{"id":1164433,"date":"2020-07-22T07:41:53","date_gmt":"2020-07-22T06:41:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1164433"},"modified":"2020-07-22T07:41:53","modified_gmt":"2020-07-22T06:41:53","slug":"t-mec-landwirtschaft-und-neoliberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/07\/t-mec-landwirtschaft-und-neoliberalismus\/","title":{"rendered":"T-MEC, Landwirtschaft und Neoliberalismus"},"content":{"rendered":"<p>Der Freihandelshurrikan verw\u00fcstete den mexikanischen Landbau, ruinierte die kleinen und mittleren B\u00e4uer*innen und zwang Millionen Campesinos, in die USA oder auf die riesigen Agrarplantagen im Nordosten Mexiko zu migrieren. Der freie, kaum von Regulierungen begleitete Verkehr landwirtschaftlicher G\u00fcter \u00fcber die Grenzen hinweg f\u00fchrte zu einem Wettbewerb ungleicher Marktteilnehmer*innen unter denselben Bedingungen. Nicht nur das. Die Ern\u00e4hrungsgewohnheiten der unteren Bev\u00f6lkerungsschichten wurden radikal durcheinandergebracht. Dies f\u00fchrte zu einer massiven Zunahme von Fettleibigkeit, Mangelern\u00e4hrung und Diabetes. Die Folgen kommen heute mit der Covid-19-Krise zum Vorschein. Laut einer Studie der New York Times \u201ekauften die Mexikaner 2015 durchschnittlich jeden Tag 1928 Kalorien an konservierten Lebensmitteln und Getr\u00e4nken ein \u2013 380 Kalorien mehr als in den USA \u2013 mehr als die Menschen in jedem anderen Land\u201c.<\/p>\n<p><strong><a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/nafta\/\" data-cmtooltip=\"North American Free Trade Agreement (spanisch Tratado de Libre Comercio de Am\u00e9rica del Norte, TLCAN). Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko, das im Jahr 1994 in Kraft getreten ist und seither eine Freihandelszone auf dem nordamerikanischen Kontinent bildet.\">NAFTA<\/a> verdr\u00e4ngt einheimische Produkte und kostet Arbeitspl\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Die Handels\u00f6ffnung der Landwirtschaft begann bereits vor Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsvertrags NAFTA im Januar 1994. Die freie Einfuhr von landwirtschaftlichen Produkten ging Hand in Hand mit der Abschaffung von Garantiepreisen f\u00fcr die nationale Landwirtschaft und der Angleichung an die internationalen Marktpreise. Das NAFTA-Abkommen vertiefte die Liberalisierung, erzwang die Umwandlung einer reinen Handelsbeziehung in eine vielf\u00e4ltige asymmetrische Integration in Wirtschaft und Produktion und f\u00f6rderte die endg\u00fcltige Absicherung der neoliberalen Reformen in der Landwirtschaft. NATFA bedeutete einen vernichtenden Schlag f\u00fcr den Anbau mexikanischer Getreide und \u00d6lsaaten. Mexiko war nun der Unberechenbarkeit des Weltmarktes ausgesetzt. Mehr als 45% der im Land konsumierten Lebensmittel werden importiert, fast die H\u00e4lfte davon aus den USA. 2018 importierte Mexiko 23 Millionen Tonnen Grundnahrungsmittel im Wert von etwa 4,9 Milliarden Dollar: 82,2% des Bedarfs an gelbem Mais [als Futtermittel und f\u00fcr die verarbeitende Lebensmittelindustrie], 86% des Reis-, 70% des Weizen-, 13% des Bohnen- und 39,3 Prozent des Schweinefleischbedarfs werden durch Importe gedeckt. Viele dieser Waren sind \u00dcberreste. F\u00fcr den menschlichen Konsum werden sechs Millionen Tonnen Abfall, Beiprodukte oder Restbest\u00e4nde von US-Lebensmitteln eingef\u00fchrt. Der Vertrag hatte den Verlust von etwa zwei Millionen Arbeitspl\u00e4tzen in der mexikanischen Landwirtschaft zur Folge. Leben und Gesundheit aufs Spiel setzend, machten sich diese Landvertriebenen ohne oder mit g\u00fcltigen Dokumenten auf den Weg in das gelobte Land. Mexiko verwandelte sich in den gr\u00f6\u00dften Migrationskorridor der Welt.<\/p>\n<p><strong>Tourismus, Agrar- und Bergbaukonzerne bedr\u00e4ngen die Bev\u00f6lkerung<\/strong><\/p>\n<p>Heldenhaft haben die Maisb\u00e4uer*innen allen Hindernissen zum Trotz die Produktion von wei\u00dfem Mais [f\u00fcr den menschlichen Konsum] aufrechterhalten. Unterst\u00fctzt von den Zahlungen ihrer Familienangeh\u00f6rigen aus den USA haben sie mit ihren Kleinbetrieben einen Schutzwall errichtet, der ihr Saatgut, ihr Anbausystem und die damit verbundene Kultur am Leben erh\u00e4lt.<br \/>\nWer \u00fcber bessere B\u00f6den oder Wasser verf\u00fcgt, wird von Immobilienmaklern, Tourismusunternehmen und Gro\u00dfb\u00e4uer*innen bedr\u00e4ngt, die an diese Grundst\u00fccke kommen wollen. Wer in zerkl\u00fcfteten Bergregionen lebt, steht unter dem Druck der Bergbaukonzerne, die es auf ihre Territorien und nat\u00fcrlichen Ressourcen abgesehen haben. Wieder andere leben mit der st\u00e4ndigen Einsch\u00fcchterung durch den <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/drogenhandel\/\" data-cmtooltip=\"(span. narcotr\u00e1fico) Der illegale Handel mit Drogen generiert in Lateinamerika und weltweit unvorstellbare wirtschaftliche Ertr\u00e4ge und Zahlen von Todesopfern. Die Einhaltung der internationalen Abkommen zur Ahndung von illegalem Drogenhandel wird durch das 1968 gegr\u00fcndete International Narcotic Control Board (I.N.C.B.) und die Internationale Rauschgift Kontrollkommission (IRK) mit Sitz in Wien kontorlliert. Lateinamerikanische Staaten m\u00fcssen mit Sanktionen rechnen, wenn sie sich nicht \u201eordnungsgem\u00e4\u00df\u201c am Krieg gegen die Drogen beteiligen. Bei einer organisierten Legalisierung, im Sinne einer Entkrimininalisierung von und Aufkl\u00e4rung \u00fcber Drogenkonsum, k\u00f6nnte die Macht der Drogenkartelle gebrochen werden, Produktion und Vertrieb von Drogen transparenter und nachhaltiger vollzogen und die Gewaltspirale der Illegalisierung durchbrochen werden. Von der anhaltenden Illegalsierung profitieren bis dahin nur die Obersten der Drogenkartelle und die im Falle einer Legalisierung in Konkurrenz geratenen Industrien von legalen Drogen und anderen Produkten.&lt;br\/&gt;\">Drogenhandel<\/a>, der ihr Land f\u00fcr den Anbau von Rauschgiften nutzen will.<\/p>\n<p><strong>Produktionsstandort Mexiko durch neoliberale Bedingungen zunehmend attraktiv<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem er das alte l\u00e4ndliche System zerst\u00f6rt hatte, errichtete der Freihandel ein neues, eng mit den Produktionsketten und den multinationalen Konzernen der USA verbundenes System. In der neuen Freihandelsnormalit\u00e4t gediehen die Enklaven, in denen Beerenfr\u00fcchte und Avocados produziert werden. Seit die Region Kaliforniens unter starker Wasserknappheit leidet, zog es die Verarbeitungs- und Plantagenbetriebe von Uncle Sam nach Mexiko. Dort m\u00fcssen sie nicht f\u00fcr die Umweltsch\u00e4den zahlen, um den Gem\u00fcseanbau betreiben zu k\u00f6nnen, den der Markt verlangt. Tausende junger Menschen wurden so im mexikanischen Westen zu Crack-abh\u00e4ngigen Tagel\u00f6hner*innen, die im Akkord arbeiten. Die Droge l\u00e4sst sie die Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durchhalten und brutzelt ihnen dabei die Neuronen weg. Das Land wurde stolzer Exporteur von Tequila und Bier (in den H\u00e4nden ausl\u00e4ndischer Konzerne) sowie Garnelen. Die einst solide Kaffeeproduktion liegt aufgrund des Rostpilzbefalls und fehlender Regierungssubventionen fast vollst\u00e4ndig am Boden. Um es bildlich auszudr\u00fccken: Das NAFTA-Abkommen ist wie ein K\u00e4sekuchen, der aus US-amerikanischem Weizenmehl, Eiern, die Hefe, K\u00e4se, Rahm und Butter besteht. Mexiko darf exotische Himbeeren, Vanille und Zucker beisteuern \u2013 nat\u00fcrlich nur, wenn er aus Zuckerrohr hergestellt wurde.<\/p>\n<p><strong>T-MEC vertieft das ungleiche Verh\u00e4ltnis<\/strong><\/p>\n<p>T-MEC, der neue Handelsvertrag zwischen Mexiko, USA und Kanada, ist weit davon entfernt, den r\u00e4uberischen Charakter dieses agroindustriellen Vasallentums umzukehren, im Gegenteil: Er bewahrt, erweitert und vertieft die Verh\u00e4ltnisse und zieht die Schraube weiter an. Der mexikanische Staat ist gezwungen, sich der Akte 1991 der Vereinbarung des Internationalen Verbandes zum Schutz von Pflanzenz\u00fcchtungen (UPOV 91) anzuschlie\u00dfen. Diese r\u00e4umt den Pflanzenz\u00fcchter*innen \u2013 in erster Linie den transnationalen Saatgutkonzernen \u2013 Rechte an geistigem Eigentum ein und beschr\u00e4nkt die Verwendung und den Austausch von Saatgut durch die Landwirt*innen. Diese d\u00fcrfen das Produkt ihrer Ernte ohne die Erlaubnis des Unternehmens, das \u00fcber das Z\u00fcchterrecht verf\u00fcgt, nicht neu auss\u00e4en (Nachbau). Die Vereinbarung st\u00f6\u00dft den gentechnisch ver\u00e4nderten Organismen die T\u00fcr noch weiter auf und gef\u00e4hrdet einheimisches Saatgut sowie \u00f6ffentliche Z\u00fcchtungen schwer.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Landwirtschaft bedeutet der T-MEC mehr vom Selben, nur versch\u00e4rft. Mit seiner Hilfe k\u00f6nnen Oligopole das kleinb\u00e4uerliche Saatgut der Nutzung und Kontrolle derjenigen entziehen, die es \u00fcber Tausende von Jahren entwickelt und bewahrt haben. Er ist ein Herzst\u00fcck der neoliberalen Ordnung in der Region.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Gerold Schmidt<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Freihandelshurrikan verw\u00fcstete den mexikanischen Landbau, ruinierte die kleinen und mittleren B\u00e4uer*innen und zwang Millionen Campesinos, in die USA oder auf die riesigen Agrarplantagen im Nordosten Mexiko zu migrieren. 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