{"id":1147929,"date":"2020-06-30T05:01:02","date_gmt":"2020-06-30T04:01:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1147929"},"modified":"2020-06-30T05:01:02","modified_gmt":"2020-06-30T04:01:02","slug":"realitaeten-die-uns-die-industrie-nicht-zeigen-will-bittere-orangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/06\/realitaeten-die-uns-die-industrie-nicht-zeigen-will-bittere-orangen\/","title":{"rendered":"Realit\u00e4ten, die uns die Industrie nicht zeigen will Bittere Orangen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Brasilien produziert den Grossteil des weltweit konsumierten Orangensafts. W\u00e4hrend die Coronakrise die halbe Welt paralysiert, geraten die Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fccker zwischen den endlosen Orangenbaumreihen des Bundesstaats S\u00e3o Paulo immer weiter in die Prekarit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<article>Unsere Recherche, die wir kurz vor Ausbruch der Pandemie durchgef\u00fchrt hatten, beleuchtet die miserablen Arbeitsbedingungen der Menschen, die f\u00fcr den aus der Schweiz operierenden Multi Louis Dreyfus Orangen ernten.Auf dem kleinen Blechtisch liegen drei frisch gesch\u00e4lte Orangen. Aar\u00e3o* wird sie nicht mehr essen. An die Wand der Baracke gelehnt, in der er mit anderen Pfl\u00fcckern untergebracht ist, l\u00e4sst er seinen Blick einen Moment lang durch den leeren Raum schweifen. Dann reisst er sich wieder zusammen, richtet sich vor seinen abendlichen Besuchern auf. Er wird bald nicht mehr hierhin zur\u00fcckkommen.Wie bereits ein Dutzend seiner Kollegen vor ihm hat Aar\u00e3o beschlossen, aufzuh\u00f6ren. Weil er seine Gesundheit \u00abnicht auf der Strecke lassen\u00bb will. Und weil \u00absich das alles nicht lohnt\u00bb. \u00abDas alles\u00bb, das sind 11 Monate Arbeit in einem gnadenlosen Rhythmus. Das sind 100 bis 120 Kisten \u00e0 27 Kilo pro Tag \u2013 also etwa drei Tonnen Orangen, die es in der hier in der Region S\u00e3o Paulo oft sengenden Sonne oder bei str\u00f6mendem Regen von bis zu 5 Meter langen Leitern herunterzutragen gilt. Daf\u00fcr gibts Ende Monat 230 bis 360 Schweizer Franken \u2013 f\u00fcr die produktivsten Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fccker. F\u00fcr Aar\u00e3o steht fest: Dies ist seine erste und letzte Safra, wie die Ernte auf Brasilianisch genannt wird.<\/p>\n<p>Noch vor Monatsende wird der Saisonarbeiter sein vor\u00fcbergehendes Dasein als Orangenpfl\u00fccker beenden. Er wird versuchen, bei seinem Arbeitgeber, dem Schweizer H\u00e4ndler Louis Dreyfus Company (LDC), sein R\u00fcckreiseticket einzul\u00f6sen und die 2200 km in seine Heimat im brasilianischen Nordosten zur\u00fcckzulegen. Vielleicht wird er dort wieder als Maurer arbeiten, das sei \u00abweniger riskant\u00bb, sagt er.<\/p>\n<p>Die Datenbank der brasilianischen Arbeitsinspektion verzeichnet f\u00fcr die letzten 10 Jahre fast 200 durch LDC im Zitrussektor begangene Arbeitsrechtsverletzungen, die H\u00e4lfte davon betrifft die Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmenden. 2018 etwa wurde LDC zur Bezahlung einer Busse in der H\u00f6he von umgerechnet 122\u2019400 Schweizer Franken verurteilt, weil bei einer Inspektion f\u00fcnf Jahre zuvor entdeckt worden war, dass 34 Angestellte in einem ehemaligen H\u00fchnerstall leben mussten.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in die Gegenwart: Zwischen den durchgelegenen Matratzen, die die Pfl\u00fccker in den dr\u00fcckenden Sommern\u00e4chten zum Schlafen nach draussen legen, zeugt ihre abgenutzte Ausr\u00fcstung von den harten Arbeitsbedingungen. Ein paar l\u00f6chrige Stiefel, eine Gamasche gegen Kobrabisse und schweissdurchtr\u00e4nkte Kleider, auf denen das LDC-Logo prangt. Carlos* beachtet all diese Dinge l\u00e4ngst nicht mehr. Der mit rund 50 Jahren \u00e4lteste der Arbeiter, die hier hausen, wird \u2013 nachdem er zwischendurch in der Zitronenernte gearbeitet hat \u2013 bald seine sechste Safra antreten.<\/p>\n<p>Sowohl Zitronen wie Orangen zu ernten sei hart, sagt er, \u00ababer die Orangenb\u00e4ume sind beim Klettern instabiler. Gott sei Dank ist mir nie etwas passiert\u00bb, seufzt er und sch\u00e4lt mit seinen arthritischen Fingern eine vierte Orange f\u00fcr seine Gespr\u00e4chspartner. Doch auch sie werden die bitteren Fr\u00fcchte nicht anr\u00fchren.<\/p>\n<h3>Spurensuche auf den Plantagen<\/h3>\n<p>Die Arbeitsbedingungen in der Orangenindustrie sind bitter, so viel ist sicher, und in Krisenzeiten gilt das ganz besonders. Doch selbst als die Corona-Pandemie Brasilien erreichte, hat der Exportverband Citrus BR trotz der Risiken nie die Absicht erkennen lassen, den Fuss vom Gaspedal zu nehmen. In einem Interview vom April 2020 best\u00e4tigte der Direktor des Verbands, Ibiapaba Neto, dass die Produktionskette \u00abnormal\u00bb funktioniere und dass LDC sowie die beiden anderen im Verband zusammengeschlossenen Orangensaftgiganten Cutrale und Citrosuco beabsichtigten, \u00abzu 100% aktiv zu bleiben\u00bb \u2013 egal, wie sehr das Coronavirus das brasilianische Gesundheitssystem auf die Probe stelle.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, die brasilianischen Orangen seien unwiderstehlich. Man findet sie in mehr als der H\u00e4lfte des weltweit konsumierten Orangensafts. Und die Region S\u00e3o Paulo stellt allein fast vier F\u00fcnftel der inl\u00e4ndischen Produktion her, die praktisch zur G\u00e4nze f\u00fcr den Export bestimmt ist.<\/p>\n<p>Der Konzern LDC, der seinen operativen Hauptsitz in Genf hat, von wo aus er auch sein Fruchtsaftgesch\u00e4ft steuert, war urspr\u00fcnglich nur im Handel t\u00e4tig und begann dann in den 1990er-Jahren mit dem Aufbau einer eigenen Orangenproduktion in Brasilien. Dort verwaltet er heute 38 Zitrusplantagen mit einer Gesamtfl\u00e4che von \u00fcber 25\u2019000 Hektaren. Die eigene Produktion macht nach Angaben, die wir von LDC vor Ort erhielten, ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der vom Konzern verarbeiteten Orangen aus, die andere H\u00e4lfte wird externen Produzenten abgekauft.<\/p>\n<p>All diese Orangen \u2013 die genaue Menge gilt als Gesch\u00e4ftsgeheimnis \u2013 werden in den drei LDC-Saftfabriken der Region verarbeitet und anschliessend als gefrorenes Konzentrat oder pasteurisierter Saft in die wichtigsten M\u00e4rkte der Welt verschifft. Sind sie einmal in der im Hinterland von S\u00e3o Paulo gelegenen Saftfabrik von Bebedouro abgeladen worden, l\u00e4sst sich nicht mehr erkennen, ob die Orangen von einer LDC-Plantage stammen oder von einem der Zulieferer. Der Konzern spricht gerne \u00fcber sein Blockchain-basiertes Projekt zur R\u00fcckverfolgbarkeit von Orangensaft. Doch die Liste seiner Zulieferer wollte LDC uns auf Anfrage nicht zeigen.<\/p>\n<p>Die beiden brasilianischen Konzerne Cutrale und Citrosuco sowie die Schweizer LDC haben beim Orangensaft zusammen einen Weltmarktanteil von etwa 75%.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur in der Region S\u00e3o Paulo ebenfalls sehr pr\u00e4senten Zuckerrohrindustrie ist die Orangenernte wenig mechanisiert und ben\u00f6tigt dementsprechend viele Arbeitskr\u00e4fte \u2013 der Zitrussektor besch\u00e4ftigt gem\u00e4ss offiziellen Statistiken alleine im Bundesstaat S\u00e3o Paulo gegen 50\u2019000 Menschen, effektiv d\u00fcrften es aber angesichts des hohen Anteils informeller Arbeit wesentlich mehr sein. Wie Aar\u00e3o und Carlos werden die meisten Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fccker jeweils f\u00fcr eine Erntesaison von acht bis elf Monaten eingestellt \u2013 unter prek\u00e4ren Konditionen und mit Vertr\u00e4gen, die an t\u00e4gliche Produktivit\u00e4tsziele gebunden sind.<\/p>\n<p>Zusammen mit der investigativen NGO Rep\u00f3rter Brasil hat sich Public Eye auf den Plantagen im Bundesstaat S\u00e3o Paulo umgesehen, um einen Eindruck von den Arbeitsbedingungen zu erhalten. Die meisten Produzenten, auf deren umgitterten Anlagen in der Regel zwischen 10\u2019000 und 20\u2019000 Orangenb\u00e4ume stehen, verweigerten uns den Zutritt. Andere, wie LDC, folgten uns sogar bis in die Unterk\u00fcnfte ihrer Arbeiter, um diese davon abzuhalten, mit uns zu sprechen \u2013 was ihnen in einem Fall auch gelungen ist.<\/p>\n<p>Um dies herauszufinden, haben wir gemeinsam mit einer Kollegin von Rep\u00f3rter Brasil mit etwa 15 Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fcckern gesprochen \u2013 direkt in ihren Unterk\u00fcnften, die von LDC oder anderen Produzenten vermietet werden. Um sie vor m\u00f6glichen Repressalien zu sch\u00fctzen, nennen wir weder ihre richtigen Namen noch jene der betroffenen St\u00e4dte oder Plantagen.<\/p>\n<p>Unsere Recherche zeigt, in welch prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen die Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fccker arbeiten. Und sie zeigt die Intransparenz im Sektor, die von Konzernen wie LDC gezielt ausgenutzt wird \u2013 wobei sie vom Abbau der Arbeitsrechte unter den Regierungen Temer und Bolsonaro profitieren. Zahlreiche Aussagen weisen zudem darauf hin, dass auf LDC-Zulieferbetrieben systematisch internationale Arbeitsrechte wie beispielsweise das Recht auf angemessene und befriedigende Entlohnung oder auf sichere und gesunde Arbeitsbedingungen verletzt werden.<\/p>\n<h3>Ein Lohn, der kaum zum Leben reicht<\/h3>\n<p>Beginnen wir beim Lohn. In ihren Hochglanzberichten br\u00fcstet sich LDC damit, die \u00abVerantwortung f\u00fcr das Wohlbefinden aller Arbeitskr\u00e4fte (&#8230;) sehr ernst\u00bb zu nehmen. Uns gegen\u00fcber erkl\u00e4rt LDC, \u00abdass kein Angestellter einen Lohn erh\u00e4lt, der unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegt\u00bb. Dieser betr\u00e4gt 2020 1045 Reais monatlich, also knapp 190 Franken. F\u00fcr den operativen Leiter von LDC Juice Brazil offenbar genug, um zu beteuern: \u00abPfl\u00fccken ist heute eine \u00fcberaus w\u00fcrdige T\u00e4tigkeit\u00bb. Genauere Auskunft \u00fcber die Lohnniveaus wollte uns der Konzern nicht geben, sie gelten als \u00abprivate\u00bb Angelegenheit.<\/p>\n<p>Wir haben versucht, das Niveau dieser W\u00fcrde zu quantifizieren, indem wir die Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fccker systematisch nach ihren Lohnabrechnungen gefragt und uns nach Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen erkundigt haben. Aus zwei solchen Dokumenten, g\u00fcltig f\u00fcr die Gemeinden Ol\u00edmpia und Dourado, geht hervor, dass der monatliche Lohn eines LDC-Pfl\u00fcckers bei 1163,55 Reais liegt \u2013 er beinhaltet also ein \u00abGeschenk\u00bb von knapp 120 Reais (21 Franken) im Vergleich zum gesetzlichen Mindestlohn.<\/p>\n<p>In der Antwort an Public Eye behauptet LDC, seine Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fccker k\u00f6nnten dank Produktivit\u00e4tspr\u00e4mien das bis zu 2,7-Fache des Mindestlohns verdienen. Die Lohnabrechnungen, die wir gesehen haben, zeigen eine andere Realit\u00e4t: Die Angestellten k\u00f6nnen ihren Lohn um 300 oder 600 Reais, also 54 beziehungsweise 108 Franken, aufstocken, wenn sie die vom Unternehmen definierten Ziele jeden Tag \u00fcbertreffen. Kein Wunder also, m\u00f6chte LDC lieber nicht \u00fcber konkrete Lohnh\u00f6hen reden.<\/p>\n<p>Wie f\u00fcr weltweit Millionen Menschen in der Landwirtschaft gilt f\u00fcr die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den brasilianischen Orangenplantagen: Obwohl das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard ein international anerkanntes Menschenrecht ist, werden sie f\u00fcr ihre Arbeit nicht angemessen entlohnt. Der Lohn, der f\u00fcr den Erwerb von Konsumg\u00fctern des t\u00e4glichen Bedarfs f\u00fcr eine Familie in Brasilien n\u00f6tig ist, sollte nach den neusten Angaben des Intergewerkschaftlichen Instituts f\u00fcr Statistik und sozio\u00f6konomische Studien (DIEESE) mindestens 4673,06 Reais (814 Franken) betragen. Ganz zu schweigen davon, dass die Lebenshaltungskosten im Bundesstaat S\u00e3o Paulo zu den h\u00f6chsten des Landes geh\u00f6ren und dass die Inflation im Jahr 2019 ein nationales Niveau von fast 4,5% erreichte.<\/p>\n<h3>Ein undurchsichtiges und \u00abverwirrendes\u00bb Lohnsystem<\/h3>\n<p>Das blassgr\u00fcne, zerknitterte Papier sieht aus wie Pergament. Die Lohnabrechnung, die wir einsehen konnten, ist mit dem Stempel LDC Sucos S.A. versehen, die Tabelle enth\u00e4lt bis zu 14 Rubriken. Pro Kiste gepfl\u00fcckter Orangen werden hier 0,62 Reais bezahlt (14 Rappen), aber der Grundpreis variiert. Der Pfl\u00fccker hat in zwei Wochen knapp 1400 Kisten Orangen gesammelt. Zus\u00e4tzlich erh\u00e4lt er zwei kleine Zusch\u00fcsse wegen des erh\u00f6hten Schwierigkeitsgrads verrichteter Arbeiten und einen f\u00fcr seine Produktivit\u00e4t, 60 Reais kommen so zum Lohn dazu. Abgezogen werden Sozialbeitr\u00e4ge und Unterkunft. Der Gesamtverdienst dieses \u00abproduktiven\u00bb Arbeiters f\u00fcr zwei Wochen bel\u00e4uft sich auf rund 165 Franken.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften kritisieren seit Langem das \u00abverwirrende System\u00bb und die Strategie von LDC, in den verschiedenen Bezirken, in denen der Konzern seine 38 Plantagen betreibt, \u00abfragmentierte Verhandlungen\u00bb zu f\u00fchren. \u00abMan nimmt das gleiche Unternehmen, die gleichen Arbeiter, aber die Bedingungen sind von Plantage zu Plantage verschieden\u00bb, kritisiert Jotalune Dias dos Santos vom Dachverband der Agrargewerkschaften Feraesp. Ausserdem werden die L\u00f6hne mancherorts w\u00f6chentlich, anderenorts zweiw\u00f6chentlich oder monatlich bezahlt, je nach den sehr unverbindlich gehaltenen Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen, die wir konsultiert haben.<\/p>\n<p>Die Angestellten h\u00e4ngen oft vom \u00abguten Willen des Unternehmens\u00bb ab. Rafael de Ara\u00fajo Gomes, Staatsanwalt des Arbeitsministeriums<\/p>\n<p>Wir haben auch den Staatsanwalt des Arbeitsministeriums Rafael de Ara\u00fajo Gomes zur Komplexit\u00e4t dieser Lohnabrechnungen befragt, die uns keiner der Pfl\u00fccker \u00fcberzeugend erkl\u00e4ren konnte. \u00abIm Allgemeinen gibt es kein Buchf\u00fchrungssystem f\u00fcr die t\u00e4glich gesammelten Kisten. Das Dokument ist auch nicht unterzeichnet\u00bb, stellte er fest. Die Angestellten hingen deshalb oft vom \u00abguten Willen des Unternehmens\u00bb ab, kritisiert der Vertreter des Arbeitsministeriums von Araraquara.<\/p>\n<p>Die Vielzahl der Lohnsysteme erschwert auch die Untersuchung von Streitf\u00e4llen. \u00abIch habe F\u00e4lle gesehen, wo die Angestellten zwar 0,90 Reais pro Kiste erhielten, daf\u00fcr aber nicht ordnungsgem\u00e4ss gemeldet waren\u00bb, sagt Rafael de Araujo Gomes. \u00abF\u00fcr die Pfl\u00fccker ist es eine einfache Rechnung: Sie wissen, dass sie ohnehin nie in den Ruhestand werden treten k\u00f6nnen. Weshalb also Beitr\u00e4ge zahlen?\u00bb<\/p>\n<p>Ein weiterer Grund f\u00fcr die kommunikative Zur\u00fcckhaltung von LDC ist wohl der, dass der Konzern durch die j\u00fcngste Arbeitsrechtsreform laut einer Recherche von Rep\u00f3rter Brasil bei den L\u00f6hnen zwischen 15 und 30% einsparen konnte. Seit Ende 2017 m\u00fcssen Unternehmen ihre Mitarbeitenden f\u00fcr die Zeit der Anfahrt zu den Plantagen n\u00e4mlich nicht mehr bezahlen. Diese horas in itinere k\u00f6nnen t\u00e4glich bis zu vier Stunden ausmachen, bei Regen mehr. Unseren Informationen zufolge weigerte sich LDC \u2013 im Gegensatz zu seinen beiden Hauptkonkurrenten \u2013 stets, diesen Lohnverlust auszugleichen. In der schriftlichen Antwort auf unsere dahingehende Frage heisst es vonseiten des Firmensitzes, man habe \u00abeine Zahlung an die betroffenen Mitarbeitenden geleistet\u00bb und \u00abden pro geerntete Kiste bezahlten Betrag erh\u00f6ht\u00bb. Massnahmen, die laut LDC \u00abden vorherigen Betrag kompensieren und einen Anreiz schaffen\u00bb. Einen Anreiz wof\u00fcr? Noch produktiver zu arbeiten? Das wird nicht klar.<\/p>\n<p>\u00abWas bleibt zum Leben \u00fcbrig?\u00bb Jotalune Dias dos Santos, Dachverband der Agrargewerkschaften<\/p>\n<p>\u00abEin Arbeiter gibt durchschnittlich 60% seines Einkommens f\u00fcr Nahrungsmittel aus. Die Miete liegt in der Region bei 600 Reais. Gehen wir davon aus, dass er auch noch f\u00fcr den Unterhalt von zwei Kindern aufkommen muss. Was bleibt zum Leben \u00fcbrig?\u00bb, fragt Jotalune Dias dos Santos. F\u00fcr den Pr\u00e4sidenten der \u00adFeraesp, dem Dachverband der Agrargewerkschaften im Bundesstaat S\u00e3o Paulo, ist eine \u00abernsthafte Debatte \u00fcber dieses System n\u00f6tig, das die Pfl\u00fccker zum \u00dcberleben an den Rand der Ersch\u00f6pfung treibt\u00bb. Im Visier hat er insbesondere den an Produktivit\u00e4tsziele gebundenen Lohn, der im Extremfall das gesamte Einkommen ausmacht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend LDC seinen eigenen Angestellten immerhin den gesetzlichen Mindestlohn garantiert \u2013 auch dann, wenn die Produktionsziele nicht erreicht werden \u2013 so gilt dies nicht unbedingt f\u00fcr seine Zulieferer. Lohnausweise von Pfl\u00fcckern des Drittproduzenten, welche wir in deren Unterk\u00fcnften einsehen konnten, weisen Betr\u00e4ge weit unter 1000 Reais (180 Franken) aus. Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge finden sich darauf nicht immer, und die Pfl\u00fccker best\u00e4tigen denn auch, mehrere Wochen lang schwarz gearbeitet zu haben. Aus Angst, ihre Arbeit zu verlieren, machen diese oft weder ihre Rechte geltend noch kritisieren sie die ausbeuterischen Bedingungen, unter denen sie t\u00e4tig sind.<\/p>\n<p>Einer der LDC-Zulieferer, dessen Plantage wir besichtigen wollten, gab dies sogar ganz offen zu. Als Grund, weshalb er uns keinen Zutritt zu seiner Plantage gew\u00e4hren k\u00f6nne, sagte er in einem Telefongespr\u00e4ch, das wir aufzeichneten, unumwunden: \u00abIch habe ein Team ohne Arbeitsbewilligung (de bocada). Es wird ein Team ohne Uniform und (Schutz-) Ausr\u00fcstung sein.\u00bb<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir darauf warteten, dass uns LDC den Zugang zu einer ihrer Plantagen gew\u00e4hrt, waren wir bei mehreren Zulieferern des Konzerns. Von ihnen h\u00e4tten wir auch gerne mehr \u00fcber die Konditionen erfahren, die ihnen LDC auferlegt. Obwohl die Pfl\u00fccker auf verschiedenen Plantagen offensichtlich anwesend waren, schoben die meisten Lieferanten das Ende der Safra vor, um uns die Tore nicht zu \u00f6ffnen. Auf dem Gel\u00e4nde eines unabh\u00e4ngigen Produzenten, dessen Eingang offen und unbewacht war, wurden wir vom Sicherheitsdienst abgefangen und mussten uns schliesslich vor sieben Polizeibeamten rechtfertigen. Die meisten der von uns befragten Gewerkschaften erkl\u00e4rten, dass es auch f\u00fcr sie immer schwieriger werde, mit den Arbeiterinnen und Arbeitern in Kontakt zu treten. Die Anwesenheit von Gewerkschaftern oder Gewerkschafterinnen half uns denn auch nicht, Zugang zu den Plantagen zu erhalten.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber Rep\u00f3rter Brasil best\u00e4tigte das Wirtschaftsministerium, dass derzeit keine Arbeitsinspektionen auf den Orangen-Fazendas vorgesehen seien. Alles, was die Produzenten bei allf\u00e4lligen Verst\u00f6ssen also zu bef\u00fcrchten haben, ist, dass das \u00f6ffentliche Arbeitsministerium im Verdachtsfall aktiv wird.<\/p>\n<h3>Dicker Rauch<\/h3>\n<p>Allerdings braucht es daf\u00fcr erst einmal einen Verdacht. \u00abWir wissen nicht, was derzeit auf den Landwirtschaftsbetrieben geschieht\u00bb, gibt Rafael de Ara\u00fajo Gomes zu. Der Staatsanwalt des Arbeitsministeriums von Araraquara hat den Ruf, unerbittlich gegen Unternehmen vorzugehen, die ihre Angestellten schlecht behandeln. Doch er sagt, die Ermittlungen seien zunehmend schwierig angesichts der Tendenz Brasiliens, seiner Arbeiterklasse den R\u00fccken zuzukehren. Auf rechtlicher Ebene geschieht dies durch die Reform des Arbeitsrechts, die die Besch\u00e4ftigung dereguliert und die Gewerkschaften schw\u00e4cht. Auf gerichtlicher Ebene durch den j\u00fcngsten Beschluss des Obersten Gerichtshofs, der den Einsatz von Arbeitsvermittlern durch die Unternehmen f\u00fcr rechtens erkl\u00e4rt. Und schliesslich auf politischer Ebene durch die Unterordnung des Arbeitsministeriums unter das Wirtschaftsministerium. Statt auf der Inspektion liege der Fokus heute immer mehr auf dem Eintreiben von Steuern, sagt der Staatsanwalt.<\/p>\n<p>Einige Gewerkschafter, die Public Eye und Rep\u00f3rter Brasil getroffen haben, sagten sogar, dass manche Arbeitsinspektoren und -inspektorinnen schlicht keine Autos oder nicht gen\u00fcgend Benzin h\u00e4tten, um vor Ort zu gelangen. Rafael de Ara\u00fajo Gomes erinnert an den in der j\u00fcngsten Zeit erfolgten Abbau des Umweltschutzes:<\/p>\n<p>\u00abAlle haben den durch die Abholzung im Amazonasgebiet verursachten Rauch gesehen. Leider sind die Verletzungen der Arbeitnehmerrechte weniger sichtbar als ein Waldbrand.\u00bb Rafael de Araujo Gomes, Staatsanwalt des Arbeitsministeriums<\/p>\n<p>Auf unserer Suche nach den Opfern dieser unsichtbaren Rechtsverletzungen trafen wir in einer kleinen Unterkunft von Pfl\u00fcckern eines Drittproduzenten Arthur* und Daniel*. Beide versicherten uns, dass ihr Arbeitgeber an LDC verkaufe und sie seit einer Woche schwarz arbeiteten \u2013 zu einem voll von der Produktivit\u00e4t abh\u00e4ngigen Lohn. Daniel* sagte, er habe keinen einzigen Arbeitstag vers\u00e4umt und trage t\u00e4glich 120 Kisten. Manche Pfl\u00fccker verdienten weniger als 1000 Reais (180 Franken). \u00abWer nichts einsammelt, verdient auch nichts\u00bb, meinte er, die Zigarette zwischen den Lippen.<\/p>\n<p>\u00abDie Arbeit ist sehr hart, aber man muss halt trainieren wie ein Boxer\u00bb, meinte Arthur*, der mit seinen 19 Jahren noch das L\u00e4cheln eines Kindes hat \u2013 und, wie um an die H\u00e4rte des Lebens zu erinnern, Spuren eines Blutergusses im Augenwinkel. Er sagte, er wolle arbeiten, um sich Medikamente leisten zu k\u00f6nnen \u00abf\u00fcr den Fall, dass ich krank werde\u00bb und \u00abum dort ein bisschen mehr zu haben\u00bb.<\/p>\n<p>\u00abDort\u00bb liegt im Nordosten Brasiliens. Arthur und seine acht Mitbewohner, die zusammen drei Zimmer mit abgenutzten Matratzen und zwei Ventilatoren bewohnen, stammen alle aus Salvador oder Aracaju. Von den Einheimischen S\u00e3o Paulos werden sie als \u00abMigranten\u00bb bezeichnet. Sie wurden von sogenannten Gatos angeworben, Vermittlern der Agrarindustrie, und Tausende Kilometer von ihrem Heimatort entfernt abgeliefert, um \u00abin den besten Monaten\u00bb 1200 Reais zu verdienen. Oft weniger. Ihre w\u00f6chentlichen Lohnabrechnungen schwanken zwischen 260 und 360 Reais \u2013 also maximal 65 Franken.<\/p>\n<p>Doch die tiefen L\u00f6hne brauchen die multinationalen Konzerne nicht gross zu k\u00fcmmern. Mit 53 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist der gebeutelte Nordosten des Landes eine unversiegbare Quelle von Arbeitskr\u00e4ften. \u00abEs wird immer Leute geben, die bereit sind, zu kommen. Die Gatos machen ihnen Versprechungen, die sie nie einhalten\u00bb, sagt Aparecido Donizeti, Vorsitzender der Gewerkschaft von Agudos (im Bundesstaat S\u00e3o Paulo).<\/p>\n<p>Staatsanwalt Rafael de Ara\u00fajo Gomes sieht darin auch ein organisiertes System \u2013 mit dem Ziel, sich die Justiz vom Leib zu halten.<\/p>\n<p>\u00abDie Multis haben ein grosses Interesse daran, Gatos zu engagieren oder Drittunternehmen zu gr\u00fcnden. Je mehr Zwischenstufen es zwischen ihnen und den Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fcckern gibt, desto schwieriger wird es f\u00fcr die Justiz, eine Verantwortung der Konzerne nachzuweisen.\u00bb Rafael de Ara\u00fajo Gomes, Staatsanwalt<\/p>\n<p>LDC versichert, keine Gatos mehr einzusetzen. \u00abDie Pfl\u00fccker aus dem Nordosten werden von LDC-Mitarbeitenden vor Ort angeheuert und registriert\u00bb, so ein Vertreter des Unternehmens. LDC gibt ebenfalls an, den Lohn der Arbeiter mit Lebensmitteln und Essensgutscheinen aufzustocken. Eine \u00abWohlt\u00e4tigkeit\u00bb, die gewisse Zweifel an der effektiven Kaufkraft der Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fccker des Multis aufkommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die kaum gewerkschaftlich organisierten Arbeiter aus dem Nordosten, die zudem, wie wir festgestellt haben, h\u00e4ufig kaum oder gar nicht lesen und schreiben k\u00f6nnen, befinden sich fern ihrer Heimat in einer absoluten Abh\u00e4ngigkeit von ihrem Arbeitgeber \u2013 er ist es auch, der den Transport organisiert, damit sie nach der Safra wieder nach Hause kommen.<\/p>\n<h3>Ein letztes Powerpoint f\u00fcr unterwegs<\/h3>\n<p>LDC empf\u00e4ngt uns schliesslich doch noch auf einer Plantage, um uns ein Powerpoint und sechs Pfl\u00fccker in leuchtend blauer Ausr\u00fcstung zu pr\u00e4sentieren. Das Unternehmen r\u00e4umt dabei auch ein, wie machtlos es in Bezug auf die Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern ist. \u00abWir verlangen von Dritten, dass sie unserer guten Praxis folgen\u00bb, meint ein Vertreter. \u00abAber die Firma kontrolliert nicht vor Ort, denn wir sind nicht die Polizei.\u00bb In der schriftlichen Antwort vom LDC-Hauptsitz t\u00f6nt es anders: \u00abUnsere Teams vor Ort \u00fcberwachen die T\u00e4tigkeiten der Lieferanten durch regelm\u00e4ssige Besuche.\u00bb<\/p>\n<p>Zur \u00abguten Praxis\u00bb geh\u00f6rt offenbar auch, dass die Pfl\u00fcckerinnen und Pfl\u00fccker f\u00fcr ihre Unterbringung bezahlen m\u00fcssen. LDC hatte erst von einem \u00absymbolischen\u00bb Betrag gesprochen, der von den Angestellten daf\u00fcr entrichtet w\u00fcrde, und sp\u00e4ter behauptet, es handle sich um eine Reinigungsgeb\u00fchr. Auf den eingesehenen Lohnabrechnungen erscheint jedoch die Kategorie \u00abUnterkunft\u00bb mit monatlich 75 Reais bei LDC und 100 Reais bei einem der Zulieferer. Multipliziert man diesen Betrag mit der Anzahl Bewohner, scheint die Gesamtmiete f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse im Bundesstaat S\u00e3o Paulo nicht besonders g\u00fcnstig.<\/p>\n<p>In der Baracke der LDC-Pfl\u00fccker sch\u00e4lt Carlos derweil weiterhin unbeirrt Orangen. Er habe noch keinen einzigen Arbeitstag vers\u00e4umt, trotz Arthritis und einer kaputten Zahnprothese, erz\u00e4hlt er. \u00abIch arbeite mit Gottes Hilfe\u00bb, sagt er und beisst dabei seinen Kiefer zusammen. Im Gegensatz zu den \u00fcbrigen LDC-Mitarbeitenden haben die Orangenpfl\u00fcckerinnen und -pfl\u00fccker keinen Zugang zu den Gesundheitsleistungen des Konzerns. Und bei LDC scheint sich niemand um die langfristigen Folgen der Safra auf die Gesundheit der Saisonniers zu scheren.<\/p>\n<p>Seinen letzten Arztbesuch hat Carlos auch deshalb verpasst, weil die Entsch\u00e4digung von 38 Reais, die er gegen Vorweisen eines Arztzeugnisses erhalten h\u00e4tte, unter dem Betrag liegt, den er an einem Tag verdienen kann. W\u00fcrde er sich heute entscheiden, in das Spital von Bebedouro zu gehen, k\u00e4me er eventuell in den Genuss eines Glases Orangensaft. Ende April spendete LDC dem Spital 4000 Liter davon. Der Zeitpunkt der Pandemie kam gelegen. Mitte M\u00e4rz schickte LDC die Arbeitenden aus dem Nordosten zur\u00fcck in ihre Heimat. Nun rekrutiert der Multi f\u00fcr die n\u00e4chste Safra mit Unterst\u00fctzung eines medizinischen Teams. 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