{"id":1083111,"date":"2020-04-13T10:38:13","date_gmt":"2020-04-13T09:38:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1083111"},"modified":"2020-04-13T10:38:39","modified_gmt":"2020-04-13T09:38:39","slug":"jetzt-steht-armut-auf-dem-spielplan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/04\/jetzt-steht-armut-auf-dem-spielplan\/","title":{"rendered":"Jetzt steht Armut auf dem Spielplan"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bettina Kenter-G\u00f6tte erhebt ihre Stimme gegen die unertr\u00e4glichen Lobpreisungen des hartzgrausigen Sozialabbaus, dessen Folgen bereits \u00fcberall erkennbar sind: Spaltung der Gesellschaft, Niedrigl\u00f6hne, Kinder- und Altersarmut und zunehmende Obdachlosigkeit. Eine<\/strong><strong> Realit\u00e4t, schon lange vor &#8222;Corona&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Armut gab es schon immer in der Branche der Hofnarren und Gauklerinnen, vor allem bei den Frauen; das wusste ich schon als Kind. Mein Vater, Jahrgang 1896, war Regisseur und Schauspielp\u00e4dagoge, 1972 bekam er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Meine Mutter hatte das Schauspielen bei Eheschlie\u00dfung aufgegeben, das Familienmanagement \u00fcbernommen und klebte monatlich, klug und emanzipiert, \u201efreiwillige Rentenmarken\u201c. Wenn wieder mal so ein Brief gekommen war, besprachen meine Eltern das bei einer Teestunde im Arbeitszimmer meines Vaters, doch mir blieb nicht verborgen, dass die ber\u00fchmte Schauspielerin XY, die nicht mehr jung, aber l\u00e4ngst noch nicht alt war, nichts mehr zu tun hatte. Vor allem Frauen fragten verzweifelt an bei meinem Vater (damals Oberspielleiter u.a. in Essen) ob er nicht \u201eetwas f\u00fcr sie tun\u201c k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Wer Arbeit hatte, schuftete, oft bis zum Grab. Und so war es f\u00fcr mich ebenso normal, dass auch 80j\u00e4hrige noch auf der B\u00fchne standen, und ich vermutete, dass Vaters Freund Willy Birgel nur zum Spa\u00df noch auf der B\u00fchne stand, obwohl er schon fast taub war. Wie d\u00fcnn der Boden auch bei uns war, haben ich nur vage gesp\u00fcrt, als mein Vater pl\u00f6tzlich so schwer erkrankte, dass er nicht arbeiten konnte; ein einziges Mal, so lange ich ihn kannte. Bei seiner letzten Inszenierung war er fast 80 und fast blind, und seine Rente war so gering, dass schlie\u00dflich nur ein hart erk\u00e4mpfter \u201eEhrensold\u201c und die m\u00fctterlichen Rentenm\u00e4rkchen die elterliche Existenz sicherten.<\/p>\n<p>Ich stand fr\u00fch auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Wer Anfang der 70er Jahre talentiert und flei\u00dfig war, hatte gut zu tun. Ich war blutjung. Ich wollte spielen. Ich brauchte keine Feiertage, keinen Urlaub, keine geregelten Arbeitszeiten, keine 40-Stunden-Woche. Ich spielte. Theater in Italien. Festengagements und Gastspiele in Deutschland. Fernsehen, damals gut bezahlt. TV-Serie in Australien.<\/p>\n<p>Von sexuellen \u00dcbergriffen blieb ich weitgehend verschont, mit Gl\u00fcck und wohl auch wegen meiner Naivit\u00e4t. Regisseure, vor denen ich gewarnt wurde, habe ich gemieden, aber Kussattacken, anz\u00fcgliche Bemerkungen und K\u00f6rpervermessungskommentare waren nicht ungew\u00f6hnlich und galten als normal.<\/p>\n<h4><strong>Wie alt? 33? Naja, das geht ja grad&#8216; noch<\/strong><\/h4>\n<p>Als ich 17 war, empfing mich ein namhafter Regisseur, etwa 50 Jahre \u00e4lter, im Hotelzimmer im Schlafanzug. (Das Hotelzimmer war ein durchaus \u00fcblicher Vorsprechort; die Herren waren ja viel auf Reisen.) Er zeigte mir sein Schlafzimmer, trank dann aber doch nur ganz brav mit mir Tee. \u00c4hnlicher Vorfall ein Jahr sp\u00e4ter auf der Schauspielschule; auch da kam ich heil davon. W\u00e4re ich vergewaltigt worden, was w\u00e4re passiert? Nichts. Mit 19, Anf\u00e4ngerin: \u00e4hnlicher Vorfall, ich widersetzte mich; durfte aber \u201etrotzdem\u201c spielen. Mit 20, erste gro\u00dfe Fernsehrolle mit viel Prominenz: Schon im Vorfeld verweigerte ich den im Vertrag geforderten (dramaturgisch anlasslosen) barbusigen Auftritt, obwohl mein Agent mit den Augen rollte. Ich wurde nicht umbesetzt, bekam ein explizit h\u00e4ssliches Kost\u00fcm \u2013 und bei dem Sender jahrelang nichts mehr zu tun. F\u00fcr Sexfilme (damals ein Hauptwerk der deutschen Filmindustrie und beliebte Karriereleiter) wurde ich dann erst gar nicht angefragt. Juhu. Ich glaubte immer noch an Inhalte und an die Macht von Talent und Flei\u00df; allerdings nur bis zur Geburt meiner Tochter. Wie so viele andere M\u00fctter war ich, ohne Mann, ohne Elterngeld, ohne sonstwas, drei Jahre auf die damalige Sozialhilfe angewiesen. Krippen gab es nicht; sie h\u00e4tten mir in dem Beruf auch nichts gen\u00fctzt. Als ich mich 1984 nach der Babypause wieder beim Fernsehen vorstellte, sagte der Entscheidungsbefugte: &#8222;Wie alt? 33? Naja, das geht ja grad&#8216; noch, mit 35 kommen schon die harten Z\u00fcge, und mit 40 kann man Frauen eh nicht mehr zeigen.&#8220;<\/p>\n<h4><strong>\u201eUnd was machen Sie tags\u00fcber so?\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Und das Publikum? Berufsfremde? Fans? Illustrierten-Fans? Waren alle schon immer ahnungslos; sind es bis heute; lesen von Promi-Gagen und rechnen die TV-Tagesgage auf 365 Tage im Jahr hoch, wo doch schon zehn Drehtage pro Jahr ein seltenes Gl\u00fcck sind \u2013 und im \u00dcbrigen mindestens zehn Arbeitswochen bedeuten. Durchschnittlich 1400 Euro brutto monatlich verdien(t)en die Gaukler und Hofn\u00e4rrinnen. Wof\u00fcr?<\/p>\n<p>\u201eUnd was machen Sie tags\u00fcber so?\u201c Ein von dieser immer wiederkehrenden Frage genervter Kollege antwortete: \u201eTags\u00fcber bin ich Hirnchirurg in Gro\u00dfhadern.\u201c Hat man ihm geglaubt. Tja, was machen wir tags\u00fcber so? Besser gesagt: Was haben wir tags\u00fcber so gemacht, vor Corona?<\/p>\n<p>Recherchieren. Auftr\u00e4ge an Land ziehen. An der eigenen Vermarktung arbeiten. Webseiten aufpeppen mit teuren Fotos, aktuellem Videomaterial und Sprachproben. Texte lernen. Gesangs-, Sprech-, Tanzunterricht nehmen. Bewerbungen schreiben. Kontakte pflegen. Vorsprechen. Zu Castings, Drehs und Gastspielen reisen. Filme und Vorstellungen besuchen, Fernseh- und Internetproduktionen ansehen, um auf dem Laufenden zu sein. Auf der Probeb\u00fchne stehen. Den Familienalltag organisieren, f\u00fcr Schauspielerinnen eine t\u00e4gliche Mammutaufgabe; 60 Prozent sind kinderlos.<\/p>\n<p>Und abends wird gespielt. Wurde gespielt. Mit Erk\u00e4ltung. Mit Bronchitis. Heiser, wenn die Stimme noch irgendwas hergibt. Mit Fieber. Mit fieberndem Kleinkind auf einem Kleiderhaufen in der Theatergarderobe. Einen Tag nach der Abtreibung (die auf den spielfreien Montag gelegt wurde) und am Abend nach dem Tod der Mutter, des Vaters, des Mannes. The show must go on. Keine Vorstellung? Kein Geld. F\u00fcr niemanden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einer dreimonatigen Winterproduktion erwischt(e) es der Reihe nach alle, die da auf Tuchf\u00fchlung arbeiten.<\/p>\n<h4><strong>Die Realit\u00e4t, schon lange vor \u201eCorona\u201c?<\/strong><\/h4>\n<p>Zusch\u00fcsse (z.B. f\u00fcr Vorsprechreisen) und Sozialleistungen gestrichen, Arbeitsbedingungen schlecht, Arbeitszeiten exorbitant, Freizeit, Weihnachts- und Urlaubsgeld gibt\u2019s nicht, Auftragsl\u00fccken bedeuten Vorsprechreisen oder Nebenjob. Gagen niedrig, die der Frauen miserabel, Gender Pay Gap auch hier, Wiederholungshonorare abgeschafft, Sozialabgabenentzug-Betrug durch Arbeitgeber, wer aufmuckt, bekommt keine Auftr\u00e4ge mehr. Besch\u00e4ftigungsl\u00fccken sind berufstypisch; auch bei Gutbesch\u00e4ftigten; und selbst bei Promis reichen die Renten selten zum Leben, schon gar nicht die der Frauen, egal, wie bekannt. \u201eAber die war doch in einem Jahr mindestens zehn Mal im Fernsehen!\u201c Ja, aber vielleicht waren neun der Sendungen ja Wiederholungen, seit langem schon nicht mehr bezahlt.<\/p>\n<p>Solange die Mieten noch erschwinglich waren, als die 100-qm-Wohnung am G\u00e4rtnerplatz \u201einklusive Nebenkosen\u201c noch 350 Euro kostete, ging\u2019s irgendwie. 1975 war das. Lange her. Kaum ein Privattheater zahlt Probengeld; das k\u00f6nnen die sich nicht leisten, versichern muss man sich selbst, die Abendgagen liegen zwischen 20 und 80 Euro brutto, bei drei bis maximal sechs Vorstellungen pro Woche, f\u00fcr den Krankheitsfall kann da niemand vorsorgen, Anspruch auf Krankengeld besteht oft nicht. Aber viele Kolleginnen (nicht nur junge) nehmen auch Null-Euro-Projekte an, nur um im Gesch\u00e4ft zu bleiben. Anspruch auf \u201eArbeitslosengeld\u201c k\u00f6nnen die wenigsten erwerben, Berufsunf\u00e4higkeit zu versichern ist unm\u00f6glich, die K\u00fcnstlersozialkasse nimmt l\u00e4ngst nicht alle &#8222;Freien&#8220; auf und keine \u201eWeisungsgebundenen\u201c, und die \u201eunst\u00e4ndig\u201c besch\u00e4ftigten Synchronschauspieler schon gar nicht. Das Schauspiel-Durchschnittseinkommen liegt bei rund 1400 Euro brutto. Das Kino-TV-Frauenbild hat sich seit 1975 kaum ge\u00e4ndert, wie eine von Maria Furtw\u00e4ngler in Auftrag gegebene Studie gezeigt hat. Die Rollen? Junge Frau (oft halbnackt, nackt, Sexszenen). Mutter (oft zickig, unf\u00e4hig, tot oder todkrank). Gewaltopfer (meist ja weiblich). Und manchmal eine Frau in leitender Position \u2013\u00a0 als b\u00f6se Intrigantin. Auch die xte Kommissarin ist meist prominent besetzt. Ab 60 verschwinden wir vom Bildschirm: Da kommt auf zehn M\u00e4nnerrollen gerade mal noch eine Frauenrolle. Weise Alte? Werden vaporisiert. Schon ab 50 bleiben uns meist nur l\u00e4cherliche Alt-Trullas, Demente, Inkontinente und Moribunde. Nur vor Busenfrei-Offerten sind wir wohl nie gefeit: Nicht lange her, da erhielt ich zwei einschl\u00e4gige Angebote. Hier eines davon. Rollenprofil: Hauswirtin \u00fc60, verf\u00fchrt ihren jungen Mitbewohner (Sexszene, busenfrei). Ich lehne ab. &#8222;Aber Sie sind doch Schauspielerin, da kann man sich das doch nicht aussuchen!&#8220;<\/p>\n<h4><strong>Und nun Corona. Haben wir uns nicht ausgesucht.<\/strong><\/h4>\n<p>Tausende von SchauspielerInnen stehen vor dem Nichts; haben keine M\u00f6glichkeit mehr, auch nur einen Cent zu verdienen, denn auch die Nebenjobs fallen weg, Bettenmachen im Hotel, Workshops, Unterrichten, Kellnern. Nun zeigt sich, was so lange so sorgsam versteckt wurde. Dass die meisten kaum f\u00fcr sechs Wochen R\u00fccklagen haben. Dass viele schon jetzt nicht mehr wissen, wie sie die n\u00e4chste Miete zahlen sollen. \u201eSoforthilfe\u201c, zumindest in Bayern, ja.<\/p>\n<p>Aber wie lange reicht die? Und wie lange wird \u201eCorona\u201c dauern? Und wie viele Theater, Kleintheater, Filmproduktionen und Synchronstudios wird es nach Corona noch geben?<\/p>\n<h4><strong>Schon immer war der Boden, auf dem wir &#8222;Freien&#8220; uns bewegen, d\u00fcnn.<\/strong><\/h4>\n<p>Nun ist die kollektive Katastrophe da. Und sie trifft, wie immer und \u00fcberall, die Frauen am h\u00e4rtesten.<\/p>\n<p>Dass sich die Coronakrise jetzt so verheerend auf die (Solo-) Selbstst\u00e4ndigen und \u201eUnst\u00e4ndigen\u201c auswirkt, liegt auch an der langj\u00e4hrigen Entsozialisierung der Branche; liegt auch an der Agenda 2010 mit ihrem Herz(los)st\u00fcck &#8222;Hartz IV&#8220;.<\/p>\n<p>Anspruch auf &#8222;Arbeitslosengeld&#8220; konnte kaum jemals jemand von uns erwerben. Doch bis 2004 gab es die &#8222;Arbeitslosenhilfe&#8220;. Damit konnten wir berufliche und gesundheitliche Krisen einigerma\u00dfen \u00fcberstehen. Mit \u201eHartz IV\u201c wurde die Arbeitslosenhilfe abgeschafft. Seitdem bleibt den Vogelfreien nur noch Arbeitslosengeld II, kurz ALG II, besser bekannt als &#8222;Hartz IV&#8220;. Wer damit in Verbindung gebracht wird, ist z.B. bei Castern unten durch; zumindest war das bis zur Coronakrise so, denn \u201eHartz IV\u201c war von Anfang an diskreditiert als Almosen f\u00fcr unw\u00fcrdige Schwachmaten.<\/p>\n<h4><strong>Der Antrag mit Anlagen umfasst mehr als 50 Seiten<\/strong><\/h4>\n<p>Die &#8222;Arbeitslosenhilfe&#8220; galt als Lohnersatzleistung. Die Leistung und die Grenzen f\u00fcr Hinzuverdienst und R\u00fccklagen (\u201eSchonverm\u00f6gen\u201c) waren bedeutend h\u00f6her als bei Hartz IV. Und vor allem: Es wurden Rentenbeitr\u00e4ge gezahlt. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Seit 2011 gelten ALG-II-Bezugszeiten nicht mehr als Rentenanwartschaftszeiten. Das hei\u00dft: Wer mehrere Jahre auf Grundsicherung angewiesen ist, wird wohl auch in der Altersarmut landen.<\/p>\n<p>Zigtausende von uns werden demn\u00e4chst einen \u201cAntrag auf Grundsicherung\u201c stellen m\u00fcssen. Der Bundesminister f\u00fcr Arbeit und Soziales stellte \u201evereinfachte Antragsformulare\u201c f\u00fcr die Zeit der Krise in Aussicht. Doch der Antrag, mit Anlagen, umfasst nach wie vor mehr als 50 Seiten (<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/corona-grundsicherung-kuenstler-1.4856790\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">SZ berichtete<\/a>).<\/p>\n<p><em>Ausschnitt aus einer szenischen Lesung von und mit Bettina Kenter-G\u00f6tte:<\/em><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/wX2lqMVv6wQ\" width=\"700\" height=\"400\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<h4><strong>Der monatliche Hartz-IV-Satz betr\u00e4gt derzeit 432 Euro.<\/strong><\/h4>\n<p>Das \u00dcberlebensminimum darf bei Unbotm\u00e4\u00dfigkeit noch immer gek\u00fcrzt werden; um maximal 30 Prozent. Dann bleiben 302,40.<\/p>\n<p>In meinem Landkreis m\u00fcssen 9,9 Prozent der Betroffenen aus dem &#8222;Eckregelsatz&#8220; noch 164 Euro f\u00fcr die Miete abzweigen, die als \u201enicht angemessen\u201c gilt (obwohl g\u00fcnstigere Wohnungen nicht zu finden sind).<\/p>\n<p>Da blieben dann noch 138,40 Euro im Monat zum Leben. Flaschensammeln? Geht nicht mehr. Und die &#8222;Armentafel&#8220;? Die Restetische der Nation sind schon geschlossen. Zu gef\u00e4hrlich. Und Corona-Hamsterk\u00e4ufe f\u00fchrten zu Spendenmangel.<\/p>\n<p>Laut der Malisa-Studie der Kollegin Furtw\u00e4ngler konnten schon vor Corona nur ganze 2 Prozent der Schauspielenden dauerhaft von diesem Beruf leben.<\/p>\n<p>Nun ger\u00e4t die bislang gut versteckte Armut zum GAU.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Millionen Selbstst\u00e4ndige, zwei Millionen Soloselbstst\u00e4ndige in Deutschland, darunter viele aus dem k\u00fcnstlerischen Bereich, stehen vor dem Nichts.<\/p>\n<h4><strong>Warum haben so viele in unserer Branche so lange geschwiegen?<\/strong><\/h4>\n<p>Zu gro\u00df war die (berechtigte!) Angst vor Image- und Jobverlust, vor dem Gang zum Jobcenter, vor unsinnigen &#8222;Ma\u00dfnahmen&#8220; und vor der mittelalterlichen Hungerstrafe namens &#8222;Sanktion&#8220;. Wer mitten im Beruf stand und Familie zu ern\u00e4hren hatte, konnte es sich kaum leisten, den Mund aufmachen. Anderen war es wichtiger, das eigene Sch\u00e4fchen ins Trockene zu bringen und den sch\u00f6nen Schein aufrecht zu erhalten. Roter Teppich, Bussibussi, Promi-Postie vorm Obdachlosenlager. Nur ein #metoo-Selfie vorm Jobcenter, das fand sich nicht auf Instagram. Zu viele, die die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tten, zu sagen, wie katastrophal es f\u00fcr die meisten von uns schon lange war, haben geschwiegen \u2013 nicht nur zu sexuellen \u00dcbergriffen, sondern auch zu der seit langem grassierenden Armut.<\/p>\n<p>Wir brauchen auch ein <strong>#metoo der armutsbetroffenen Freien, vor allem der Frauen<\/strong>, damit klar wird, wie viele wie schwer betroffen sind.<\/p>\n<p>\u201eDas Schweigen ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten k\u00f6nnen\u201c, sagte Roberto Saviano vor zwei Jahren in einem Aufruf an Intellektuelle und Kulturschaffende. Es wurde weiter geschwiegen; nicht nur in Italien.<\/p>\n<p><strong>Nun hat die Coronakrise die Armut auf den Spielplan gesetzt.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Bettina Kenter-G\u00f6tte<\/strong> ist eine deutsche Schauspielerin und bis zur Geburt ihrer Tochter 1981 war sie in deutschen sowie internationalen TV- und Kino-Produktionen zu sehen. Als alleinerziehende Mutter wechselte Kenter-G\u00f6tte in ihren zweiten Beruf. Sie schrieb Synchronb\u00fccher, f\u00fchrte Regie und war Synchronsprecherin. W\u00e4hrend einer langen Erkrankung war sie in den 2000er Jahren auf \u201eHartz IV\u201c angewiesen und k\u00e4mpft seitdem f\u00fcr die Enttabuisierung der Armut, gegen Schikanen und Sanktionen. F\u00fcr ihr B\u00fchnenst\u00fcck \u201eHartz-Grusical\u201c wurde 2011 mit dem Stuttgarter Autorenpreis ausgezeichnet. 2018 erschien ihr Buch \u201eHeart\u2019s Fear\/Hartz IV \u2013 Geschichten von Armut und Ausgrenzung\u201c.<\/em><\/p>\n<p><strong>Heart\u00b4s Fear &#8211; Geschichten von Armut und Ausgrenzung<\/strong><br \/>\n<strong>Buchausgabe 184 Seiten, ISBN: 978 \u2013 3 \u2013 88021 \u2013 494-1 erh\u00e4ltlich beim <a href=\"https:\/\/neuerweg.de\/bucher\/hearts-fear-geschichten-von-armut-und-ausgrenzung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verlag Neuer Weg<\/a><\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbBettina Kenter-G\u00f6tte beschreibt mit ergreifenden und klaren Worten die Unmenschlichkeit eines bestehenden Systems, eine Unmenschlichkeit, die sie selbst erleben musste.\u00ab (Katja Kipping, Die Linke)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1083128 size-large\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Bettina-Kenter-G\u00f6tte-lizenzfrei-El-Portrait-rot-mit-Buch-720x480.jpg\" alt=\"Jetzt steht Armut auf dem Spielplan\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Bettina-Kenter-G\u00f6tte-lizenzfrei-El-Portrait-rot-mit-Buch-720x480.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Bettina-Kenter-G\u00f6tte-lizenzfrei-El-Portrait-rot-mit-Buch-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Bettina-Kenter-G\u00f6tte-lizenzfrei-El-Portrait-rot-mit-Buch-768x513.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Bettina-Kenter-G\u00f6tte-lizenzfrei-El-Portrait-rot-mit-Buch.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bettina Kenter-G\u00f6tte erhebt ihre Stimme gegen die unertr\u00e4glichen Lobpreisungen des hartzgrausigen Sozialabbaus, dessen Folgen bereits \u00fcberall erkennbar sind: Spaltung der Gesellschaft, Niedrigl\u00f6hne, Kinder- und Altersarmut und zunehmende Obdachlosigkeit. 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