{"id":1160830,"date":"2020-07-17T06:50:08","date_gmt":"2020-07-17T05:50:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1160830"},"modified":"2020-07-17T13:15:16","modified_gmt":"2020-07-17T12:15:16","slug":"georg-seesslen-is-this-the-end-pop-is-not-dead-it-just-smells-funny","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/07\/georg-seesslen-is-this-the-end-pop-is-not-dead-it-just-smells-funny\/","title":{"rendered":"Georg Seesslen: Is this the end?  &#8211;  Pop is not dead, it just smells funny"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die gesellschaftlichen Umbr\u00fcche der Gegenwart zeigen sich auch in der Kultur. Geht mit dem sozialdemokratischen Zeitalter auch die \u00c4ra des Pop zu Ende?<\/strong><\/p>\n<article>Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Herausbildung der wohlfahrtsstaatlichen Nachkriegsmoderne und der damit verbundenen Demokratisierung der Klassengesellschaft, der sozialen und politischen Integration der ArbeiterInnenklasse, dem Aufkommen von Massenkonsum auch der unteren Klassen und der Entstehung einer Popkultur, wie wir sie seit Mitte der 1950er Jahre kennen und vielleicht auch lieben gelernt haben? Und wenn dieses Gesellschaftsmodell im Zuge der neoliberalen Wende, der Globalisierung, der Deindustriealisierung und Digitalisierung in die Krise ger\u00e4t, welche Auswirkungen hat das dann auf die Popkultur? Wenn man Georg Seesslen Glauben schenkt, der sich in seinem Buch \u201eIs this the End? Pop zwischen Befreiung und Unterdr\u00fcckung\u201c mit dem gegenw\u00e4rtigen Zustand der Popkultur befasst, befindet sich dieses Gesellschaftsmodell derzeit in einer Art finalen Krise. Pop war dabei f\u00fcr Seesslen immer ambivalent: Momente der Befreiung und der Unterdr\u00fcckung, des Klugen und Dummen, des Gelungenen und des Schunds fanden sich immer nebeneinander. Pop war Ausdruck der fordistischen Gesellschaft, aber im Unterschied zu dem, was Seesslen als glattgeb\u00fcgelte \u201eKulturindustrie\u201c verabscheut, war Pop oft auch Protest gegen diese Gesellschaft und stand f\u00fcr die Verweigerung ihrer offiziellen, repressiven Sexualit\u00e4ts- und Gendernormen, ihrer Arbeitsdisziplin und ihres Leistungszwangs und auch ihrer nationalistischen Ideologie. Pop war in seinen besten Momenten der Soundtrack f\u00fcr den Ausbruch aus diesem Elend und Vorschein einer besseren Welt.<\/p>\n<h3>Die Kinder von Marx und Coca-Cola<\/h3>\n<p>Der tendenzielle Abbau sozialer Ungleichheit in den westlichen Nachkriegsgesellschaften spiegelte sich f\u00fcr Seesslen auch in der Popkultur wider:<\/p>\n<p>\u201eMan h\u00f6rte Jimi Hendrix in Autowerkst\u00e4tten und Universit\u00e4ten; Donald Duck wurde in Kinderzimmern und Republikanischen Clubs gelesen, kurzum: Im Pop sollte Kultur ihren Klassen-, Rassen-, und Gender- Charakter \u00fcberwinden und in den Dienst allgemeiner Erneuerung und Befreiung gestellt sein. Vor allem, um gemeinsam Spass zu haben.\u201c (S. 18)<\/p>\n<p>Doch gerade diese Konstellation ist im Moment dabei, zu zerbrechen. W\u00e4hrend die Mittelschicht erodiert und sich Klassengegens\u00e4tze verst\u00e4rken, differenziert sich auch die Popkultur wieder zunehmend sozial aus. Platt gesagt lassen sich die Massen heute mit dem Schlagerpop Helene Fischers und dem Deutschrap Kollegahs abspeisen, w\u00e4hrend die distinguierte PopkonsumentIn, sagen wir, Holly Herndon h\u00f6rt. Herndorn steht dabei exemplarisch f\u00fcr jene Entwicklung, in der Teile der avancierteren Popkultur nicht mehr auf den Massenmarkt zielen, sondern eher beflissen nach dem Kunstbetrieb schielen und nach der Welt der staatlichen Stipendien und ihrer Musealisierung gieren. Dabei sei, wie Seesslen ausf\u00fchrt, die Verbindung von Massenappeal und hochkulturellen und avantgardistischen Einfl\u00fcssen eine Zeit lang gerade das spannendste und modernste an der besten Popmusik gewesen.<\/p>\n<h3>Arm, aber sexy<\/h3>\n<p>Breiten Raum nimmt im Buch das prek\u00e4re Alltagsleben der Popk\u00fcnstlerInnen und KreativarbeiterInnen ein. Pop fungiert hier auch als eine Form von ideologischem Kitt. Man r\u00f6delt unter miesen und unsicheren Bedingungen herum, aber im eigenen Selbstbild ist man irgendwie doch cooler artist, der oder die was Kreatives macht und sich immerhin noch von anderen armen Schweinen, wie der B\u00e4ckereiverk\u00e4uferin, die einem f\u00fcr einen Mindestlohn die Br\u00f6tchen verkauft, unterscheidet. Dabei haben die Arbeitsbedingungen im Kulturbereich l\u00e4ngst eine Leitbildfunktion f\u00fcr andere Segmente der Arbeitswelt.<\/p>\n<p>Aber seltsam: In dem Augenblick, in dem sich weite Bereiche der Wirtschaft quasi in eine Pop\u00f6konomie verwandeln \u2013 die Subjekte m\u00fcssen in die flexibilisierten Arbeitsverh\u00e4ltnisse zunehmend ihre ganze Pers\u00f6nlichkeit mit ihren Affekten und ihrem \u201ecoolen Wissen\u201c einbringen \u2013 in dem Moment also verliert die Popmusik ihre Innovationskraft. F\u00fcr diesen Befund bezieht sich Seesslen auf die bekannten Thesen Simon Reynolds \u00fcber die Retromania des aktuellen Pop, das Erstarren in ewigen Wiederholungsschleifen vergangener Popepochen, ohne wirklich Neues und Unerh\u00f6rtes zuwege zu bringen.<\/p>\n<h3>Pop wie in Populismus<\/h3>\n<p>Verabschieden muss man sich Seesslen zufolge auch von der Illusion, dass Pop immer irgendwie links und progressiv sei. Die Beispiele f\u00fcr das Mass an sexistischem, homophobem, antisemitischem und heimat- und traditionsseligem Stumpfsinn, der sich l\u00e4ngst im Pop breitgemacht hat, sind Legion. Seesslen nennt die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen: Andreas Gabalier, Frei.wild, Xavier Naidoo, Kollegah, Bushido und so weiter. Der politische Rechtspopulismus hat l\u00e4ngst ein popkulturelles Pendant zur Seite gestellt bekommen, das mit denselben Strategien des inszenierten Tabubruchs arbeitet.<\/p>\n<p>Versch\u00e4rfend kommt hinzu, dass der Mainstream-Pop vor diesen Entwicklungen, wie \u00fcberhaupt vor der politischen und gesellschaftlichen Realit\u00e4t, weitgehend die Augen verschliesst. F\u00fcr die Ignoranz und den Normalisierungsdruck des Mainstreams steht f\u00fcr Seesslen vor allem der Erfolg Helene Fischers, die ja in der Tat das Kunstst\u00fcck vollbringt, irgendwie freiz\u00fcgig und gleichzeitig bieder zu sein. In sexueller Hinsicht steht sie f\u00fcr eine sterile Erotik, der jedes \u00fcbersch\u00e4umende Gl\u00fccks- und Freiheitsversprechen ausgetrieben ist:<\/p>\n<p>\u201eWenn Pop vom Medium der sexuellen Revolution zum Medium der sexuellen Reaktion werden sollte, dann nicht durch eine schiere R\u00fcckkehr zu den alten, bigotten Formen von Doppelmoral und Denunziation, sondern in der Form einer \u201aAbkl\u00e4rung\u2018: Alles halb so wild, alles viel allt\u00e4glicher und vern\u00fcnftiger, alles irgendwie normal.\u201c (S. 132)<\/p>\n<h3>Those were the days, my friend<\/h3>\n<p>Sicherlich wartet Seesslen mit ein paar steilen Thesen auf. Aber dennoch l\u00e4sst sich sein pessimistisches Bild vom Zustand der aktuellen Popkultur nicht mal eben als Gebrummel eines angry old man abtun, der verzweifelt der Popkultur seiner verflossenen Jugend nachtrauert und l\u00e4ngst nicht mehr mitbekommt, was es auch in der Gegenwart an zukunftsweisenden Popentw\u00fcrfen gibt. Gerade in ihrer Zuspitzung sind Seesslens Reflexionen erfrischend und verweisen auf die Dringlichkeit einer Repolitisierung der Popkritik. Denn neben dem Pop befindet sich auch der Popjournalismus in einer tiefen Krise, was in der j\u00fcngsten Zeit im deutschsprachigen Raum durch die Einstellung der Printausgaben von Magazinen wie Spex, Intro, Groove und Skug offensichtlich wurde. Um die Infrastruktur, die eine lebendige Popkultur ben\u00f6tigt, ist es insgesamt nicht gut bestellt:<\/p>\n<p>\u201eBestimmte Orte verschwanden, von den \u201aBeatschuppen\u2018 \u00fcber die Konzertb\u00fchnen bis zu den Clubs, in denen man mehr oder weniger zuhause sein konnte. Oder die Kinos, in denen man sich zur Nachtvorstellung traf. Die Plattenl\u00e4den und wohlig verm\u00fcllten Buchhandlungen. Comic-L\u00e4den, in denen Sammler-Nerds anderen Sammler-Nerds Fetisch-Preise f\u00fcr Fetisch-Ware aus der Tasche ziehen. Nicht, dass Pop einmal richtig unschuldig gewesen w\u00e4re, h\u00f6chstens in ein paar Millisekunden der Kulturgeschichte. Aber was die \u00d6konomie mit Pop seit den neunziger Jahren macht, ist nicht mehr komisch.\u201c (S. 10)<\/p>\n<p>Das Kapital schafft sich eine Welt nach seinem Bilde. Bei Seesslen kann man nachlesen, was dabei alles unter die R\u00e4der kommt.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Simon Mayer<br \/>\nkritisch-lesen.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gesellschaftlichen Umbr\u00fcche der Gegenwart zeigen sich auch in der Kultur. Geht mit dem sozialdemokratischen Zeitalter auch die \u00c4ra des Pop zu Ende? 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