{"id":1161536,"date":"2020-07-17T13:57:42","date_gmt":"2020-07-17T12:57:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1161536"},"modified":"2024-09-11T18:05:44","modified_gmt":"2024-09-11T17:05:44","slug":"mord-epidemie-im-cauca","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/07\/mord-epidemie-im-cauca\/","title":{"rendered":"Mord-Epidemie im Cauca"},"content":{"rendered":"<p><strong>In diesem Jahr \u2013 vor allem seit Beginn der Coronapandemie \u2013 haben die Gewalttaten und Morde an sozialen F\u00fchrungspersonen in Kolumbien seitens legaler und illegaler bewaffneter Gruppen alarmierend zugenommen. Besonders betroffen ist das Department Cauca im S\u00fcdwesten des Landes, dessen Bev\u00f6lkerung durch indigene und afrokolumbianische Gemeinschaften gepr\u00e4gt ist. Nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens im September 2016 war dort etwas Ruhe und Hoffnung eingekehrt, in den vergangenen Monaten hat die Intensit\u00e4t der kriegerischen Auseinandersetzungen jedoch wieder stark zugenommen.<\/strong><\/p>\n<p>Zuletzt hatten die Ermordungen von Vanessa del Carmen Mena Ortiz und Armando Su\u00e1rez Rodr\u00edguez f\u00fcr Aufsehen gesorgt. Die beiden Afrokolumbianer*innen waren am 5. Juli in der Ortschaft Betania im Bezirk El Tambo in einem Abstand von nur sechs Stunden\u00a0 erschossen worden. Wie die Stiftung Sumapaz per Twitter mitteilte, waren beide im Gemeinderat Afrorenacer im Micay-Tal aktiv. Zwei Tage sp\u00e4ter wurde dort eine weitere Person erschossen.<\/p>\n<h4><strong>Auseinandersetzungen zwischen <em>Disidencias<\/em>, Armee und ELN<\/strong><\/h4>\n<p>Hintergrund der Gewalttaten ist ein neu aufgeflammter Krieg zwischen der Guerrilla-Bewegung ELN, Abspaltungen der FARC-<a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/guerilla\/\" data-cmtooltip=\"Als Guerilla wird eine bewaffnete Kampfeinheit bezeichnet die sich in einem Guerillakrieg gegen Besatzungsm\u00e4chte oder in einem B\u00fcrgerkrieg gegen die eigene Regierung befindet. Guerillas k\u00e4mpfen in kleinen Gruppen, die sich in Bewegung befinden und sich in Berglandschaften oder Dschungelgebieten zur\u00fcck ziehen und dort auf die Unterst\u00fctzung der Landbev\u00f6lkerung angewiesen sind. Wichtig ist dass mit dem bewaffneten Kampf immer auch ein gleichzeitiger politischer Kampf einher geht. Als einer der bekanntesten Guerillak\u00e4mpfer in der Geschichte Lateinamerikas gilt Ernesto Che Guevara (1928 \u2013 1976).\">Guerilla<\/a> und der kolumbianischen Armee. Vor wenigen Monaten haben sich mehrere Einheiten von Abspaltungen der FARC, sogenannte <em>Disidencias<\/em>, zum \u201eKoordinationskommando des Westens\u201c (Comando Coordinador de Occidente) vereinigt. Seitdem k\u00e4mpfen sie im Cauca gegen die ELN-Einheit \u201eJos\u00e9 Mar\u00eda Becerra\u201c. Dabei soll es vor allem um die Kontrolle \u00fcber die Drogenrouten im S\u00fcden des Departments gehen.<\/p>\n<p>Dieser Kampf wird in erster Linie im Micay-Tal ausgetragen. Es umfasst die Gemeinden Argelia, El Tambo, L\u00f3pez del Micay und Timbiqu\u00ed und wird vom Fluss San Juan del Micay durchzogen, der in den Pazifik m\u00fcndet. Das Micay-Tal ist eines der gr\u00f6\u00dften Koka-Anbaugebiete des Cauca; 90 Prozent der dortigen Wirtschaft h\u00e4ngen davon ab. Allein in den Gemeinden Argelia und El Tambo wird auf \u00fcber 15.000 Hektar Koka gepflanzt. \u201eArgelia ist eine Goldgrube f\u00fcr illegale Gruppen\u201d, <a href=\"https:\/\/www.prensarural.org\/spip\/spip.php?article25363\">erkl\u00e4rte<\/a> der Sprecher der Landarbeitervereinigung von Argelia ASCAMTA (Asociaci\u00f3n Campesina de Trabajadores de Argelia), Guillermo Mosquera. \u201eDurch dieses Tal werden monatlich zwischen 3.000 und 6.000 Kilo exportf\u00e4higes Kokain transportiert. Das bedeutet zehn bis 15 Milliarden Pesos (2,4 bis 3,7 Millionen Euro) pro Woche allein an Steuern. Wer die Kontrolle \u00fcber dieses Gebiet hat, hat die Kontrolle \u00fcber das Geld.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Der Staat ist abwesend<\/strong><\/h4>\n<figure id=\"attachment_33261\" class=\"wp-caption alignright\" aria-describedby=\"caption-attachment-33261\"><figcaption id=\"caption-attachment-33261\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/www.prensarural.org\/spip\/IMG\/jpg\/photo-2020-05-01-23-10-53_2_.jpg\" data-slb-active=\"1\" data-slb-asset=\"1190804041\" data-slb-group=\"33259\">l<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Zum Teil werden die B\u00e4uer*innen der Gegend zum Anbau gezwungen, zum Teil sehen sie auch keine alternative Lebensgrundlage. Staatliche Programme zur Substitution der Kokapflanzen werden nur ungen\u00fcgend oder gar nicht eingesetzt. Eine Organisation, die sich f\u00fcr eine freiwillige Substitution einsetzt, ist der Gemeinderat Afrorenacer de Micay. Angesichts der Abwesenheit des Staates haben mehrere afrokolumbianische Gemeinden im Jahr 2013 beschlossen, sich selbst zu regieren. Sie haben sich im Gemeinderat organisiert, l\u00f6sen gemeinsam ihre Probleme und k\u00fcmmern sich unter anderem um den Bau von Stra\u00dfen, Schulen und Gesundheitsstationen.<\/p>\n<p>Doch nach der Hoffnung nach dem Friedensschluss 2016 bef\u00e4nden sich die organisierten Gemeinden im Cauca nun in gro\u00dfer Unsicherheit, <a href=\"https:\/\/www.colombiainforma.info\/entrevista-el-cauca-paramilitares-asesinan-desplazan-y-amenazan-a-lideres\/\">beklagt<\/a> Magaly Pino, Menschenrechtsbeauftragte des Nationalen Landverbandes CNA (Coordinadora Nacional Agraria). Diese Gebiete w\u00fcrden st\u00e4ndig von paramilit\u00e4rischen Gruppen im Dienst der Drogenmafia angegriffen, die sich gegen die Substitution von illegalen Pflanzungen wenden.<\/p>\n<h4><strong>Marihuana im Norden, Koka im S\u00fcden<\/strong><\/h4>\n<p>Das Micay-Tal ist wichtig, da es den Transport der Drogen zum Meer erleichtert, wo sie an das mexikanische Sinaloa-Kartell verkauft werden sollen. Hier ist seit 2015 die ELN aktiv, nachdem die Front \u201eJacobo Arenas\u201c der FARC im Rahmen der Friedensverhandlungen mit der Regierung aus der Gegend abgezogen ist. Bis zum vergangenen Jahr bek\u00e4mpften sich die <em>Disidencias<\/em> der FARC gegenseitig um die Kontrolle der Koka-Anbaugebiete, bis sie Anfang 2020 einen Pakt schlossen. Unter dem \u201eKoordinationskommando des Westens\u201d sind die Auseinandersetzungen wieder aufgeflammt. Diese neue Allianz soll laut der Wochenzeitung <em><a href=\"https:\/\/www.semana.com\/nacion\/articulo\/guerra-en-el-cauca-por-la-coca-entre-disidentes-de-farc-y-eln\/666027\">Semana<\/a><\/em> den Zweck haben, den ganzen <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/drogenhandel\/\" data-cmtooltip=\"(span. narcotr\u00e1fico) Der illegale Handel mit Drogen generiert in Lateinamerika und weltweit unvorstellbare wirtschaftliche Ertr\u00e4ge und Zahlen von Todesopfern. Die Einhaltung der internationalen Abkommen zur Ahndung von illegalem Drogenhandel wird durch das 1968 gegr\u00fcndete International Narcotic Control Board (I.N.C.B.) und die Internationale Rauschgift Kontrollkommission (IRK) mit Sitz in Wien kontorlliert. Lateinamerikanische Staaten m\u00fcssen mit Sanktionen rechnen, wenn sie sich nicht \u201eordnungsgem\u00e4\u00df\u201c am Krieg gegen die Drogen beteiligen. Bei einer organisierten Legalisierung, im Sinne einer Entkrimininalisierung von und Aufkl\u00e4rung \u00fcber Drogenkonsum, k\u00f6nnte die Macht der Drogenkartelle gebrochen werden, Produktion und Vertrieb von Drogen transparenter und nachhaltiger vollzogen und die Gewaltspirale der Illegalisierung durchbrochen werden. Von der anhaltenden Illegalsierung profitieren bis dahin nur die Obersten der Drogenkartelle und die im Falle einer Legalisierung in Konkurrenz geratenen Industrien von legalen Drogen und anderen Produkten.&lt;br\/&gt;\">Drogenhandel<\/a> im Department zu kontrollieren: Marihuana im Norden und Koka im S\u00fcden.<\/p>\n<p>Die Allianz teilt laut <em>Semana<\/em> nicht die politischen Ansichten der bekannteren FARC-Abspaltung \u201eSegunda Marquetalia\u201c, die sie als Verr\u00e4ter ansehen. Die FARC-Front \u201eCarolina Ram\u00edrez\u201d versuchte in einer <a href=\"https:\/\/laburramocha.pty.com.co\/2020\/06\/22\/frente-carolina-ramirez-de-las-farc-emite-comunicado-sobre-amenazas-de-muertes-a-personas-en-el-putumayo\/\">Erkl\u00e4rung<\/a> klarzustellen, dass es \u201ebewaffnete Strukturen\u201d gebe, die \u201ein vielen F\u00e4llen den Namen und das Logo unserer Organisation verwenden, um die Bev\u00f6lkerung der Provinz anzugreifen\u201c. Diese seien in Wirklichkeit \u201eNarco-<a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/paramilitaers\/\" data-cmtooltip=\"Fr\u00fcher auch als Todesschwadronen bezeichnet, sind Paramilit\u00e4rs selbstst\u00e4ndig agierende, milit\u00e4risch ausgestattete Gruppen oder Einheiten, die aber zumeist nicht in die Organisation des eigentlichen Milit\u00e4rs eingebunden sind und im Inneren eingesetzt werden. H\u00e4ufig agieren Paramilit\u00e4rs halblegal oder vollst\u00e4ndig au\u00dferhalb der Legalit\u00e4t, operieren aber faktisch im Auftrag oder im Interesse einer offiziellen Institution oder der Regierung, was vor Allem in Kolumbien, aber auch in L\u00e4ndern wie Mexiko, Honduras, Nicaragua oder Venezuela vorkommt. In Kolumbien existierte w\u00e4hrend der Pr\u00e4sidentschaft \u00c1lvaro Uribes der paramilit\u00e4rische Dachverband AUC, der f\u00fcr mindestens 25.000 Morde verantwortlich ist. Paramilit\u00e4rische Gruppen morden bis heute in Kolumbien, oft in Zusammenarbeit mit Polizei und Armee.\">Paramilit\u00e4rs<\/a> im Dienst des Mafiastaates.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Gemeinden im Kreuzfeuer<\/strong><\/h4>\n<p>Anfang M\u00e4rz begannen die Gefechte zwischen <em>Disidencias<\/em>, ELN und der Armee. Die <em>Disidencia<\/em> \u201eCarlos Pati\u00f1o\u201c kam von S\u00fcden \u00fcber Balboa in den Cauca und hat sich mit den <em>Disidencias<\/em> \u201c \u201eDagoberto Ramos\u201c und \u201eJaime Mart\u00ednez\u201c aus dem Norden des Cauca vereint, um gegen die ELN zu k\u00e4mpfen. Insgesamt sollen sich mehrere Hundert Paramilit\u00e4rs in dem Gebiet aufhalten. Viele Aktivist*innen glauben, dass sie Unterst\u00fctzung von der Armee bekommen haben. Ihnen sind die neue Uniformen und neue Waffen aufgefallen, wie sie sonst nur die Armee hat. Bei den K\u00e4mpfen, die bis zum 30. M\u00e4rz andauerten, sollen sogar Drohnen eingesetzt worden sein. \u00dcber 700 Menschen flohen aus dem Kampfgebiet.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gelang es der Einheit \u201eCarlos Pati\u00f1o\u201d, gro\u00dfe Teile des Gebietes zu erobern und die ELN zu vertreiben. Sie stellten neue Regeln auf, berichtet Guillermo Mosquera: \u201eDiese drei <em>Disidencias<\/em> haben eine \u00dcbereinkunft geschlossen und haben nun die milit\u00e4rische und finanzielle Kontrolle \u00fcber das ganze Micay-Tal. Sie setzen sich dort fest und dabei gibt es etwas sehr beunruhigendes: ihre systematische Aggression gegen die wiedereingeliederten K\u00e4mpfer*innen und gegen soziale Organisationen wie ASCAMTA.\u201d<\/p>\n<p>Bedroht werden nicht nur Gemeindeaktivist*innen, sondern auch Indigene und demoblisierte FARC-K\u00e4mpfer*innen. In El Tambo darf niemand ohne Erlaubnis das Haus verlassen. Die <em>Disidencias<\/em> verlangen, dass mehr Koka angepflanzt wird, \u00fcben eine starke gesellschaftliche Kontrolle aus und setzen soziale S\u00e4uberungen durch. Unverhohlen k\u00fcndigte die Einheit \u201eCarlos Pati\u00f1o\u201d an, den Vorstand von Afrorenacer umbringen zu wollen.<\/p>\n<p>Am 15. April gerieten acht K\u00e4mpfer*innen der Einheit \u201eDagoberto Ramos\u201c im l\u00e4ndlichen Teil von Argelia in einen Hinterhalt und wurden erschossen. Bei dem Angriff starben nicht nur zwei Minderj\u00e4hrige, 14 und 17 Jahre alt, sondern auch \u201eBeto\u201c, ein Kommandant, der einen Gro\u00dfteil von Torib\u00edo kontrolliert haben soll. Er wird f\u00fcr die Morde an der indigenen Verwaltungschefin <a href=\"https:\/\/colombiaplural.com\/el-ultimo-recorrido-de-cristina-bautista\/\">Cristina Bautista<\/a> und f\u00fcnf weiteren Gemeindemitgliedern aus Tacuey\u00f3 im Oktober 2019 verantwortlich gemacht. Die Armee reklamierte den Angriff f\u00fcr sich; Anwohner*innen hingegen vermuten, <a href=\"https:\/\/www.elespectador.com\/colombia2020\/territorio\/la-confusa-emboscada-del-ejercito-en-la-que-murieron-dos-menores\/\">Drogengangster<\/a> seien f\u00fcr den Hinterhalt verantwortlich.<\/p>\n<h4><strong>Paramilit\u00e4rs morden, vertreiben und bedrohen<\/strong><\/h4>\n<figure id=\"attachment_33262\" class=\"wp-caption alignleft\" style=\"width: 751px;\" aria-describedby=\"caption-attachment-33262\"><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/gobernadora.jpg\" data-slb-active=\"1\" data-slb-asset=\"982534737\" data-slb-internal=\"0\" data-slb-group=\"33259\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-33262\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/gobernadora-300x227.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/gobernadora-300x227.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/gobernadora.jpg 700w\" alt=\"\" width=\"751\" height=\"568\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33262\" class=\"wp-caption-text\"><em>Das ausgebrannte Fahrzeug der indigenen Verwaltungschefin Cristina Bautista und ihrer Begleiter*innen. Sie wurden von einer besonders brutalen Disidencia ermordet. Foto: <a href=\"https:\/\/colombiaplural.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/IMG_3424-700x530.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-slb-active=\"1\" data-slb-asset=\"1653363963\" data-slb-group=\"33259\">Colombia Plura<\/a>l<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach dem 15. April kam es in Argelia und El Tambo verst\u00e4rkt zu \u00dcbergriffen. Am 18. April k\u00fcndigte die Einheit \u201eCarlos Pati\u00f1o\u201c Aktionen gegen zehn Anf\u00fchrer*innen von Gemeinder\u00e4ten und Bauernorganisationen des Micay-Tals an. Sie behaupteten, diese st\u00fcnden der ELN nahe, h\u00e4tten dem \u201eFeind\u201c Informationen zukommen lassen und gaben ihnen die Schuld an dem Angriff vom 15. April.<\/p>\n<p>Noch am selben Nachmittag erschossen sie in Betania Teodomiro Sotelo, einen angesehenen Bauernf\u00fchrer der Organisation Afrorenacer. Er war eine der treibenden Kr\u00e4fte hinter dem Versuch, die illegalen Kokapflanzungen durch staatlich gef\u00f6rderte legale Pflanzen zu ersetzen. Kurz darauf erschossen die Bewaffneten den H\u00e4ndler Andr\u00e9s Caicimance. In der Nacht kamen sie in die Bezirke Honduras und San Juan, um die \u00fcbrigen acht Sprecher*innen zu ermorden, doch diese konnten durch einen dichten Wald aus der Schlucht entkommen. Mosquera berichtet: \u201eEine Gruppe von 100 <em>Disidentes<\/em> marschierte v\u00f6llig ungehindert und suchte Haus f\u00fcr Haus nach zwei Wiedereingegliederten und mehreren Anf\u00fchrer*innen, um sie zu erschie\u00dfen. Weder Polizei noch Armee hinderten sie daran, obwohl dies eine der am meisten militarisierten Gegenden ist. Und im Tiefland sieht es \u00e4hnlich aus.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich f\u00e4llt auf, dass sich die Paramilit\u00e4rs im Cauca relativ frei bewegen k\u00f6nnen, obwohl dort \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.periferiaprensa.com\/index.php\/component\/k2\/item\/2483-por-que-la-violencia-se-ceba-con-el-cauca\">7.000 Soldaten<\/a> stationiert sind. Viele vermuten einen Nichtangriffspakt zwischen <em>Disidencias<\/em> und Armee und versichern, dass sich Milit\u00e4raktionen ausschlie\u00dflich gegen die ELN richteten.<\/p>\n<p>Solche Vorw\u00fcrfe weist Milit\u00e4rkommandant Wilson Chawez Mahecha zur\u00fcck und betont, die Armee habe den Auftrag, alle bewaffneten Gruppen zu bek\u00e4mpfen und habe K\u00e4mpfer*innen beider Seiten verhaftet oder get\u00f6tet. Aber tats\u00e4chlich ist das Misstrauen gegen\u00fcber dem Milit\u00e4r gro\u00df. Nicht nur werden immer wieder Zivilist*innen von Soldaten get\u00f6tet \u2013 diese sind auch f\u00fcr die Vernichtung der Kokapflanzen zust\u00e4ndig, die f\u00fcr viele B\u00e4uer*innen die Lebensgrundlage sind. Trotz aller Versprechen hat es die Regierung nicht geschafft, einen ausreichenden Ersatz zu schaffen.<\/p>\n<h4><strong>\u00a0\u201eDie Armee tut nichts\u201d<\/strong><\/h4>\n<p>\u201eDen eigentlichen Krieg gegen die Drogenmafia k\u00e4mpfen die Gemeinden\u201d, res\u00fcmiert das Portal <a href=\"https:\/\/colombiaplural.com\/el-ultimo-recorrido-de-cristina-bautista\/\">Colombia Plural<\/a>, w\u00e4hrend die Regierung zuschaue. \u201eEs gibt immer wieder Hinweise, dass die Armee nichts tut, um die illegalen Gruppen aufzul\u00f6sen, stattdessen toleriert sie die Ermordung der sozialen F\u00fchrungspersonen.\u201d<\/p>\n<p>Am 22. April trafen sich Vertreter*innen von Afrorenacer und der Guardia Cimarrona (ein selbstorganisierter Zivilschutz der Schwarzen Gemeinden) in El Tambo, um die gef\u00e4hrliche Situation zu besprechen. Doch die <em>Disidencias<\/em> tauchten bei dem Treffen auf und erschossen vor den Augen der Teilnehmenden die Aktivisten Jes\u00fas Albeiro Riascos und Andr\u00e9s Sabino.<\/p>\n<p>Viele Gemeindaktivist*innen sind inzwischen aus El Tambo geflohen, einige in die Hafenstadt Buenaventura. \u201eJe mehr Terror es gibt, desto leichter ist es, eine Gemeinschaft zu unterwerfen\u201d, res\u00fcmiert Mosquera. \u201eWenn sie in ein Dorf wie El Tambo kommen, zwei Sprecher aus ihren H\u00e4usern zerren und sie vor der gesamten Dorfgemeinschaft erschie\u00dfen, dann hat das einen Grund. Niemand traut sich mehr, etwas gegen sie zu unternehmen. Und der Terror bleibt.\u201c Und dann sagt er noch was: \u201eMan muss auch klar sagen, dass das eine Strategie ist, um den Ruf der Paramilit\u00e4rs reinzuwaschen. Sie bezeichnen sich als Guerilleros um zu t\u00f6ten, zu foltern und verschwinden zu lassen, so wie es die Paramilit\u00e4rs gemacht haben.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.elespectador.com\/colombia2020\/pais\/consejo-comunitario-renacer-del-micay-denuncia-amenazas-y-persecucion\/\">Mar\u00eda Leonor Yonda<\/a>, Aktivistin von Afrorenacer, sieht das \u00e4hnlich: \u201cDiese Gruppen verhalten sich nicht wie eine Guerilla; es handelt sich um Paramilit\u00e4rs mit dem Abzeichen der FARC. Sie dienen dem Drogenhandel und die Substitution von Kokapflanzen und andere soziale Projekte kommen ihnen in die Quere\u201d, so Leonor, die Initiativen zur freiwilligen Substitution in Huisito, El Tambo leitete und ebenfalls vor den <em>Disidencias<\/em> fliehen musste.<\/p>\n<h4><strong>Was steckt dahinter?<\/strong><\/h4>\n<p>Das Micay-Tal verf\u00fcgt \u00fcber eine hohe <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/biodiversitaet\/\" data-cmtooltip=\"Biodiversit\u00e4t beschreibt die biologische Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten auf der Erde. Darunter versteht man nicht nur die genetische Vielfalt innerhalb einer Spezies, sondern auch die H\u00e4ufigkeit ihres Vorkommens. Der Grad der Artenvielfalt h\u00e4ngt also einerseits davon ab, wie viele Insekten einer Art (bspw. Bienen) vorhanden sind und andererseits davon, wie viele Bienen es im Verh\u00e4ltnis zu anderen Insekten gibt. Das Artensterben verschiebt die Funktion der komplexen \u00d6kosysteme auf Land oder im Meer, die sich durch die Biodiversit\u00e4t entwickelt haben. Die Folgen des Aussterbens von Arten w\u00fcrden unsere komplexen \u00d6kosysteme ins Ungleichgewicht bringen, auch wenn die genauen Folgen vielfach nicht vorherzusehen sind. Im Sinne einer intakten und lebenswerten Umwelt sollte die Biodiversit\u00e4t gesch\u00fctzt werden.\">Biodiversit\u00e4t<\/a> und einen wasserreichen Fluss. 17 multinationale Konzerne haben Bergbaukonzessionen beantragt, um Gold, Silber und Kupfer abbauen zu k\u00f6nnen. Und dann gibt es noch den geplanten Staudamm Arrieros de Micay. Unternehmer*innen wollen ihn auf dem kollektiven Land der Gemeinde bauen. Die Organisation Afrorenacer bef\u00fcrchtet massive Umweltsch\u00e4den und ist dagegen.<\/p>\n<p>\u201eDie Rolle des Koka ist, f\u00fcr Infrastruktur zu sorgen, die W\u00e4lder, Fl\u00fcsse und Tierarten zu vernichten, damit die Multis kommen und sagen k\u00f6nnen: Die Kokaplantagen haben die Umwelt vernichtet, aber wir kommen, um sie zu retten. Und andererseits braucht man auch die illegalen Gruppen, um Terror zu verbreiten, die Bauern zu entwurzeln und so den Bau dieser Megaprojekte f\u00fcr die Zukunft zu erleichtern.\u201c<\/p>\n<p>Auch Magaly Pino von der CNA sieht dahinter ein landesweit angewendetes System: \u201eEinsch\u00fcchterungen seitens bewaffneter Organisationen, die keine autonome Entwicklung der Gemeinden erlauben; Verfolgung, Stigmatisierung und Drohungen seitens des Staates. Wenn diese Mechanismen nicht reichen, tauchen paramilit\u00e4rische Gruppen auf, um die Anf\u00fchrer*innen zu bedrohen, zu vertreiben und zu ermorden.\u201d<\/p>\n<h4><strong>Marsch f\u00fcr die W\u00fcrde<\/strong><\/h4>\n<p>Nach Angaben des Studienzentrums f\u00fcr Fortschritt und Frieden INDEPAZ (Instituto de Estudios para el Desarrollo y la Paz) sind in Kolumbien im Jahr 2020 bislang 157 soziale F\u00fchrungspersonen und <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/menschenrechtsverteidigerinnen\/\" data-cmtooltip=\"Oberbegriff f\u00fcr Aktivist*innen, die f\u00fcr Menschenrechte, das Recht auf gewerkschaftliche und politische Organisierung, freie Meinungs\u00e4u\u00dferung, Diversit\u00e4t, Feminismus, Nachhaltigkeit, Umweltschutz etc. eintreten.\">Menschenrechtsverteidiger*innen<\/a> ermordet worden. Cauca ist mit 51 Mordopfern am schlimmsten betroffen, neun von ihnen sind Afrokolumbianer*innen.<\/p>\n<p>Die Bewohner*innen des Cauca haben zahlreiche Anzeigen erstattet, aber sie f\u00fchlen sich vom Staat nicht gesch\u00fctzt. 28 Abgeordnete des Europaparlaments haben inzwischen einen <a href=\"https:\/\/www.colectivodeabogados.org\/?Un-grupo-de-28-eurodiputados-envia-carta-al-Gobierno-Nacional-de-Ivan-Duque\">Brief<\/a> an die Regierung von Iva\u0144 Duque geschrieben, in dem sie ihre Besorgnis \u00fcber den Anstieg der Gewalt zum Ausdruck bringen.<\/p>\n<p>Zuletzt fand in Kolumbien der \u201eMarsch f\u00fcr die W\u00fcrde\u201c statt, um auf die Mordwelle aufmerksam zu machen und Schutzma\u00dfnahmen und ein effektives Handeln seitens der Regierung zu fordern. Der 600 Kilometer lange Marsch startete Ende Juni in Popay\u00e1n, der Hauptstadt des Cauca und erreichte am 10. Juli die kolumbianische Hauptstadt Bogot\u00e1.<\/p>\n<p><em>Von <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/?tag-author=darius-ossami\" target=\"_blank\" rel=\"noopener tag noreferrer\">Darius Ossami<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Jahr \u2013 vor allem seit Beginn der Coronapandemie \u2013 haben die Gewalttaten und Morde an sozialen F\u00fchrungspersonen in Kolumbien seitens legaler und illegaler bewaffneter Gruppen alarmierend zugenommen. 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