{"id":1108154,"date":"2020-05-16T14:28:46","date_gmt":"2020-05-16T13:28:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1108154"},"modified":"2020-06-01T12:39:25","modified_gmt":"2020-06-01T11:39:25","slug":"obdachlosigkeit-im-historischen-rueckblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/05\/obdachlosigkeit-im-historischen-rueckblick\/","title":{"rendered":"Obdachlosigkeit im historischen R\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Berlin, wie wir es heutzutage kennen, entstand seit den 1830ern. Zu diesem Zeitpunkt setzte hier die Industrialisierung ein.<\/strong><\/p>\n<article>Die Stadt entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einem Magneten f\u00fcr die verarmte Landbev\u00f6lkerung der umliegenden Regionen \u2013 Berlin wurde zu einer \u201eMalocherstadt\u201c.Um den alten Stadtkern legte sich ein G\u00fcrtel aus sogenannten Mietskasernen, der gr\u00f6sstenteils immer noch besteht. Heutzutage wohnt es sich angenehm in diesen zumeist vierst\u00f6ckigen Bauten. Damals aber waren die dortigen Lebensbedingungen von grossem Elend gekennzeichnet: Oft lebten mehrere Menschen in einem Zimmer, die Betten mussten sie sich in der Regel teilen. Krankheit, Alkoholismus, Gewalt und sexueller Missbrauch geh\u00f6rten zu den Begleiterscheinungen dieser Misere.Die in den Fabriken unter sehr harten Umst\u00e4nden t\u00e4tigen Arbeiter wurden oft von ihren Vermietern rigoros ausgebeutet und genossen kaum Schutz. Wenn sie ihren Arbeitsplatz verloren oder aus anderen Gr\u00fcnden die Miete nicht mehr zahlen konnten, landeten sie auf der Strasse. Hinzu gesellten sich Menschen, die nach Berlin gekommen waren, um dort zu arbeiten \u2013 und dann keine Besch\u00e4ftigung fanden. Diese Gefahr betraf vor allem niedrigqualifizierte oder gar ungelernte Arbeiter, die mit wenig Geld in die Stadt kamen und dort auch \u00fcber keine sozialen Kontakte verf\u00fcgten.Eine weitere obdachlosigkeitsgef\u00e4hrdete Gruppe waren Landarbeiter, die saisonal bedingt nach ihrem Einsatz auf den H\u00f6fen wieder in die Stadt str\u00f6mten. Ein System der staatlichen sozialen Absicherung existierte damals noch nicht. Und weil die Entstehung des st\u00e4dtischen Industrieproletariats auch zu einer Zersplitterung der traditionellen Grossfamilie gef\u00fchrt hatte, gab es zumeist keine \u2013 wie es in l\u00e4ndlichen Regionen oft noch der Fall war \u2013 in der N\u00e4he lebende Verwandtschaft, bei der man unterkommen konnte.In der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung wurden Obdachlose oft als Menschen betrachtet, die an ihrem Schicksal selbst Schuld waren: Man stellte sie als Faulenzer dar, die g\u00e4ngige Bezeichnung \u201ePennbr\u00fcder\u201c war symptomatisch f\u00fcr diese Sichtweise. So beschrieb sie zum Beispiel die \u201elllustrirte Zeitung\u201c 1886 als Personen, die \u201ejede Arbeit \u00e4ngstlich vermeiden und sich vom Himmel, vom Zufall und dem durch Bettel erregten Mitleid ern\u00e4hren lassen\u201c. Schlimmer war noch, dass man sie h\u00e4ufig als kriminell darstellte: Obdachlose waren Taschendiebe, R\u00e4uber, Trickbetr\u00fcger, Einbrecher \u2013 und sogar eine Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung.Zudem wurden sie oft als Bedrohung der \u00f6ffentlichen Gesundheit angesehen. Deswegen setzte der Staat prim\u00e4r auf Repression: Obdachlosigkeit beziehungsweise \u201eLandstreicherei\u201c war damals ein Straftatbestand und die Betroffenen landeten oft in sogenannten Arbeitsh\u00e4usern, in denen sie strenger Reglementierung unterworfen waren. Erste Ans\u00e4tze einer humanistisch ausgerichteten Obdachlosenf\u00fcrsorge entstanden in den 1860ern durch private Vereine.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Akteur war in diesem Zusammenhang der 1868 gegr\u00fcndete \u201eBerliner Asyl-Verein f\u00fcr Obdachlose\u201c, der mehrere Unterk\u00fcnfte f\u00fcr Obdachlose betrieb. Die Verantwortlichen, teilweise sehr wohlhabende Personen, handelten dabei m\u00f6glicherweise nicht nur aus humanistischen Beweggr\u00fcnden, sondern auch mit der Motivation, den sozialen Sprengstoff, den Obdachlosigkeit darstellte, zu entsch\u00e4rfen. Eine wichtige Rolle spielte bei der Betreuung Obdachloser auch die Kirche. Von grosser Bedeutung war dabei zum Beispiel der 1882 gegr\u00fcndete \u201eVerein Dienst an Arbeitslosen\u201c, dessen legend\u00e4re \u201eSchrippenkirche\u201c Ausgangspunkt eines mehrgliedrigen Betreuungsangebotes wurde. Der Journalist Constantin Liebich spielte bei der Arbeit dieses Vereines eine tragende Rolle.<\/p>\n<p>Seit den 1880ern entstanden als sozialpolitische Massnahme auch st\u00e4dtische Unterk\u00fcnfte. Eine traurige Ber\u00fchmtheit erlangte in diesem Zusammenhang die 1886 er\u00f6ffnete \u201ePalme\u201c, die bis zu 5600 Personen aufnehmen konnte und sich durch ein drakonisches Regime auszeichnete. Andere Namen, die im Kontext der Berliner Obdachlosigkeit immer wieder auftauchten, waren das \u201eWiesenburg\u201c-Asyl, das Arbeitshaus Rummelsburg und die W\u00e4rmehalle am Alexanderplatz. W\u00e4hrend die Beh\u00f6rden im Umgang mit Obdachlosen bei Familien noch eine gewisse R\u00fccksicht nahmen, traf es alleinstehende M\u00e4nner besonders hart: Sie konnten zwar in st\u00e4dtischen Obdachlosenasylen unterkommen, aber die Zust\u00e4nde dort zeichneten sich durch Bevormundung und G\u00e4ngelung aus.<\/p>\n<p>Die Betroffenen sahen sich oft der unbarmherzigen Willk\u00fcr des Personals ausgeliefert. Und nach kurzer Zeit \u2013 etwa ein bis zwei Wochen \u2013 mussten sie das Asyl verlassen, um nicht in Polizeigewahrsam beziehungsweise ein Arbeitshaus zu kommen. Letzten Endes ging es bei den staatlichen Massnahmen nur darum, Obdachlose praktisch zu kasernieren, sie einzuhegen. Aus diesem Grunde mussten Obdachlose, die nicht ihrer Freiheit beraubt werden wollten, unsichtbar bleiben, sich nachts verstecken und auf Baustellen, G\u00fcterbahnh\u00f6fen, in verlassenen H\u00e4usern oder \u201eim Geb\u00fcsch\u201c schlafen \u2013 wo sie bei grosser K\u00e4lte oder im Krankheitsfalle einen einsamen, elenden Tod riskierten.<\/p>\n<p>Als fr\u00fche Form der Selbstorganisation entstanden dann am Anfang der 1870er von vormaligen Obdachlosen bewohnte informelle Siedlungen, die aber alle von der Polizei abgerissen wurden. Eine gewisse Ber\u00fchmtheit erlangte dabei das \u201eBarackia\u201c-H\u00fcttendorf, das sich als eine Art Freistaat verstand und bis zum heutigen Tage einen Bezugspunkt f\u00fcr \u201eStadt von unten\u201c-Aktivisten und Hausbesetzer darstellt. Auch diese Siedlung wurde schliesslich abgerissen. Das harte Vorgehen der Obrigkeit in solchen F\u00e4llen konnte, ebenso wie bei Zwangsr\u00e4umungen, zu Zusammenst\u00f6ssen zwischen Polizei und aufgebrachter Bev\u00f6lkerung f\u00fchren \u2013 wie zum Beispiel bei den \u201eBlumenstrassenkrawallen\u201c nach einer Zwangsr\u00e4umung im Juli 1872.<\/p>\n<p>Eine wertvolle Quelle zur Situation der Berliner Obdachlosen ist der 1894 erschienene Band \u201eObdachlos\u201c des bereits erw\u00e4hnten Constantin Liebich, der die Problematik umfangreich darstellt. Zuerst beschreibt der Verfasser darin anhand mehrerer Fallbeispiele, wie Menschen obdachlos werden. Meistens ist Arbeitslosigkeit die Ursache. Sie kann verschiedene Gr\u00fcnde haben: Konflikte mit Vorgesetzten, Mobbing, wirtschaftliche Probleme des Betriebes, eine K\u00fcndigung aufgrund finanzieller Unregelm\u00e4ssigkeiten oder keine \u201e\u00dcbernahme\u201c nach dem Ende der Lehrlingszeit. Und ganz egal, ob man gek\u00fcndigt wird oder das Arbeitsverh\u00e4ltnis selbst beendet: Der Versuch, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, scheitert.<\/p>\n<p>Selbst in einer Stadt wie Berlin gestaltet sich die Suche ausserordentlich schwierig. Bestenfalls gibt es schlecht bezahlte Jobs als Aushilfe oder Tagel\u00f6hner. So erfolgt ein Absacken in soziales Elend, gekennzeichnet von Alkoholismus, Verwahrlosung, Abstumpfung, Verrohung \u2013 und der damit einhergehenden Stigmatisierung. Schliesslich leben die Obdachlosen in einer eigenen Welt, die sich durch permanentes \u201eDurchlawieren\u201c und Kleinkriminalit\u00e4t auszeichnet. Dabei k\u00f6nnen die Betroffenen sich noch nicht einmal auf die Solidarit\u00e4t ihrer Schicksalsgenossen verlassen: Oft gibt es Streitereien, Diebst\u00e4hle oder Verteilungsk\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass Berlin auch ein \u201eFluchtort\u201c f\u00fcr Menschen ist, die h\u00e4uslichen Konflikten entkommen wollen oder ihre Unterkunft verlassen mussten, vergr\u00f6ssert die Anzahl der Obdachlosen noch, denn auch diese Personen finden oft keine Arbeit. Liebich sch\u00e4tzt die Anzahl der Obdachlosen auf 6000 bis 10 000. Dieser Wert ist mit der heutigen gesch\u00e4tzten Zahl Berliner Obdachloser vergleichbar \u2013 wobei die Stadt damals aber nur etwa 1 600 000 Einwohner gegen\u00fcber der heutigen Anzahl von circa 3 600 000 hatte. Der Staat regiert auf Obdachlosigkeit mit einer Mischung aus Unterdr\u00fcckung und Hilfsangeboten.<\/p>\n<p>Dabei sind alle \u201eMassnahmen\u201c \u2013 wie auch die Angebote karitativer Organisationen \u2013 bis ins Detail b\u00fcrokratisch durchorganisiert und reguliert. Mitleid findet sich in dieser Welt nur selten, zumeist l\u00e4sst sich der Umgang mit Obdachlosen als streng und schroff bezeichnen, in der Regel k\u00f6nnen sie bestenfalls auf \u201epaternalistische Barmherzigkeit\u201c hoffen. W\u00e4hrend Liebich den Obdachlosen grunds\u00e4tzlich emphatisch gegen\u00fcbersteht, geht er zugleich davon aus, dass ein Teil von ihnen arbeitsunwillig und somit f\u00fcr die eigene Situation verantwortlich ist. Zur L\u00f6sung des Problems der Obdachlosigkeit schl\u00e4gt er ein grosses agrarwirtschaftliches Programm zur Urbarmachung \u00f6der beziehungsweise \u201eunrentabler\u201c Fl\u00e4chen vor.<\/p>\n<p>F\u00fcr dieses Vorhaben sollten Obdachlose eingesetzt werden, die damit ein Einkommen und eine Unterkunft h\u00e4tten. Die mit dem Programm verbundenen Kosten w\u00fcrden wesentlich geringer sein als die durch Obdachlosigkeit f\u00fcr die Gesellschaft entstehenden Lasten. Zudem k\u00f6nne es so auch zu einer Stimulierung der Wirtschaft kommen. Liebich pl\u00e4diert zugleich daf\u00fcr, arbeitsunwillige Obdachlose mit sch\u00e4rfsten Mitteln zu bek\u00e4mpfen. Wenngleich diese L\u00f6sungsans\u00e4tze uns heutzutage befremdlich erscheinen, so hatte der Verfasser doch zwei wesentliche Defizite der vorhandenen Hilfsangebote treffend benannt: Zum einen, dass sie nur die Symptome der Obdachlosigkeit bek\u00e4mpfen halfen \u2013 und zum anderen, dass eine \u00f6rtliche Verbesserung dieser Angebote eine Art Sogwirkung entfalten w\u00fcrde, ohne die Ursachen des Problems zu beseitigen.<\/p>\n<p>Zusammen mit der Arbeitslosigkeit stellte die Obdachlosigkeit im Berlin des 19. Jahrhunderts eine erste Form des \u201emodernen st\u00e4dtischen Massenelends\u201c dar. Und deswegen wurde sie nicht nur zum Kristallisationspunkt b\u00fcrgerlicher \u00c4ngste und damit einhergehender staatlicher Repression, sondern auch zum Objekt voyeuristischer Begierde: Wer wissen wollte, was es mit der Berliner \u201eUnterwelt\u201c auf sich hatte, musste einfach nur zum n\u00e4chsten Obdachlosenasyl gehen, um schnell und relativ gefahrlos entsprechende Einblicke zu bekommen. Auch f\u00fcr die neuen Massenmedien \u2013 wie die in hoher Auflage produzierten Tageszeitungen \u2013 stellte das Elend der Asyle ein ergiebiges Thema dar. In der Weimarer Republik sollte Obdachlosigkeit dann in Berlin weit verbreitet sein.<\/p>\n<p>Der erste \u201eSchub\u201c kam direkt nach dem Ersten Weltkrieg: Ein grosser Teil der heimgekehrten Soldaten hatte erhebliche Probleme damit, sich wieder in das \u201enormale\u201c Leben der Zivilbev\u00f6lkerung einzugliedern. Die Veteranen waren oft traumatisiert, der Gesellschaft entfremdet und h\u00e4ufig auch k\u00f6rperlich versehrt. Diejenigen, die es nicht mehr schafften, Arbeit zu finden und sich ein neues Leben aufzubauen, landeten oft auf der Strasse. Mitunter sollte die Heimkehr der Soldaten auch zu massiven innerfamili\u00e4ren Konflikten f\u00fchren: Die durch den Krieg verrohten V\u00e4ter waren f\u00fcr ihre Kinder oft nicht mehr ertr\u00e4glich \u2013 mit dem Ergebnis, dass es zahlreiche junge Ausreisser gab, die auf der Strasse endeten.<\/p>\n<p>Bei den so in Berlin herumstreunenden Jugendlichen handelte es sich nicht nur um \u201eEinheimische\u201c, sondern auch um aus der Provinz Gekommene, die in der Stadt untertauchen wollten und hofften, dort Arbeit zu finden. Zu den \u201eneuen Obdachlosen\u201c geh\u00f6rten aber auch mittellose Fl\u00fcchtlinge, die vor dem russischen B\u00fcrgerkrieg beziehungsweise den anderen Kriegen in Osteuropa gefl\u00fcchtet und in Berlin gelandet waren. Auch Deutsche aus den an Polen gegangenen Territorien kamen in die Stadt und fanden dort keine Unterkunft. Die ruin\u00f6se Inflation der Jahre 1923\/24 und die damit einhergehende Verarmung grosser Bev\u00f6lkerungsteile sollten f\u00fcr eine weitere Zunahme der Obdachlosigkeit sorgen.<\/p>\n<p>Die kurze wirtschaftliche Bl\u00fcte in der zweiten H\u00e4lfte der zwanziger Jahre schuf nur bedingt Abhilfe. Und mit der vom Absturz der amerikanischen B\u00f6rse verursachten Weltwirtschaftskrise betraf Obdachlosigkeit ab 1929 erneut unz\u00e4hlige Menschen. Der Staat war nicht in der Lage, die immense Not zu lindern. Einen plastischen Eindruck vom Elend der Obdachlosen am Anfang der dreissiger Jahre vermittelt Ernst Haffners Roman \u201eBlutsbr\u00fcder\u201c. Er schildert die Lebensumst\u00e4nde einer Clique obdachloser Jugendlicher, die sich jeden Tag irgendwie durchschlagen m\u00fcssen: Sie stehlen, verkaufen ihre K\u00f6rper, begehen Einbr\u00fcche oder verrichten Gelegenheitsarbeiten. Sie kommen aus kaputten Familien, sind aus Heimen gefl\u00fcchtet und m\u00fcssen sich permanent vor der Obrigkeit in Acht nehmen.<\/p>\n<p>Ihr Denken kreist permanent um die selben zwei Fragen: Wo kommt die n\u00e4chste Mahlzeit her und wo werden sie die n\u00e4chste Nacht verbringen? Erl\u00f6sung bieten nur Alkohol, Zigaretten und das gelegentliche Rendezvous mit einer Prostituierten. Mit der Machtergreifung der Nazis sollte sich 1933 die Situation f\u00fcr Obdachlose einschneidend ver\u00e4ndern: Das Kernst\u00fcck nationalsozialistischer \u201eObdachlosenpolitik\u201c war massivste Repression: Obdachlose wurden als minderwertige, asoziale und \u201earbeitsscheue\u201c Menschen angesehen. Die Nazis gingen im Rahmen ihrer pseudowissenschaftlichen Genetiklehre davon aus, dass Obdachlosigkeit keine sozialen Ursachen hatte, sondern das Ergebnis einer individuellen, vererbbaren Pathologie war \u2013 womit Obdachlose praktisch \u201ezum Abschuss freigegeben\u201c waren.<\/p>\n<p>Sie sollten auch insofern von der Strasse verschwinden, als dass das NS-Regime demonstrieren wollte, dass es f\u00fcr geordnete Verh\u00e4ltnisse gesorgt und die sozialen Probleme der Weimarer Republik gel\u00f6st hatte. Als Auftakt der Repression gab es im September 1933 gr\u00f6ssere \u201eBettlerrazzien\u201c. Im Rahmen der dann einsetzenden systematischen Verfolgung kamen Obdachlose in geschlossene Anstalten, Arbeitslager, Gef\u00e4ngnisse und Konzentrationslager. Mitunter wurden sie auch sterilisiert oder im Rahmen des \u201eEuthanasie\u201c-Programms ermordet. Bestenfalls konnten sie darauf hoffen, dass die Nazis sie als billige Arbeitskr\u00e4fte brauchten \u2013 wobei die oftmals k\u00f6rperlich bereits geschw\u00e4chten Obdachlosen die damit verbundenen Belastungen kaum \u00fcberstehen konnten.<\/p>\n<p>Es ging den Nazis also nie um sozialpolitische Massnahmen gegen Obdachlosigkeit, sondern um einen brutalen Krieg gegen Obdachlose. Die \u00dcberlebenden geh\u00f6rten \u00fcbrigens zu jenen NS-Opfergruppen, die keine Entsch\u00e4digung f\u00fcr die an ihnen begangenen Verbrechen erhielten. Ab 1943 zeigte sich verst\u00e4rkt eine neue Form der Obdachlosigkeit: Die alliierten Luftangriffe auf Berlin nahmen an Schlagkraft immer weiter zu. Es war der \u201eReichsluftverteidigung\u201c nicht mehr m\u00f6glich, die Bomberstr\u00f6me abzuwehren. Und so fielen zahlreiche Berliner Stadtviertel dem Luftkrieg zum Opfer. Als Reaktion auf diese Ereignisse wurde ein Teil der Bev\u00f6lkerung aufs Land verschickt. Aber sp\u00e4testens mit dem Eintreffen zahlreicher Fl\u00fcchtlinge aus den deutschen Ostgebieten und der folgenden Schlacht um Berlin mit den daraus resultierenden Zerst\u00f6rungen waren 1945 alle Bem\u00fchungen hinf\u00e4llig: In der Stadt gab es eine immense Wohnungsnot!<\/p>\n<p>Die Menschen lebten in \u00fcberf\u00fcllten H\u00e4usern, mussten eng zusammenr\u00fccken, schliefen in Kellern oder wo immer es irgendwie ging. Durch die Vertreibung der deutschen Bev\u00f6lkerung aus den osteurop\u00e4ischen Staaten kamen viele neue Menschen hinzu, die mit dem Wichtigsten versorgt und dann \u201eweitergeschleust\u201c werden mussten. \u00dcber mehrere Jahre hinweg war Obdachlosigkeit in Berlin ein Massenph\u00e4nomen. Im Rahmen des Wiederaufbaus der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre sollte Obdachlosigkeit dann zum grossen Teil verschwinden: Der Bau neuer Wohnungen und die Instandsetzung kriegsbesch\u00e4digter H\u00e4user geh\u00f6rten damals zu den vorrangigen gesellschaftlichen Aufgaben. Wenngleich die Wohnverh\u00e4ltnisse im Vergleich zu heutigen Standards sehr beengt waren, gelang es doch irgendwie, den meisten Menschen ein Dach \u00fcber dem Kopf zu verschaffen.<\/p>\n<p>Das galt besonders f\u00fcr eine Stadt wie Berlin, in der zwei verschiedene gesellschaftliche Systeme gegeneinander antraten und jeweils ihre \u201esozialpolitische Konkurrenzf\u00e4higkeit\u201c beweisen mussten: West-Berlin konnte den Wohnungsbau aufgrund der Unterst\u00fctzung durch die Bundesrepublik und die westlichen Besatzungsm\u00e4chte kraftvoll in Angriff nehmen. Der in den 1950ern auf den Weg gebrachte soziale Wohnungsbau sorgte zusammen mit der guten wirtschaftlichen Lage daf\u00fcr, dass Obdachlosigkeit weitgehend verschwand. Obdachlos waren nur noch ein paar \u201eTippelbr\u00fcder\u201c, oft Menschen, die nach dem Kriege nicht mehr richtig auf die Beine gekommen waren.<\/p>\n<p>Die DDR wiederum wollte zeigen, dass sie die alten sozialen Probleme der Vorkriegszeit gel\u00f6st hatte, somit geh\u00f6rte staatlicher Wohnungsbau zum Pflichtprogramm. Die Schattenseite dieser Politik war, dass Obdachlose das Ziel staatlicher Repression wurden: Sie waren in der durchreglementierten stalinistischen Gesellschaft nicht erw\u00fcnscht. Im Sozialismus hatte es keine Obdachlosen zu geben, der Paragraf 249 des DDR-Strafgesetzbuches kriminalisierte Obdachlosigkeit. Und auch im Westen Berlins konnte sie nach wie vor strafrechtlich geahndet werden.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall verschwand Obdachlosigkeit in den ersten Nachkriegsjahrzehnten weitgehend von der Strasse. Im Rahmen der \u201eRelikttheorie\u201c ging man damals davon aus, dass sie nur ein \u00dcberbleibsel des Zweiten Weltkrieges darstellte und bald endg\u00fcltig verschwinden w\u00fcrde. Ab Ende der 1960er zeigte sich jedoch im Westen Berlins, dass diese Sichtweise nicht der Realit\u00e4t entsprach: Es gab immer wieder \u201eNachr\u00fccker\u201c, die die Asyle, in denen Obdachlose damals untergebracht waren, aufs Neue bev\u00f6lkerten. Dabei handelte es sich zumeist um kinderreiche Familien aus sozial schwachen Verh\u00e4ltnissen. Mitunter waren sie auch Opfer der Stadtsanierung: Ihre alten, g\u00fcnstigen Wohnungen hatte man abgerissen. Die neuen \u201eSozialwohnungen\u201c, die sie dann beziehen mussten, waren zwar komfortabler \u2013 oft aber auch wesentlich teurer und somit nicht bezahlbar.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus tauchten in den sp\u00e4ten 1960ern zwei neue \u201eProblemgruppen\u201c auf: zum einen die so genannten \u201eTrebeg\u00e4nger\u201c. Das f\u00fcr jene Zeit charakteristische Aufbegehren junger Menschen gegen ihre Eltern f\u00fchrte oft zu grossen innerfamili\u00e4ren Konflikten. Viele Jugendliche rissen dann von Zuhause \u2013 oder aus dem Heim, in das man sie gesteckt hatte \u2013 aus. In diesem Kontext ist auch die Entstehung der Kommune im sp\u00e4teren Georg-von-Rauch-Haus zu verstehen: Hier kamen auf der Strasse lebende Jugendliche unter. Die Anzahl der Trebeg\u00e4nger in West-Berlin k\u00f6nnte insgesamt mehrere hundert Personen betragen haben. Zum anderen entstand mit dem Auftauchen der ersten Heroinabh\u00e4ngigen eine weitere neue Gruppe obdachlosigkeitsgef\u00e4hrdeter Menschen. Die Sucht f\u00fchrte dazu, dass die Betroffenen zuerst alles verkauften, was sich \u201everramschen\u201c liess. Dann folgten kleinere Diebst\u00e4hle oder das Betteln auf der Strasse.<\/p>\n<p>Am Ende standen Prostitution, Raub und Einbr\u00fcche. Der k\u00f6rperliche und psychische Zerfall f\u00fchrte oft dazu, dass die Abh\u00e4ngigen schliesslich auf der Strasse landeten. In der ersten H\u00e4lfte der folgenden siebziger Jahre sollten sich dann viele Dinge ver\u00e4ndern: Es gab zum Beispiel eine verst\u00e4rkte Wahrnehmung sozialer Probleme. Man sprach \u00fcber vorher tabuisierte Themen \u2013 und man handelte! Dieser Bewusstseinswandel war mit viel Engagement, neuen Aufbr\u00fcchen und grosser Experimentierfreudigkeit verbunden. So entstand damals zum Beispiel die moderne Sozialarbeit der Kirche.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der Situation Obdachloser gerieten zu jener Zeit vor allem die Zust\u00e4nde in den Asylen in den Fokus der Aufmerksamkeit. Aktivisten und Betroffene verwiesen auf die problematische Lage in diesen Heimen: Die Obdachlosen waren oft in heruntergekommenen, primitiven und peripher gelegenen Unterk\u00fcnften, mitunter auch \u201eBaracken-Gettos\u201c genannt, untergebracht. Teilweise gab es in diesen H\u00e4usern noch nicht einmal eine vollwertige Energieversorgung \u2013 sogenannte \u201eStrombegrenzer\u201c sorgten daf\u00fcr, dass ein Verbrauch nur bis zu einer Leistung von 250 Watt m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Diese menschenunw\u00fcrdigen Verh\u00e4ltnisse f\u00fchrten zu einer Abw\u00e4rtsspirale und verst\u00e4rkter sozialer Stigmatisierung. Man kam aus diesen Heimen oft nicht mehr heraus, die Menschen blieben teilweise f\u00fcnf oder zehn Jahre dort. Was die damaligen Ursachen von Obdachlosigkeit betraf, so hatten die meisten Betroffenen ihre Wohnung aufgrund von Mietschulden, Eigenbedarf des Vermieters, Konflikten mit Vermietern, Ehezerw\u00fcrfnissen oder Streitereien mit anderen Mietern verloren \u2013 oder durch die Vernachl\u00e4ssigung ihrer Wohnung. Und wenn man kinderreich war oder es vor Ort nicht gen\u00fcgend preiswerten Wohnraum gab, konnte die Gefahr der Obdachlosigkeit besonders gross sein.<\/p>\n<p>Ein Teil der Obdachlosen jener Zeit war auch der erw\u00e4hnten st\u00e4dtischen Sanierungspolitik zum Opfer gefallen. Zum damaligen Ausmass des Problems: Im Jahre 1970 wurden in Berlin 5706 in Asylen und Obdachlosenwohnungen untergebrachte Menschen gez\u00e4hlt. Jenseits des neuen gesellschaftlichen Bewusstseins f\u00fcr Probleme wie Obdachlosigkeit gab es damals auch auf der Ebene der politischen Institutionen einen Paradigmenwechsel.<\/p>\n<p>Das entsprechende neue Stichwort war Resozialisierung: Obdachlosenasyle sollten keine \u201ePrimitivunterk\u00fcnfte\u201c mehr sein, sondern angemessen eingerichtete Wohnst\u00e4tten mit ausdifferenzierten Hilfsangeboten zwecks einer \u201eWiedereingliederung in die Gemeinschaft\u201c. Und man bem\u00fchte sich, Obdachlose zu mehr Selbsthilfe zu organisieren sowie die Umgebung der Unterk\u00fcnfte bei der Resozialisierung mit einzubinden. Der sogenannte Obdachlosenplan des Berliner Abgeordnetenhauses von 1974 setzte diesen Reformkurs fort \u2013 bei der Lekt\u00fcre der entsprechenden Dokumente ist sofort sp\u00fcrbar, dass hier eine ernsthafte, von Empathie gepr\u00e4gte Auseinandersetzung mit der Situation Obdachloser stattfand. Ab Mitte der siebziger Jahre zeigte sich dann ein weiterer gravierender Umbruch: Mit der Entkriminalisierung der Obdachlosigkeit wurde die staatliche Repression zum grossen Teil beendet.<\/p>\n<p>Wenngleich diese Massnahme nat\u00fcrlich einen enormen sozialpolitischen Fortschritt darstellte, so bedeutete sie auch, dass die zuvor in den Asylen \u201ekasernierte\u201c Obdachlosigkeit nun praktisch auf die Strasse schwappte. Ein zentraler Anlaufpunkt f\u00fcr Obdachlose war dabei der Bahnhof Zoologischer Garten. Durch das 1978 erschienene Buch \u201eWir Kinder vom Bahnhof Zoo\u201c sollte dieser Ort in die Schlagzeilen geraten. Er war schon seit langer Zeit ein Treffpunkt gestrandeter Menschen gewesen. Nun aber potenzierte sich das dortige Elend durch Drogenabh\u00e4ngige und Obdachlose. Angesichts dieser Umst\u00e4nde entstand 1976 eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Situation am Bahnhof Zoo befasste. Als Ergebnis ihrer T\u00e4tigkeit nahm schliesslich im September 1978 ein aus sechs Sozialarbeiterinnen bestehendes Team dort seine Arbeit auf.<\/p>\n<p>Zur Unterst\u00fctzung wurde Anfang 1979 ein Mietcontainer in der benachbarten Jebensstrasse aufgestellt, der als feste Beratungsstelle diente. War die T\u00e4tigkeit der Sozialarbeiterinnen zun\u00e4chst auf den Bahnhof Zoo fokussiert, so sollten bald auch andere \u201eHotspots\u201c der Obdachlosigkeit ins Blickfeld geraten \u2013 wie zum Beispiel das Areal um die Ged\u00e4chtniskirche herum, die Fl\u00e4che vor dem Wertheim-Kaufhaus, der Savignyplatz, der Nollendorfplatz und der ehemalige G\u00f6rlitzer Bahnhof.<\/p>\n<p>Zu den damaligen Besonderheiten West-Berlins geh\u00f6rte \u00fcbrigens, dass es aufgrund seiner geopolitisch isolierten Lage den klassischen Typus des wandernden Landstreichers dort nicht gab, die Obdachlosen \u201eblieben vor Ort\u201c. Dar\u00fcber hinaus zeichnete sich ein Teil der Obdachlosen durch extreme k\u00f6rperliche Verwahrlosung aus \u2013 es gab damals noch kaum Hilfsangebote zur hygienischen Versorgung der Betroffenen. Die Einrichtung einer Beratungsstelle f\u00fcr Obdachlose in der Levetzowstrasse im Jahre 1980 \u2013 die sp\u00e4tere \u201eZentrale Beratungsstelle\u201c \u2013 sollte dann einen Meilenstein darstellen. Nun standen endlich vern\u00fcnftige R\u00e4ume f\u00fcr die Beratung von Obdachlosen zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Laut Sch\u00e4tzung der zu den oben erw\u00e4hnten Sozialarbeiterinnen geh\u00f6renden Dorothea Simon-Zeiske gab es zu jener Zeit etwa 4000 bis 6000 Obdachlose in West-Berlin. Frauen stellten dabei auf den ersten Blick eine stark unterrepr\u00e4sentierte Gruppe dar. Wie Frau Simon-Zeiske es formuliert, sah man in einer Gruppe obdachloser M\u00e4nner vielleicht eine einzige Frau. Aber: Es gab zugleich eine hohe Dunkelziffer, da viele wohnungslose Frauen gegen sexuelle Gef\u00e4lligkeiten bei m\u00e4nnlichen Bekannten wohnten (was auch heutzutage oft noch der Fall ist).<\/p>\n<p>In den achtziger Jahren wurde die Pr\u00e4senz von Obdachlosen auf den Strassen West-Berlins als nichts Besonderes mehr angesehen. Auch an das Elend um den Bahnhof Zoo herum hatte man sich gew\u00f6hnt. Und w\u00e4hrend die bei einem Teil der Bev\u00f6lkerung in den sechziger Jahren entwickelte Sensibilit\u00e4t f\u00fcr soziale Missst\u00e4nde nach wie vor existierte, schienen die meisten Leute sich f\u00fcr solche Themen nicht mehr zu interessieren. Man nahm diese Zust\u00e4nde hin und glaubte \u2013 im Gegensatz zum vorherigen Jahrzehnt \u2013 nicht, daran noch etwas \u00e4ndern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang verk\u00fcndete auch der Neoliberalismus, der seit Ende der 1970er zunehmenden Einfluss auf das Denken und Handeln westlicher Regierungen aus\u00fcbte, eine ganz eigene Botschaft: Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied und wer in eine soziale Notlage ger\u00e4t, hat selbst Schuld dran. Statt einer Bek\u00e4mpfung der Armut konnte man nunmehr von einem \u201eKrieg gegen die Armen\u201c sprechen. Dadurch war auch das gesellschaftliche Klima f\u00fcr Obdachlose sp\u00fcrbar rauer geworden. Was die konkrete Situation in West-Berlin betraf, so sollte die damalige schwierige Lage auf dem Wohnungsmarkt das Problem der Obdachlosigkeit versch\u00e4rfen. Zugleich gab es aber die M\u00f6glichkeit, in besetzten H\u00e4usern unterzukommen, was zumindest von einem Teil der Obdachlosen wahrgenommen wurde.<\/p>\n<p>Im Bereich der Obdachlosenf\u00fcrsorge gab es, auf den Entwicklungen der 1970er basierend, einen Ausbau der Hilfsangebote. Dieser Trend sollte sich zum Beispiel anhand der 1989 ins Leben gerufenen K\u00e4ltehilfe zeigen: Aufgrund der Tatsache, dass gerade die kalte Jahreszeit f\u00fcr Obdachlose sehr gef\u00e4hrlich ist, wurde gezielt f\u00fcr zus\u00e4tzliche, dezentralisierte Notunterk\u00fcnfte und andere Hilfsangebote gesorgt. Bei der Unterst\u00fctzung Obdachloser spielte nun auch die Kirche \u2013 nach ihrem Aufbruch im Bereich der Sozialarbeit im vorherigen Jahrzehnt \u2013 eine gr\u00f6ssere Rolle. Das hing unter anderem auch damit zusammen, dass das Vorgehen des Senates gegen\u00fcber Obdachlosen teilweise als sehr hart empfunden wurde.<\/p>\n<p>Die Kirche f\u00fchrte in jenem Jahrzehnt zum Beispiel niedrigschwellige Angebote ein, die sich auch an Menschen ohne Papiere richteten und keiner Bed\u00fcrftigkeitspr\u00fcfung unterlagen. W\u00e4hrend einige Kirchengemeinden in diesem Bereich \u201evoranpreschten\u201c, gab es aber auch andere, die kein Engagement an den Tag legten oder erst durch den Druck von Aktivisten motiviert wurden, sich f\u00fcr Obdachlose einzusetzen. Zu den positiven Entwicklungen der achtziger Jahre geh\u00f6rte auch, dass die alten Obdachlosenasyle, in denen \u2013 wie oben dargelegt \u2013 Menschen unter zumeist sehr problematischen Bedingungen untergebracht waren, nun sukzessive geschlossen wurden: Man brachte in ihnen keine \u201eNeuzug\u00e4nge\u201c mehr unter und die Hilfsnetzwerke bem\u00fchten sich, die dort Lebenden in regul\u00e4ren Mietwohnungen unterzubringen.<\/p>\n<p>Am Ende der achtziger Jahre zeigten sich mehrere neue Belastungsfaktoren: Die Aufhebung der Mietpreisbindung 1988 reduzierte die Zahl zur Verf\u00fcgung stehender preiswerter Wohnungen. Hinzu kam ein Anstieg der Arbeitslosigkeit. Zudem wurde die Lage auf dem Wohnungsmarkt beziehungsweise in den Notunterk\u00fcnften durch die verst\u00e4rkte Zuwanderung von Aus- und \u00dcbersiedlern verschlechtert. Zu jenem Zeitpunkt lebten in West-Berlin zwischen 3000 und 6000 Menschen auf der Strasse.<\/p>\n<p>Die st\u00e4dtischen Unterk\u00fcnfte waren mit dieser Situation \u00fcberfordert und mussten die Teilnehmenden oft in minderwertigen privaten Behausungen \u2013 auch \u201eL\u00e4usepensionen\u201c genannt \u2013 unterbringen. Ab 1989 gab es dann gravierende Ver\u00e4nderungen: Der Zusammenbruch der DDR und die folgende Wiedervereinigung f\u00fchrten zu einer \u00f6konomischen und sozialen Implosion Ostdeutschlands. Viele Menschen verloren ihren Arbeitsplatz und erlebten, dass ihre beruflichen F\u00e4higkeiten auf einen Schlag wertlos waren. Diese Deklassierung ging oft mit einer Aufl\u00f6sung sozialer Bindungen einher.<\/p>\n<p>Viele Ostdeutsche waren zudem mit einer Welt, in der sich innerhalb k\u00fcrzester Zeit alles grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert hatte, massiv \u00fcberfordert. Wie ein Betroffener es in einem Band von Renate Drommer formulierte: \u201eEhe kaputt, Arbeit weg, Wohnung weg.\u201c Andere wiederum kamen mit den Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft nicht klar, \u00fcberschuldeten sich und konnten dann die Miete nicht zahlen. Die so aus der Bahn geworfenen \u201eWendeverlierer\u201c sollten die Zahl der Obdachlosen in die H\u00f6he schiessen lassen. Es kamen weitere negative Faktoren hinzu: In der DDR hatten Mietschulden zun\u00e4chst einmal keine besondere Bedeutung gehabt und waren auch nicht mit gr\u00f6sseren Sanktionen verbunden.<\/p>\n<p>Im neuen System konnten sie aber innerhalb k\u00fcrzester Zeit zur Zwangsr\u00e4umung f\u00fchren. Die Tatsache, dass die vorher recht g\u00fcnstigen Mieten im Osten Berlins zudem schnell auf ein \u201emarktwirtschaftliches\u201c Niveau kletterten, wirkte sich zus\u00e4tzlich versch\u00e4rfend auf die Situation aus. Zugleich setzte in den 1990ern der umfassende Verkauf landeseigener Wohnungen ein, was verheerende Auswirkungen auf das Angebot an bezahlbaren Wohnungen in Berlin haben sollte.<\/p>\n<p>Die 1993 erfolgende Einf\u00fchrung des \u201eGesch\u00fctzten Marktsegments\u201c konnte ihr Ziel, Menschen aus finanziell schwachen Verh\u00e4ltnissen oder in notfallartigen Situationen einen Zugang zum Wohnungsmarkt zu verschaffen, nur zum Teil erreichen. Jenseits der \u201eeinheimischen\u201c Betroffenen sollte die Anzahl der Berliner Obdachlosen auch durch Zuwanderung von aussen erh\u00f6ht werden: So kamen zum Beispiel Menschen nach Berlin, die anderswo aufgrund der Schliessung von Betrieben ihren Arbeitsplatz verloren hatten. Sie hofften, in der Stadt einen neuen Job zu finden, bekamen aber keinen und landeten auf der Strasse. Desgleichen kamen auch viele junge Menschen, die den katastrophalen sozialen Verh\u00e4ltnissen Option f\u00fcr Obdachlose \u2013 besetztes Haus im Osten Berlins nach der Wende in Ostdeutschland und der damit verbundenen rechtsradikalen Gewalt entkommen wollten.<\/p>\n<p>Die vielen leerstehenden beziehungsweise besetzten H\u00e4user im Osten Berlins schienen zumindest theoretisch eine M\u00f6glichkeit zu bieten, irgendwo unterzukommen. Zu den neuen Obdachlosen geh\u00f6rten aber auch Menschen, die vor der Wende Ost-Berlin verlassen hatten, nun wieder zur\u00fcckgekehrt waren, in der Stadt aber nicht mehr Fuss fassen konnten. Hinzu kamen gestrandete Osteurop\u00e4er: Berlin war ja nun wieder eine offene Metropole \u2013 und erneut \u201edie erste Stadt des Westens\u201c. In einer Stadt der Aufbr\u00fcche wollten diese Menschen neue Lebensperspektiven finden &#8230; und scheiterten mitunter. Andere waren urspr\u00fcnglich als osteurop\u00e4ische oder sowjetische Stipendiaten nach Berlin gekommen. Die mit dem \u201eSystemwechsel\u201c in ihrer Heimat verbundenen \u00f6konomischen Umbr\u00fcche hatten ihnen dann finanziell den Boden unter den F\u00fcssen weggezogen.<\/p>\n<p>Es gibt keine zuverl\u00e4ssige Daten, aber es ist davon auszugehen, dass sich die Zahl der Berliner Obdachlosen damals in etwa verdoppelte. 1992 waren es circa 12 000 Personen. Da es vor allem in der Anfangszeit nach der Wende im Osten Berlins nur ein sehr rudiment\u00e4res Hilfsangebot gab, sahen sich die alten West-Berliner Anlaufstellen f\u00fcr Obdachlose mit einem massiven Andrang konfrontiert. Parallel zu diesen Entwicklungen waren Obdachlose verst\u00e4rkter Diskriminierung ausgesetzt: Der damalige \u201eRechtsruck\u201c in Deutschland bedeutete, dass auch sie immer h\u00e4ufiger Opfer gewaltt\u00e4tiger Angriffe wurden.<\/p>\n<p>So gab es zum Beispiel F\u00e4lle, bei denen Obdachlose in der S-Bahn zusammengeschlagen und dann aus dem fahrenden Zug geworfen wurden. Auch jenseits dieser entsetzlichen \u00dcbergriffe sahen sich Obdachlose mit einer neuen K\u00e4lte konfrontiert: Das neoliberale Gedankengut und die damit einhergehende Wirtschaftsordnung breiteten sich zu jener Zeit rapide aus. Der Zusammenbruch des Ostblocks schien denjenigen Recht zu geben, die glaubten, dass \u201eder Markt\u201c alles regeln w\u00fcrde und man den Staat so klein wie m\u00f6glich halten m\u00fcsse. Es wurde somit auch nicht mehr als Aufgabe des Staates angesehen, f\u00fcr bezahlbaren Wohnraum zu sorgen.<\/p>\n<p>Damit war eine zunehmende Empathielosigkeit gegen\u00fcber sozial Schwachen verbunden. Die mit dem Neoliberalismus einhergehende Privatisierung \u00f6ffentlicher R\u00e4ume und die Tatsache, dass Berlin sich als Wirtschaftsstandort anpreisen wollte, f\u00fchrten zudem dazu, dass Obdachlose \u201eunerw\u00fcnscht\u201c und zunehmender Repression seitens der Polizei und privater Sicherheitsdienste ausgesetzt waren. Dazu geh\u00f6rte zum Beispiel, dass Obdachlose aufgegriffen, in Fahrzeuge verfrachtet und dann irgendwo in Brandenburg herausgelassen wurden.<\/p>\n<p>Auch die Hilfsangebote f\u00fcr Obdachlose waren v\u00f6llig unzul\u00e4nglich: Die Unterk\u00fcnfte befanden sich oft an abgelegenen, schlecht erreichbaren Orten und erwiesen sich h\u00e4ufig aufgrund der in ihnen herrschenden Zust\u00e4nde als demoralisierend und \u201eherunterziehend\u201c. Auch war das Personal oft nicht richtig geschult und wurde im Umgang als herablassend wahrgenommen. Positive Nachrichten gab es in jenem Jahrzehnt nur wenige: 1994 wurden sogenannte \u201eK\u00e4ltebusse\u201c f\u00fcr Obdachlose zum Aufw\u00e4rmen eingef\u00fchrt. Bis zum heutigen Tage spielen sie bei der Aufgabe, auf der Strasse Lebende vor dem Erfrieren zu sch\u00fctzen, eine wichtige Rolle. Zudem sollte sich am Ende des Jahrzehnts die Situation dadurch etwas verbessern, dass die Angebote der Tr\u00e4ger der freien Wohlfahrtspflege auf dem Gebiet der Hilfe zur \u00dcberwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten in die Entgeltfinanzierung \u00fcbergingen \u2013 womit die Angebote bedarfsgerechter ausgebaut werden konnten.<\/p>\n<p>Am Anfang der nuller Jahre gab es zum ersten Mal eine Konsolidierung im Bereich der Obdachlosigkeit: Die wirtschaftliche Talsohle war erreicht worden, eine leichte Verbesserung der \u00f6konomischen Lage deutete sich an. Die Anzahl der auf der Strasse lebenden Menschen sank, wohnungslos gewordenen Familien konnte relativ schnell geholfen werden. Zu jenem Zeitpunkt liess sich das Gros der Berliner Obdachlosen als deutsch, m\u00e4nnlich, mittleren Alters und h\u00e4ufig psychisch stark belastet charakterisieren. Mitte des Jahrzehnts hatte die Zahl der Obdachlosen schliesslich einen Tiefstand erreicht. Danach stieg sie aber wieder an: In der zweiten H\u00e4lfte des Jahrzehnts entwickelte sich Berlin zu einem \u201eBoomtown\u201c. Einerseits bedeutete diese Entwicklung, dass es weniger Arbeitslose und somit auch weniger obdachlosigkeitsgef\u00e4hrdete Personen gab.<\/p>\n<p>Im Ganzen sollte sich die Situation im Kontext der Obdachlosigkeit jedoch verschlechtern: Das einsetzende Wachstum der Berliner Bev\u00f6lkerung und die Tatsache, dass aufgrund der Finanzkrise \u201eBetongold\u201c als lukrative Anlageform entdeckt worden war, f\u00fchrten zu einem starken Druck auf den Berliner Immobilienmarkt: Die Mieten schossen in die H\u00f6he und viele Menschen konnten ihre Wohnung nicht mehr halten. Die Tatsache, dass es weiterhin einen dramatischen R\u00fcckgang der Anzahl staatlich gef\u00f6rderter Wohnungen gab, sorgte f\u00fcr eine zus\u00e4tzliche Versch\u00e4rfung der Situation: Zwischen 2008 und 2018 hat sich ihre Anzahl in Berlin fast halbiert! Zugleich kam der Trend einer \u201eR\u00fcckkehr in die Grossstadt\u201c hinzu: W\u00e4hrend fr\u00fcher der Traum vieler Menschen ein \u201eHaus im Gr\u00fcnen\u201c \u2013 also am Rande der Stadt oder gar ausserhalb \u2013 gewesen war, so hat sich diese Tendenz innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte teilweise umgekehrt.<\/p>\n<p>Die Innenst\u00e4dte sind sowohl durch politische Massnahmen als auch durch das Engagement von B\u00fcrgerinitiativen und anderen Akteuren attraktiver geworden. Heutzutage gilt es als chic, in einem \u201eangesagten\u201c Viertel eine Wohnung zu haben. Als Schattenseite dieser Entwicklung hat sich eine Verknappung und somit Verteuerung des zur Verf\u00fcgung stehenden innerst\u00e4dtischen Wohnraums gezeigt. Ein weiterer Faktor war, dass aufgrund des 2005 in Kraft getretenen Freiz\u00fcgigkeitsgesetzes der EU verst\u00e4rkt auch ost- und s\u00fcdosteurop\u00e4ische Obdachlose in Berlin auftauchten. Berlin ist f\u00fcr diese Menschen relativ leicht zu erreichen und sie finden hier bessere Lebensbedingungen vor: Im Winter ist es etwas w\u00e4rmer \u2013 ein paar Grad machen f\u00fcr Obdachlose bereits einen grossen Unterschied aus. Zudem gibt es bessere Hilfsangebote als daheim. Obdachlose k\u00f6nnen sich ausserdem mit dem Sammeln von Pfandflaschen \u00fcber Wasser halten und zwischendurch in der S- und U-Bahn \u201eW\u00e4rme tanken\u201c.<\/p>\n<p>Aufgrund der boomenden Wirtschaft gibt es auch mehr Gelegenheitsjobs. Zugleich sind gesellschaftliche Diskriminierung und staatliche Repression in Berlin nicht so stark ausgepr\u00e4gt wie anderswo \u2013 und es gibt bereits eine vorhandene osteurop\u00e4ische \u201eCommunity\u201c. In einigen F\u00e4llen sind osteurop\u00e4ische Obdachlose auch nach Berlin gekommen, weil ihnen daheim Haft- oder Geldstrafen drohen.<\/p>\n<\/article>\n<article><\/article>\n<article><em>Niko Rollmann<\/em><\/article>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Berlin, wie wir es heutzutage kennen, entstand seit den 1830ern. Zu diesem Zeitpunkt setzte hier die Industrialisierung ein. 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