{"id":1149674,"date":"2020-07-02T06:20:24","date_gmt":"2020-07-02T05:20:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1149674"},"modified":"2020-07-02T06:20:24","modified_gmt":"2020-07-02T05:20:24","slug":"das-herrschende-bewusstsein-von-der-gesellschaft-warum-gerechtigkeit-nicht-im-zentrum-steht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/07\/das-herrschende-bewusstsein-von-der-gesellschaft-warum-gerechtigkeit-nicht-im-zentrum-steht\/","title":{"rendered":"Das herrschende Bewusstsein von der Gesellschaft  &#8211;  Warum Gerechtigkeit nicht im Zentrum steht"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eDie Schwierigkeit tief fassen ist das Schwere. Denn seicht gefasst, bleibt sie eben die Schwierigkeit.\u201c (Wittgenstein)<\/strong><\/p>\n<article>Beliebt ist es, Ungleichheiten in modernen westlichen Gesellschaften als Ungerechtigkeit anzusehen, an der jede(r) eigentlich Anstoss nehmen m\u00fcsse. Wer so vorgeht, blendet die weit verbreiteten Auffassungen aus, die Ungleichheiten nicht als ungerecht erachten. Zudem ist vom gegenw\u00e4rtig dominanten Bewusstsein auf die Frage \u201eBist Du f\u00fcr Gerechtigkeit?\u201c zwar gewiss kein \u201enein\u201c zu erwarten, wohl aber die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr viele andere Belange. Sie sorgen daf\u00fcr, dass Gerechtigkeit nicht im Zentrum steht. Viele, die meinen, mit Gerechtigkeit \u00fcber das zentrale Kriterium zur Beurteilung der Gesellschaft zu verf\u00fcgen, legen sich keine Rechenschaft davon ab. Ihre Schl\u00fcsselattit\u00fcde l\u00e4uft ins Leere.Verwirrung entsteht bereits dadurch, dass Gerechtigkeit nicht im Singular, sondern im Plural vorkommt. Es gibt Chancen- und Verfahrensgerechtigkeit. Leistungsgerechtigkeit existiert, wenn z.B. die H\u00f6he der Rente von der H\u00f6he der gezahlten Beitr\u00e4ge abh\u00e4ngt. Bedarfsgerechtigkeit findet Anwendung, wenn eine arbeitslose Person, die ein Kind zu versorgen hat, h\u00f6here Zahlungen bekommt als eine kinderlose arbeitslose Person. Die eine \u201eGerechtigkeit\u201c l\u00e4sst sich mithin gegen die andere \u201eGerechtigkeit\u201c ausspielen. Die Ungleichheiten betreffen ganz verschiedene Materien.Die Ungleichheit zwischen arm und reich wird h\u00e4ufig in eine Reihe eingestellt mit der Ungleichheit zwischen alt und jung, zwischen Stadt und Land, Frau und Mann, Aus- und Inl\u00e4nder. Als \u201eungerecht\u201c wird ganz Verschiedenes beanstandet: Als ungerecht gilt, dass die \u201eArbeitsplatzbesitzer\u201c so \u201ehohe\u201c L\u00f6hne h\u00e4tten, dass es f\u00fcr die Unternehmen nicht rational sei, diejenigen einzustellen, die gegenw\u00e4rtig arbeitslos sind. Als ungerecht erscheint es, dass Kinderlose von den Steuern und Wirtschaftsleistungen der j\u00fcngeren Generation profitieren, aber selbst anders als Eltern weder Energie noch Geld f\u00fcr die private Kindererziehung aufbringen. Ungerechtigkeit wird darin gesehen, dass Mitb\u00fcrger vor den Toren der Stadt in den Genuss billigerer Wohnungskosten und besserer Luft k\u00e4men und dann erhalten sie auch noch \u2026 die Pendlerpauschale!Die verschiedenen \u201eUngerechtigkeiten\u201c lassen sich vom Individuum oft nicht in eine inhaltlich bestimmte Ordnung, sondern nur auf einen Nenner bringen: So viel Vorteilsnahme zulasten anderer existiert in der Welt! Oft wird angenommen: Die Reichen, Starken und M\u00e4chtigen praktizieren dieses Vorgehen besonders erfolgreich. Viele w\u00fcrden nicht anders handeln, wenn sie denn nur k\u00f6nnten oder die Gelegenheit dazu h\u00e4tten.<\/p>\n<h3>Das herrschende Bewusstsein von der Gesellschaft<\/h3>\n<p>Ungleichheit wird dann zum Skandal, wenn sie als unn\u00f6tig und willk\u00fcrlich erscheint. Das gegenw\u00e4rtig dominante Gesellschaftsbewusstsein kennt sachliche Gr\u00fcnde f\u00fcr Ungleichheiten und weist der Gerechtigkeit einen ganz anderen Platz zu, als dies Leuten behagt, f\u00fcr die Gerechtigkeit das A und O ist. Grundlegende Thesen dieses Bewusstseins lauten wie folgt:<\/p>\n<p>a) Allein der Privateigent\u00fcmer hat ein vitales Interesse an einem Gut und am sorgsamen Umgang mit ihm. Gemeinschaftseigentum gilt als Niemandseigentum. Wer sich an seinen andere ausschliessenden Privatinteressen orientiert, neigt dazu, die Verantwortung f\u00fcr Gemeing\u00fcter auf andere abzuschieben und h\u00e4lt sich bei seinen Beitr\u00e4gen zu ihrer Erhaltung zur\u00fcck (\u201eTrittbrettfahrer\u201c).<\/p>\n<p>b) Ohne Vorteile durch Wettbewerbsvorsprung bzw. ohne Sanktion (im Extremfall \u00f6konomischer Ruin) entstehen keine hinreichenden Anreize f\u00fcr Effizienz und Effektivit\u00e4t. Ohne Druck von oben in der Hierarchie bzw. von der Seite (Konkurrenz) schieben die meisten eine \u201eruhige Kugel\u201c und \u201ehalten den Ball flach\u201c. Ein Kernbestandteil des b\u00fcrgerlichen Paradigmas besteht in der Wertsch\u00e4tzung von \u201eUngeselligkeit\u201c, \u201eUnvertragsamkeit\u201c und \u201emissg\u00fcnstig wetteifernder Eitelkeit\u201c (Kant XI, 38f.) aufgrund ihrer angenommenen indirekten positiven Folgen. Erst der \u201edurchg\u00e4ngige Widerstand (zwischen den Menschen \u2013 Verf.), welcher diese Gesellschaft best\u00e4ndig zu trennen droht, ist es nun, welcher alle Kr\u00e4fte des Menschen erweckt, ihn dahin bringt, seinen Hang zur Faulheit zu \u00fcberwinden\u201c (ebd.). Ohne Antagonismen \u201ew\u00fcrden in einem arkadischen Sch\u00e4ferleben bei vollkommener Eintracht, Gen\u00fcgsamkeit und Wechselliebe alle Talente auf ewig in ihren Keimen verborgen bleiben: die Menschen, gutartig wie die Schafe, die sie weiden, w\u00fcrden ihrem Dasein kaum einen gr\u00f6sseren Wert verschaffen, als dieses ihr Hausvieh hat\u201c (ebd.).<\/p>\n<p>c) Ein hohes Bruttosozialprodukt kann nur aus eigenn\u00fctzigen, ihren Sonderinteressen folgenden Handlungen vieler einzelner Akteure resultieren. Dass die Individuen sich direkt am Gemeinwohl orientieren und es dadurch bef\u00f6rdern, gilt als unrealistisch (moralische \u00dcberforderung) bzw. als Einladung zur Heuchelei.<\/p>\n<p>d) Mit der Kapitalwirtschaft sind bestimmte Kriterien der Reichtumsentwicklung verbunden. Das mag zu beklagen sein. Die Alternative aber bestehe in einer Planwirtschaft. Deren Misslingen gilt mittlerweile \u2013 im Unterschied zu fr\u00fcheren Zeiten \u2013 als unausweichlich. Zweitens vertrage sie sich nicht mit dem hohen Gut der individuellen Freiheit.<\/p>\n<p>e) Die Konzentration sowohl des Besitzes hoher Geldbetr\u00e4ge, die mehrwertproduktiv angelegt werden k\u00f6nnen, als auch des Besitzes an Produktionsmitteln auf eine kleine Minderheit der Bev\u00f6lkerung erscheint als unausweichlich, insofern eine gemeinsame Gestaltung und Entscheidung seitens der Bev\u00f6lkerung \u00fcber das Wirtschaften aufgrund der Komplexit\u00e4t der Materie, infolge der Verschiedenheit der sozialen Perspektiven (\u201ebabylonische Sprachverwirrung\u201c) und wegen der mangelnden Motivation der grossen Mehrheit als unrealistisch gilt.<\/p>\n<p>f) Die Menschen sind ungleich in ihren F\u00e4higkeiten, Geistesgaben und Energieniveaus.<\/p>\n<p>g) Die Spaltung der Bev\u00f6lkerung in Unternehmer und vom Produktionsmittelbesitz Ausgeschlossene entspricht dem Unterschied zwischen verschiedenen Mentalit\u00e4ten. Viele w\u00fcrden den Stress der Leitung und Verantwortung f\u00fcr den Betrieb nicht auf sich nehmen wollen. Schon der heutige Kleinunternehmer lebe \u201emateriell sicher besser als seine Besch\u00e4ftigten. Daf\u00fcr hat er allerdings viel weniger Freizeit und meist jede Menge Sorgen. W\u00e4hrend f\u00fcr die Mitarbeiter Freitagnachmittag das Privatleben anf\u00e4ngt, gr\u00fcbelt der Chef am Wochenende oft noch \u00fcber Kalkulationen und Bilanzen. Wer so betrachtet wirklich reicher ist, l\u00e4sst sich darum nicht einfach sagen. Zumal der materielle Wohlstand besteuert wird, die Freizeit aber nicht\u201c (Hank 2008, 288).<\/p>\n<p>h) Wer die auf die Vermarktung und Verwertung bezogene Handlungsfreiheit einschr\u00e4nke, erh\u00f6he vielleicht die Einkommensgleichheit, nicht aber die durchschnittliche H\u00f6he der Einkommen. Denn f\u00fcr die Vergr\u00f6sserung der Wirtschaftsleistung seien in der kapitalistischen Marktwirtschaft satte Profite, hohe Einkommen der \u201eWirtschaftselite\u201c sowie Zur\u00fcckhaltung bei Arbeitseinkommen und sozialstaatlichen Leistungen erforderlich. Nur von einem allein so erm\u00f6glichten Wirtschaftswachstum, nicht von Umverteilung, sei im Rahmen der kapitalistischen \u00d6konomie die nachhaltige Verbesserung der Lage der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten zu erwarten. Die Ungleichheit bleibe bestehen, das durchschnittliche Niveau an Einkommen, Bildung und Mobilit\u00e4t werde angehoben (\u201eFahrstuhleffekt\u201c (Ulrich Beck)). Rawls (1975) zufolge ist die Ungleichheit der Einkommen dann gerecht, wenn sie zu einer solchen Erh\u00f6hung des Reichtums beitrage, von der auch diejenigen profitieren, die in ihrem Einkommen am schlechtesten gestellt sind.<\/p>\n<p>i) Die herrschaftsf\u00f6rmige Struktur von Betrieben und Organisationen und die hierarchische Gliederung von Kompetenzen und Verantwortlichkeiten erweisen sich als unvermeidlich und effizienzf\u00f6rdernd unter der Voraussetzung der modernen Ausmasse der Produktion, der Arbeitsteilung und Vernetzung sowie des Einsatzes von Technologie und Wissenschaft. Die Unternehmer und Manager sind Organisatoren und Treuh\u00e4nder der \u201eArbeitsbedingungen gegen\u00fcber der Arbeit\u201c (MEW 25, 888). Unterordnen m\u00fcssen sich die Arbeitenden unter die \u201eArbeit der Oberaufsicht und Leitung\u201c. Sie wiederum \u201eentspringt notwendig \u00fcberall, wo der unmittelbare Produktionsprozess die Gestalt eines gesellschaftlich kombinierten Prozesses hat und nicht als vereinzelte Arbeit der selbst\u00e4ndigen Produzenten auftritt\u201c (ebd., 397).<\/p>\n<p>Eine allgemeine Tendenz besteht darin, den Arbeiten \u201edie geistigen Potenzen des materiellen Produktionsprozesses als [\u2026] sie beherrschende Macht gegen\u00fcberzustellen. Dieser Scheidungsprozess [\u2026] vollendet sich in der grossen Industrie, welche die Wissenschaft als selbst\u00e4ndige Produktionspotenz von der Arbeit trennt\u201c (MEW 23, 382). In modernen kapitalistischen Gesellschaften herrscht ein Bewusstsein vor, das ihre modernen Momente als Substanz und ihre kapitalistischen Charakteristika als zweitrangig ansieht. (Zur Kritik daran im Telegrammstil vgl. Creydt 2002, Pkt. 3, 4).<\/p>\n<h3>Die Opposition gegen das leistungslose Einkommen<\/h3>\n<p>Die Kapitalakkumulation wird nicht aus der \u201eGier der Reichen\u201c notwendig, sondern aus einem der kapitalistischen \u00d6konomie immanenten Widerspruch: Steigen die Ausgaben f\u00fcr den Technikeinsatz, so verringert sich der Anteil von lebendiger Arbeit an den Gesamtaufwendungen f\u00fcr die Produktion. Das f\u00fchrt zur Verschlechterung der Kapitalverwertung. Das tendenziell geringere Ergebnis des Verh\u00e4ltnisses, in dem Mehrwert im Z\u00e4hler und das insgesamt aufgewandte Kapital im Nenner steht, soll durch Zunahme der Masse des Gewinns kompensiert werden. Zu unterscheiden ist zwischen diesen \u201eimmanenten Gesetzen der kapitalistischen Produktion\u201c und der Konkurrenz. Sie stellt nicht die Ursache der Akkumulation dar, sondern die Form, in der die immanenten Gesetze sich \u201edem einzelnen Kapitalisten gegen\u00fcber als \u00e4usserliches Zwangsgesetz geltend\u201c machen (MEW 23, 286).<\/p>\n<p>Im Unterschied zu einer Auspl\u00fcnderungs\u00f6konomie steht im Kapitalismus der private Konsum der Reichen im gleichen Verh\u00e4ltnis zur Re-Investition der Gewinne in Mehrwert verheissende Anlagen wie die Portokasse zum produktiv (mit dem Ziel der Mehrwertvermehrung) angelegten Kapital. (Zur Auseinandersetzung mit linker Vulg\u00e4r\u00f6konomie, regressiver Kapitalismuskritik und Theorien von der vermeintlichen Herrschaft des Finanzkapitals \u00fcber das produktive Kapital vgl. Creydt 2019.)<\/p>\n<p>Der Genuss des Kapitalisten bleibt \u201eNebensache\u201c und \u201eunter das Kapital, das geniessende Individuum unter das kapitalisierende subsumiert, w\u00e4hrend fr\u00fcher das Gegenteil stattfand\u201c (MEW-Erg.bd. 1, 556). Die Konsumtion (ob nun der Armen oder der Reichen) bildet weder die Ursache noch das Ziel dieser Produktion. Bei der Schaffung mehrwertproduktiv zu investierenden Mehrwerts handelt es sich um einen selbstbez\u00fcglichen und sich notwendig unendlich fortsetzenden Prozess ohne \u00e4usseren Zweck. Was aus diesem Prozess an die Kapitaleigent\u00fcmer f\u00fcr deren private Konsumtion abf\u00e4llt, stellt einen Nebeneffekt dar.<\/p>\n<p>Das Motiv der Teilnahme von Kapitalisten am Prozess der Kapitalverwertung und die ihr eigene Logik sind zweierlei. Nicht die Ausgaben von Reichen f\u00fcr ihren privaten Konsum, sondern die Erfordernisse der Kapitalakkumulation, in der es um ihres Erfolgs willen an den Aufwendungen f\u00fcr Lohn und Arbeitsbedingungen zu sparen gilt, bilden die Ursache f\u00fcr die Lage der Lohnabh\u00e4ngigen.<\/p>\n<p>Beim Rentier, der den Mehrwert unproduktiv privat verzehrt, erinnern sich viele an den Parasitismus der Feudalherren oder an die Z\u00fcgellosigkeit und Prunksucht des Hofes. Als legitim gelten Unternehmer und Manager, insoweit sie als Treuh\u00e4nder der Akkumulation des Kapitals handeln. Eine Entnahme von Gewinnanteilen f\u00fcr \u201eunm\u00e4ssigen\u201c privaten Konsum erscheint als Pflichtverletzung. Diesem Bewusstsein geht es darum, luxuri\u00f6se Verausgabungen abzuschaffen, nicht eine andere Qualit\u00e4t des Arbeitens, der Gebrauchswerte, der Sozialbeziehungen und der Gestaltung der Gesellschaft zu schaffen.<\/p>\n<p>Ihm reicht es, die Disziplin, die der Wiederanlage des Gewinns entspricht, konsequent gegen jeden \u00fcppigen privaten Konsum der Reichen durchzusetzen. Ein solches Programm kann verschiedene Erscheinungsformen annehmen. Wenn eine Belegschaft in der kapitalistischen \u00d6konomie mit \u201eihrem\u201c selbstverwalteten Betrieb nicht untergehen will, muss sie den Standpunkt des Betriebskapitals einnehmen, das sich nur durch Vermehrung erhalten kann. Dieses Erfordernis haben diejenigen, die \u201eihren\u201c Betrieb im Kapitalismus selbst verwalten, im Zweifelsfall auch gegen ihre Interessen an h\u00f6herem Lohn oder an besseren Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Die sich selbst verwaltende Belegschaft kann idealiter \u201eChefs\u201c abschaffen, insofern sie ihre Funktion \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p>Das \u00e4hnelt derjenigen protestantischen Mentalit\u00e4t, die die kirchliche Autorit\u00e4t \u00fcberwinden will und jeden Christen idealiter zum Pastor seiner selbst erhebt. Die heute beliebte Rede vom Commoning, also dem Erk\u00e4mpfen, dem Entwickeln und der Pflege von Commons, umfasst auch selbstverwaltete Betriebe im Kapitalismus. Deren Schwierigkeiten lassen sich am Beispiel des Kooperativenverbunds Mondragon vergegenw\u00e4rtigen. Bspw. sind 2008 zwei Kooperativen, die besonders hohen Gewinn erzielten, aus diesem Verbund ausgetreten und haben sich damit den Abgaben f\u00fcr andere, minder am Markt erfolgreiche Kooperativen (Querfinanzierung) entzogen.<\/p>\n<h3>Durchschnittliche B\u00fcrger und Ausnahmetalente<\/h3>\n<p>\u201eHeute spricht man von Chancengleichheit \u2013 doch das Gl\u00fcck hat immer seine Lieblinge und seine Stiefkinder.\u201c (Ernst J\u00fcnger, Tagebuch 20.2.1972)<\/p>\n<p>Unter den Mitgliedern der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ist eine Variante popul\u00e4r, sich Ungleichheit zwischen ihnen zu erkl\u00e4ren. In Bezug auf die jeweiligen F\u00e4higkeiten und deren individuelle Nutzung gebe es Ausnahmetalente. Sie seien unter Unternehmern, Erfindern, Organisationsgenies, Spitzenk\u00fcnstlern und Spitzensportlern zu finden. Die Ungleichheit zwischen Managern und Arbeitern steht in dieser Betrachtungsweise in einer Reihe mit der Ungleichheit zwischen verschiedenen Begabungen und Energieniveaus in anderen gesellschaftlichen Bereichen (Sport, Kultur). Das Ausnahmetalent leiste Ausserordentliches. Das meint wenigstens eine grosse Zahl von Individuen. Sie akzeptieren insofern h\u00f6here Preise, wenn sie Veranstaltungen besuchen, in denen Spitzenfussballer ihre Fussballk\u00fcnste oder Spitzenmusiker ihre Musik darbieten. Die zahlungsf\u00e4hige Nachfrage entscheide. So sei das nun einmal in einer Marktwirtschaft.<\/p>\n<p>Das gegenw\u00e4rtig dominante Bewusstsein bef\u00fcrwortet Leistungseliten. Die H\u00f6he der Managergeh\u00e4lter wird akzeptiert, solange sich die Manager nicht als Versager erweisen. Hans-Werner Sinn sagt 2007 in der TV-Sendung \u201ehart aber fair\u201c: \u201eDer Lohn wird nach Knappheit (Angebot und Nachfrage) berechnet. Was hat das mit Gerechtigkeit zu tun? Wir kennen das Prinzip der Gerechtigkeit in den Marktentlohnungen nicht.\u201c (Zit. n. Zeitschrift Gleichheit 1-2\/2008, 26). Spitzenmanager seien nun einmal rar und auf internationalen M\u00e4rkten gesucht. Wer ihnen kein hohes Gehalt biete, riskiere, dass ausl\u00e4ndische Unternehmen sie abwerben. Ein fr\u00fcherer Aufsichtsrat der \u201e\u00d6ko-Bank\u201c begr\u00fcndet, warum Gerechtigkeit hier eine Themaverfehlung darstelle: \u201eUnterliegt z.B. die Preisbildung tats\u00e4chlich objektiven Gesetzen, so scheint es unsinnig, von gerechten oder ungerechten Preisen zu sprechen. Es k\u00e4me ja auch niemand auf den Gedanken, von ungerechten Planetenbewegungen oder einer ungerechten Fallgeschwindigkeit auszugehen.\u201c (K\u00fchn 1992, 21)<\/p>\n<p>Unternehmereinkommen und Managergeh\u00e4lter gelten u. a. als Risikopr\u00e4mie und als Belohnung f\u00fcr die Findigkeit und Wachheit, den Wagemut und Einsatz dabei, neue Chancen und Marktnischen wahrzunehmen und entsprechende Produkte zu entwickeln. Wer \u00fcber die Spitzeneink\u00fcnfte in der Wirtschaft den Kopf sch\u00fcttelt, solle zudem \u2013 so ein beliebter Vergleich \u2013 Einkommen von Autorennfahrern, Pop- und Filmstars in den Blick nehmen. Der Formel-I-Rennfahrer Lewis Hamilton verdiente einem Bericht aus dem Juni 2018 zufolge in den davor liegenden 12 Monaten 51 Millionen Dollar. Die Eink\u00fcnfte von Spitzensportlern werden mit dem Argument als angemessen befunden, der wirtschaftliche Gewinn, den bspw. ein Spitzenfussballer bringt, liege \u00fcber seinem Gehalt. Der Sieg in einer bestimmten Liga erm\u00f6glicht das Mitspielen in einer Liga mit h\u00f6herer Zuschauerschaft, gr\u00f6sserer Attraktivit\u00e4t f\u00fcr Medien, h\u00f6heren Werbeeinnahmen und mehr Verkauf von Fan-Artikeln.<\/p>\n<p>In den Ausnahmetalenten bekommt der kleine bzw. durchschnittliche B\u00fcrger es mit Leuten zu tun, die seiner Meinung nach einen anderen Aufwand treiben, sich h\u00e4rter fordern und st\u00e4rker in Regionen der Unsicherheit operieren wollen und dies alles vor allem k\u00f6nnen. Es handle sich um Personen, die gerade in der Umgebung aufbl\u00fchen, vor der sich der kleine B\u00fcrger eher \u00e4ngstige. \u201eGlattes Eis \/ ein Paradies f\u00fcr den \/ der gut zu tanzen weiss\u201c (Nietzsche II, 20). Die Ausnahmetalente h\u00e4tten etwas \u201eForderndes\u201c in ihrem \u201eWesen\u201c und etwas \u201eStarknerviges\u201c (Sombart 1987, 197). Das schliesse \u201eEntschlossenheit\u201c und \u201eRastlosigkeit\u201c, \u201eWagemut\u201c und \u201eK\u00fchnheit\u201c ein (ebd.).<\/p>\n<p>Die in der kapitalistischen Moderne begr\u00fcsste \u201esch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung\u201c (Schumpeter) erfordere die Findigkeit, mit der neue Gesch\u00e4ftsgelegenheiten aufgetan werden. \u201eUnternehmertum besteht nicht darin, nach einem freien Zehndollarschein zu greifen, den man bereits irgendwo entdeckt hat. Es besteht vielmehr darin, zu entdecken, dass es ihn gibt und dass er greifbar ist\u201c (Kirzner 1978, 38). Wahrhaft unternehmerischem Handeln fehlen sichere Informationen und verbindliche Handlungsmuster. Es handle nicht nach einem vorliegenden Plan, sondern m\u00fcsse ihn finden bzw. erfinden.<\/p>\n<p>Schumpeter vergleicht dies mit dem Unterschied zwischen \u201eeinen Weg bauen und einen Weg gehen: Und das Bauen eines Weges ist so wenig ein bloss gesteigertes Gehen, als das Durchsetzen neuer Kombinationen ein bloss graduell vom Wiederholen des Gewohnten verschiedener Prozess ist\u201c (Schumpeter 1926, 124f.). Das starke unternehmerische Individuum sei \u201enicht so sehr durch Intellekt [\u2026] als durch Willen\u201c gepr\u00e4gt, \u201edurch die Kraft, ganz bestimmte Dinge anzufassen und sie real zu sehen \u2013 , durch die F\u00e4higkeit, allein und voraus zu gehen, Unsicherheit und Widerstand nicht als Gegengr\u00fcnde zu empfinden\u201c (ebd., 128f.). Das Unternehmertum finde \u2013 vielen in der \u00d6konomie und Sozialwissenschaft vertretenen Auffassungen zufolge \u2013 sein \u201eVorbild weit eher im Genius des K\u00fcnstlers, im strategischen Geschick und in der Entschlusskraft des Feldherrn oder im Rekordstreben des Sportlers\u201c (Br\u00f6ckling 2007, 124).<\/p>\n<p>Paul Arden (2007), fr\u00fcher Kreativdirektor der renommierten Werbeagentur Saatchi &amp; Saatchi, hat eine ganze Popul\u00e4rphilosophie entwickelt, die die Geburt des wirtschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Erfolgs aus der Mentalit\u00e4t des Nonkonformismus, des Ausbrechens aus sicheren Routinen und des Etwas-Neues-Wagen feiert. Ausnahmetalente machen den Kampf zu ihrer zweiten Natur. Der 2019 verstorbene fr\u00fchere Vorstandsvorsitzende von VW, Ferdinand Pi\u00ebch, war ein \u201egl\u00fchender Verehrer der japanischen Herrenmenschen\u201c, Sammler von Samurai-Schwertern und ein begeisterter Segler. Pi\u00ebch brachte seine Lebensmaxime auf den Punkt mit den Worten \u201eein Schiff im Sturm [\u2026] lieber als Flautensegeln\u201c (Der Stern 15, 1993, 234).<\/p>\n<p>Manche Zeitgenossen k\u00f6nnen sich als Singularit\u00e4t vermarkten. Viele inszenieren sich so. Die grosse Mehrheit wird auf ihrem Arbeitsplatz dazu angehalten, nicht aus der Reihe zu tanzen. H\u00f6chstens heisst es hier: \u201eSei originell und bleib konventionell\u201c sowie \u201eSei kooperativ und setz\u2019 dich durch\u201c (Plattner 2000, 48, 64). Gr\u00fcnder, Unternehmer und Manager sind die b\u00fcrgerlichen Helden. Zugleich trauen sich die meisten den entsprechenden Initiativgeist und Mut zum Risiko nicht zu. Sie meiden das Anarchische, das darin besteht, existierende Gleichgewichte zu st\u00f6ren. Das Vorpreschen mit einer Innovation \u00fcberfordere sie.<\/p>\n<p>Die Mitglieder der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft stehen im Widerspruch zwischen ihrem Willen nach Sicherheit und Ordnung sowie dem nach Vitalit\u00e4t, zwischen Best\u00e4ndigkeit und Flexibilit\u00e4t, Routine und Risiko. Normale bzw. \u201ekleine\u201c B\u00fcrger f\u00fcrchten sich vor dem Absturz, der auf den H\u00f6henflug folgen kann. Sie meinen: Wo Erfolg m\u00f6glich ist, ist auch Misserfolg m\u00f6glich. Wer sich zu weit vorwage, k\u00f6nne auch alles verlieren. Vielen erscheinen die unternehmerischen Tugenden als charakterliche Fehlentwicklung. Manche erinnern sich an die Bibel: \u201eWas h\u00fclfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gew\u00f6nne und n\u00e4hme Schaden an seiner Seele?\u201c (Matth. 16:26). \u201eDurchschnittliche\u201c Mitglieder der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft und \u201eAusnahmetalente\u201c haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was sie f\u00fcr sich selbst als anstrebenswert erachten.<\/p>\n<p>Das Bild von den ausserordentlichen Talenten der Erfolgreichen verdankt sich einer nachtr\u00e4glichen Interpretation des Erfolgs. \u201eLeistung muss sich lohnen\u201c \u2013 dieser Slogan gilt f\u00fcr M\u00e4rkte nur sehr eingeschr\u00e4nkt. Leistung bildet eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung f\u00fcr den Erfolg am Markt. Anstrengen sollen sich alle. Ob das Individuum damit Erfolg oder Misserfolg hat, h\u00e4ngt aber von vielen Faktoren ausserhalb seiner Leistung ab.<\/p>\n<p>\u201eFirmen k\u00f6nnen bankrottgehen und Besch\u00e4ftigte ihre Arbeitspl\u00e4tze verlieren, und das nicht aufgrund mangelhafter Planung oder schlechter Gesch\u00e4ftsgepflogenheiten, sondern aufgrund von Marktturbulenzen, die niemand kontrollieren kann. Anstatt als robuste Mechanismen zur Belohnung von \u201aLeistung\u2018 wirken M\u00e4rkte oft eher wie brutale Lotterien\u201c (Wright 2017, 95). Selbst ein so entschiedener Propagandist der Marktwirtschaft wie Hayek bezeichnet den Markt als \u201egemischtes Gl\u00fccks- und Geschicklichkeitsspiel\u201c (Hayek 1981, 163). Wie der jeweilige Teilnehmer auf dem Markt abschneidet, das h\u00e4ngt zum gr\u00f6ssten Teil ab von Gl\u00fcck im Sinne von fortuna, also etwas Unberechenbarem, etwas dem Individuum Zufallenden und Zuf\u00e4lligen, \u00fcber das nicht seine Leistung entscheidet.<\/p>\n<p>Was die Individuen leisten und was auf dem Markt als Leistung gilt, unterscheidet sich. Wer auf M\u00e4rkten Erfolg hat, rechnet es sich seinen F\u00e4higkeiten, seinem \u201eRiecher\u201c f\u00fcr Neues und seiner Beharrlichkeit, gegen alle Widerst\u00e4nde an seiner Gesch\u00e4ftsidee festzuhalten, zu. Dass viele genau so vorgehen, aber damit auf die Nase fallen, interessiert diejenigen nicht, die das Bed\u00fcrfnis versp\u00fcren, den Erfolg sich als eigenes Verdienst zuzurechnen.<\/p>\n<p>Das dominierende Gesellschaftsbewusstsein nimmt Ungleichheit h\u00e4ufig nicht als Verstoss gegen Gerechtigkeit wahr und schreibt sie Ursachen zu, die ausserhalb ihres Zust\u00e4ndigkeitsbereichs liegen. Anders als es diejenigen annehmen, die Gerechtigkeit ins Zentrum stellen, bildet Gerechtigkeit keine autonome \u201eSubstanz\u201c, die gegen\u00fcber der zu beurteilenden Gesellschaft als von ihr unbetroffener Massstab geltend gemacht werden kann. Bei Gerechtigkeit handelt es sich ebenso wenig um einen archimedischen Punkt ausserhalb der Gesellschaft, an dem sich der \u201eHebel\u201c zu ihrer Ver\u00e4nderung ansetzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Descartes erachtete die Aussage \u201eIch denke, also bin ich\u201c f\u00fcr einen solchen Punkt. Viele meinen: \u201eMir ist Gerechtigkeit besonders wichtig, also bin ich gesellschaftskritisch, sehr viel mehr brauche ich von der Gesellschaft nicht zu wissen.\u201c Wer das Paralleluniversum nicht verl\u00e4sst, in dem sich alles um die Gerechtigkeit dreht und deren Sonne nie untergeht, vermag den gegnerischen Auffassungen wenig entgegen zu setzen.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Meinhard Creydt<br \/>\nstreifzuege.org<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p>Arden, Paul 2007: Egal, was Du denkst, denk das Gegenteil, Bergisch Gladbach.<\/p>\n<p>Br\u00f6ckling, Ulrich 2007: Das unternehmerische Selbst, Frankf.\/M.<\/p>\n<p>Creydt, Meinhard 2002: Stellungnahme zur Rezension meines Buches \u201eTheorie gesellschaftlicher M\u00fcdigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Creydt, Meinhard 2005: Das Elend der Gerechtigkeit, in: Streifz\u00fcge, Nr. 34.<\/p>\n<p>Creydt, Meinhard 2019: Krysmanskis Geschichten von tausend und einer Jacht. Zentrale Fehler regressiver Kapitalismuskritik, in: Kritiknetz. Zeitschrift f\u00fcr Kritische Theorie, August.<\/p>\n<p>Hank, Rainer (Hg.) 2008: Was sie schon immer \u00fcber Wirtschaft wissen wollten, Frankf.\/M.<\/p>\n<p>Hayek, Friedrich August von 1981: Recht, Gesetzgebung und Freiheit. Bd. II, Landsberg am Lech.<\/p>\n<p>Kant, Immanuel: Werkausgabe, hg. v. Wilhelm Weischedel. Frankf.\/M. 1968<\/p>\n<p>Kirzner, Israel M. 1978: Wettbewerb und Unternehmertum, T\u00fcbingen.<\/p>\n<p>K\u00fchn, Hans-J\u00fcrgen 1992: Der Schleier des Nicht-Wissens, in: Widerspruch. M\u00fcnchner Zeitschrift f\u00fcr Philosophie. Nr. 23, 12. Jg.<\/p>\n<p>MEW: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke. Berlin (DDR) 1956 ff.<\/p>\n<p>Nietzsche, Friedrich: Werke in drei B\u00e4nden, Ed. Schlechta. Darmstadt 1997.<\/p>\n<p>Plattner, Ilse E. 2000: Sei faul und guter Dinge. Vom Sinn und Unsinn des Erfolgsstrebens, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Rawls, John 1975: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankf.\/M.<\/p>\n<p>Schumpeter, Joseph<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1926: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Sombart, Werner 1987: Der Bourgeois, Reinbek bei Hamburg.<\/p>\n<p>Wright, Erik Olin 2017: Reale Utopien: Wege aus dem Kapitalismus, Frankf.\/M.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Schwierigkeit tief fassen ist das Schwere. Denn seicht gefasst, bleibt sie eben die Schwierigkeit.\u201c (Wittgenstein) Beliebt ist es, Ungleichheiten in modernen westlichen Gesellschaften als Ungerechtigkeit anzusehen, an der jede(r) eigentlich Anstoss nehmen m\u00fcsse. 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