:<\/strong> Wie ich bereits sagte, die Pandemie bringt eine Krise zum Vorschein, die sich bereits seit langem angek\u00fcndigt hat. Wir sahen die Krise kommen und wussten, dass vor allem diejenigen betroffen sind, die sich um die \u00e4ltere Bev\u00f6lkerung k\u00fcmmern. Seit vielen Jahren konzentriert sich meine Arbeit auf diesen Teil der Bev\u00f6lkerung. In weiten Teilen der Welt ist die Versorgung \u00e4lterer Menschen schon seit langem katastrophal. Durch den Kapitalismus wird das Leben systematisch entwertet, allerdings sind einige Menschen davon st\u00e4rker betroffen als andere. Die \u00e4ltere Bev\u00f6lkerung der Arbeiterklasse tr\u00e4gt inzwischen nicht mehr zum Wirtschaftswachstum bei. Der <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/neoliberalismus\/\" data-cmtooltip=\"Richtung der Volkswirtschaftslehre, die die Verbindung von wirtschaftlicher und politischer Freiheit betont. Verfechter des Neoliberalismus haben die \u00dcberzeugung, der freie Markt regele die Produktion von G\u00fctern und die Nutzung von Ressourcen ganz allein und weitestgehend ohne die Einmischung des Staates. Von neoliberalen Politiker*innen angesto\u00dfene Strukturanpassungsprgramme (SAP) beinhalten fast immer mehr Privatisierung und Deregulierung, Steuersenkung f\u00fcr Reiche, Senkung von Staatsausgaben (au\u00dfer f\u00fcr das Milit\u00e4r), Senkung des Mindestlohnes, Anheben der Studiengeb\u00fchren etc. H\u00e4ufig verst\u00e4rken sich dadurch wirtschaftliche und politische Probleme von krisengebeutelten L\u00e4ndern letztlich noch mehr. Die Mittelschicht l\u00f6st sich in Armut auf, w\u00e4hrend reiche und m\u00e4chtige Eliten bevorteilt werden.\">Neoliberalismus<\/a> hat vor allem die Ressourcen von Familien und Arbeitern verknappt, auch sind sie besonders von den K\u00fcrzungen der Unterst\u00fctzungsleistungen betroffen. Die Folgen dieser Politik sp\u00fcren nun besonders die alten Menschen. Es ist also kein Zufall, dass sich im Rahmen der Covid-19-Pandemie gerade in der \u00e4lteren Bev\u00f6lkerung eine Katastrophe abspielt.<\/p>\n<p>Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten hinsichtlich des Zugangs zu medizinischer Behandlung und Medikamenten gab es schon immer. Auch Missbrauchsf\u00e4lle seitens des Pflegepersonals gegen\u00fcber \u00e4lteren Menschen sind nichts Neues. Doch es waren die politischen Entscheidungstr\u00e4ger, die die Ressourcen des Gesundheitswesens gek\u00fcrzt haben, sodass die Krankenh\u00e4user nicht ausreichend auf die Pandemie vorbereitet waren und es an wichtiger Ausstattung fehlte. Es ist wichtig, dass die Menschen das verstehen. Dass die Gesellschaft auf eine Katastrophe wie diese Pandemie nicht vorbereitet war, hat eine Vorgeschichte. Das ist das Ergebnis fr\u00fcherer Entscheidungen, wie die Vernachl\u00e4ssigung des Rechtes auf Gesundheit. Das m\u00fcssen wir verstehen, um unsere Fragen zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t der Versorgung massiv zu verbessern hat nun Priorit\u00e4t. Betrachtet man was in den letzten 30 Jahren in Afrika passiert ist, in S\u00fcdasien oder in Lateinamerika, erkennt man, dass es bereits viele epidemische Wellen gab. Eine nach der anderen entstanden sie als Folge der Armut, des Systems an sich und der strukturellen Anpassungen. \u00dcberall in den ehemaligen Kolonialstaaten wurde die Lebensqualit\u00e4t heruntergefahren. Die Menschen litten unter zahlreichen Epidemien wie Meningitis, Cholera, dem Zika-Virus oder Ebola. Aber diese Pandemie ist global und trifft uns alle. Wenn wir das nicht begreifen, werden wir auch nicht auf den tiefgreifenden Wandel hinarbeiten, der bis in unser allt\u00e4gliches Leben reicht.<\/p>\n<p><strong>Die verschiedenen K\u00e4mpfe b\u00fcndeln<\/strong><\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir ein System reformieren, das im Laufe von Jahrhunderten entstanden ist und sich nicht \u00fcber Nacht ver\u00e4ndern wird? Der derzeitige Aktivismus gibt Antworten auf die dringenden Fragen und Bed\u00fcrfnisse, aber wir brauchen auch eine langfristige Perspektive, eine Strategie zur Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums, der Wiederaneignung des Landes und der Kontrolle \u00fcber die Lebensmittelproduktion. Eine Strategie zur B\u00fcndelung der K\u00e4mpfe, der Student*innenbewegungen mit den Aktivist*innen des Gesundheitswesens und der Landwirtschaft.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung des \u00d6kosystems ist ein zentraler Aspekt. Keine soziale Bewegung kann heutzutage die Zerst\u00f6rung der \u00d6kosysteme ignorieren. Jede Form von Aktivismus braucht diese \u00f6kologische Komponente, denn sie ist die Grundlage unseres Fortbestehens. Das w\u00e4re der erste Punkt.<\/p>\n<p>Der zweite Punkt ist, dass wir unsere Lebensweise und unser Verhalten grundlegend ver\u00e4ndern m\u00fcssen. Mich pers\u00f6nlich hat beeindruckt \u2013 und das habe ich in meinem letzten Buch <em>Re-enchanting the World <\/em>und auch an anderer Stelle schon geschrieben \u2013 wie viel ich von den Frauen Lateinamerikas gelernt habe, besonders von den Frauen in den Randbereichen der lateinamerikanischen St\u00e4dte, in den Favelas und armen Teilen der Gro\u00dfst\u00e4dte. Die Menschen leben dort schon seit Jahren und sind seit langer Zeit mit dem konfrontiert, womit nun auch wir zu sp\u00fcren bekommen. Diese Menschen wurden vertrieben, als man ihnen ihr Land wegnahm und sie haben fr\u00fch verstanden, dass ihnen das System nichts zur\u00fcckgibt.<\/p>\n<p>Da w\u00e4re es naheliegend, in Verzweiflung zu verfallen. Aber das tun sie nicht. Stattdessen organisieren sie sich und suchen gemeinsam nach einem Weg, um gegen das Verlieren anzuk\u00e4mpfen. Sie legen Beete an, kochen in Gemeinschaftsk\u00fcchen und anschlie\u00dfend verteilen sie das Essen untereinander. Dadurch ist die Gemeinschaft enger zusammengewachsen. Die gesellschaftliche Verbundenheit und Solidarit\u00e4t ist eine Revolution; solch eine neue Form des sozialen Zusammenhalts erlaubt es den Menschen, sich gegen\u00fcber dem Staat neu und st\u00e4rker zu positionieren. So brechen alte Gesellschaftsstrukturen auf, und der Staat ist gezwungen, etwas von seiner Macht abzutreten. Wir sprechen von den Sektoren Nahrungsmittel, Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft. In all diesen Bereichen m\u00fcssen wir mitreden \u2013 dar\u00fcber, was in den Krankenh\u00e4usern passiert und was f\u00fcr ein Gesundheitssystem wir wollen. Das sind wichtige Schritte, die wir gehen m\u00fcssen und das ist keine Unm\u00f6glichkeit, keine Utopie sondern etwas, das wir schaffen k\u00f6nnen. Dadurch gewinnen wir mehr Kontrolle \u00fcber unser allt\u00e4gliches Leben.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Claudia Bothe<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die COVID-19-Pandemie hat viele Diskussionen \u00fcber m\u00f6gliche Wege aus der Krise angesto\u00dfen. Viele w\u00fcnschen sich eine \u201eR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t\u201c, eine R\u00fcckkehr zum wachstumsorientierten Wirtschaftsmodell, ohne dabei die Schw\u00e4chen dieses Systems zu hinterfragen. 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