{"id":1139058,"date":"2020-06-20T10:44:13","date_gmt":"2020-06-20T09:44:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1139058"},"modified":"2020-06-20T10:44:13","modified_gmt":"2020-06-20T09:44:13","slug":"transatlantische-konflikte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/06\/transatlantische-konflikte\/","title":{"rendered":"Transatlantische Konflikte"},"content":{"rendered":"<p class=\"news-item-subtitle\"><strong>Konflikte um US-Truppen in Deutschland und um Nord Stream 2: Bundeswehrprofessor pl\u00e4diert f\u00fcr \u00dcberpr\u00fcfung der transatlantischen Beziehungen.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Professor der Universit\u00e4t der Bundeswehr in Hamburg pl\u00e4diert f\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung der Beziehungen zwischen Deutschland und den USA. Mit Blick auf die zunehmenden Streitigkeiten zwischen Washington und Berlin urteilt Michael Staack, &#8222;deutsche und amerikanische Interessen&#8220; gingen heute &#8222;in allen wichtigen Fragen auseinander&#8220;. H\u00e4tten bestehende Interessengegens\u00e4tze bis vor wenigen Jahren &#8222;in einem breiteren Spektrum von Gemeinsamkeiten unter Kontrolle gehalten werden&#8220; k\u00f6nnen, so sei dies immer weniger der Fall. Anlass f\u00fcr die \u00c4u\u00dferung des Bundeswehr-Politikwissenschaftlers sind die Pl\u00e4ne der Trump-Administration, Truppen aus Deutschland abzuziehen. Hinzu kommen US-Sanktionsdrohungen zu der Pipeline Nord Stream 2, die wom\u00f6glich sogar staatliche Stellen in der Bundesrepublik treffen k\u00f6nnten, sowie weitere Differenzen, darunter der Konflikt um den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH). Staack r\u00e4t, Berlin solle &#8222;die Planungsst\u00e4be auffordern&#8220;, eine &#8222;eigenst\u00e4ndige&#8220; Antwort vorzubereiten. Sie k\u00f6nne &#8222;Kosten&#8220; haben: &#8222;einen dauerhaften Konflikt mit den USA&#8220;.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Der eigentliche Skandal<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Anlass f\u00fcr die \u00c4u\u00dferungen von Professor Michael Staack sind die k\u00fcrzlich bekannt gewordenen Pl\u00e4ne der Trump-Administration, die Zahl der in Deutschland stationierten US-Truppen um 9.500 Soldaten zu reduzieren. Der US-Pr\u00e4sident hat die Absicht am Montag best\u00e4tigt; allerdings gibt es weiterhin heftigen Widerstand in Washington, wo viele der Auffassung sind, die Milit\u00e4rpr\u00e4senz in der Bundesrepublik liege nicht zuletzt im besonderen US-Interesse (german-foreign-policy.com berichtete [1]). Unabh\u00e4ngig von der Frage, ob der Teilabzug realisiert wird, protestieren nun auch stark transatlantisch orientierte Berliner Politiker gegen die sich etablierende US-Praxis, wichtige Entscheidungen nicht mehr abzustimmen, sondern selbst Mitglieder der eigenen B\u00fcndnisse vor vollendete Tatsachen zu stellen. &#8222;So geht man nicht mit Partnern um&#8220;, lie\u00df sich etwa Johann Wadephul, stellvertretender Vorsitzender der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, zitieren.[2] Staack urteilt gleichfalls, &#8222;der eigentliche Skandal&#8220; sei &#8222;nicht die weitere Reduzierung von Truppen&#8220;, sondern &#8222;dass Trump die Bundesregierung lange \u00fcberhaupt nicht offiziell \u00fcber das unterrichtet&#8220; habe, &#8222;was er bereits auf den Weg gebracht hat&#8220;.[3] Die &#8222;alte Schutzfunktion&#8220; sieht der Politologe ohnehin &#8222;so nicht mehr gegeben&#8220;: Es sei &#8222;\u00e4u\u00dferst zweifelhaft, dass Russland die Nato angreifen will&#8220;.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Zunehmende Differenzen<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Die Debatte um die Reduzierung der in Deutschland stationierten US-Truppen ist dabei nur ein Konfliktpunkt aus einer wachsenden Reihe transatlantischer Differenzen. Weiterhin ungel\u00f6st ist der Streit um den gewaltigen deutschen \u00dcberschuss im Handel mit den Vereinigten Staaten, der sich im vergangenen Jahr immer noch auf mehr als 47 Milliarden Euro belief. Ebenso unver\u00e4ndert ist die heftige US-Kritik daran, dass die Bundesrepublik immer noch weit von Milit\u00e4rausgaben im Wert von zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung entfernt ist. Erst zu Monatsbeginn hat Trump zum wiederholten Male gedroht, Strafz\u00f6lle auf den Import von Autos aus der EU zu erheben; dieses Mal verlangt er, die Union m\u00fcsse ihre Z\u00f6lle auf die Einfuhr von Hummer aus den Vereinigten Staaten abschaffen &#8211; mutma\u00dflich ein Wahlkampfgeschenk an US-amerikanische Fischer.[4] Weiterhin bestehen grundlegende Differenzen in der Iran- sowie partiell in der Nahostpolitik und prinzipieller Dissens bez\u00fcglich internationaler Organisationen: Berlin hat Interesse an einer Schlichtung von Handelskonflikten durch die WTO und &#8211; bedarfsweise &#8211; an einem R\u00fcckgriff auf den Internationalen Strafgerichtshof; beide werden hingegen von der Trump-Administration sabotiert.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Streit um Nord Stream 2<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">In den vergangenen Tagen hat sich zudem der Streit um die Erdgaspipeline Nord Stream 2 erneut zugespitzt. Die Gasleitung sichert der Bundesrepublik nicht nur kosteng\u00fcnstiges Gas; sie tr\u00e4gt auch dazu bei, den Zugriff der BASF-Tochterfirma Wintershall Dea auf Russlands riesige Erdgasquellen zu sichern, und positioniert Deutschland h\u00f6chst vorteilhaft als Erdgasdrehscheibe zur Verteilung russischen Erdgases in Westeuropa.[5] Washington versucht seit Jahren, den Bau der Pipeline zu verhindern &#8211; zum einen, um seinem Rivalen Moskau eine bedeutende Einnahmequelle zu nehmen, zum anderen, um seinen Konkurrenten Berlin an einer engeren deutsch-russischen Zusammenarbeit zu hindern. Aktuell ist im US-Kongress ein Gesetz in Arbeit, das die Fertigstellung der letzten 160 Kilometer von Nord Stream 2 (Gesamtl\u00e4nge: 1.230 Kilometer) unm\u00f6glich machen soll. Dazu droht Washington nicht nur allen Unternehmen mit Sanktionen, die in irgendeiner Weise die Verlegung der letzten Rohre durch konkrete Zuarbeit oder Finanzierung unterst\u00fctzen, sondern &#8211; laut aktuellem Stand &#8211; auch staatlichen Stellen in Deutschland, die wie auch immer involviert sind, und sei es auch nur mit der Zertifizierung der Leitung. Sollten sich US-Sanktionen tats\u00e4chlich gegen deutsche Beh\u00f6rden oder sogar gegen die Bundesregierung richten, w\u00e4re dies &#8222;ein Novum&#8220;, hei\u00dft es in einem Papier des Bundeswirtschaftsministeriums.[6] In Berlin wird partei\u00fcbergreifend emp\u00f6rter Protest laut.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>&#8222;Nicht mit europ\u00e4ischen Interessen vereinbar&#8220;<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">In recht grunds\u00e4tzlicher Weise hat sich nun Michael Staack zu den transatlantischen Differenzen ge\u00e4u\u00dfert. Staack, Professor f\u00fcr Internationale Politik an der Bundeswehr-Universit\u00e4t in Hamburg sowie Pr\u00e4sident des Wissenschaftlichen Forums f\u00fcr Internationale Sicherheit an der Bundeswehr-F\u00fchrungsakademie, urteilt, &#8222;der springende Punkt&#8220; in den derzeitigen transatlantischen Konflikten sei, dass nicht mehr &#8211; wie noch w\u00e4hrend der Pr\u00e4sidentschaften von George W. Bush und Barack Obama &#8211; deutsch-US-amerikanische &#8222;Interessengegens\u00e4tze in einem breiteren Spektrum von Gemeinsamkeiten unter Kontrolle gehalten werden&#8220; k\u00f6nnten, sondern dass &#8222;heute deutsche und amerikanische Interessen in allen wichtigen Fragen auseinandergehen&#8220;. Damit sei &#8222;eine neue Situation entstanden&#8220;.[7] So m\u00fcsse man beispielsweise realisieren, dass die US-Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte in der Bundesrepublik eine &#8222;Drehscheibe &#8230; f\u00fcr Eins\u00e4tze in Nahost und in Afrika sowie f\u00fcr Kommunikation, man k\u00f6nnte auch sagen: Spionage&#8220; seien &#8211; Letzteres &#8222;auch in Deutschland&#8220;. Das sei &#8222;insofern problematisch, als dass einiges, was die USA bei uns in Deutschland tun&#8220;, &#8222;nicht vereinbar&#8220; sei zum einen &#8222;mit internationalem Recht&#8220;, zum anderen &#8222;mit den europ\u00e4ischen sicherheitspolitischen Interessen&#8220;.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>&#8222;Beschwichtigen reicht nicht aus&#8220;<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Nun sei &#8222;die Regierung Trump&#8220; im Gegensatz zu s\u00e4mtlichen fr\u00fcheren US-Regierungen &#8222;bereit, Mittel&#8220; gegen die Bundesrepublik &#8222;einzusetzen, die man normalerweise gegen Gegner und nicht gegen Verb\u00fcndete einsetzt&#8220;, konstatiert Staack. Bislang betreibe die Bundesregierung gegen\u00fcber Washington &#8222;partielle Opposition und, im Wesentlichen, Beschwichtigungspolitik&#8220;. Doch die Interessengegens\u00e4tze seien &#8222;inzwischen so gro\u00df&#8220;, dass es &#8222;kaum m\u00f6glich&#8220; sei, &#8222;diese Politik noch weiterzuf\u00fchren, sollte Trump wiedergew\u00e4hlt werden&#8220;. Derzeit gebe es &#8222;eine gro\u00dfe Z\u00f6gerlichkeit, eine klare Position gegen\u00fcber den USA zu formulieren&#8220;: &#8222;Man hat immer Angst vor Vergeltung.&#8220; Demgegen\u00fcber gelte es nun, &#8222;f\u00fcr Klarheit in Bezug auf die Absichten der USA&#8220; zu sorgen; man m\u00fcsse &#8222;die Planungsst\u00e4be auffordern, sich f\u00fcr den Fall vorzubereiten, dass die Trump&#8217;sche Politik am 3. November best\u00e4tigt wird&#8220;: &#8222;Dann reicht es n\u00e4mlich nicht mehr aus, abzuwarten und zu beschwichtigen.&#8220;[8] Staack l\u00e4sst unerw\u00e4hnt, dass die Au\u00dfenpolitik der Trump-Administration auf den zentralen Feldern auf einem breiten \u00fcberparteilichen Konsens beruht; das gilt vor allem f\u00fcr Ma\u00dfnahmen wie diejenigen gegen Nord Stream 2, die deutschen Interessen zuwiderlaufen. Demnach w\u00fcrde sie wohl auch von einer demokratischen US-Regierung fortgesetzt.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>&#8222;Dauerhafter Konflikt mit den USA&#8220;<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Staack weist abschlie\u00dfend darauf hin, die von ihm bef\u00fcrwortete &#8222;Konzentration&#8220; auf eine &#8222;eigenst\u00e4ndige[&#8230;] europ\u00e4ische[&#8230;] Sicherheitspolitik&#8220; habe &#8222;nat\u00fcrlich Kosten&#8220; &#8211; &#8222;und zwar nicht nur finanzielle, sondern vor allem politische&#8220;: &#8222;n\u00e4mlich einen dauerhaften Konflikt mit den USA&#8220;.[9]<\/p>\n<p class=\"western\">[1] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8300\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Truppenreduzierungsdebatte<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\">[2] Unionsfraktionsvize kritisiert geplanten Teilabzug von US-Truppen. handelsblatt.com 16.06.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[3] Susanne Iden: Politologe Staack: &#8222;Man hat bei Trump immer Angst vor Vergeltung&#8220;. rnd.de 14.06.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[4] Trump droht erneut mit Z\u00f6llen auf EU-Autos. handelsblatt.com 06.06.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[5] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8149\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Erdgasdrehscheibe Deutschland<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\">[6] Emp\u00f6rung \u00fcber Sanktionsdrohung Amerikas wegen Nord Stream 2. Frankfurter Allgemeine Zeitung 13.06.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[7], [8], [9] Susanne Iden: Politologe Staack: &#8222;Man hat bei Trump immer Angst vor Vergeltung&#8220;. rnd.de 14.06.2020.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konflikte um US-Truppen in Deutschland und um Nord Stream 2: Bundeswehrprofessor pl\u00e4diert f\u00fcr \u00dcberpr\u00fcfung der transatlantischen Beziehungen. Ein Professor der Universit\u00e4t der Bundeswehr in Hamburg pl\u00e4diert f\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung der Beziehungen zwischen Deutschland und den USA. 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