{"id":1165092,"date":"2020-07-24T07:14:31","date_gmt":"2020-07-24T06:14:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1165092"},"modified":"2020-07-24T07:14:31","modified_gmt":"2020-07-24T06:14:31","slug":"ueber-rassismus-zu-sprechen-war-hier-unmoeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/07\/ueber-rassismus-zu-sprechen-war-hier-unmoeglich\/","title":{"rendered":"\u201e\u00dcber Rassismus zu sprechen war hier unm\u00f6glich\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Astrid Gonz\u00e1lez lebt seit vier Jahren als junge Afrokolumbianerin in Chile. Entgegen dem \u201ewei\u00dfen akademischen\u201c Feminismus ist sie \u00fcberzeugt von den Unterschiedlichkeiten verschiedener Herk\u00fcnfte und vom Schwarzen dekolonialen Feminismus. Gonz\u00e1lez ist Dozentin f\u00fcr bildende Kunst und arbeitet in Chile als K\u00fcnstlerin und Dozentin in Bildungs- und Kunstprojekten. Am wichtigsten ist ihr die Arbeit auf der Stra\u00dfe, um die eigenen Erfahrungen mit denen anderer afrokolumbianischer, afrochilenischer und indigener Frauen zu verbinden.<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2019 ver\u00f6ffentlichte Astrid Gonz\u00e1lez <em>Ombligo Cimarr\u00f3n<\/em>, eine kunstwissenschaftliche Forschung, die die Geschichte der Territorien und Gemeinschaften der <em>afrodescendientes<\/em> (Einwohner*innen mit afrikanischen Vorfahren) in Kolumbien anhand ihrer pers\u00f6nlichen Erfahrungen nachzeichnet. Gonz\u00e1lez ist in Medell\u00edn, einer Stadt mit tiefer kolonialer Geschichte, geboren und aufgewachsen, f\u00fchlt sich jedoch eher mit den Regionen am kolumbianischen Pazifik verbunden, wo ihre Eltern und Gro\u00dfeltern geboren wurden.<\/p>\n<p>In Chile ist Astrid Gonz\u00e1lez Teil des Netzwerks afrodiasporischer Frauen, eine Gemeinschaft, die die Erfahrungen von Schwarzen Frauen sichtbar machen, verbreiten und anerkennen m\u00f6chte. Die Mehrheit der Menschen in Chile empfindet sich \u201ewei\u00dfer als andere Personen aus Lateinamerika\u201c. Laut einer Studie des chilenischen Menschenrechtsinstituts aus dem Jahr 2017 denken viele au\u00dferdem, dass migrantische Menschen \u201edreckiger\u201c sind.<\/p>\n<p>Gonz\u00e1lez ist erst 25 Jahre alt, aber die Morde an George Floyd und Breonna Taylor durch US-amerikanische Polizisten \u00fcberraschen sie nicht, denn sie wei\u00df, dass sie Teil einer jahrzehntelang durch Rassismus, Diskriminierung und gesellschaftlicher Segregation aufrechterhaltenen Gewalt sind. Immerhin spreche man nach den Geschehnissen und nach dem Rundumsto\u00df von \u201eBlack Lives Matter\u201c nun auch in Chile \u00fcber Rassismus in all seinen Formen. Dar\u00fcber und \u00fcber ihre (Missbrauchs-)Erfahrungen als Migrantin spricht sie im Interview.<\/p>\n<p><strong>Wie erlebst du den weltweiten Aufstand und die aktuelle Situation, in der so viele Menschen auf der Welt ihre Stimme gegen Rassismus erheben?<\/strong><\/p>\n<p>Was gerade passiert ist etwas, das viele Menschen schon seit Jahren schreiben, ank\u00fcndigen, vorantreiben und erforschen. Die Stra\u00dfendemonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt sind nichts neues, vor allem in den USA nicht. Was ich abgesehen vom Umfang, in dem sich die Botschaft verbreitet hat, interessant finde, ist, dass es nicht mehr so viel Angst gibt, Rassismus zu benennen. In Chile zum Beispiel war es bis vor kurzem praktisch unm\u00f6glich, dar\u00fcber zu reden, auch die <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/mapuche\/\" data-cmtooltip=\"Die indigene Gruppe der Mapuche breitete sich historisch aus der Region der Araucan\u00eda im heutigen Chile nach Argentinien aus. In beiden L\u00e4ndern k\u00e4mpfen Mapuche-Gruppen heute um ihre Territorien und ihre Unabh\u00e4ngigkeit. Dabei kommt es immer wieder zu extremer, staatlich legitimerter Gewalt durch Polizeieinheiten und zu Kriminalisierung. Die Sprache der Mapuche ist das Mapudungun. Mapu hei\u00dft \u201eErde\u201c oder \u201eLand\u201c und Che hei\u00dft \u201eMenschen\u201c. \">Mapuche<\/a>-Gemeinden wurden dahingehend seit Jahren unterdr\u00fcckt. Das wurde in den Kollektiven, Organisationen und ihrer eigenen Geschichtsschreibung gut dokumentiert. Niemand, der nicht von Rassismus betroffen ist, hat so etwas fr\u00fcher Rassismus genannt. Deswegen finde ich es wichtig, dass die Menschen jetzt den Groll diesem Konzept gegen\u00fcber ablegen und Rassismus nicht weiterhin als Diskriminierung oder <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/xenophobie\/\" data-cmtooltip=\"(span. xenophobia) ist ein anderes Wort f\u00fcr Fremdenfeindlichkeit. In lateinamerikanischen L\u00e4ndern gibt es Xenophobie gegen\u00fcber indigenen Personen, die in ihrem eigenen Land oft als kulturell oder sprachlich Fremde wahrgenommen werden. Au\u00dferdem kommt es zu Xenophobie gegen\u00fcber Migrant*innen oder Mitgliedern der Unterschicht, die in einer gr\u00f6\u00dfer werdenden, verarmten Bev\u00f6lkerungsschicht als feindliche Fremde auf dem Arbeitsmarkt wahrgenommen werden. Die Medien spielen eine besondere Rolle im Umgang mit Xenophobie, da sie selten Fremdenfeindlichkeit entsch\u00e4rfen und positiv auf Andersheit reagieren, sondern Missgunst und Hass durch spekulative und vereinfachende Berichterstattung sch\u00fcren. W\u00e4hrend heute in fast allen lateinamerikanischen L\u00e4ndern die Gleichberechtigung von Indigenen, Migrant*innen und Minderheiten gesetzlich festgeschrieben ist, verst\u00e4rken derzeitige Regierungs- und Wirtschaftsformen die gesellschaftliche Spaltung zwischen Arm und Reich, die ein guter N\u00e4hrboden f\u00fcr Fremdenfeindlichkeit ist.&lt;br\/&gt;\">Xenophobie<\/a> verschleiern \u2013 das sind ganz andere Konzepte, die aber mit dem Rassismus einhergehen.<\/p>\n<p><strong>Was waren deine ersten Eindr\u00fccke von Chile? Hast du dich bei der Ankunft willkommen gef\u00fchlt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war gerade erst angekommen, da gab es schon den ersten Schock: Ich wurde als Teil der migrantischen Bev\u00f6lkerung erfasst und musste durch einen unendlichen b\u00fcrokratischen Prozess, bis ich ganz normal und ruhig auf der Stra\u00dfe herumlaufen konnte. Das ist ein sehr langer Prozess, von dem ich noch immer lerne. Vor allem, weil ich in der gesellschaftlichen Vorstellung Teil einer Gruppe bin, die seit Jahren als ein Ph\u00e4nomen gesehen wird, das \u201eVerwirrung stiftet\u201c und \u201est\u00f6rt\u201c: eine rassifizierte migrantische Bev\u00f6lkerung, verarmt, von der die meisten Menschen nicht aus eigener Entscheidung migriert, sondern wegen der Probleme in ihrem Herkunftsland zwangsmigriert sind.<\/p>\n<p><strong>Wie positionierst du dich als Schwarze Frau bei diesem Thema politisch?<\/strong><\/p>\n<p>Schon in Kolumbien hatte ich mit einer Gruppe junger <em>afrodescendientes <\/em>und einer politischen, kulturellen, \u00e4sthetischen und biografischen Perspektive zu tun. Als ich nach Chile kam, war einer meiner ersten Versuche, Netzwerke von migrantischen Frauen, vor allem Schwarzen oder afrochilenischen Frauen, aufzubauen, denen es \u00e4hnlich ging wie mir. Deswegen habe ich versucht, mich als politisches Subjekt in dieser Ecke zu verorten und mich als Teil unterschiedlicher afrodiasporischer Erfahrungen im Land einzuordnen. Das liegt daran, dass ich aus Medell\u00edn komme, einem Gebiet, in dem das Schwarze fremd ist und nur mit dem Pazifik und der kolumbianischen K\u00fcste assoziiert wird, wo meine unmittelbaren Vorfahren geboren sind. Trotzdem gehen derzeit viele <em>afrodescendientes<\/em> in die gro\u00dfen St\u00e4dte des Landes und haben an der Konstruktion ihrer eigenen Geschichte mitgewirkt.<\/p>\n<p><strong>Was hast du als Migrantin und Forscherin von den K\u00fcnsten gelernt?<\/strong><\/p>\n<p>Als Migrantin habe ich verstanden, dass es andere Schwarze Erfahrungen und Arten gibt, \u00fcber die Migration zu denken. Dass die Institutionen verschiedene migrantische Gruppen b\u00fcrokratisch unterschiedlich darstellen, ist ein Beweis f\u00fcr institutionellen Rassismus. Als K\u00fcnstlerin muss ich sagen, dass ich mich in Kolumbien in k\u00fcnstlerischen R\u00e4umen bewegt habe, die weder hegemonial noch elit\u00e4r waren, die sich sehr weit entfernt von allem institutionellem begriffen haben. Als ich nach Chile kam, wurde mir klar, dass diese R\u00e4ume hier zwar auch existieren, ich sie aber nicht kenne. Also habe ich eine Kunstgruppe von Mapuches kennengelernt, die in den Au\u00dfenbezirken von Santiago und aus ihrer Herkunft heraus Kunst geschaffen haben, die nicht nur bildend oder visuell, sondern auch Poesie und Performance war. Diese Arbeit hat mir gefallen, weil die Leute genau das aufzeigen, was mich wissenschaftlich und an k\u00fcnstlerischen Formen interessiert.<\/p>\n<p><strong>Geht dir der Rassismus, den du beschreibst, nah?<\/strong><\/p>\n<p>St\u00e4ndig, zu Hause und drau\u00dfen. Einmal zum Beispiel war ich auf dem R\u00fcckweg von einem Forum, zu dem ich zum Ausstellen eingeladen worden war, am Flughafen von Arica. Die Zivilpolizei hat sich dazu entschieden, ausgerechnet uns zwei Schwarze Frauen aus der Warteschlange zu ziehen. Sie brachten uns in einen Raum, um unsere P\u00e4sse zu \u00fcberpr\u00fcfen \u2013 nur unsere beiden, nicht die der anderen. Das war vor mehreren Jahren, aber es ist eine der schlimmsten Erfahrungen, die ich hatte, seitdem ich hier lebe. Und es gibt viele wie diese. In diesem Land sieht man Migration als krankheitserregenden Akteur an, als etwas, das kommt, um zu verseuchen. Es h\u00e4ngt auch davon ab, wer die K\u00f6rper sind, die zum Verseuchen kommen, denn es sind nicht alle: es sind die Schwarzen K\u00f6rper und die aus Abya Yala (den indigenen Bev\u00f6lkerungsgruppen Amerikas). Die europ\u00e4ischen K\u00f6rper zum Beispiel werden f\u00fcr gut befunden. All das basiert auf einer historischen Konstruktion eurozentristischer Reinheit und der Vorstellung kolonialer Entwicklung und Modernit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Was das angeht: Was denkst du dar\u00fcber, wie w\u00e4hrend der Pandemie mit Migrant*innen umgegangen wird? Viele Ecuatorianer*innen, Venezolaner*innen, Kolumbianer*innen und Haitianer*innen hatten auf einmal in Santiago weder Arbeit noch Geld. Bis Anfang Juni campierten sie au\u00dferhalb ihrer Botschaften und warteten auf irgendeine Form von Hilfe\u2026<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Hinsicht macht f\u00fcr mich gro\u00dfen Sinn, was der kamerunische Theoretiker Achille Mbembe aufwirft. Er spricht von der Nekropolitik als Konzept, die als jene Form der Entscheidung durch Staaten und Regierung dar\u00fcber verstanden wird, wer lebt und wer nicht. Die, die leben, sind Menschen, die in einer Machtstellung sind oder den Eliten angeh\u00f6ren. Sie entscheiden, wie die Personen sterben, die weder konsumieren noch produzieren, in diesem Fall migrantische und rassifizierte Menschen w\u00e4hrend der Pandemie. Ich glaube, dass wir der Nekropolitik und einem strukturellen Rassismus ausgeliefert sind, der sich seit der Kolonialzeit zementiert und seitdem naturalisiert und verkompliziert hat. Das ist sehr besorgniserregend.<\/p>\n<p><strong>Und was h\u00e4ltst du vom chilenischen Feminismus?<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich bin ich da sehr parteiisch und daf\u00fcr, dekolonial zu denken und aus einem anderen Feminismus heraus als dem wei\u00dfen. Die Literaturwissenschaftlerin Bell Hooks spricht davon, dass die Anwesenheit Schwarzer Frauen in der Welt nicht so homogenisiert werden kann wie die anderer. Ich unterst\u00fctze diesen Gedanken vollkommen. Ich denke, viele der Ideen des wei\u00dfen Feminismus basieren darauf, dass alle Frauen gleich sind und gleich leiden. Damit unterschl\u00e4gt er ethnische Zugeh\u00f6rigkeiten und die Kultur abseits von Klasse und Geschlecht. Deswegen machen nat\u00fcrlich viele Weisungen und Ideen dieses wei\u00dfen Feminismus, der sehr oft akademisch ist und die historische aktive Rolle der Bev\u00f6lkerungen von <i>afrodescendientes<\/i> und Indigenen f\u00fcr nichtig erkl\u00e4rt, f\u00fcr mich keinen Sinn, denn sie entsprechen weder meinen Forderungen noch meiner Realit\u00e4t oder Position.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Astrid Gonz\u00e1lez lebt seit vier Jahren als junge Afrokolumbianerin in Chile. Entgegen dem \u201ewei\u00dfen akademischen\u201c Feminismus ist sie \u00fcberzeugt von den Unterschiedlichkeiten verschiedener Herk\u00fcnfte und vom Schwarzen dekolonialen Feminismus. 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