{"id":1103622,"date":"2020-05-09T12:56:41","date_gmt":"2020-05-09T11:56:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1103622"},"modified":"2020-05-13T12:24:02","modified_gmt":"2020-05-13T11:24:02","slug":"der-kubanische-liedermacher-silvio-rodriguez-ueber-freiheit-corona-und-humanismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/05\/der-kubanische-liedermacher-silvio-rodriguez-ueber-freiheit-corona-und-humanismus\/","title":{"rendered":"Der kubanische Liedermacher Silvio Rodr\u00edguez \u00fcber Freiheit, Corona und Humanismus"},"content":{"rendered":"<p>Von <a href=\"https:\/\/mundo.sputniknews.com\/authors\/jose_negron_valera\/\" rel=\"author\">Jos\u00e9 Negr\u00f3n Valera<\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Silvio_Rodr%C3%ADguez\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Silvio Rodr\u00edguez<\/a> ist ein kubanischer Musiker und Liedermacher. Er ist einer der Begr\u00fcnder der Musikrichtung Nueva Trova, die in den 1960er Jahren in Kuba entstand. Bekannt f\u00fcr seine intellektuellen und poetischen Texte, sind seine Lieder ikonische Elemente der linksgerichteten intellektuellen Kultur Lateinamerikas.<\/strong><\/p>\n<p>Vor zwei Monaten lernte ich in Havanna zum zweiten Mal Silvio Rodr\u00edguez kennen. Die erste Bekanntschaft vor zwanzig Jahren war jedoch keine pers\u00f6nliche: Ich bekam eine Kassette mit seiner Musik geschenkt. In jenem Jahr 1999 legte ich das Band in den Player ein und dr\u00fcckte auf Start. Von diesem Moment an verging kein Tag, an dem ich nicht ein Lied von ihm h\u00f6rte, eines sang, mich daran erinnerte, eines empfahl oder auf der Gitarre spielte.<\/p>\n<p>Cecilia Todd, die Magierin, wirkte das Wunder und organisierte das Treffen. Wie genau, das ist eine lange Geschichte. F\u00fcr den Moment begn\u00fcge ich mich damit, Ihnen zu erz\u00e4hlen, dass ich das Privileg hatte, einem Konzert von Silvios Frau, der Fl\u00f6tistin Niurka Gonz\u00e1lez, beizuwohnen. Von dort aus f\u00fchrte Silvio mich durch die Stra\u00dfen der Altstadt von Havanna, vorbei an der Kathedrale, deren Kacheln vom Licht angestrahlt wurden. Er wies mich auf das Floridita-Schild hin und sagte: \u201eDu bist doch ein Schriftsteller, hier hat Hemingway gerne seinen Rum getrunken.\u201c<\/p>\n<p>Wir gingen ins Nationalmuseum f\u00fcr Musik und genossen Cecilias wunderbare Stimme. Dann a\u00dfen wir zu Abend, sprachen \u00fcber den Sieg des syrischen Volkes und \u00fcber den Kampf, der in Chile gef\u00fchrt wird. Ich freute mich, dass sich Vicente Feli\u00fa <a href=\"#1-vicente-feliu\">[1]<\/a> dem Gespr\u00e4ch anschloss. Er erz\u00e4hlte von der kollektiven Umarmung, die er jedes Mal f\u00fchlte, wenn er nach Argentinien reiste. Und auch davon, wie Vicente allein einen riesigen Schokoladenkuchen gegessen hatte, woran sich Silvios Mutter noch erinnert.<\/p>\n<p>Ich sah seine Augen feucht werden, als er die Geschichte einer nicaraguanischen Guerilla-K\u00e4mpferin erz\u00e4hlte, die mit ihrem letzten Atemzug eines seiner Lieder sang. Dann, als ob das noch nicht genug w\u00e4re, nahm er mich mit durch die Nacht von Havanna und wir sahen den Malec\u00f3n. Wir sprachen \u00fcber die Bedeutung des Sternbildes Kassiopeia und ich erkl\u00e4rte ihm meine Theorie.<\/p>\n<p>Cecilia scherzte mit ihm und sagte, Silvio sei das Einhorn. <em>[\u201eUnicornio\u201c ist ein bekanntes Lied von Silvio Rodr\u00edguez, \u00fcbersetzt bedeutet es \u201eEinhorn\u201c. Das Einhorn ist ebenfalls ein Sternbild. Anm.d.\u00dc.<\/em>] Er lachte auch und erz\u00e4hlte Einzelheiten dar\u00fcber, wie er auf das Lied gekommen war.<\/p>\n<p>Wir brachten Cecilia nach Hause und fuhren dann weiter nach Marianao. Ich wollte mir so viel wie m\u00f6glich von diesem Moment einpr\u00e4gen, um im Nachhinein nichts zu vergessen. Als er mich vor der T\u00fcr des Wohnheims stehen lie\u00df, sch\u00fcttelte er mir die Hand und sagte: \u201eIch werde etwas von dir lesen.\u201c Ich konnte ihn nur anschauen, ihm danken und wieder sagen: \u201eDu bist der Soundtrack meines Lebens.\u201c<\/p>\n<p>Aus diesem Treffen ging ein Engagement hervor: Der russischen Nachrichtenagentur Sputnik ein Interview zu geben.<\/p>\n<p>Die COVID-19-Pandemie bot eine Gelegenheit, \u00fcber die aktuellen Zeiten und die kollektiven Herausforderungen, denen wir uns stellen m\u00fcssen, zu sprechen.<\/p>\n<p><em><strong>Silvio, der Kapitalismus hat sich angesichts dieser Pandemie entbl\u00f6\u00dft. Er hat sich machtlos gezeigt, um Millionen von Frauen und M\u00e4nnern auf der ganzen Welt zu Hilfe zu kommen. Jetzt sind es Kuba, China und Russland, die aus ihren Grenzen herauskommen, um der Menschheit die Hand zu reichen. Stehen wir vor einer Zeitenwende oder vor einer Neuausrichtung? Glaubst du, dass diese Zeit ein Herz zur Welt bringt <a href=\"#2-era-pariendo-corazon\">[2]<\/a>, wie du in deinem Lied gesungen hast?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zumindest habe ich das Gef\u00fchl, dass es aktuell eine gro\u00dfe Ungewissheit gibt.<\/p>\n<p>Als ich vor einem halben Jahrhundert das Lied \u201eLa era est\u00e1 pariendo un coraz\u00f3n\u201c (\u201eDiese Zeit bringt ein Herz zur Welt\u201c) sang, hatten M\u00e4nner wie Ernesto \u201eChe\u201c Guevara den Revolutionskrieg in Kuba gewonnen, nur um nach kurzer Zeit von ihren \u00c4mtern und ihren Privilegien zur\u00fcckzutreten. Sie gingen mit einem befremdlichen Edelmut in andere L\u00e4nder an die Front und versprachen sich vom bewaffneten Kampf Erfolge, die sich nicht einstellten.<\/p>\n<p>Als Che und seine Kameraden gingen, leistete ich gerade meinen Milit\u00e4rdienst. Damals (1964-1965) verstand ich die Idee des Internationalismus nicht. Mir schien, dass es in Kuba zu viel zu tun und zu konsolidieren gab, um wegzugehen, auch wenn es mit so ehrenwerten Absichten war. Doch das Scheitern der bolivianischen Revolution und der Tod so vieler guter M\u00e4nner haben mich dazu gebracht, so wie sie sein zu wollen. So ist die Jugend manchmal: sie l\u00e4sst einen Lehren aus den Hormonen ziehen, statt aus Tatsachen.<\/p>\n<p><em><strong>Es hei\u00dft, dass Dichter*innen, Musiker*innen, Schriftsteller*innen und K\u00fcnstler*innen aufgrund ihrer Intuition der Zeit einen Schritt voraus sein k\u00f6nnen. Wie stellst du dir die Welt nach der Pandemie vor? Was sollten wir aus dieser Zeit lernen? K\u00f6nnen wir dadurch besser werden?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass die Pandemie auf menschlicher Ebene die M\u00e4ngel des sogenannten liberalen Systems, das nur auf die Privatisierung setzt, an die Oberfl\u00e4che gebracht hat. Es ist offensichtlich, dass es L\u00e4ndern mit starken Staaten in vielerlei Hinsicht besser geht. Aber ich glaube nicht, dass sich dadurch die Mentalit\u00e4ten \u00e4ndern werden, geschweige denn die Eigeninteressen, die normalerweise die Welt bewegen. Ich leugne nicht, dass es positive Dinge geben wird. Eine starke Str\u00f6mung fortschrittlichen Denkens manifestiert sich bei Themen wie der Ungleichheit und dem schlechten Umgang mit unserem Planeten. Das ist zweifellos positiv und ich hoffe, dass es am Ende einen Einfluss haben wird. Aber es w\u00e4re sehr ungew\u00f6hnlich, wenn eine Pandemie die Welt ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Wo blieben dann die ganzen Denker*innen, Lehren und Beispiele?<\/p>\n<p>Was auch immer passiert, ich glaube, das Allerschlimmste w\u00e4re der Versuch, alles so zu belassen, wie es ist. Es bleibt abzuwarten, welches Bewusstsein und welche Kraft die ganz offensichtlichen M\u00e4ngel des Systems erzeugen werden.<\/p>\n<p><em><strong>Der ideologische Krieg, den die Vereinigten Staaten im letzten Jahrhundert entfesselt haben, f\u00fchrte dazu, dass die Menschen dachten, die amerikanische Gesellschaft und ihre Werte seien das Modell, dem sie folgen sollten. Aber trotz der Belege, trotz der schmerzhaften Bilder im Fernsehen von Menschen, die sich eine Behandlung f\u00fcr COVID-19 nicht leisten k\u00f6nnen, scheint es schwierig zu sein, die Leute aus diesem Traum aufzuwecken. Nicht zuletzt weil Hollywood die Menschen blendet, wie ein gro\u00dfer unantastbarer Altar der menschlichen Phantasie. Wie k\u00f6nnen wir den Kampf gegen dieses kollektive Trugbild f\u00fchren? Welche Werkzeuge sollten wir einsetzen, damit wir in diesem neuen Jahrhundert nicht den Anschluss verlieren? Wo haben wir versagt, wenn dies der Fall ist?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nichts und vor allem niemand ist m\u00e4chtig genug, um so viele Herausforderungen allein zu bew\u00e4ltigen. Verschiedene Gruppen und Einzelpersonen m\u00fcssen ihre Arbeit fortsetzen. Die \u00dcberlegenheitskomplexe und Ausschweifungen einiger L\u00e4nder sind Teil einer Natur, einer Kultur. Nichts davon wird durch einen Erlass abgeschafft, denn nicht nur die Regierenden glauben daran, auch viele Menschen innerhalb der Bev\u00f6lkerung sind davon \u00fcberzeugt.<\/p>\n<blockquote><p><em>Auf der anderen Seite sind mit dem Internet und der weit verbreiteten Kommunikation Meinungen aufgetaucht, die viele Leute vorher f\u00fcr sich behalten oder nur in kleinen Gruppen geteilt haben. Viele Rentner*innen, auch viele, die zuvor in verantwortungsvollen Positionen t\u00e4tig waren, sind in der virtuellen Welt und geben ihre Meinung ab. Ich bin manchmal \u00fcberw\u00e4ltigt von so vielen Informationen, von so vielen Leuten, die sagen, wie die Welt sein sollte. Angesichts dieser unkontrollierbaren Lawine f\u00fchle ich mich wie ein winziges Teilchen, wie ein Hauch von Nichts. Deshalb neige ich dazu, das Elementare, das Wesentliche zu betrachten. Ich glaube, dass wir andere so behandeln m\u00fcssen, wie wir selbst gerne behandelt werden m\u00f6chten. Das strategische Werkzeug der Zukunft ist der Humanismus, es gibt nichts Besseres. Unser Problem liegt in der Abkehr von grundlegenden Wahrheiten, die selbst bei komplexen Themen oft n\u00fctzlich sind.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Wie kommt Silvio Rodr\u00edguez mit dieser Quarant\u00e4ne zurecht? Liest er etwas? Komponiert er vielleicht? Hat er irgendwelche literarischen oder musikalischen Empfehlungen f\u00fcr unsere Leserschaft? Vielleicht auch eine Filmempfehlung?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich bin da, wo ich sein m\u00f6chte: bei meiner Familie. Nat\u00fcrlich gibt es viel zu tun. Ich bringe etwas Musik zu Papier. Das ist sch\u00f6n und es ist eine gute Arbeit. Nat\u00fcrlich lese ich etwas, im Moment \u201eOne more for the road\u201c, das sind Geschichten von [Ray] Bradbury. Ich habe noch einmal den prophetischen Steven-Soderbergh-Film \u201eContagion\u201c gesehen. Er ist von 2013 und beschreibt Schritt f\u00fcr Schritt, was uns in den letzten Monaten geschehen ist. Ich gie\u00dfe auch die Str\u00e4ucher und versuche, so viel wie m\u00f6glich zu Fu\u00df zu gehen. Am meisten beunruhigt mich, dass wir nicht in der Lage sind zu lernen.<\/p>\n<p><em><strong>Wie ich dir in Havanna gesagt habe, \u201ebist du der Soundtrack meines Lebens.\u201c Wenn du dir die Tausenden von Kommentaren anschaust, die Leute zu deinen Videos im sozialen Netzwerk YouTube schreiben, k\u00f6nnte dieser Spruch auf Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zutreffen. Es gibt einen Kommentar, den ich auf YouTube gelesen habe und den ich an dich weitergeben wollte: \u201eIch habe mich in den 80er Jahren in Silvios Lieder verliebt. In Valpara\u00edso und Santiago de Chile waren die Kassetten Goldwert. Sie wurden von der Diktatur verboten, aber wir h\u00f6rten sie trotzdem und kopierten sie. Silvio begleitete uns in unserer Jugend unter einem restriktiven, faschistischen Regime. So viele sch\u00f6ne Erlebnisse, die ich mit seinen Liedern verbinde.\u201c Was f\u00fchlst du, wenn eine Person auf dich zukommt und dir erz\u00e4hlt, dass deine Musik ihr Leben ver\u00e4ndert hat? Gibt es eine Erfahrung, die dich in diesem Sinne besonders gepr\u00e4gt hat?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal w\u00e4re es schwierig als jemand, der mehr als ein halbes Jahrhundert in einem Beruf t\u00e4tig war, nichts zu erz\u00e4hlen zu haben&#8230; Dabei hat die Musik den Vorteil, Menschen zu verbinden. Es war mir nicht m\u00f6glich, alles, was ich bekomme, auch zu behalten, aber ich habe noch mehrere Briefe, Fotos, Zeichnungen, B\u00fccher und andere nette Dinge, die mir aus menschlicher Gro\u00dfz\u00fcgigkeit mein ganzes Leben lang geschenkt wurden.<\/p>\n<p>Das Lied ist die Kunstform, die die meisten Verbindungen schafft, denn es kann in allen Lebenslagen begleiten: bei einer Reise, bei Krankheit, in der Liebe, bei Verlust, bei Angst oder Gl\u00fcck&#8230; Lieder haben diese Kraft und dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen sie leicht wiederholt werden, wenn nicht mit der Stimme, so doch im Kopf einer jeden Person. Diese Gabe verbindet die K\u00fcnstler*innen unterschiedlich stark mit Einzelschicksalen oder gemeinsamen Erfahrungen des Publikums. Es ist ein Wunder, am Leben so vieler Menschen teilzuhaben, es ist ein bedeutungsvolles Geschenk.<\/p>\n<p><em><strong>Du bist ein Lateinamerikaner, der weltweit bekannt ist. Hast du im Laufe deiner Karriere andere Pers\u00f6nlichkeiten kennen gelernt, die eine \u00e4hnliche Bekanntheit hatten? Ich frage dich nach zweien: Hugo Ch\u00e1vez und Fidel Castro. An was erinnerst du dich in Bezug auf die beiden?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Seit den 90er Jahren habe ich zunehmend gez\u00f6gert, das Land zu verlassen. Ich lernte Ch\u00e1vez kennen, weil Fidel mich \u00fcberzeugte, in Venezuela ein Konzert zu geben. Ich erinnere mich, dass sich Amaury P\u00e9rez und Carlos Varela mir begeistert anschlossen. Ch\u00e1vez war so freundlich, uns zu empfangen und mit uns zu essen. Er lud auch einige Musiker ein, die mit Harfe, Cuatro <a href=\"#3-cuatro\">[3]<\/a> und Maracas <a href=\"#4-maracas\">[4]<\/a> sangen. Mich erinnerte das an einen sch\u00f6nen Morgen, den ich in San Fernando de Apure im Haus von Indio Figueredo verbrachte. An diesem Abend in Miraflores servierte man uns Hallacas <a href=\"#5-hallacas\">[5]<\/a>, die ich noch nie gegessen hatte, und sie schmeckten mir so gut, dass ich mehrmals zulangte. Zum Gl\u00fcck \u00fcberlebte ich die Nacht [nach diesem \u00fcppigen Mahl] und konnte am Konzert teilnehmen, wenn auch ziemlich mitgenommen. Das war leider Pech.<\/p>\n<p>Als ich zum zweiten Mal dort war, gab es gerade ein Abberufungsreferendum. Es kamen Menschen aus vielen L\u00e4ndern; ich erinnere mich an meinen Freund Roy Brown, einen puertoricanischen S\u00e4nger. Diesmal verzichtete ich darauf, Hallacas zu essen, und konnte besser singen. Bis Ch\u00e1vez selbst auf die B\u00fchne kam. Auch wenn es niemand w\u00fcsste, sagte er, seien er und ich &#8211; Silvio und Hugo &#8211; ein Duo und w\u00fcrden nun unsere Show zeigen. Er sah mich an und begann, ein wundersch\u00f6nes Gedicht \u00fcber [Sim\u00f3n] Bol\u00edvar zu rezitieren, und ich folgte ihm auf der Gitarre, begleitete ihn, so gut ich konnte, und so machten wir lange weiter. Die Leute drehten fast durch.<\/p>\n<p>Ch\u00e1vez hatte neben seinem gro\u00dfen Herzen auch ein gro\u00dfes darstellerisches Talent. Er war ein sehr charismatischer Mann. Dieser Abend war einer der ungew\u00f6hnlichsten, die ich je auf der B\u00fchne erlebt habe; er war absolut unvergesslich.<\/p>\n<p><em><strong>Dein kreatives, poetisches und musikalisches Schaffen ist von historischen Momenten gepr\u00e4gt. Darin finden sich Fragmente aus der Geschichte Lateinamerikas und der Welt. Die Abkehr und Verurteilung vom Imperialismus in L\u00e4ndern wie Nicaragua, Chile und Kuba selbst. Ich denke an dein Lied \u201eCita con Angeles\u201c (\u201eTreffen mit Engeln\u201c), das ein Sinnbild deines Schmerzes zu sein scheint, aber auch deiner Bewunderung f\u00fcr Personen, die f\u00fcr das Wohl der Menschheit gek\u00e4mpft haben. Was w\u00e4re das Lied dieser Zeiten?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das w\u00fcsste ich auch gerne.<\/p>\n<p><em><strong>Meist wird Dienstag, der 13. Juni 1967, als dein &#8218;musikalisches Deb\u00fct&#8216; in der Fernsehsendung \u201eM\u00fasica y estrellas\u201c (\u201eMusik und Stars\u201c) bezeichnet. F\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter wirst du immer noch geh\u00f6rt und gefeiert, genau wie die Beatles. Menschen im Alter von 70 oder 80 Jahren h\u00f6ren dir mit der gleichen Leidenschaft zu wie 20-j\u00e4hrige Studierende. Worin liegt deiner Meinung nach der Grund f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nun, ich hatte mein Deb\u00fct am Dienstag, den 13. (heirate nicht und schiffe nicht ein, sagt man in Kuba \u00fcber diesen Tag). Ich wollte Karikaturist werden. Als ich 15 Jahre alt war, begann ich bei der Wochenzeitung Mella zu arbeiten, damals ein Sprachrohr der Sozialistischen Jugend. Bis ich 20 war, zeichnete ich in den Zeitschriften Venceremos und Verde Olivo, beides Milit\u00e4rpublikationen. Aber ich entdeckte die Gitarre und verliebte mich. In Wahrheit hat mich das Instrument mehr begeistert als die grafische Gestaltung. Es war eine Welt, die mich seit meiner Kindheit gereizt hat; pl\u00f6tzlich er\u00f6ffnete sich mir die Gelegenheit und ich verlor mich darin.<\/p>\n<p>Ich frage mich auch, warum es in dieser Reihenfolge geschah; das ist auch f\u00fcr mich ein R\u00e4tsel. Aber ich erinnere mich, dass ich nie daran interessiert war, sehr modische Lieder zu machen, das hei\u00dft, um schnell bekannt zu werden. Einige meiner Zeitgenossen empfanden mich als seltsam. Sie sagten mir das auch, aber nicht, um mich zu verletzen, sondern weil sie es interessant fanden, dass ich an meinem eigenen Stil festhielt, der auf andere Weise popul\u00e4rer sein konnte&#8230; Als ich anfing, Gitarre zu spielen, las ich bereits Literatur und hatte gewisse Kenntnisse von Welt- und Kunstgeschichte, zwar etwas d\u00fcrftig, aber ich verstand einige Gesichtspunkte. Ich war auch s\u00fcchtig nach der sogenannten klassischen Musik. Vielleicht hatte all dies mit der Entscheidung zu tun, meine eigenen Wege zu gehen und nicht nachzuahmen. Ich bem\u00fchte mich, Musik mit einem kritischen Bewusstsein zu h\u00f6ren, einschlie\u00dflich meiner eigenen, und ich hatte den Wunsch, niemandem \u00e4hnlich zu sehen, nicht einmal mir selbst.<\/p>\n<p><em><strong>Wohin geht Silvio Rodr\u00edguez? Gibt es ein Land, in das er zur\u00fcckkehren m\u00f6chte? Gibt es Projekte, in die er uns einen Einblick geben kann?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich bin versucht zu antworten, dass ich keine andere Wahl habe, als bald in Rente zu gehen&#8230; Wenn das nicht zu viel schwarzer Humor f\u00fcr dich ist (obwohl ich Humor mag, egal welche Farbe er hat)&#8230; &#8211; Ehrlich gesagt, es ist gro\u00dfartig zu reisen, die Welt zu sehen; man entwickelt ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe unserer Weltkugel, man lernt eine Menge. Ich w\u00fcrde immer noch gerne Griechenland, \u00c4gypten, Japan und zumindest ein St\u00fcckchen von Indien sehen; ich w\u00fcrde gerne Madagaskar sehen und am Kap der Guten Hoffnung vorbeischauen. Ich w\u00fcrde gerne [den Gletscher] Perito Moreno sehen. Ich w\u00fcrde auch unheimlich gerne Machu Picchu, den Grand Canyon und die Niagaraf\u00e4lle besuchen (obwohl ich in Iguazu war). Aber ich f\u00fcrchte, ich werde nicht genug Zeit haben, um alles zu sehen, was ich mir w\u00fcnsche. Und nicht, dass ich ein Langweiler werde, aber ich glaube, dass ich Gl\u00fcck hatte, so viel sehen zu k\u00f6nnen. Mein wertvollstes Projekt im Moment ist es also, so bald wie m\u00f6glich im Studio weiterarbeiten zu k\u00f6nnen, um einige angefangene Platten fertigzustellen. Darunter eine mit der Band Di\u00e1kara, von vor fast 30 Jahren. Und viele andere Lieder, die ich sp\u00e4ter aufgenommen habe und die ich noch verbessern und\/oder bearbeiten muss. Ganz zu schweigen von denen, die mir andauernd in den Sinn kommen.<\/p>\n<p>Gerade jetzt, in der Pandemie, habe ich vor, ein virtuelles Album mit Liedern auf der Gitarre herauszubringen: zehn oder elf Lieder, die zusammen \u201ePara la espera\u201c (\u201eF\u00fcr das Warten\u201c) hei\u00dfen werden. Dabei wird ein Lied sein, das meinem Freund Eduardo Aute gewidmet ist: \u201eNoche sin fin y mar\u201c (\u201eNacht ohne Ende und Meer\u201c).<\/p>\n<p><em><strong>Gibt es etwas, was du bedauerst? Etwas, das du anders machen w\u00fcrdest, wenn du die Zeit zur\u00fcckdrehen k\u00f6nntest?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Diese Frage ist merkw\u00fcrdig, denn sie erinnert mich daran, dass ich in meiner Jugend sehr kritisch mein fr\u00fcheres Selbst analysiert habe. Dabei ging ich davon aus, dass ich bestimmte Fehler nicht wiederholen w\u00fcrde&#8230; Es ist gut, selbstkritisch zu sein und der Blick zur\u00fcck hilft sehr. Wir sollten jedoch auch in der Lage sein, vorausschauend zu handeln und solide Werte als R\u00fcckgrat eines w\u00fcnschenswerten Verhaltens anzunehmen.<\/p>\n<p>Ich werde es nie bereuen, Mitgef\u00fchl und Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr gehabt zu haben, dass jeder Mensch die gleichen Sorgen und Trag\u00f6dien erleiden kann. Folglich kann ich nicht anders, als meine Gemeinschaft beziehungsweise mein Land zu verteidigen.<\/p>\n<p>Ich bin Teil dieses Ganzen, somit beleidigt jede ausl\u00e4ndische \u00dcberheblichkeit meinen freien Willen und meine Souver\u00e4nit\u00e4t, die auch nicht gro\u00dfartig ist, denn wir sind ein Volk, das sich in mancher Hinsicht kaum entwickeln konnte. Wenn ich Differenzen mit denen h\u00e4tte, die mich regieren, dann w\u00e4ren diese nur zwischen ihnen und mir. Niemand hat das Recht, sich darin einzumischen. Noch viel weniger diejenigen, die sich so verhalten, als ob ihnen alles auf der Welt geh\u00f6rt. Ich kann die Scheinheiligen nicht ausstehen, die behaupten, dass die Sanktionen gegen Kuba nur gegen die kubanische Regierung gerichtet sind. Jetzt, w\u00e4hrend der Pandemie, haben Exil-KubanerInnen selbst in den Vereinigten Staaten darum gebeten, dem kubanischen Volk Erbarmen zu zeigen. Aber diejenigen, die so viel \u00fcber Gott reden, sind taub f\u00fcr den Schmerz der anderen.<\/p>\n<p>Sie wissen, dass sich eine Regierung nur halten kann, weil ein Volk es zul\u00e4sst. Anders geht es nicht. Deshalb machen sie uns seit 60 Jahren das Leben unm\u00f6glich, damit wir den wahren Tribut zahlen. Es ist ein Bestandteil des universellen Humanismus, gegen Folter zu sein. Aber ein ganzes Volk, das kubanische Volk, wird seit mehr als sechs Jahrzehnten von einem m\u00e4chtigen und r\u00fccksichtslosen Nachbarn gefoltert. Ich m\u00f6chte etwas klarstellen: Auch wenn ich Meinungen habe, auch wenn ich manchmal f\u00fcr einige Dinge bin und andere ablehne, hatte ich nie die geringste Veranlassung, mich der Politik zu widmen. Trotzdem ist mir unsere Situation ganz und gar nicht gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p><em><strong>Was ist deine Botschaft an die Welt, an diejenigen, die dieser Pandemie trotzen und sich auch den Bedrohungen eines Systems widersetzen, das es V\u00f6lkern nicht erlaubt, ihr Schicksal selbst zu bestimmen?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote><p><em>Meine Botschaft ist wie ein Klanggebirge: es wiederholt sich. Lasst uns andere so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Wenn du andere nicht respektierst, dann beschwere dich nicht, wenn du nicht respektiert wirst. Wie sagt man dort dr\u00fcben, in Mayar\u00ed [Stadt auf Kuba]: Was du mir w\u00fcnschst, bekommst du auch.<\/em><\/p>\n<p><em>Das ist meine Art, optimistisch in die Zukunft zu blicken.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Die \u00dcbersetzung aus dem Spanischen wurde von Laura Schlaphorst vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam erstellt.<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wir suchen Freiwillige!<\/a><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em id=\"1-vicente-feliu\">[1] Vicente Feli\u00fa ist ein kubanischer Musiker und Liedermacher. Wie Silvio Rodriguez wird er zu den Begr\u00fcndern der Musikrichtung \u201eNueva Trova\u201c gez\u00e4hlt, die Mitte der 1960er in Kuba entstand.<\/em><br \/>\n<em id=\"2-era-pariendo-corazon\">[2]\u201eLa era est\u00e1 pariendo un coraz\u00f3n\u201c, \u00fcbersetzt \u201eDiese Zeit bringt ein Herz zur Welt\u201c, ist ein bekanntes Lied von Silvio Rodriguez aus den 1960er Jahren.<\/em><br \/>\n<em id=\"3-cuatro\">[3] Kleines Saiteninstrument, \u00e4hnlich einer Gitarre<\/em><br \/>\n<em id=\"4-maracas\">[4] Wie \u201eRasseln\u201c, die paarweise in beiden H\u00e4nden gespielt werden<\/em><br \/>\n<em id=\"5-hallacas\">[5] Hallacas sind eine venezolanische Spezialit\u00e4t. Sie bestehen aus einem Teig, der mit Maismehl hergestellt wird, und einer F\u00fcllung aus verschiedenen Fleischsorten sowie einigen anderen Zutaten und Gew\u00fcrzen. 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