{"id":1137562,"date":"2020-06-17T14:17:34","date_gmt":"2020-06-17T13:17:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1137562"},"modified":"2020-06-17T14:17:34","modified_gmt":"2020-06-17T13:17:34","slug":"china-bleibt-partner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/06\/china-bleibt-partner\/","title":{"rendered":"China bleibt Partner"},"content":{"rendered":"<div class=\"row\">\n<div class=\"col-sm-12 news-item-header\">\n<p><strong>Die deutsche Wirtschaft dringt auf den Ausbau ihres Chinagesch\u00e4fts und warnt vor einseitiger Konflikteskalation.<\/strong><\/p>\n<p>BERLIN\/BEIJING(Eigener Bericht) &#8211; Begleitet von Warnungen der deutschen Industrie bem\u00fcht sich die Bundesregierung trotz des eskalierenden Konflikts mit China um die weitere Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen mit dem Land. Deutschland habe ein Interesse an &#8222;stabilen bilateralen Austauschbeziehungen&#8220;, hie\u00df es gestern nach einer Videokonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem chinesischen Ministerpr\u00e4sidenten Li Keqiang. Kurz zuvor hatte der Pr\u00e4sident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Dieter Kempf, ge\u00e4u\u00dfert: &#8222;China mag ein systemischer Rivale sein &#8211; es bleibt ein wichtiger Partner f\u00fcr die EU und f\u00fcr Deutschland.&#8220; Ursache ist das unverminderte Interesse deutscher Unternehmen nicht nur am riesigen chinesischen Absatzmarkt, sondern auch daran, in der Volksrepublik produzieren zu k\u00f6nnen: Das Wirtschaftsumfeld dort gilt als au\u00dferordentlich forschungs- und innovationsfreundlich &#8211; bei weiterhin vergleichsweise niedrigem Lohnniveau. Der EU-Au\u00dfenbeauftragte Josep Borrell erkl\u00e4rt, man k\u00f6nne &#8222;keine multilaterale Welt schaffen, ohne dass China daran teilnimmt&#8220;.<\/p>\n<h4>Im Kampf gegen die Krise<\/h4>\n<p>Chinas aktuelle Bedeutung f\u00fcr die deutsche Industrie im Kampf gegen die Coronakrise l\u00e4sst sich der am Dienstag ver\u00f6ffentlichten deutschen Au\u00dfenhandelsstatistik f\u00fcr April entnehmen. Im April brachen die deutschen Exporte insgesamt gegen\u00fcber dem Vorjahresmonat um 31,3 Prozent auf einen Wert von 75,7 Milliarden Euro ein; einen solchen Kollaps hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegenben. Die Ausfuhren in andere EU-L\u00e4nder st\u00fcrzten um 34,8 Prozent ab, die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten um 35,8 Prozent, diejenigen nach Italien um 40,1 und diejenigen nach Frankreich sogar um 48,3 Prozent. Die Exporte nach China hingegen gingen nur um 12,6 Prozent zur\u00fcck; niedrigere Einbr\u00fcche verzeichneten sonst lediglich die Ausfuhren in die T\u00fcrkei und in einige wenige, meist sehr kleine L\u00e4nder, die wirtschaftlich f\u00fcr die deutsche Industrie nicht ins Gewicht fallen.<a name=\"_ftnref1\"><\/a><a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> In der Volksrepublik lief die Wirtschaft schon im Mai zwar noch nicht g\u00e4nzlich rund, aber doch deutlich besser als in Westeuropa sowie in den Vereinigten Staaten; manche deutschen Konzerne, so zum Beispiel Adidas und Kfz-Produzenten, konnten schon im Mai wieder ein Umsatzwachstum in China erzielen. Der chinesische Markt schaffe vor allem f\u00fcr deutsche Fahrzeughersteller Chancen, urteilt der Autoexperte Ferdinand Dudenh\u00f6ffer: Sie seien dort deutlich besser aufgestellt als &#8222;die europ\u00e4ischen Mitbewerber&#8220;, w\u00e4hrend die US-Konkurrenz &#8222;im politischen Chaos&#8220; versinke und in diesem Jahr vermutlich &#8222;auf keinen gr\u00fcnen Zweig mehr&#8220; komme. <a name=\"_ftnref2\"><\/a><a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<h4>Im Kampf um den Zukunftsmarkt<\/h4>\n<p>Neben der kurzfristigen besitzt China ungeachtet aller globalen politischen Machtk\u00e4mpfe auch langfristig hohe Bedeutung f\u00fcr die deutsche Industrie. Dies best\u00e4tigt eine aktuelle Umfrage, die die EU-Handelskammer in China am Mittwoch vorstellte. Demnach investieren deutsche Unternehmen in der Volksrepublik nicht nur, weil diese einen riesigen Absatzmarkt darstellt: Von den rund 1,4 Milliarden Chinesen werden inzwischen &#8211; nach unterschiedlichen Sch\u00e4tzungen &#8211; 400 bis 700 Millionen den Mittelschichten zugerechnet; Beijings erfolgreicher Kampf gegen die Armut bringt aus Sicht westlicher Unternehmen zahlenstarke kaufkr\u00e4ftige Mittelschichten hervor. Zum Vergleich: Die EU-L\u00e4nder z\u00e4hlen aktuell zusammengenommen rund 450 Millionen Einwohner, die Vereinigten Staaten knapp 330 Millionen. Hinzu kommt der Umfrage zufolge vor allem, dass China mittlerweile aus Sicht europ\u00e4ischer Unternehmen ein zunehmend forschungs- und innovationsfreundliches Wirtschaftsumfeld aufweist. 38 Prozent der befragten Firmen urteilten, das Land habe diesbez\u00fcglich bereits das globale Durchschnittsniveau erreicht; 40 Prozent stuften es gar oberhalb des globalen Durchschnitts ein. Weit \u00fcberwiegend positiv bewertet wurden au\u00dferdem der Zugang ausl\u00e4ndischer Unternehmen zu Forschungs- und Entwicklungszusch\u00fcssen, die Produktivit\u00e4t chinesischer Forschungsteams sowie die Verf\u00fcgbarkeit hochqualifizierten Arbeitspersonals &#8211; dies bei im Weltma\u00dfstab weiterhin niedrigem Lohnniveau. <a name=\"_ftnref3\"><\/a><a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<h4>Optimistische Prognosen<\/h4>\n<p>Dabei hat sich das Gesch\u00e4ftsklima in der Volksrepublik schon im vergangenen Jahr aus der Sicht europ\u00e4ischer Unternehmen kontinuierlich verbessert. Dies belegen die Detailergebnisse der Umfrage, die im Februar erhoben wurde; die Coronakrise spiegelt sich in ihnen noch kaum wider. Demnach gaben sich nur 17 Prozent der befragten Unternehmer bez\u00fcglich des Wachstums ihrer Firma in China pessimistisch, 48 Prozent hingegen optimistisch; nur 17 Prozent klagten \u00fcber Umsatzeinbu\u00dfen. 41 Prozent waren mit Beijings j\u00fcngsten Schritten zur Markt\u00f6ffnung zufrieden, mehr denn je seit 2015. Die Zahl der Unternehmen, die sich im Vergleich zu chinesischen Firmen benachteiligt f\u00fchlten, lag &#8211; nach 57 Prozent im Jahr 2016 &#8211; nur noch bei 40 Prozent; hinzu kamen zehn Prozent, die ausl\u00e4ndische Unternehmen sogar im Vorteil sahen. 23 Prozent fanden, sie seien einheimischen Firmen schon jetzt faktisch gleichgestellt; 12 Prozent meinten, dies werde in sp\u00e4testens zwei Jahren erreicht sein, w\u00e4hrend 22 Prozent vermuteten, dies k\u00f6nne noch bis zu f\u00fcnf Jahre dauern. Nur elf teilten mit, sie z\u00f6gen eine Verlagerung ihrer Investitionen aus der Volksrepublik in andere L\u00e4nder in Betracht &#8211; der niedrigste Wert seit 2016. Eine Zusatzumfrage, erhoben nach der Eskalation der Coronakrise, zeigte, dass zwar 41 Prozent sich veranlasst sahen, ihre Investitionspl\u00e4ne zu \u00fcberdenken; allerdings ging es lediglich vier Prozent um einen etwaigen Wegzug aus China. Als gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr das Gesch\u00e4ft wurde au\u00dfer der Coronakrise der US-Wirtschaftskrieg gegen die Volksrepublik eingestuft. <a name=\"_ftnref4\"><\/a><a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\n<h4>Gleichstellung angestrebt<\/h4>\n<p>Um die Bedingungen f\u00fcr Unternehmen aus der EU weiter zu verbessern und nach M\u00f6glichkeit vollst\u00e4ndige Gleichstellung mit einheimischen Firmen zu erreichen, strebt Br\u00fcssel den Abschluss eines neuen Investitionsabkommens mit Beijing an. Urspr\u00fcnglich war geplant, das Abkommen auf einem EU-China-Gipfel zu unterzeichnen, der f\u00fcr den 12. September in Leipzig vorgesehen war. Der Gipfel ist nun allerdings verschoben worden &#8211; offiziell wegen der Covid-19-Pandemie, doch hei\u00dft es, eine Rolle gespielt habe auch, dass das Abkommen noch l\u00e4ngst nicht unterschriftsreif sei. Am Dienstag hat der EU-Au\u00dfenbeauftragte Josep Borrell den Druck zu erh\u00f6hen versucht und Beijing nicht nur unzureichenden Willen zur Einigung vorgeworfen, sondern auch einen Versto\u00df gegen Absprachen aus dem vergangenen Jahr. <a name=\"_ftnref5\"><\/a><a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> Zudem hat die EU-Handelskammer in China den Au\u00dfenbeauftragten zu unterst\u00fctzen versucht, indem sie die erw\u00e4hnte Umfrage dahingehend interpretierte, die Ungewissheit f\u00fcr Firmen aus der EU in China sei so gro\u00df &#8222;wie seit Generationen nicht mehr&#8220;: Sie &#8222;tappen im Dunkeln&#8220;, klagte die Vizepr\u00e4sidentin der Handelskammer, Charlotte Roule.\u00a0<a name=\"_ftnref6\"><\/a><a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Ihre taktische R\u00fcckendeckung f\u00fcr Borrell deckt sich freilich nicht wirklich mit den tats\u00e4chlichen Resultaten der Umfrage.<\/p>\n<h4>&#8222;Keine multilaterale Welt ohne China&#8220;<\/h4>\n<p>In einer Videokonferenz mit Chinas Ministerpr\u00e4sident Li Keqiang hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am gestrigen Donnerstag gleichfalls \u00fcber das geplante Investitionsabkommen verhandelt. Dabei habe sie, teilte das Bundespresseamt anschlie\u00dfend mit, Deutschlands Interesse nicht nur &#8222;an regelbasiertem und freiem multilateralem Handel&#8220; unterstrichen, sondern auch &#8222;an stabilen bilateralen Austauschbeziehungen&#8220; <a name=\"_ftnref7\"><\/a><a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>: eine Absage nicht nur an den wirtschaftspolitischen Kurs der Vereinigten Staaten, sondern auch an \u00dcberlegungen, die US-Sanktionspolitik gegen\u00fcber China in der EU zu \u00fcbernehmen, wie sie k\u00fcrzlich der Europaabgeordnete Reinhard B\u00fctikofer (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen) ge\u00e4u\u00dfert hatte (german-foreign-policy.com berichtete <a name=\"_ftnref8\"><\/a><a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a>). Freilich h\u00e4lt der Druck vor allem transatlantischer Kreise, die Chinas Aufstieg stoppen wollen und deshalb \u00f6konomische Zwangsma\u00dfnahmen gegen die Volksrepublik fordern &#8211; zumindest einen Boykott des High-Tech-Konzerns Huawei -, an. Der Versuch, beides zu verbinden &#8211; den Einsatz f\u00fcr Interessen vor allem deutscher Unternehmen in China und den Kampf gegen den Aufstieg der Volksrepublik -, f\u00fchrt f\u00fcr die EU dabei zu immer gr\u00f6\u00dferen Schwierigkeiten. So hie\u00df es am Dienstag, ein Treffen zwischen Borell und dem chinesischen Au\u00dfenminister Wang Yi sei &#8222;sehr offen und freim\u00fctig&#8220; gewesen; dies ist die diplomatische Formulierung f\u00fcr schwere Differenzen.<a name=\"_ftnref9\"><\/a><a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> Zugleich sah sich Borrell aber zu einer Relativierung gezwungen. Befragt, was es bedeute, dass die EU die Volksrepublik als &#8222;strategischen Rivalen&#8220; einstufe, erkl\u00e4rte der EU-Au\u00dfenbeauftragte, Br\u00fcssel glaube nicht, &#8222;dass China den Weltfrieden bedroht&#8220;; vielmehr gelte: &#8222;Man kann keine multilaterale Welt schaffen, ohne dass China daran teilnimmt.&#8220;<\/p>\n<p><a name=\"_ftn1\"><\/a><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Exporte im April 2020: -31,1 % zum April 2019. destatis.de 09.06.2020.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn2\"><\/a><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> hilip Kaleta: F\u00fcr die deutsche Autobranche wird das Gesch\u00e4ft in China nun zum entscheidenden Faktor, sagt Autoexperte Dudenh\u00f6ffer. businessinsider.de 03.06.2020.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn3\"><\/a><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a>, <a name=\"_ftn4\"><\/a><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> European Chamber: Business Confidence Survey 2020. Navigating in the Dark. Beijing, June 2020.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn5\"><\/a><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a>\u00a0EU wirft China Bruch von Absprachen vor. handelsblatt.com 09.06.2020.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn6\"><\/a><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a>\u00a0Europ\u00e4ische Firmen in China &#8222;tappen im Dunkeln&#8220;. dw.com 10.06.2020.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn7\"><\/a><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Videokonferenz von Bundeskanzlerin Merkel mit dem chinesischen Ministerpr\u00e4sidenten Li Keqiang. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 11.06.2020.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn8\"><\/a><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8302\/\">Der gr\u00fcne Kalte Krieg<\/a>.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn9\"><\/a><a href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Thomas Gutschker: Dialog unter Rivalen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.06.2020.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsche Wirtschaft dringt auf den Ausbau ihres Chinagesch\u00e4fts und warnt vor einseitiger Konflikteskalation. 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