{"id":1129877,"date":"2020-06-08T21:25:59","date_gmt":"2020-06-08T20:25:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1129877"},"modified":"2020-06-11T12:11:17","modified_gmt":"2020-06-11T11:11:17","slug":"warum-wir-ueber-trianon-nicht-schreiben-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/06\/warum-wir-ueber-trianon-nicht-schreiben-sollten\/","title":{"rendered":"Warum wir \u00fcber Trianon nicht schreiben sollten"},"content":{"rendered":"<p><em>Erschienen in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%89let_%C3%A9s_Irodalom\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00c9let \u00e9s Irodalom<\/a> &#8211; LXIV. Jahrgang, 22. Ausgabe, 29. Mai 2020<\/em><\/p>\n<p><em>Autor: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%A1sp%C3%A1r_Mikl%C3%B3s_Tam%C3%A1s\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">G. M. Tam\u00e1s<\/a><\/em><\/p>\n<p>K\u00fcrzlich erhielt ich mehrere h\u00f6chst ehrenhafte Anfragen, ob ich nicht einen Beitrag zur Ver\u00f6ffentlichung in unterschiedlichen \u2013 darunter zwei besonders ma\u00dfgeblichen &#8211; Anthologien \u00fcber den 100-j\u00e4hrigen Jahrestag des Friedensvertrages von Trianon schreiben wolle. Nat\u00fcrlich habe ich die Herausgeber gefragt, welche anderen Autoren um Beitr\u00e4ge gebeten worden seien und alle Herausgeber antworteten, dass es sich durchweg um ungarische Autoren handele.<\/p>\n<p>Dies finde ich nicht sinnvoll. Neben der ungarischen Nation betrifft die Entscheidung in <em>Trianon<\/em> unmittelbar mindestens acht weitere Nationen.<\/p>\n<p>Mit Ausnahme von ein oder zwei Dutzend Fachleuten wissen die ungarischen Intellektuellen kaum etwas \u00fcber die fr\u00fcheren und gegenw\u00e4rtigen Bestrebungen dieser betroffenen Nationen, ganz zu schweigen von der sogenannten breiten \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p><em>Benedek Jancs\u00f3\u2018<\/em>s Buch \u201e<em>Die Geschichte und der aktuelle Stand der nationalen Bestrebungen Rum\u00e4niens (I &#8211; II)\u201c <\/em>wurde 1896\/1899 ver\u00f6ffentlicht. Die beste ungarisch-sprachige Zusammenfassung zu diesem Thema liefert bis heute die Abhandlung von <em>Zolt\u00e1n I. T\u00f3th<\/em> \u00fcber das \u201e<em>Erste Jahrhundert des rum\u00e4nischen Nationalismus in Siebenb\u00fcrgen\u201c<\/em> (1697\u20131792) \u2013 erschienen 1946 &#8211; und die im Jahre 1959 posthum erschienene Fortsetzung (1790\u20131848).<\/p>\n<p>Allerdings liest diese B\u00fccher kein Mensch.<\/p>\n<p>Die ungarischen Intellektuellen pflegen nicht ernsthaft zu hinterfragen, warum die Rum\u00e4nen sich zun\u00e4chst von Siebenb\u00fcrgen und sp\u00e4ter, als Siebenb\u00fcrgen mit Ungarn vereinigt wurde (1848\/49 und 1867\u20131918), von Ungarn abspalten wollten. Warum wollten sich die rum\u00e4nischen Bauern massenhaft der kaiserlichen Armee \u00d6sterreichs, den Milit\u00e4rverwaltungen, dem Grenzschutz, den Bergbaukommandaturen &#8211; also gewisserma\u00dfen \u00d6sterreich &#8211; anschlie\u00dfen und so vor der Vorherrschaft des ungarischen Adels in Siebenb\u00fcrgen fliehen und warum ist eine blutige Revolte der rum\u00e4nischen Bauern in Siebenb\u00fcrgen ausgebrochen, als sie daran gehindert wurden?<\/p>\n<p>Die Werke des verstorbenen Akademikers <em>David Prodan<\/em> \u00fcber die <em>Horia-Rebellion<\/em> (Band 2, 1979), seine fr\u00fcheren Arbeiten \u00fcber den <em>Supplex Libellus Valachorum<\/em> (1948) und \u00fcber die \u201e<em>Geschichte der siebenb\u00fcrgischen Leibeigenschaft\u201c <\/em>(erschienen 1967, Fortsetzung: 1989) geben ernstzunehmende und komplexe Antworten auf diese Fragen. Doch nat\u00fcrlich werden sie von den Intellektuellen Ungarns nicht gelesen, weil sie in Rum\u00e4nisch verfasst worden sind. Die Schriften <em>Prodans<\/em> liefern auch eine Erkl\u00e4rung, warum und wie die Habsburger seit der Regentschaft von Joseph II. mit der unter schwierigen Bedingungen lebenden rum\u00e4nischen Bauernschaft in Siebenb\u00fcrgen sympathisierten, warum die F\u00fchrer der siebenb\u00fcrgischen Rum\u00e4nen sowohl 1848\/49, als auch nach dem Ausgleich Wien vertrauten und wie diese Verbindung den \u00f6sterreichisch-ungarischen Konflikt versch\u00e4rfte. (Anmerkung des \u00dcbersetzers: unter dem \u00f6sterreichisch-ungarischen Ausgleich versteht man die verfassungsrechtlichen Vereinbarungen, durch die 1867 das Kaisertum \u00d6sterreich in die Doppelmonarchie \u00d6sterreich-Ungarn umgewandelt wurde.)<\/p>\n<p>Was waren die Ziele der rum\u00e4nischen Nationalpartei? Wer war <em>Iuliu Maniu<\/em> (Gyula Maniu aus Badacsony), wer war <em>Gheorghe Pop de B\u0103se\u0219ti<\/em> (Gy\u00f6rgy Pap aus Ilfefvi), wer war <em>Ion Ra\u0163iu<\/em>? Und<em> Alexandru Vaida-Voevod<\/em>? Wie und inwieweit wurde durch sie das Schicksal des historischen Ungarns bestimmt? Und wer war <em>Svetozar Mileti\u0107<\/em>?<\/p>\n<p>Was wurde in dem <em>siebenb\u00fcrgischen Memorandum <\/em>gefordert?<\/p>\n<p>All dies sollten die ungarischen Leser wissen.<\/p>\n<p>Sie sollten verstehen, warum gerade <em>Aurel C. Popovici<\/em>, ein f\u00fchrender rum\u00e4nischer Intellektueller aus dem Banat, einer der Anf\u00fchrer der rum\u00e4nischen Nationalpartei und zugleich der Vertraute des Erzherzogs und Thronfolgers <em>Franz Ferdinand<\/em> derjenige war, der das hochbrisante Werk \u201e<em>Die Vereinigten Staaten von Gro\u00df-\u00d6sterreich\u201c<\/em> (1906) verfasste, das als Manifest des zentralisierten, vereinten Gro\u00df-\u00d6sterreichs galt. Die ungarischen Leser m\u00fcssen verstehen, warum bei den gr\u00f6\u00dften rum\u00e4nisch-st\u00e4mmigen Schriftstellern Siebenb\u00fcrgens &#8211; <em>Ioan Slavici, Liviu Rebreanu, Octavian Goga<\/em> &#8211; Antisemitismus eine Form ihrer feindseligen Haltung gegen\u00fcber den Ungarn war. Warum war das Hauptmotiv der miteinander verbundenen rum\u00e4nischen und ungarischen nationalen Charakterologie die b\u00e4uerliche Kultur, das <em>F\u00fcr und Wider des Nomadismus<\/em>? (Vgl. <em>Lucian Blaga: Spa\u0163iul mioritic<\/em>\/1936, aber auch die zur selben Zeit verfassten, sehr \u00e4hnlichen metaphorischen Werke von <em>Lajos Proh\u00e1szka, S\u00e1ndor Kar\u00e1csony und G\u00e1bor L\u00fck\u0151<\/em>.)<\/p>\n<p>Um all das zu wissen muss man nicht unbedingt rum\u00e4nisch sprechen k\u00f6nnen. Dutzende B\u00fccher des gr\u00f6\u00dften rum\u00e4nischen \u2013 konservativen, nationalistischen und weltber\u00fchmten &#8211; Historikers <em>Nicolae Iorga<\/em>, der u.a. auch Premierminister war und von Anh\u00e4ngern der <em>Eisernen Garde<\/em> get\u00f6tet wurde, k\u00f6nnen in allen Weltsprachen gelesen werden. Er ist ein typischer Vertreter und Verfechter der rum\u00e4nisch-nationalen Bestrebungen. Er war ein einflussreicher europ\u00e4ischer Schreiber und Gelehrter seiner Zeit (1871-1940). Es bedarf keiner gr\u00f6\u00dferen Anstrengung, um seine Denkweise kennenzulernen. So verfasste er sein bedeutendstes und heute noch gelesenes Werk \u2013 \u201e<em>Die Ideengeschichte des Byzantinischen Reiches\u201c<\/em> &#8211; auf Franz\u00f6sisch (daneben schrieb er nat\u00fcrlich zahlreiche Abhandlungen \u00fcber die Geschichte der Rum\u00e4nen, erg\u00e4nzt mit einer unendlichen F\u00fclle von Dokumenten. Und dies in mehreren Sprachen.).<\/p>\n<p>Wie kann man den Ersten Weltkrieg, den Zerfall der Monarchie, den Triumph neuer Nationen ohne Kenntnis und Besch\u00e4ftigung mit den Schriften von <em>Iorga <\/em>oder<em> Masaryk<\/em> begreifen? Wir Ungarn hatten nie einen nationalen Denker mit einem vergleichbaren, europ\u00e4ischen Einfluss und Prestige<em>; &#8211; Gyula Szekf\u0171<\/em> oder <em>L\u00e1szl\u00f3 N\u00e9meth<\/em> kennen nur wir Ungarn.<\/p>\n<p>Die tschechische Regierung hat vor 1938 dreizehn B\u00e4nde von <em>Masaryk<\/em>s Werken in ungarischer Sprache ver\u00f6ffentlichen lassen (auch nach 1989 erschienen zwei B\u00fccher auf Ungarisch). Sein Buch \u201e<em>Die Weltrevolution\u201c<\/em>, das den Sieg der jungen Nationen \u00fcber die alten supranationalen Reiche beschreibt, wurde in alle m\u00f6glichen Sprachen \u00fcbersetzt (sogar zweimal auf Ungarisch). Seine Abhandlung \u201e<em>Studien \u00fcber die geistigen Str\u00f6mungen in Russland\u201c<\/em> ist ein Klassiker. Zu seinen Lebzeiten (1850-1937) war <em>Masaryk<\/em> ein gro\u00dfer Denker und ber\u00fchmt, er stand in einer Reihe mit <em>Woodrow Wilson, Lenin und Gandhi<\/em>.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nicht behaupten, dass die Bestrebungen der slawischen Nationen, ihre Ansichten \u00fcber ihren Platz in der Weltgeschichte und \u00fcber ihre Mission verborgen geblieben w\u00e4ren. <em>Masaryk<\/em> galt in jener Zeit weltweit als geistiges Schwergewicht, seine Gedanken beeinflussten das gesamte \u00f6ffentliche Leben Europas.<\/p>\n<p>Ich habe nicht wirklich bemerkt, dass ihn jemand in den vergangenen Jahrzehnten hier in Ungarn ernst genommen h\u00e4tte. Dabei waren er &#8211; und <em>Iorga<\/em> &#8211; &#8222;<em>die gro\u00dfen Gegner<\/em>&#8222;, aber sie waren f\u00fcr uns eben nur ein Schatten. Ganz zu schweigen von <em>Havl\u00ed\u010dek<\/em> oder <em>\u0160afa\u0159\u00edk<\/em>, von denen fast niemand etwas geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Wer war <em>Nikola Pa\u0161i\u0107<\/em>, die gr\u00f6\u00dfte Pers\u00f6nlichkeit der Balkanpolitik? Und wer war <em>Stjepan Radi\u0107<\/em>, der seine Karriere mit dem Verbrennen der ungarischen Flagge auf dem Jela\u010di\u0107-Platz in Zagreb (wir nennen es immer noch \u201eJellasics\u201c) begann und der von einem Monarchie-treuen serbischen Attent\u00e4ter erschossen wurde?<\/p>\n<p>Warum? Was haben wir mit den illyrischen Sprachforschungen von <em>Lyudevit Gaj<\/em> zu tun? Und was hat Illyrismus mit <em>Napoleon <\/em>und mit <em>Herder <\/em>zu tun? Sind diese Gedanken die Vorl\u00e4ufer eines \u201aJugoslawismus\u2018? Verstehen wir die Erneuerung und Kultivierung der serbokroatischen Sprache? Ist es \u00e4hnlich wie bei uns? Warum war Novi Sad \u201edas serbische Athen\u201c?<\/p>\n<p>Warum gab es keinen \u00f6sterreichischen Irredentismus? (dar\u00fcber habe ich in der Zeitschrift <em>M\u00e9rce<\/em> in vier kurzen Studien zum Thema \u00f6sterreichischer Marxismus geschrieben.)<\/p>\n<p>Wieso taucht das unterdr\u00fcckte westslawische (slowenische) Urelement in der Seele des (\u00f6sterreichischsten aller) \u00f6sterreichischen Schriftstellers <em>Peter Handke<\/em> auf und wie f\u00fchrt dies zur sp\u00e4ten Pastiche des Jugoslawismus? (was von denjenigen, die den wild gewordenen <em>Handke<\/em> anl\u00e4sslich der Nobelpreisvergabe beschimpften, so gr\u00fcndlich missverstanden wurde.)<\/p>\n<p>Wieso konnten der franz\u00f6sische Radikalismus und die Freimaurerei das Gef\u00fchl haben, dass mit dem Frieden von <em>Versailles<\/em> ihr Werk von 1848 vollendet wurde, vor allem durch die Wiederherstellung eines unabh\u00e4ngigen Polens? Die romantische Idee der polnischen Freiheit war \u00fcbrigens einer der gro\u00dfen, heldenhaften Tagtr\u00e4ume (<em>Ko\u015bciuszko<\/em>) und die verk\u00f6rperte Poesie (<em>Mickiewicz, S\u0142owacki, Krasi\u0144ski, Norwid<\/em>) des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Diese Idee inspirierte ma\u00dfgeblich den ungerechten Friedensvertrag von Versailles, der &#8211; neben den herrschenden Klassen Ungarns und Deutschlands &#8211; und (zumindest anf\u00e4nglich) auch von der kommunistischen Internationale (warum nur?) scharf kritisiert wurde.<\/p>\n<p>&#8222;<em>Der H\u00f6hepunkt jahrhundertelanger Freiheitsk\u00e4mpfe<\/em>&#8220; &#8230; Wie ist das m\u00f6glich? Warum war der knapp 20 Jahre sp\u00e4ter erfolgte Anschluss bereits 1848 eine Idee der \u00f6sterreichischen Sozialdemokratie und warum war \u00d6sterreich nicht betr\u00fcbt \u00fcber den Verlust seiner slawischen Teilgebiete und \u00fcber die erzwungene Abspaltung Ungarns?<\/p>\n<p>Das, was in Europa allein wir Trianon nennen (und was Deutschland l\u00e4ngst nicht mehr Versailles nennt), wurde im Rausch der nationalen Wiedergeburt, im Geiste der nationalen Selbstbestimmung und des nationalen Unabh\u00e4ngigkeitsstrebens geboren.<\/p>\n<p>Heute m\u00f6chte die offizielle ungarische Ethnizit\u00e4t mit der Idee der Unabh\u00e4ngigkeit in Verbindung gebracht werden.<\/p>\n<p>Doch Trianon ist eine Folge des Zerfalls des supranationalen Habsburgerreiches &#8211; eines Reiches, gegen\u00fcber dem der alte ungarische Nationalismus genauso f\u00fchlte, wie heute die national gesinnten Nachkommen gegen\u00fcber der Europ\u00e4ischen Union f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Im Sinne des V\u00f6lkerrechts hat Trianon Ungarn zu einem unabh\u00e4ngigen Nationalstaat gemacht. Ist das wahr? Hat sich jemals irgendjemand \u00fcber die tats\u00e4chliche ungarische Unabh\u00e4ngigkeit gefreut?<\/p>\n<p>H\u00e4tte ein integres, ein &#8222;historisches&#8220; \u00d6sterreich-Ungarn \u2013 ohne gemeinsamer Armee und einer Zollunion \u2013 entstehen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>H\u00e4tte das imperial gepr\u00e4gte, &#8222;historische&#8220; Ungarn auf ethnischer Grundlage weiter bestehen k\u00f6nnen?<br \/>\nBestehen als ein unabh\u00e4ngiger Staat, in welchem die Bev\u00f6lkerungsmehrheit nicht ungarisch ist? Denn das ist die ungarische Vorstellung von <em>Trianon<\/em>. Territoriale Integrit\u00e4t ohne \u00d6sterreich. Zweifellos haben <em>K\u00e1rolyi <\/em>und <em>J\u00e1szi <\/em>nichts anderes im Sinn gehabt. War dem tats\u00e4chlich so? Warum hat das im Ausland niemand verstanden? Haben wir jemals versucht, das Unverst\u00e4ndnis des Auslands dar\u00fcber zu verstehen? Haben wir versucht, die polnischen, tschechoslowakischen, jugoslawischen, gro\u00dfen rum\u00e4nischen, gro\u00dfen deutschen \u2013 f\u00f6deralen und zugleich nationalen \u2013 Vorstellungen zu verstehen? Warum diese Nationen das, was wir als Trianon titulieren, (ehrlich und enthusiastisch) als eine Weltrevolution, als Befreiung, als Erl\u00f6sung bezeichneten?<\/p>\n<p>Wie ist es m\u00f6glich, dass w\u00e4hrend uns die in einem Teil des alten Ungarn lebenden Slawen und Rum\u00e4nen schon seit dem 18. Jahrhundert auf ihre nationalen Missst\u00e4nde aufmerksam machen und ihre Tr\u00e4ume und Vorstellungen zu erkl\u00e4ren suchten, wir immer noch von einem abgekarteten Spiel der Gro\u00dfm\u00e4chte schwadronieren. Dies mag es zwar gegeben haben, doch es h\u00e4tte nicht funktioniert, wenn die mehr als f\u00fcnfzig Millionen Osteurop\u00e4er nicht hinter ihm gestanden h\u00e4tten. Warum lesen wir nicht?<\/p>\n<p>Warum glauben wir, dass wir unser Wissen um die Geschichte aus Romanen sch\u00f6pfen k\u00f6nnen? Es gibt \u00fcbrigens einen einzigen Roman <em>(Die Flaggen von Krle\u017ea<\/em>), in dem wir auf die ungarische F\u00fchrungselite von au\u00dfen sehen k\u00f6nnen. (Sechs ausgew\u00e4hlte Werke von<em> Krle\u017ea<\/em> sind 1965 auf Ungarisch erschienen \u2013 ihre Ver\u00f6ffentlichung wurde nicht verhindert, sie sind jedoch als Roman v\u00f6llig ungenie\u00dfbar).<\/p>\n<p>Was hat <em>Graf K\u00e1ren Khuen-H\u00e9derv\u00e1ry getan<\/em> der, bevor er Premierminister wurde, ab 1883 zwanzig Jahre lang in Kroatien als B\u00e1n (<em>kroatisch: <\/em><em>hrvatski ban, vgl. <\/em><em>Statthalter <\/em><em>Anmerkung des \u00dcbersetzers<\/em>) in Zagreb regierte? Wie erinnert man sich an ihn?<\/p>\n<p>Es ist nicht erkennbar, dass in der umfangreichen ungarisch-nationalen Literatur zum Themenkomplex <em>Trianon<\/em> &#8211; in der es fast nie um die Gr\u00fcnde und die Natur<em>,<\/em> sondern stets um die Folgen von <em>Trianon<\/em> geht sofern dies \u00fcberhaupt ohne Betrachtung der Vergangenheit m\u00f6glich ist \u2013 Spuren des komplizierten Erbes der Monarchie auch nur ansatzweise vorhanden w\u00e4ren. Die ungarisch-sprachige Literaturgeschichte \u00fcber \u00d6sterreich behandelt es als ein fremdes Land (<em>Kafka, Rilke, Canetti sind ausl\u00e4ndische Schriftsteller<\/em>), als ein Land, das uns in etwa so nahesteht wie beispielsweise Belgien. So habe ich k\u00fcrzlich einen Blog-Beitrag gesehen, in dem Karl Kraus aus dem englischen Original zitiert wurde.<\/p>\n<p>In den 1970\/80er Jahren hat man vergeblich versucht, <em>Freud<\/em> oder <em>Wittgenstein<\/em> nicht als Engl\u00e4nder zu sehen, sondern etwas an ihnen zu finden, was f\u00fcr uns historisch relevant sein k\u00f6nnte. (Hilfestellung bekamen wir dabei ironischerweise aus England, beginnend mit dem ber\u00fchmten Buch von <em>Allan Janik und Stephen Toulmin: \u201eWittgensteins Wien\u201c<\/em>, 1973 und endend mit einem gro\u00dfartigen Doppelportr\u00e4t von <em>Ernest Gellner: \u201eSprache und Einsamkeit: Wittgenstein, Malinowski und das Habsburger Dilemma\u201c<\/em>, posthum, 1998, im \u00dcbrigen eines der besten B\u00fccher \u00fcber die Entstehung des modernen Antimodernismus.)<\/p>\n<p>Nach fast f\u00fcnfhundert Jahren des Zusammenlebens mit dem deutschsprachigen \u00d6sterreich spricht heutzutage niemand mehr Deutsch und meine jungen Freunde sprechen von \u201e<em>Uolter Bendzemin\u201c (Walter Benjamin)<\/em>.<\/p>\n<p>Mehrere meiner jungen Freunde habe ich gefragt, wer auf \u00f6sterreichischer Seite an dem Ausgleich (vgl. weiter oben) mitgewirkt hat. Wer war der \u00f6sterreichische Ministerpr\u00e4sident zu Zeiten von <em>De\u00e1k<\/em> und <em>Andr\u00e1ssy<\/em>? Oder haben nur Ungarn an den Verhandlungen teilgenommen? Keine Antwort. (<em>Ferdinand von Beust<\/em> war \u00fcbrigens der damalige \u00f6sterreichische Ministerpr\u00e4sident. Besser bekannt ist sicherlich <em>Wenzel Lustkandl<\/em>, da er &#8211; wenn auch nicht der Held, so doch zumindest das Objekt eines Klassikers der ungarischen Dissertationsprosa (<em>Nachtrag zum ungarischen \u00f6ffentlichen Recht<\/em>, 1865) geworden ist, den viele gelesen haben, da es nicht nur ein literarisches Meisterwerk ist, sondern seine Kenntnis historisch unverzichtbar ist.)<\/p>\n<p>Aber wie k\u00f6nnen wir auch erwarten, dass die ungarischen Intellektuellen den mittel- und osteurop\u00e4ischen Kontext kennen, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, dass die einst so entscheidende Sammlung journalistischer Schriften von <em>Lor\u00e1nt E\u00f6tv\u00f6s<\/em> (<em>Reform und Patriotismus, I &#8211; III<\/em>) letztmalig 1978 ver\u00f6ffentlicht wurde und wohl niemand sie gelesen zu haben scheint? Die Neuausgabe der Werke von <em>Sz\u00e9chenyi, Kossuth<\/em> und<em> Kem\u00e9ny<\/em> &#8211; von den weniger bekannten (ebenfalls gigantischen) Autoren ganz zu schweigen &#8211; werde ich wohl nicht mehr erleben. Wie kann ich von den ungarischen Intellektuellen erwarten, dass sie <em>Redlich<\/em> und <em>von Srbik<\/em> kennen, wenn sie nicht einmal unsere eigenen gro\u00dfen historischen und ideologischen Quellen kennen.<\/p>\n<p>Wer hat sich jemals gefragt, was<em> Kem\u00e9ny <\/em>und<em> E\u00f6tv\u00f6s<\/em> \u00fcber Ungarns nationale Unabh\u00e4ngigkeit nach 1849 dachten? (sie haben diese \u00fcbrigens radikal und endg\u00fcltig abgelehnt; <em>Sz\u00e9chenyi <\/em>hat sogar sein gesamtes Lebenswerk verflucht und beteuert, dass es ohne ihn weder einen <em>Kossuth<\/em>, noch einen <em>Pet\u0151fi <\/em>gegeben h\u00e4tte und welch eine herausragende Rolle als f\u00fchrende aristokratische Nation der Monarchie die Ungarn dann h\u00e4tten einnehmen k\u00f6nnen.) Wer wei\u00df, dass f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung Siebenb\u00fcrgens der Unabh\u00e4ngigkeitskrieg nichts anderes als ein ungarisch-rum\u00e4nischer Krieg war?<\/p>\n<p>Und welche Schlussfolgerungen \u2013 unterschiedliche &#8211; haben Kossuth und die Generation des Ausgleichs mit daraus gezogen?<\/p>\n<p>In einem Punkt waren sie sich jedoch einig, dass n\u00e4mlich das historische Ungarn nur von einer Art f\u00f6deralen Struktur, entweder von einer liberalisierten Monarchie oder von einer Donauf\u00f6deration, aufrechterhalten werden kann: Die Option eines (unabh\u00e4ngigen, von nationalen Minderheiten befreiten, ethnischen) \u201ekleinen ungarischen\u201c Staates tauchte als ernsthafte \u00dcberlegung vor dem 20. Jahrhundert niemals auf.<\/p>\n<p>Hatten sie Recht? Letztendlich zerfielen ja alle supranationalen Strukturen: die monarchistischen Staatsgebilde nach dem I. Weltkrieg, die F\u00f6derationen zu Beginn des II. Weltkrieges und nach 1989. Sowohl die Monarchien als auch die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und Jugoslawien h\u00f6rten auf zu existieren; &#8211; die Utopie der alten Linken, ein B\u00fcndnis der Donauv\u00f6lker ist nicht entstanden &#8211; sogar die deutsche (Wieder-?) Vereinigung ist ein Misserfolg. Wogegen waren die weitsichtigen Vordenker blind?<\/p>\n<p>Warum waren die popul\u00e4ren Literaten nicht irredent? (Einschlie\u00dflich <em>Istv\u00e1n Bib\u00f3<\/em>. Und warum waren andererseits so viele Liberale irredentistisch? Siehe: Hatvany: <em>Das verwundete Land, 1921.<\/em> Und auch <em>M\u00e1rai<\/em>.)<\/p>\n<p>Warum hat <em>L\u00e1szl\u00f3 N\u00e9meth<\/em> die ungarisch-sprachige Elite Siebenb\u00fcrgers so gehasst?<\/p>\n<p>Warum wurden <em>Ferenc De\u00e1k<\/em> und <em>J\u00e1nos Arany<\/em> depressiv?<\/p>\n<p>Warum waren alle, angefangen beim radikal rechts denkenden <em>Erzherzog Franz Ferdinand<\/em> bis hin zu der damals noch revolution\u00e4ren Sozialdemokratie und der katholischen Kirche (einschlie\u00dflich der fast gesamten westlichen \u00f6ffentlichen Meinung und den F\u00fchrern der verschiedenen Nationalit\u00e4ten) der Auffassung, dass die Macht der ungarischen Aristokratie notfalls mit Waffengewalt gebrochen werden muss?<\/p>\n<p>Warum wussten die gro\u00dfen und wohlhabenden Magnaten nichts von alledem?<\/p>\n<p>All diese Fragen w\u00e4ren &#8211; sofern sich die ungarischen Intellektuellen kritisch oder auch entschuldigend mit der nationalen Geschichte befassten &#8211; Gegenstand von Diskussionen innerhalb der ungarischen Kultur.<\/p>\n<p>So jedoch bleibt ihnen als bescheidene, achselzuckende Reaktion \u201a<em>die franz\u00f6sische Intrige\u2018<\/em> und \u201a<em>der j\u00fcdische Verrat\u2018<\/em> oder ein \u201e<em>lass\u2018 mich doch in Ruhe mit diesen l\u00e4ngst \u00fcberholten chauvinistischen Eseleien<\/em>\u201c \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Und die wirklich vielversprechende Frage, warum die Polen, die S\u00fcdslawen, die Tschechoslowaken, die Rum\u00e4nen und die eine gesamtdeutsche, demokratische Republik planenden \u00d6sterreicher (mehr oder weniger erfolgreiche) nationale Projekte hatten und warum die Ungarn dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht zuwege brachten?<\/p>\n<p>Und in welchem Zusammenhang steht diese ihre Unf\u00e4higkeit mit der Trag\u00f6die von Trianon? Diese Frage kann ohne das Verst\u00e4ndnis der geschichtlichen Perspektiven, ohne die Kenntnis der Bestrebungen anderer Nationen schwerlich beantwortet werden.<\/p>\n<p>Doch mit Ausnahme weniger Fachleute besteht f\u00fcr derlei Fragestellungen nicht das geringste Interesse.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich haben <em>Szekf\u0171, J\u00e1szi, L\u00e1szl\u00f3 N\u00e9meth<\/em> den Versuch unternommen, \u00fcber die Bedeutung der Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg nachzudenken.<\/p>\n<p>Zwischen den beiden Weltkriegen \u2013 als der Irredentismus, die Revision der alten Grenzen und der Revanchismus die Grundlage der offiziellen Weltanschauung bildeten &#8211; wurden die ethnischen, wirtschaftlich-geografischen, politischen, anthropologischen und kulturellen Beziehungen des Donau-Raumes als strategisches Problem bei der Wiederherstellung des historischen Ungarns angesehen. Politisch arbeitete man an der Aufl\u00f6sung der Nachfolgestaaten, man wollte ihren Einfluss und ihre Einigkeit schw\u00e4chen (etwa durch die Unterst\u00fctzung des kroatisch\u2013antiserbischen Ustasa \u2013 Separatismus). Doch die gro\u00dfe Menge an gesammeltem Material dokumentiert, dass die Nationalit\u00e4ten aus dem ungarischen Staatgebilde (\u00e4hnlich den Polen, die aus dem deutschen, dem \u00f6sterreichischen und dem russischen Staat) austreten wollten. Gleichzeitig belegen die Daten die Unsicherheit der ungarischen F\u00fchrungselite &#8211; auch nach Trianon! &#8211; was man mit dem V\u00f6lkergemisch des Donauraumes zumindest intellektuell anfangen soll. (Die Arbeiten unter der F\u00fchrung von Graf P\u00e1l Teleki sind nicht schl\u00fcssig.)<\/p>\n<p>Die bedeutenden Vertreter der Ungarn in Siebenb\u00fcrgen &#8211; damals die protestantischen Ungarn \u2013 vertraten extreme, starre und verfestigte Positionen: W\u00e4hrend <em>S\u00e1ndor Makkai<\/em> das Dasein als Minderheit als einen Fluch bezeichnet, versteht <em>Dezs<\/em><em>\u0151 L\u00e1szl\u00f3<\/em> dies als Segen.<\/p>\n<p>Selbst damals hat man kaum versucht, die (nationale) \u201eWeltrevolution\u201c im Sinne von <em>Masaryk<\/em> zu verstehen und die Geschichte der Nachbarv\u00f6lker kennenzulernen. Noch weniger hat ein solcher Versuch seitdem stattgefunden, da bekannte (und im \u00dcbrigen gerechtfertigte) Diskurse \u00fcber die Kr\u00e4nkungen hier nichts zu suchen haben. In den nach 1989 erfolgten Betrachtungen und Reflexionen tauchen neue Elemente auf, etwa die teilweise Rehabilitation der Wiener Beschl\u00fcsse, die sich &#8211; vorsichtig formuliert \u2013 als Sackgasse herausgestellt haben. Dies erweist sich auch dann als problematisch, wenn man die Bedeutung der Wiener Beschl\u00fcsse f\u00fcr die Rolle Ungarns im II. Weltkrieg au\u00dfer Acht l\u00e4sst und lediglich die ethischen Aspekte ber\u00fccksichtigt, was aber letztendlich zu nichts f\u00fchrt. (sie f\u00fchren Gott sei Dank nicht einmal in den Abgrund.)<\/p>\n<p>Die heutige ungarische intellektuelle Schicht ist auf die Beurteilung des Trianon-Dilemmas einfach nicht vorbereitet &#8211; das allseits beliebte Gesellschaftsspiel der oberfl\u00e4chlichen Suche nach S\u00fcndenb\u00f6cken lasse ich hier unerw\u00e4hnt. Die Generationen haben die notwendige Interpretationsarbeit nicht geleistet und der Wert der intellektuellen Erfahrungen und historischen Einsichten aus der ehemaligen Monarchie ist denkbar gering (obwohl von der \u00d6ffentlichkeit kaum wahrnehmbar hinter den Kulissen durchaus eine geschichtswissenschaftliche Datensammlung und -organisation erfolgte).<\/p>\n<p>Fast ausnahmslos projiziert die zu diesem Thema entstandene Essayliteratur die sp\u00e4te ethnische Realit\u00e4t der Nachfolgestaaten auf die Vergangenheit, als ob es keine deutschsprachige \u00dcbertragung zwischen den Kulturen der Monarchie gegeben h\u00e4tte, als ob unsere St\u00e4dte nicht zwei- oder mehrsprachig gewesen w\u00e4ren, als ob unsere gemeinsame Sprache nicht der <em>Goethe<\/em>\u2019sche, <em>Herder\u2019<\/em>sche und <em>Humboldt\u2019<\/em>sche Humanismus gewesen w\u00e4re, als ob <em>Sz\u00e9chenyi, E\u00f6tv\u00f6s, Masaryk und Luk\u00e1cs<\/em> nicht auf Deutsch geschrieben h\u00e4tten, als ob <em>Krle\u017ea und Rebreanu<\/em> nicht Ungarisch wie ihre eigene Muttersprache gesprochen h\u00e4tten, als ob ungarische, slowenische und tschechische Familien des B\u00fcrgertums miteinander nicht in Deutsch korrespondiert und ihre Tageb\u00fccher nicht in Deutsch verfasst h\u00e4tten. Als ob die Monarchie nicht zusammengebrochen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die \u00e4u\u00dferst schmerzhafte und tragische Komplexit\u00e4t &#8211; denn letztendlich war eine der Ursachen der gesamteurop\u00e4ischen Trag\u00f6die des Zweiten Weltkriegs das entsetzliche Nachbeben der ungel\u00f6sten Dilemmata der Habsburgermonarchie, die sich bis heute verborgen unter einer \u201eeurop\u00e4ischen\u201c Maske fortsetzt \u2013 sie bleibt unerkannt, sie wirkt unbewusst, w\u00e4hrend das oberfl\u00e4chliche, grundlose Gerede weitergeht, dass die Rum\u00e4nen so, und dass die Ungarn so &#8211; und so weiter und so fort \u2026<\/p>\n<p>Man kann und darf so nicht \u00fcber die Probleme von Trianon schreiben.<\/p>\n<p>Die Situation ist endg\u00fcltig l\u00e4cherlich geworden, als sowohl das offizielle Ungarn als auch das offizielle Rum\u00e4nien den Trianon-Tag, den 4. Juni, zum gesetzlichen Feiertag ausgerufen haben: hier als einen Tag der Trauer, dort als einen Tag der Freude. Chauvinismus auf der Ebene von Pubertierenden. Und einmal eine allzu effektive Anstiftung. Ein fast schon blasphemisches Unverst\u00e4ndnis und Unwissenheit. Und in den Zeitungen die hundert Jahre alten, tausendmal widerlegten Ger\u00fcchte. Verstockte, versauerte Fl\u00fcche.<\/p>\n<p>Als ob es in Europa nur V\u00f6lker ohne Geschichte g\u00e4be. Blindheit, egoistische Wahnvorstellungen, sinnloser Zorn. Und in Ungarn der umfassende Hass auf das Ausland: Von dem rechtskonservativen Fl\u00fcgel: <em>der \u201aGender-liberale\u2018 Westen ist verr\u00fcckt geworden.<\/em> Von dem ungarischen \u201alinksliberalen\u2018 Fl\u00fcgel<em>: der Osten verharrt in R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, im Autoritarismus. \u00a0<\/em>Und mit derlei Klischees behaftet versuchen sie zu verstehen was es eigentlich bedeutet, dass die Heimat, die Kultur, der Staat, der muttersprachliche Status, das Legitimit\u00e4ts- und Loyalit\u00e4tsgebilde (nicht nur national, sondern weitgehend supranational monarchisch, klerikal und milit\u00e4risch), allein schon von den nach Anerkennung strebenden V\u00f6lkern ohne eigene Staatenstruktur (insbesondere die virtuellen Nationalstaaten der Tschechen und der Polen) im 1. Weltkrieg und durch die durch ihn ausgel\u00f6ste 3-fache Weltrevolution (national, demokratisch und kommunistisch) zerschlagen wurde: unverst\u00e4ndliche und unbekannte Faktoren, unverstandene und unpopul\u00e4re Akteure.<\/p>\n<p>Trianon tut weh, weil wir etwas verloren haben, das wir nicht kennen, das wir nicht m\u00f6gen und das wir nicht vermissen. Wenn f\u00fcr etwas vollkommen anderes als unser heutiges Leben mitsamt unseren Vorurteilen und gepaart mit einem vermeintlichen Hintergrundwissen kein Verst\u00e4ndnis und keine Zuneigung erw\u00e4chst, dann ist es besser, wenn wir gar nichts \u00fcber Trianon sagen. Dann gen\u00fcgt es, wenn wir uns eingestehen, dass wir weder w\u00fcrdig noch geeignet sind, dar\u00fcber auch nur zu plaudern.<\/p>\n<p>So ist das Paradoxon nicht ganz leicht nachvollziehbar, warum die 1918 f\u00fcr immer ihrer Macht beraubte Schicht der ungarischen Landadeligen so sehr auf die Monarchie und das darin verbliebene historische Ungarn bestand \u2013 eine Schicht, die den Dualismus niemals anerkannt hat, die Massenhysterien und politische Krisen ausl\u00f6ste, sobald auf ungarischem Hoheitsgebiet eine Milit\u00e4rkapelle \u201e<em>Gott erhalte<\/em>\u201c auch nur anstimmte (dies war \u00fcbrigens die von Haydn komponierte, kaiserliche Hymne), oder jemand die schwarz-gelbe Kaiserfahne zu hissen wagte.<\/p>\n<p>Und auch das ist nicht ganz trivial, dass die Nachkommen eben dieses Kleinadels (die &#8222;christlich gepr\u00e4gte herrschaftliche Mittelklasse\u201c, die katholische Kirche und das Offizierskorps) die Irredenten waren, die dem Staatenbund nachtrauerten, den sie dereinst hassten: letztendlich beweinten sie die milit\u00e4rische Macht, die die Gro\u00dfmonarchie und in ihr die subversiven Elemente (die Nationalit\u00e4ten, die nach Landteilung strebende Bauernschaft und die sozialistische Arbeiterklasse &#8211; und auch die nach Unabh\u00e4ngigkeit strebenden ungarischen Chauvinisten &#8211; also sich selbst) in Schach hielt.<\/p>\n<p>Auf die fr\u00fchere Selbstt\u00e4uschung wird nun die gegenw\u00e4rtige Selbstt\u00e4uschung gepackt.<\/p>\n<p>Die barmherzigen L\u00fcgen von einst &#8211; an die man sich sogar falsch erinnert \u2013 verfestigen sich zu unverr\u00fcckbare Tatsachen, und man verdammt &#8211; <em>damnatio memori\u00e6<\/em> &#8211; das Angedenken an die Ideen der Vergangenheit. Was man dereinst verschwieg, wird weiter verschwiegen. Die unter Amnesie Leidenden schwatzen von dem nationalen Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Lasst uns nicht \u00fcber Trianon reden, denn wir wissen nicht, wovon wir sprechen.<\/p>\n<p><strong><em>Der Artikel <\/em><\/strong><strong><em>wurde aus dem Ungarischen von Ferenc H\u00e9jjas, aus dem ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam erstellt.\u00a0<\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\"><strong><em>Wir suchen Freiwillige!\u00a0<\/em><\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen in \u00c9let \u00e9s Irodalom &#8211; LXIV. Jahrgang, 22. Ausgabe, 29. Mai 2020 Autor: G. M. 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