{"id":1165716,"date":"2020-07-25T09:22:32","date_gmt":"2020-07-25T08:22:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1165716"},"modified":"2020-07-25T09:22:32","modified_gmt":"2020-07-25T08:22:32","slug":"vom-unerreichbaren-ort-des-unerreichbaren-gluecks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/07\/vom-unerreichbaren-ort-des-unerreichbaren-gluecks\/","title":{"rendered":"Vom unerreichbaren Ort des unerreichbaren Gl\u00fccks"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die 80er Bewegung im Spiegel des Schweizer Spielfilms.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gem\u00e4ss weit verbreiterter Interpretation \u201ebrachen\u201c die Unruhen von 1980 \u201eaus heiterem Himmel\u201c \u00fcber Z\u00fcrich und andere Schweizer St\u00e4dte \u201eherein\u201c.<\/strong><\/p>\n<article>Diese Sicht der Dinge l\u00e4sst sich jedoch nicht halten: <em>Alle<\/em> wichtigen Themen, Metaphern, Strategien und Umgangsformen der \u201eBewegung\u201c finden sich bereits in wichtigen Schweizer Spielfilmen der zweiten H\u00e4lfte der 70er Jahre. Diese k\u00fcndigten den bevorstehenden Aufstand unmissverst\u00e4ndlich an. Umgekehrt blieben die direkten Auswirkungen der Unruhen auf das einheimische Spielfilmschaffen <em>nach<\/em> 1980 vergleichsweise gering.Dies erstaunt kaum, weil die Filmschaffenden der \u201eBewegung\u201c damals vorzugsweise auf das neue Videoformat setzten, welches sich viel besser direkt-interventionistisch f\u00fcr die aktuellen Anliegen einsetzen liess. Die kreativen Formen der \u201eBewegung\u201c schlugen sich demzufolge kaum im Schweizer Spielfilm nieder. Und \u00fcber kurz oder lang standen die Produktionen der einstmals \u201eBewegten\u201c im Zeichen der neuen Innerlichkeit, welche die 90er Jahre pr\u00e4gen sollte.<\/p>\n<h3>Nur St\u00e4mme werden \u00fcberleben: Les indiens sont encore loin (Patricia Moraz, 1977)<\/h3>\n<p>Die beiden Gymnasiastinnen Lise und Jenny h\u00e4ngen nach Schulschluss in den Bistros von Lausanne herum. Hier haben sie Guillaume und Matthias kennengelernt, die etwa zehn Jahre \u00e4lter sind als die beiden Frauen. Die beiden M\u00e4nner verkl\u00e4ren den Aufbruch von 1968 und schwafeln vom bevorstehenden Endkampf (der nicht kommen wird und den sie vermutlich ohnehin in ihren Mansarden verpennen w\u00fcrden). Lise f\u00fchlt sich von den Argumenten trotzdem einigermassen angesprochen, vor allem, was die Funktion der Schule als Sozialisierungsinstrument angeht. Doch sie will sich von den 68ern nicht vereinnahmen lassen.<\/p>\n<p>Die sensible Jenny strebt nach mehr. Sie findet auch die Schule nicht dermassen daneben wie ihre Freundin. In der Thomas -Mann-Lekt\u00fcre sucht sie die Antwort nach dem Absoluten. Doch der Deutschlehrer sieht sein Fach rein akademisch. Jennys Fragen &#8211; \u201eWie lassen sich die Tr\u00e4ume und Hoffnungen in dieser Gesellschaft erf\u00fcllen?\u201c, \u201eWo kann sich unter dem Diktat des Mittelmasses Freiheit entwickeln?\u201c-bleiben unbeantwortet. Zuflucht und vorl\u00e4ufigen Bescheid \u00fcber \u201eden unerreichbaren Ort des unerreichbaren Gl\u00fccks\u201c findet Jenny beim Betrachten der Photos der Nambikwara Indianer, die der Ethnologe Claude Levi-Strauss in seinem Buch <em>Tristes tropiques<\/em> zeigt.<\/p>\n<p>Die Probleme des Quartetts sind indes handfester: Konkret geht es um die Frage, wo man sich nach der Polizeistunde &#8211; in Lausanne von 1977 bereits um 23 Uhr &#8211; noch trifft. Die Vier vertr\u00f6deln ihre Zeit zun\u00e4chst am Bahnhof. Z\u00fcge fahren durch die Nacht (\u201eLes suisses vont \u00e0 la gare, mais ils ne partent pas\u201c, f\u00e4llt einem dazu unvermittelt ein), schliesslich kommt es zum Bruch: Matthias versucht Lise trotz Gegenwehr zu k\u00fcssen. Kurz danach &#8211; es ist mittlerweile drei Uhr morgens &#8211; fordert ein Kellner im Bahnhofbuffet Lise auf, ihre Schuhe vom gepolsterten Stuhl zu nehmen. Der b\u00e4rtige Guillaume stellt sich auf Seite des Kellners (\u201eBedenk&#8216; doch, ein Proletarier, der morgens um 3 Uhr f\u00fcr dich arbeitet\u201c), doch Lise l\u00e4sst das Argument nicht gelten: Sie entlarvt den 68er als Kleinb\u00fcrger.<\/p>\n<p>Anfang der achtziger Jahre wird sie bei \u201eLausanne bouge\u201c zweifelsohne mit dabei sein. F\u00fcr Jenny ist das alles zu abstrakt. Doch ihre Indianer sind, wie der Museumsw\u00e4rter Charles D\u00e9 (eine h\u00fcbsche Referenz an Tanners Film <em>Charles mort ou vif<\/em> von 1969) bemerkt, noch weit weg. Zu weit, wie sich herausstellt: Als ihre Freunde nicht zur geplanten Jurawanderung erscheinen, sucht Jenny im Schnee den Tod und erfriert im nahen Stadtwald.<\/p>\n<h3>Es wird kalt in Bern: Kleine frieren auch im Sommer (Peter von Gunten, 1978)<\/h3>\n<p><em>Kleine frieren auch im Sommer<\/em> ist bei seinem Erscheinen 1978 allzu eng im Zusammenhang mit der Problematik von Drogen und Beschaffungskriminalit\u00e4t gesehen worden. Im R\u00fcckblick ging und geht es um mehr: Zun\u00e4chst einmal bietet der Film das Vergn\u00fcgen, die sp\u00e4ten 70er Jahre optisch nochmals quasi live zu erleben: Sei es als Blick in die Restaurantk\u00fcche mit ihren schudderig-orangefarbenen G\u00e4ngen und Garderobeschr\u00e4nken, sei es als Blick ins Innere einer WG, wo die Matratze selbstverst\u00e4ndlich direkt auf dem Boden liegt, unter dem obligaten Seidentuch aus Indien.<\/p>\n<p>Dazu spielt das Kofferradio Mundartrock. Hier ist Platz f\u00fcr (fast) alle: f\u00fcr Max, den arbeitslosen Fixer; f\u00fcr G\u00e9rard, der von seinem Vater aus der Vorstadtvilla rausgeschmissen wurde und in dem Max einen potentiellen Stofflieferanten sieht; f\u00fcr Juliette, die als einzige in der Gruppe arbeitet und die vor allem deshalb in der WG bleibt, weil sie Max liebt und ihn aus dem Milieu herausholen m\u00f6chte; schliesslich f\u00fcr Patricia, die aus dem Gef\u00e4ngnis ausgerissen ist, wo sie wegen eines unbedachten \u00dcberfalls einsass.<\/p>\n<p>Die vier Jugendlichen &#8211; alle unter zwanzig und aus verschiedenen Motiven zusammenge-kommen &#8211; versuchen gemeinsam, durch alternative Lebensweise aus ihrer Isolation auszubrechen und neue Nestw\u00e4rme zu finden. Ansatzweise befriedigen die Alternativbeizen der Berner Altstadt diese Bed\u00fcrfnisse. Doch es bleibt beim Ansatz: Die Vermengung von Aussenseitertum und Beschaffungskriminalit\u00e4t treibt die Gruppe immer weiter ins Abseits. Als ein grosser Deal mit geborgtem Geld missgl\u00fcckt, kann der Ausbruch aus der Isolation erst recht nicht mehr gelingen. Max und G\u00e9rard kommen ins Gef\u00e4ngnis, Patricia kann fl\u00fcchten und Juliette wird, da sie schwanger ist, aus der Untersuchungshaft entlassen.<\/p>\n<h3>Klimafilm I: Grauzone (Fredi M. Murer, 1979)<\/h3>\n<p>Kein Film trifft die Vorabendstimmung der 80er Unruhen pr\u00e4ziser als Fredi M. Murers mysteri\u00f6se Abh\u00f6r- und Epidemiegeschichte Grauzone, ein Film, der mit seinem k\u00f6rnigen Schwarzweiss den legend\u00e4ren <em>Z\u00fcri br\u00e4nnt<\/em> (1980) punkto Anonymit\u00e4t und Bedrohlichkeit bei Weitem \u00fcbertrifft. Grauzone steht f\u00fcr vielerlei: F\u00fcr das Wohnen im Niemandsland zwischen Stadt und Nicht-mehr -Stadt; f\u00fcr konturlose \u00dcberbauungen, wo bestenfalls noch via Feldstecher \u201ekommuniziert\u201c wird; f\u00fcr eine unwirtliche Architektur mit Autobahnzubringern und endlosen staubigen Trottoirs, die nur durch labyrinthische Tiefgaragen und Fussg\u00e4ngerunterf\u00fchrungen zu erreichen sind. Grauzonen aber auch im sozialen Sinn, etwas \u201ein der Mitte zwischen der unteren Oberschicht und der oberen<\/p>\n<p>Unterschicht, also da, wo die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit lebt\u201c, in einem Raum der Unauff\u00e4lligkeit f\u00fcr \u201edie freiwillig schweigende Mehrheit\u201c (Fredi M. Murer).<\/p>\n<p>Grauzonen l\u00e4hmen, bedrohen und h\u00f6hlen aus, nichts und niemand ist mehr greifbar. Aber sie bieten auch die M\u00f6glichkeit der Tarnung und des subversiven Widerstandes: Mysteri\u00f6s, ungew\u00f6hnlich und bedrohlich irritierend tauchen im Film zun\u00e4chst die Bilder auf, welche die Abh\u00f6r- und Schn\u00fcffelaktionen des Kleinabh\u00f6rspezialisten Alfred M. begleiten. Fast auf Nebenwegen kommt er einer Epidemie auf die Spur, die schon seit Monaten w\u00fctet, von den Beh\u00f6rden aber geschickt verheimlicht wird. Ein Untergrundradio namens \u201eEisberg\u201c (!) kl\u00e4rt auf, bevor es vom PTT-St\u00f6rsender dicht gemacht wird. Doch die UKW Frequenzen sind rasch gewechselt&#8230;<\/p>\n<h3>Wir wollen alles, und zwar subito!: Messidor (Alain Tanner, 1979)<\/h3>\n<p>Messidor war im franz\u00f6sischen Revolutionskalender die Bezeichnung f\u00fcr den Erntemonat, und, indem er diesen Namen aufgriff, spielte Alain Tanner auf die Ideale der Alten und Neuen Linken an, welche in der \u201eSchw\u00e4rze der Zeit versunken sind\u201c. Man hat denn auch im Spielfilm selten eine abweisendere Schweiz zu sehen bekommen als in <em>Messidor<\/em>. Die Landschaft ist nur mehr verwaltete und zugemauerte Natur, die Schweiz durchgehend ein Zeichenwald, in dem noch der hinterste Fleck markiert ist. \u00dcber alles zieht sich, wie ein wucherndes Geflecht, die Autobahn mit ihren dr\u00f6gen Insignien, den Strassenschildern, Ortstafeln, Tankstellen und Strassenmarkierungen. Dieser \u00e4usseren Wirklichkeit entspricht die innere Befindlichkeit: Alles ist vorgezeichnet, gespurt, eingeschr\u00e4nkt, verwaltet. Die Allgemeinheit reagiert harsch auf jegliche Abweichung von der Norm und straft AussteigerInnen sofort.<\/p>\n<p>Messidor nahm den Ablauf der Bewegung von 1980\/81 gleichsam vorweg: Spielerischer Aufbruch &#8211; lustvoller Widerstand &#8211; gewaltsame Flucht &#8211; polizeiliche Niederschlagung. Die Geschichte: Beim Autostopp treffen sich Jeanne, die studierende Genfer \u201eStadtmaus\u201c, und Marie, die sch\u00fcchterne Waadtl\u00e4nder Verk\u00e4uferin. F\u00fcr den Moment ohne Geld und Ziel, wollen die beiden jungen Frauen m\u00f6glichst lange dem gewohntem Tramp entgehen. Doch bald schon wird aus dem Spiel Ernst.<\/p>\n<p>Jeanne entgeht nur knapp einer brutalen Vergewaltigung, Marie wehrt sich f\u00fcr sie, indem sie einen Vergewaltiger mit einem schweren Stein erschl\u00e4gt. Zuf\u00e4llig finden die M\u00e4dchen eine Offizierspistole. Diese gibt ihnen vorderhand die M\u00f6glichkeit, sich besser zu verteidigen und sich auch mit kleinen \u00dcberf\u00e4llen oder Zechprellereien \u00fcber Wasser zu halten. Die Gesellschaft, durch die Eskapaden der jungen Frauen zunehmend herausgefordert, reagiert mit wachsender Feindseligkeit. In K\u00fcrze ist ein polizeilicher Grosseinsatz mit TV-Fahndung lanciert. Jeanne und Marie werden in einer Deutschschweizer Beiz gestellt. Doch sie haben ihren Lehrbl\u00e4tz absolviert&#8230;<\/p>\n<h3>Schmilzt das Packeis? E nachtlang F\u00fc\u00fcrland (Remo Legnazzi &amp; Clemens Klopfenstein, 1981)<\/h3>\n<p>Nach Ausbruch der 80er Unruhen interessierten sich die Bewegten kaum f\u00fcr das Medium Spielfilm, was nicht erstaunt. F\u00fcr die interventionistischen Zwecke der \u201eBewegung\u201c war das neue Videoformat bedeutend zweckm\u00e4ssiger: Billiger, handlicher, schneller vorf\u00fchrbereit und vielseitiger einsetzbar. Die Spielfilme mit einem 80er Hintergrund wurden demzufolge weiterhin von der \u201e\u00e4lteren\u201c Generation gedreht.<\/p>\n<p><em>E nachtlang F\u00fc\u00fcrland<\/em> mischt Realit\u00e4t und Spielhandlung: Der Alt-68er Max (gespielt von Max R\u00fcdlinger, dem k\u00fcnftigen Berner Stadtneurotiker), ist als Reporter f\u00fcr \u201eRadio Schweiz International\u201c unterwegs. Er soll \u00fcber den Neujahrsempfang im Bundeshaus berichten. Die Er\u00f6ffnungssequenz des Films ist pure Realsatire: Christdemokratisch und scheinheilig spricht Bundespr\u00e4sident Furgler davon, dass alle Menschen auf Erden das Recht auf \u201eein bisschen Gl\u00fcck\u201c h\u00e4tten, bevor er sich, spitzm\u00fcndig Champagner sippend, an einen indischen Diplomaten wendet: \u201eHappiness is the most important Ssing\u201c, meint er mit Bezug auf eine Hochzeit in der Familie des Diplomaten. Vor dem Bundeshaus wird derweil f\u00fcr ein autonomes Jugendzentrum demonstriert. Die Stimmung ist fr\u00f6hlich, die Sonne scheint und eine Guggenmusik begleitet die Demo. Auf dem Weg zur\u00fcck ins<\/p>\n<p>Radiostudio trifft Max auf einen alten Genossen und Gef\u00e4hrten fr\u00fcherer Jahre, der sich der \u201eBewegung\u201c angeschlossen hat. Enthusiastisch rapportiert dieser die neuesten Spray-Inschriften: \u201eOh du fr\u00f6hliche, aber subito\u201c, \u201eKlirrende Nacht, Packeis kracht, Christkindli lacht, Gr\u00f6nland erwacht\u201c. Max bleibt den Demos gegen\u00fcber skeptisch: \u201eSyt ihr jetz die ganzi Zyt i dr Schdadt umeglaatschet?\u201c<\/p>\n<p>Die Ideale von Max sind zerbrochen, er ertrinkt sein Elend im Kr\u00e4uterschnaps auf seinen endlosen Beizentouren. Doch dann reisst ihn Chrige, eine junge Bewegte (Christine Lauterburg), aus der Lethargie: Gemeinsam planen die beiden den grossen Coup, mit dem Max aus seinen \u201eScheiss-Radio\u201c aussteigen will. F\u00fcr einmal wenigstens will er wahr \u00fcber die Demonstrationen berichten und auch die Visionen der Bewegung in seinen Morgennachrichten verlesen: Das Packeis sei geschmolzen, Fr\u00fchling sei es geworden, das Bundeshaus sei in Sand zerfallen und in der Berner Innenstadt w\u00fcchsen Palmen. Doch am Mikrophon verl\u00e4sst ihn der neu-revolution\u00e4re \u00dcberschwang. Max verl\u00e4sst das Radiogeb\u00e4ude und demoliert verzweifelt, aber sachte sein Auto.<\/p>\n<h3>Klimafilm II: Winterstadt (Bernhard Giger, 1981)<\/h3>\n<p>Charlie, Schauspieler um die Vierzig und seinerzeit in der Stadt (zuf\u00e4llig ist es Bern) h\u00e4ngengeblieben, hat resigniert. Er h\u00f6rt in sich hinein, doch da ist nichts mehr zu vernehmen. Er hockt sein Leben in den Beizen ab, wo sich die alte Szene und die neuen gescheiterten Revolution\u00e4re eingefunden haben. Doch es gibt keine Beziehungen mehr. Bernhard Gigers Schwarzweissfilm ist eine Klimavermessung. Flimmernde Fernsehapparate, leere Telephonkabinen, Selbstgespr\u00e4che auf Tonband, eine geschwungene Br\u00fccke im Nebel signalisieren allenthalben Kommunikationslosigkeit.<\/p>\n<p>Vermutlich hat man das seelische Trauma, das auf die Niederschlagung der Bewegung folgte, untersch\u00e4tzt, hat man das Klima der Angst sowie die individuellen und kollektiven Depressionen lange nicht wahrgenommen (nicht wahrnehmen k\u00f6nnen). Winterstadt liefert die Bilder zu dieser Befindlichkeit. Der Film ist eine Bestandesaufnahme \u00fcber das Ende der Hoffnung. Es scheinen keine Geschichten mehr m\u00f6glich, weder Charlie noch seine zur\u00fcckgekehrte Ex-Freundin sind f\u00e4hig, aufeinander einzugehen. Sehr sch\u00f6n nimmt bereits die Er\u00f6ffnungssequenz des Films das Klima der Vereinsamung und Depression vorweg: ein langes Travelling \u00fcber die Figuren im einem Restaurant, wo die Akteure alle praktisch reglos und isoliert an der Theke stehen.<\/p>\n<h3>Es darf gem\u00fcllert werden: O wie Oblomov (Sebastian C. Schroeder, 1982)<\/h3>\n<p>\u201eM\u00fcllern\u201c, das spielerisch-anarchistische Unterlaufen von Erwartungen und Strukturen, geh\u00f6rte zu den Hauptqualit\u00e4ten der Bewegung und O wie Oblomov setzt genau darauf. Nepro (\u201eP wie Packeis, O wie Oblomov\u201c) ist ein vierzigj\u00e4hriger Aussteiger, der in Anlehnung an einen russischen Romanhelden (\u201eOblomov\u201c von Ivan Gontscharov, 1858) seine Tage bevorzugt in seinem quadratischen Bett verbringt.<\/p>\n<p>Doch, anders als sein literarisches Vorbild, schl\u00e4gt der neue Oblomov seine Zeit nicht mit Buchlekt\u00fcre tot, sondern mit dem Visionieren von Filmen. Und da ist im Laufe der Jahre einiges zusammengekommen: Zu einer feierlichen Opernouvert\u00fcre erheben sich Eismassen aus der Limmat, flimmern Aufnahmen von abstossenden Tierversuchen \u00fcber den Monitor, absolviert die hochger\u00fcstete Z\u00fcrcher Polizei zu Marschmusik ihren n\u00e4chsten Tr\u00e4nengaseinsatz. Nepro, zumeist nur mit seidenem Schlafmantel und Pantoffeln bekleidet, tr\u00e4umt selber vom Film.<\/p>\n<p>So hat er ein Filmteam engagiert, das seine Tage dokumentarisch festhalten soll. Nicht genug damit: Listig hat er \u00fcberdies eine karrieres\u00fcchtige Fernsehjournalistin eingeladen, die unter dem Titel \u201eExistenzen am Rande unserer Gesellschaft\u201c live f\u00fcr ein B\u00fcrgerfernsehen aus seiner Klause berichten soll&#8230;<\/p>\n<p>Sowohl der Regisseur wie auch sein Held haben hieb- und stichfeste Alibis: Schroeder hat den Grossteil seiner Aufnahmen \u00fcber die 1980\/81 Demos mit der Handkamera selbst gedreht und vertont. Seine Aufnahmen von den Adventsdemos mit der Weihnachtsbeleuchtung an der Z\u00fcrcher Bahnhofstrasse sind von einer beinahe surrealen Qualit\u00e4t. Und Gastgeber Nepro, ein ehemaliger Ingenieur, hat seinen wissenschaftlichen<\/p>\n<p>Bettel in einer Chemiefirma schon lange hingeschmissen, nachdem er mit ansehen musste, welche Auswirkungen seine Erfindung (eine Mischd\u00fcse f\u00fcr hochgiftige Aerosole) hatte, freilich nicht, ohne sich auf Lebzeiten die Lizenzen seiner Erfindung zu sichern. Fast \u00fcberfl\u00fcssig zu erw\u00e4hnen, dass die Live-TV-Sendung vorzeitig abgebrochen wird. Die Filmaufnahmen, die Nepro bereit h\u00e4lt, und die sarkastischen Kommentare dazu sind zu viel f\u00fcr das \u201eB\u00fcrgerfernsehen\u201c.<\/p>\n<p>Damit endet die Liste der Filme, die bildlich-thematisch unter direktem Einfluss der 80er Bewegung standen. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man hier auch noch Fredi Murers <em>H\u00f6henfeuer<\/em> (1985) erw\u00e4hnen, denn radikaler hat wohl kein Film den Jugendaufstand formuliert. Die Verbrennung der V\u00e4ter, in <em>Z\u00fcri br\u00e4nnt<\/em> im Off gefordert, wird in diesem Film Tatsache: Doch das \u201eBergheimet\u201c der J\u00e4hzornigers ist als Wohnort eine universelle Metapher und hat keinen direkten Bezug zur helvetischen Realit\u00e4t der 80er Jahre. Und in Samirs <em>Eine Ode f\u00fcr Heisenberg<\/em> (1985) finden sich tats\u00e4chlich zahlreiche anarcho-dadaistische Elemente, die die Kunstproduktionen der \u201eBewegung\u201c charakterisierten. Aber mit seinen Anspielungen und Verfremdungen steht dieser Film der Postmoderne bedeutend n\u00e4her als der \u201eBewegung\u201c.<\/p>\n<h3>Das Private und das Politische: Dreissig Jahre (Christoph Schaub, 1989)<\/h3>\n<p>Mit einer Photogalerie bezog sich der aus dem Videoladen herausgewachsene Christoph Schaub gleich zu Beginn von <em>Dreissig Jahre<\/em>direkt auf 1980\/81, auf \u201edie Zeit der grossen Entschiedenheit\u201c, auf die Zeit der tausend M\u00f6glichkeiten, so der Filmkommentar weiter, \u201eeine verlockender als die andere\u201c. Der 80er Geist schwebt \u00fcber der Geschichte der mittlerweile dreissigj\u00e4hrigen Protagonisten. Sie, die ehemaligen WG-Bewohner und \u201everschworenen K\u00e4mpfer f\u00fcr das andere Leben\u201c, stehen nach zehn Jahren noch immer in loser Verbindung: der bildende K\u00fcnstler und Gelegenheitsarbeiter Franz, der Musiker Nick und der Gehrinforscher Thomas.<\/p>\n<p>Wie ist um die einstigen Ideale, um die Vorstellungen von Politik und Liebe bestellt? Ganz lassen sich \u201edie Gespr\u00e4che von fr\u00fcher, wo wir die Welt neu entwarfen\u201c, nicht wieder fortsetzen, doch die alten Werte von Selbstverwirklichung, Freiraum und Freundschaft gelten weiterhin, und der Nashornballon, der zum Schluss im Himmel \u00fcber Z\u00fcrich schwebt, versinnbildlicht zumindest eine neue Ertr\u00e4glichkeit des Seins.<\/p>\n<h3>Unter dem Pflaster liegt der Strand: L\u00fczzas Walkman (Christoph Schocher, 1989)<\/h3>\n<p>Im selben Jahr liess der Engadiner Christoph Schocher, der bereits 1981 mit <em>Reisender Krieger<\/em> einen Handelsreisenden in Sachen Kosmetika auf eine bewegte und bewegende Reise ins Schweizer Landesinnere geschickt hatte, einen jungen Bergbauernsohn mit einem geborgten Jeep nach Z\u00fcrich fahren: Durch einen unendlich langen Tunnel gelangt der 18-j\u00e4hrige rockverr\u00fcckte L\u00fczza direkt von seinem B\u00fcndner Dorf auf den Z\u00fcrcher Bellevueplatz.<\/p>\n<p>Eigentlich vom Wunsch getrieben, die Touristen, f\u00fcr die er jeweils die Skiliftsessel poliert, an ihrem Wohnort kennen zu lernen, erlebt L\u00fczza die blankgeputzte Bankenstadt aus der Sicht von unten: In langen dokumentarisch-authentischen Sequenzen begegnet er Gestrauchelten und Gestrandeten, selbst ernannten Heilsbringern beiderlei Geschlechts, Freaks und Querschl\u00e4gern, Pennern und Alkis, Outcasts und Fixern. Sie alle hausen in den Nischen, welche die reiche Grossstadt (Zurich = Turich = Too rich) noch bietet, im Shopville, am G\u00fcterbahnhof, in der Roten Fabrik und auf dem Platzspitz.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich finden sich in diesem Kaleidoskop des Z\u00fcrcher Undergrounds auch Ex-Bewegte, insofern geh\u00f6rt <em>L\u00fczzas Walkman<\/em> zum Thema diese Artikels. Doch dieser Film markiert den Endpunkt einer Entwicklung: Genau so gut k\u00f6nnte man darin einen Vorl\u00e4ufer f\u00fcr die politische Ratlosigkeit rund um die Drogenszene am Letten sehen, die Z\u00fcrich sechs Jahre sp\u00e4ter abermals in die internationalen Schlagzeilen katapultierte.<\/p>\n<h3>Rast- und Ratlosigkeit: Restlessness (Thomas Imbach, 1990)<\/h3>\n<p>Schon der Titel macht es klar, und tats\u00e4chlich wird wohl in keinem anderen Schweizer Film so viel gefahren wie in <em>Restlessness<\/em>. Die drei Hauptfiguren, zwei Frauen, ein Mann, sind permanent zwischen Basel, Bern und Z\u00fcrich unterwegs, finden aber nie zusammen. Ein Film \u00fcber den \u201epermanenten Aufbuch ohne Ankunft\u201c mit endlosen Bahnfahrten, Ank\u00fcnften und Abreisen. Fast scheint es, als ob die ehemals Bewegten nun selber getrieben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Vielleicht haben sie aber auch nur akzeptiert, dass sie nicht das Zentrum der Erde sind, wie sie Anfang der 80er Jahre glaubten. Dennoch: Es ist ein leeres Drehen, alles bewegt sich und nichts r\u00fchrt sich. Wohl nicht zuf\u00e4llig wandte sich Regisseur Thomas Imbach nach diesem einst\u00fcndigen Spielfilm der Gattung des Dokumentarfilms zu: <em>Well Done<\/em> (1994) und <em>Ghetto<\/em> (1997) handelten von der harten Realit\u00e4t der 90er Jahre, von der hektischen, repetitiven, von Computer beherrschten Welt der New Economy im einen, von den beruflichen Schwierigkeiten einer Abschulklasse an der Z\u00fcrcher Goldk\u00fcste im anderen Fall.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Felix Aeppli<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grundlage f\u00fcr diesen Beitrag waren Videokopien aus der privaten Filmsammlung des Autors. Dazu wurden Artikel folgender Autorinnen und Autoren beigezogen:<\/p>\n<p>Alper, Heini: L\u00fczzas Walkman (Cinema Jb. 35, S.196)<br \/>\nChristen, Ruedi: E nachtlang F\u00fc\u00fcrland (Cinema 3\/81)<br \/>\nFl\u00fcckiger, Barbara: Winterstadt (Zoom-Filmberater 16\/81)<br \/>\nJaeggi, Urs: E nachtlang F\u00fc\u00fcrland (Zoom-Filmberater 16\/81)<br \/>\nMesserli, Alfred: Dreissig Jahre (Cinema Jb. 46, S.153-165)<br \/>\nOdermatt, Urs: O wie Oblomov (Zoom-Filmberater 4\/82)<br \/>\nRichter, Robert: L\u00fczzas Walkman (Zoom 20\/89)<br \/>\nSchaub, Martin: Les indiens sont encore loin (Cinema 3\/77) und Winterstadt (Cinema 3\/81)<br \/>\nSchelbert, Corinne: Kleine frieren auch im Sommer (Cinema 3\/78) und Messidor (Cinema 1\/79)<br \/>\nSchneider, Urs: O wie Oblomov (Cinema 1\/82)<br \/>\nSilberschmidt, Catherine: Restlessness (Cinema Jb. 37, S.176)<br \/>\nWalder, Martin: Grauzone (Cinema 3\/79)<br \/>\nWenz, Jutta: Dreissig Jahre (Zoom 5\/90)<\/p>\n<p>Erschienen im Sammelband: Wir wollen alles und zwar subito: Die achtziger Jugendunruhen in der Schweiz und ihre Folgen (hg. von Heinz Nigg), Limmat Verlag Z\u00fcrich, 2001, S. 408-417<\/p>\n<p>Homepage des Autors: <a class=\"fussnoten_links\" href=\"https:\/\/aeppli.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">https:\/\/aeppli.ch\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 80er Bewegung im Spiegel des Schweizer Spielfilms. Gem\u00e4ss weit verbreiterter Interpretation \u201ebrachen\u201c die Unruhen von 1980 \u201eaus heiterem Himmel\u201c \u00fcber Z\u00fcrich und andere Schweizer St\u00e4dte \u201eherein\u201c. 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