{"id":1062429,"date":"2020-03-27T12:15:50","date_gmt":"2020-03-27T12:15:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1062429"},"modified":"2020-03-27T15:01:15","modified_gmt":"2020-03-27T15:01:15","slug":"zsuzsa-ferge-protestbewegungen-haben-in-diesem-land-ungarn-keine-tradition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/03\/zsuzsa-ferge-protestbewegungen-haben-in-diesem-land-ungarn-keine-tradition\/","title":{"rendered":"Zsuzsa Ferge: Protestbewegungen haben in diesem Land (Ungarn) keine Tradition"},"content":{"rendered":"<p><strong>Adrienn Kurucz, eine\u00a0Journalistin der\u00a0<a href=\"https:\/\/wmn.hu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">WMN<\/a> (ungarisches Internetportal), konnte &#8211; gerade mal einige Augenblicke bevor das Thema Corona-Virus in der Medienwelt (und in der gesamten Gesellschaft) zum alleinigen, alles beherrschenden Thema wurde \u2013 ein lang ersehntes Interview mit einer Wissenschaftlerin f\u00fchren, die seit mehreren Jahrzehnten einen erbitterten Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten und unterschiedlichste Formen der Verelendung f\u00fchrt. Ihre Waffen sind die Forschung und das Schreiben.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wenn sie gefragt wird, dann antwortet sie, wie es nur wenige Wissenschaftler verm\u00f6gen: So k\u00f6nnen auch diejenigen, die mit Soziologie nichts am Hut haben, die Zusammenh\u00e4nge zwischen\u00a0Zahlen, komplexen Daten und theoretischen Ans\u00e4tzen erkennen.<\/p>\n<p>Wenn\u00a0<strong>Zsuzsa Ferge<\/strong>\u00a0dar\u00fcber berichtet, dann ist auch die trockenste Wissenschaft auf einmal fesselnd.<\/p>\n<p>Schade, dass Politiker und Politikerinnen nicht genug auf sie h\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong><em>Adrienn Kurucz\/WMN: Im Zuge der Vorbereitung auf dieses Interview dr\u00e4ngte sich mir bei der Durchsicht vergangener Interviews mit Ihnen, beim Betrachten alter Fernsehaufnahmen immer st\u00e4rker die Frage auf: Wie kann eine Wissenschaftlerin ertragen, dass ihre fachlich fundierten und mit Daten belegten Forschungsergebnisse und die daraus resultierenden Erkenntnisse jahrzehntelang ungeh\u00f6rt verhallen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Zsuzsa Ferge:<\/strong> Es gibt unterschiedliche Arten von Wissenschaftlern. Es gibt Forscher, die die Gesellschaft untersuchen, ihre Prozesse analysieren, ohne dass die gewonnenen Erkenntnisse sie zu irgendeinem Handeln motivieren w\u00fcrden. Dies ist h\u00f6chstwahrscheinlich die wissenschaftlichere Herangehensweise, als diejenige, die ich repr\u00e4sentiere: n\u00e4mlich stets auch das zu sehen, wie die Dinge, wie die Welt sein sollte.<\/p>\n<blockquote><p><em>Bei mir vermischen sich die Werte, an die ich glaube mit der Analyse und Untersuchung der Gesellschaft. Bereits bei der Formulierung der Fragestellungen werde ich von Emotionen geleitet &#8211; so ist meine Pers\u00f6nlichkeit.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong><em>A.K\/WMN: Sind Sie Soziologin geworden, um die gesellschaftlichen Prozesse zu verstehen, um ein System in dem Chaos, in das Sie hineingeboren wurden, zu erkennen? Ich denke hier an den Krieg, an den Holocaust, an die verlorenen Verwandten und Kinderjahre, dann an die Zeit des R\u00e1kosi-Regimes \u2026<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zs. F.: Als ich \u201aSoziologin\u2018 wurde wusste ich nicht, dass ich es bin, denn damals gab es in Ungarn dieses Berufsbild, diese Studienrichtung noch nicht. Als Statistikerin wurde ich nach `56 in die Abteilung f\u00fcr Haushaltsstatistik strafversetzt. Dort musste ich mich mit Statistiken \u00fcber den Fleisch- und Perlgraupenverbrauch der ungarischen Haushalte besch\u00e4ftigen. Ich begann mich daf\u00fcr zu interessieren, was man noch alles untersuchen kann. Es gelang mir beispielsweise, eine Frage nach den elterlichen W\u00fcnschen f\u00fcr die berufliche Zukunft ihrer Kinder in den Haushaltb\u00fcchern (Fragekatalog zur Haushaltsf\u00fchrung?) einzuflechten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter konnte man auch\u00a0Fragen im Zusammenhang mit den Einkommensverh\u00e4ltnissen untersuchen. Dies waren schon die ersten Schritte in Richtung Soziologie. Zu jener Zeit hatte dieser Wissenschaftszweig in Polen bereits eine ernsthafte Tradition. Wir haben deshalb einen Kollegen aus Polen in das Statistische Zentralinstitut Ungarns, wo ich gearbeitet habe, eingeladen. Von ihm haben wir die Grundlagen der Soziologie gelernt. Der damalige Ministerpr\u00e4sident Andr\u00e1s Heged\u00fcs hat dann 1963 das Soziologische Forschungsinstitut innerhalb der MTA (Wissenschaftsakademie Ungarn) gegr\u00fcndet, wohin ich sp\u00e4ter wechselte.<\/p>\n<p>Doch um auf Ihre urspr\u00fcngliche Frage zur\u00fcckzukommen: Meine Motivation lag nicht darin, dass ICH, sondern das WIR ALLE die Funktionsweise der Gesellschaft, der gesellschaftlichen Prozesse besser verstehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1065933\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-2-300x200.jpg\" alt=\"Protestbewegungen haben in diesem Land (Ungarn) keine Tradition\" width=\"786\" height=\"524\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-2-720x480.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-2.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 786px) 100vw, 786px\" \/><\/p>\n<p><strong><em>A.K.\/ WMN: Sind Sie ver\u00e4rgert, wenn Sie daran denken, welche M\u00f6glichkeiten die Politiker nach dem Systemwechsel verpasst haben \u2013 oder wenn sie falsche Entscheidungen treffen, obwohl sie von den Wissenschaftlern auf die m\u00f6glichen Folgen ihrer Entscheidungen hingewiesen werden?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zs. F.: Ich versp\u00fcre keine Wut, doch ich blicke voller Sorge in die Zukunft. Ich habe 3 Enkel und 4 Urenkel.<\/p>\n<blockquote><p><em>Wenn die Dinge so weitergehen wie bisher, dann werden sie in einer verarmten, von Hass erf\u00fcllten Gesellschaft leben. <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Bagatellisierung der Umweltprobleme, die Extraktion der Finanzmittel aus dem Gesundheitswesen, aus dem Bildungswesen, aus der Erwachsenenbildung und die von Hass gepr\u00e4gte Kommunikation f\u00fchren dazu.<\/p>\n<p><strong><em>A.K.\/WMN: Woher stammt Ihre Hartn\u00e4ckigkeit? Woher kommt die Kraft immer wieder aufzustehen, weiterzumachen, es nie als \u00fcberfl\u00fcssig zu empfinden in wichtigen Fragen das Wort zu ergreifen?<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em>Seit Ihrer Kindheit stie\u00dfen Sie immer gegen eine Wand, auch Sie waren von den Gr\u00e4ueln des Krieges betroffen, nach dem Krieg wurden Sie dann als junge Intellektuelle wegen Ihrer b\u00fcrgerlichen Abstammung und Ihres Studiums im kapitalistischen Ausland als Spionin angeklagt \u2026<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zs.F.: Diese Frage kann ich nicht beantworten, ich denke, das liegt in meiner Pers\u00f6nlichkeit. Es ist in der Tat so, dass man mich bereits vom Studium und sp\u00e4ter dann mal hier, mal dort ausschlie\u00dfen wollte&#8230; zu meinem Gl\u00fcck habe ich jedoch f\u00fcr 15 Jahre im Statistischen Institut Unterschlupf gefunden. Dessen Leiter hat alle besch\u00fctzt, so auch mich, auch `56, als man mich deportieren wollte.<\/p>\n<p><strong><em>\u00a0A.K.\/WMN: Welche Periode in Ihrem Berufsleben war die schwerste, wann mussten Sie sich am meisten Gedanken machen, ob Sie mit den Machthabern argumentieren oder dies lieber lassen sollten?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zs.F.: Ob ich je Angst hatte? Ja, mein Mann und ich machten uns h\u00e4ufig gro\u00dfe Sorgen, vor allen Dingen wegen unserer Kinder. Wenn ich heute meine alten Schriften anschaue, dann erkenne ich, dass sie sehr vorsichtig formuliert waren. Gelogen habe ich nie, doch vieles habe ich verschwiegen und mein Schreibstil war sanfter, als er eigentlich h\u00e4tte sein sollen. Erst nach `90 habe ich dar\u00fcber nicht mehr nachdenken m\u00fcssen, was ich mit meinen Schriften und Reden riskiere. Allerdings wird die Selbstzensur heutzutage leider wieder aktuell.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1065943\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-3-300x200.jpg\" alt=\"Protestbewegungen haben in diesem Land (Ungarn) keine Tradition\" width=\"842\" height=\"561\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-3-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-3-720x480.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-3.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 842px) 100vw, 842px\" \/><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0A.K.\/WMN: Haben Sie w\u00e4hrend Ihrer Forschungs- und Dienstreisen ins Ausland nie dar\u00fcber nachgedacht, die Freiheit zu w\u00e4hlen und zu emigrieren? Sie sprechen Fremdsprachen und haben, soweit ich wei\u00df, sogar das Gymnasium in Frankreich besucht.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zs.F.: Ja, nach dem Krieg war ich 2 Jahre in einem Kinderheim in Frankreich und habe dort das Gymnasium besucht. Dann sind meine beiden Geschwister und ich teils auf Wunsch unserer Mutter, teils aber weil wir Heimweh hatten, heimgekommen. Auch `56 haben wir erwogen das Land zu verlassen, aber meine Tochter war noch sehr klein und mein Mann und ich dachten, dass wir zu viert nicht losziehen k\u00f6nnen \u2013 also sind wir geblieben. Ob ich es bereue? Aus Sicht der Kinder ja. Sie k\u00f6nnten in einer sichereren, weniger hasserf\u00fcllten Demokratie leben, vielleicht h\u00e4tten sie eine bessere Schulbildung, bessere Lebensperspektiven, aber ansonsten bereue ich es nicht, geblieben zu sein. Wir sind &#8211; wie man zu sagen pflegt &#8211; aus Abenteuerlust hier geblieben.<\/p>\n<p><em><strong>\u00a0A.K.\/WMN: Apropos Bildung \u2026 der neue Nationale Lehrplan (NAT) wurde verabschiedet \u2026 was sagen Sie dazu? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zs.F.: Die diktatorische Verabschiedung dieses von rechtsradikalem Gedankengut durchdrungenen Lehrplanes, der u.a. die ungarische Literatur verh\u00f6hnt, ist ein Albtraum.<\/p>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><strong>Sie sagten einmal, dass bei uns anstelle der Bewahrung der Tradition eine Verzerrung der Erinnerungen erfolgt \u2026<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zs.F.: Diesen Standpunkt vertrete ich zu 100 Prozent. Es wird versucht, unser Bewusstsein in die Horthy-\u00c4ra zur\u00fcckzuversetzen. Und das ist be\u00e4ngstigend, denn wir wissen, wohin jene \u00c4ra das Land gef\u00fchrt hat: <em>Der Weg f\u00fchrte durch Hass zum Krieg.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><\/em><strong><em>Ich zitiere Sie erneut: \u201eWir befinden uns in einer POSTWAHREN Gesellschaft\u201c. Das hei\u00dft, es herrscht zwar ein Informations\u00fcberfluss, doch h\u00e4ufig hat die Information absolut nichts mit der Wirklichkeit zu tun.<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Zs.F.:Die Berichterstattung erinnert mich be\u00e4ngstigend an die R\u00e1kosi-\u00c4ra, als in diesem Land alles nur besser, produktiver wurde. Wir Statistiker konnten anhand interner Daten nachweisen, dass der Lebensstandard tats\u00e4chlich um X Prozent gesunken ist, doch die Zeitungen schrieben, dass dieser um Y Prozent gesteigert wurde.<\/p>\n<p>Die Verzerrung der Erinnerungskultur lebte auch damals von derlei Verzerrungen der Wirklichkeit. Tag f\u00fcr Tag lese ich auch heute die offiziellen Nachrichten der MTI (Ungarische Presseagentur) und bin verdutzt: In diesem Land passiert nur Gutes. Alles, was schlecht, was b\u00f6se ist, passiert im Ausland, kommt aus dem Ausland. Die Gro\u00dfmeister der Manipulation erfinden f\u00fcr uns die Geschehnisse.<\/p>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><strong>Menschen erz\u00e4hlen mir heutzutage h\u00e4ufig, dass es in Ungarn kein Elend, keine Armut g\u00e4be &#8211; wir, die Journalisten, w\u00fcrden Probleme \u00fcbertreiben.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zs.F.: Auch ich h\u00f6re so etwas. Der Grund hierf\u00fcr ist, dass die Armut, das Elend unsichtbar gemacht wurde. Man hat sie aus den Stra\u00dfen, aus den St\u00e4dten gefegt&#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1065953\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-4-300x200.jpg\" alt=\"Protestbewegungen haben in diesem Land (Ungarn) keine Tradition\" width=\"866\" height=\"577\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-4-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-4-720x480.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-4.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 866px) 100vw, 866px\" \/><\/p>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><strong>Unsichtbares Elend, versteckte Armut: So etwas hat man in diesem Land schon einmal erlebt.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zs.F.: Ja, nat\u00fcrlich. Eine der Methoden ist, dass die Politik im Allgemeinen nie \u00fcber Armut, h\u00f6chstens \u00fcber die Beseitigung von Armut redet. Und die Armen ziehen freiwillig oder gezwungenerma\u00dfen in sogenannte Sackgassend\u00f6rfer, dann sind sie unsichtbar. Bereits vor einigen Jahren gab es landesweit mehr als 200 solche D\u00f6rfer. In diesen D\u00f6rfern leben die Menschen \u2013 Roma und Nicht-Roma \u2013 in bitterster Armut.<\/p>\n<p>Auch die Segregation ist eine gute Methode. Fr\u00fcher mussten die Schulen Kinder aus Roma- und Nicht-Romafamilien anteilig zur regionalen Bev\u00f6lkerungsstruktur aufnehmen. Heutzutage hat die Mittelschicht Schulen, die Kinder aus armen Familien ausschlie\u00dfen. Beispielhaft f\u00fcr die Einengung des Wissensstandes ist auch, dass in den Berufsschulen gesellschaftspolitischen F\u00e4chern immer weniger Raum gelassen wird. Und auch die wohnortbezogene Segregation nimmt zu, ebenso die Segregation mit Hilfe des Marktes, etwa durch kostenpflichtige Schulen und durch die von der Regierung gef\u00f6rderte private Gesundheitsvorsorge.<\/p>\n<blockquote><p><em>Wir machen die Armen nicht nur unsichtbar, sondern auch unh\u00f6rbar. Sie sind immer weniger in der Lage, in ihrem eigenen Interessen ihre Stimme zu erheben, zu protestieren. Langsam verlieren sie auch ihre W\u00fcrde. Gef\u00e4hrlicheres kann in einer Gesellschaft nicht passieren.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><strong>Wohin kann das f\u00fchren?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zs.F.: Im Grunde zu einer feudalen Gesellschaft, in der es ein paar Hunderttausend Menschen gibt, die unter guten Lebensumst\u00e4nden leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Die \u00dcbrigen bleiben bei vielen Dingen au\u00dfen vor. Ein echter Staatsb\u00fcrger ist neben seinem Privatleben auch Teilhaber des gesellschaftlichen Lebens und nutzt seine Rechte. Wenn einige Millionen Menschen gleichg\u00fcltig sind und weitere Millionen Menschen aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, dann ist die Gesellschaft gespalten, zerrissen. Ein \u00dcbergang zwischen den beiden Welten ist immer seltener m\u00f6glich.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1065963\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-5-300x200.jpg\" alt=\"Protestbewegungen haben in diesem Land (Ungarn) keine Tradition\" width=\"1125\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-5-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-5-720x480.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-5.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/p>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><\/em><strong><em>Soweit ich wei\u00df, wird die H\u00e4lfte aller Kinder in den \u00e4rmsten Familien geboren, in den unteren 30% der Bev\u00f6lkerung. Das bedeutet, dass jedes zweite Kind in diesem Land keinen Zugang zu einer angemessenen Schulbildung und zur Gesundheitsf\u00fcrsorge hat \u2026<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Zs.F.: Heutzutage ist Kinderarmut bereits h\u00f6her als Altersarmut. Und wenn Kinder in widrigen Umst\u00e4nden aufwachsen, dann hat das ernste Konsequenzen f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Generation.<\/p>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><strong>Und wie steht es mit der alten Generation?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zs.F.: Fr\u00fcher wurden die Renten an die Preis- UND an die Lohnentwicklung gekoppelt, heute nur an die Preisentwicklung. Die Durchschnittsrente liegt gegenw\u00e4rtig bei ca. 70 % des Durchschnittslohnes, das Verh\u00e4ltnis verschlechtert sich und kann in einigen Jahren auf 40 % sinken. Wenn also die Reall\u00f6hne steigen, dann wird sich die Situation der Rentner im Verh\u00e4ltnis zu Berufst\u00e4tigen stetig verschlimmern.<\/p>\n<p>Besondern prek\u00e4r ist die Situation der Schwerbehinderten und der bedingt arbeitsf\u00e4higen Menschen.<\/p>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><\/em><strong><em>K\u00f6nnen zivile Organisationen bei gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten nachhaltig helfen?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Zs.F.: Eine der Funktionen der zivilen Bewegungen ist die Organisation von Gemeinschaften und das Bem\u00fchen um die Verbesserung der Lebensumst\u00e4nde von Menschen und von Gruppen. Eine andere Funktion ist, dem Staat und dem Markt zu signalisieren, dass etwas in ihrer Arbeitsweise nicht stimmt. Sie haben also eine gro\u00dfe, korrigierende Aufgabe in der Gesellschaft. Leider sind sie politischen Einfl\u00fcssen ausgesetzt. Und heutzutage steht die Politik ihnen feindselig gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>In Ungarn ist die Tradition der zivilen Bewegungen sehr schwach ausgepr\u00e4gt, ich w\u00fcrde die Zivilgesellschaft nicht als stark bezeichnen, wobei ihre Existenz unverzichtbar ist.<\/p>\n<p>Wir sehen, dass sie in einzelnen F\u00e4llen erfolgreich agieren, so k\u00f6nnen sie gelegentlich eine Wohnungsr\u00e4umung verhindern. Sie k\u00f6nnen aber die gro\u00dfen gesellschaftsfeindlichen Schritte heutzutage leider nicht verhindern. Sie k\u00f6nnen auf die Stra\u00dfe gehen, demonstrieren, doch die Staatsmacht hat genug Mittel, sie nicht zu f\u00fcrchten, uns nicht zu f\u00fcrchten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1065973\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-6-300x200.jpg\" alt=\"Protestbewegungen haben in diesem Land (Ungarn) keine Tradition\" width=\"860\" height=\"573\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-6-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-6-720x480.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-6.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 860px) 100vw, 860px\" \/><\/p>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><strong>Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Probleme, die am schnellsten gel\u00f6st werden m\u00fcssten?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zs.F.: Die Zerrissenheit der Gesellschaft und der Hass m\u00fcssten zuallererst abgeschw\u00e4cht werden, danach k\u00f6nnte die Armut gemildert werden. Laut Statistik haben Einkommensunterschiede und die Armut in den vergangenen Jahren abgenommen. Doch es gibt zahlreiche gegenl\u00e4ufige Bewegungen. Der Differenzierungsgrad der Einkommen nimmt zu, die Wohlstandsungleichheit w\u00e4chst in den Himmel.<\/p>\n<p>Die Auswertungen der OECD belegen, dass in Ungarn 10 Prozent der wohlhabendsten Haushalte nur 22 % des Gesamteinkommens erhalten, jedoch fast die H\u00e4lfte, n\u00e4mlich 48 % des Gesamtverm\u00f6gens des Landes besitzt.<\/p>\n<p>Und die zentral gelenkte Neuverteilung l\u00e4uft vollkommen gegen ihr selbst gesetztes Ziel.<\/p>\n<blockquote><p><em>Im Prinzip erhebt der Staat Steuern, damit er gesellschaftliche Ungerechtigkeiten mildert. Bei uns jedoch l\u00e4uft sowohl die Erhebung von Steuern, als auch die Verteilung gr\u00f6\u00dftenteils in die entgegengesetzte Richtung, deshalb nenne ich das System pervers.<strong><br \/>\n<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Es existiert nur eine Steuerklasse und wird ab 0 HUF berechnet \u2013 was ein \u201eHungarikum\u201c \u2013 eine typisch ungarische L\u00f6sung &#8211; ist.<\/p>\n<p>So tragen die Armen \u2013 sofern sie \u00fcberhaupt steuerpflichtige Einnahmen haben \u2013 im Verh\u00e4ltnis mehr Steuern als die Reichen. Bei der Verteilung wiederum profitieren Menschen in Lohn und Brot st\u00e4rker als die Armen (Elterngeld, Krankengeld), ja, Besch\u00e4ftigte mit einem Hochschulabschluss k\u00f6nnen sogar einen erh\u00f6hten Satz erhalten. Die Familienbeihilfe f\u00fcr die Bed\u00fcrftigen und das Kleinkindbetreuungsgeld sind seit 2008 unver\u00e4ndert. Es ist w\u00fcrdelos, dass Hilfeleistungen an den sehr niedrigen, seit 2008 unver\u00e4ndert festgeschriebenen Mindestrentensatz von 28.500 HUF gekoppelt sind. Und dann gibt es Versorgungsleistungen, die nur Arbeitnehmer mit h\u00f6herem Einkommen in Anspruch nehmen k\u00f6nnen. Dies sind steuerliche Erleichterungen f\u00fcr Familien oder auch die staatliche Unterst\u00fctzung beim Erwerb von Immobilien. Die staatlich gelenkte Neuverteilung erh\u00f6ht so die Ungleichheit, anstatt sie zu senken.<\/p>\n<p>Um die Armut zu senken, m\u00fcsste man also daf\u00fcr Sorge tragen, dass das Familieneinkommen zumindest das Existenzminimum erreicht. Dieses liegt heute f\u00fcr Einzelpersonen bei 80.000 HUF und bei einer vierk\u00f6pfigen Familie etwa bei 250.000 HUF. Diese Summe kommt nicht einmal bei Arbeitnehmern mit kleinem Einkommen zusammen. Das Statistische Bundesamt (KSH) hat bis 2014 die Zahl der Haushalte mit dem Existenzminimum ausgewiesen, seitdem ver\u00f6ffentlicht es viel zu wenige Daten \u00fcber die Armut. Damit tr\u00e4gt es zur bereits zuvor erw\u00e4hnten Verschleierung der Armut bei. Und es ist ein schlechtes Zeichen, wenn das Statistische Bundesamt feige wird.<\/p>\n<p>Seitdem erheben nur die zivilen Organisationen, die Gewerkschaft oder die Policy Agenda Daten.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen hat das Amt nie Daten dar\u00fcber ver\u00f6ffentlicht, nie gez\u00e4hlt, wie viele Menschen unter dem Existenzminimum leben. Wissenschaftler sch\u00e4tzen ihre Zahl auf etwa 3 Millionen.<\/p>\n<blockquote><p><em>Viele Kinder werden &#8211; wenn sie auch nicht hungern m\u00fcssen &#8211; nicht ausreichend ern\u00e4hrt. Ich sch\u00e4tze die Zahl der Kinder auf 100.000 \u2013 150.00, die Nahrung nicht in ausreichender Menge oder nur unregelm\u00e4\u00dfig Mahlzeiten erhalten. Montags kommen viele Kinder deswegen p\u00fcnktlich in die Schule, weil das im Prinzip vorgeschriebene Schulfr\u00fchst\u00fcck fr\u00fch ausgegeben wird. Die Zahl der qualitativ hungernden Kinder ist erheblich h\u00f6her<\/em><em>.<br \/>\n<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><strong>K\u00f6nnen Digitalisierung, Internet und Smartphones die Ungleichheit in der Gesellschaft mindern? Diese Mittel sind auch in den kleinen D\u00f6rfern verf\u00fcgbar, sie k\u00f6nnen das Lernen unterst\u00fctzen und bei der Aufholjagd helfen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zs.F.: Fr\u00fcher war dies in der Tat eine gro\u00dfe Hoffnung und irgendwie ist es auch das geblieben. Doch auch die IT-Nutzung h\u00e4ngt von der gesellschaftlichen Stellung ab. Damit IT unseren Zielen dient, muss man den Umgang mit IT, mit den elektronischen Medien erlernen. Ohne Hilfe verirren sich die Kinder.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1065983\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-8-300x200.jpg\" alt=\"Protestbewegungen haben in diesem Land (Ungarn) keine Tradition\" width=\"956\" height=\"637\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-8-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-8-720x480.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ferge-zsuzsa-protestbewegungen-ungarn-8.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 956px) 100vw, 956px\" \/><\/p>\n<p><em><strong>A.K.\/WMN: <\/strong><strong>Es ist klar ersichtlich, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft zunimmt. Wohin kann dies Ihrer Meinung nach f\u00fchren?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Zs.F.: Ob sie einmal zu einem explosionsartigen Ausbruch f\u00fchrt? Das kann man nicht vorhersagen, aber die Chancen sind gering. Proteste haben keine Tradition in diesem Land. Es gibt Angst und Resignation.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig wei\u00df man nie, was buchst\u00e4blich der letzte Tropfen im Glas ist, der das Fass zum \u00dcberlaufen bringt. Ich m\u00f6chte nicht orakeln.<\/p>\n<p><em><strong>Von Adrienn Kurucz auf Ungrisch erschienen im\u00a0<a href=\"https:\/\/wmn.hu\/ugy\/52417-ferge-zsuzsa-nincs-hagyomanya-a-tiltakozasnak-ebben-az-orszagban?fbclid=IwAR2SGMKAT0VyLXDKN2WFkH9sYuwFozIzZ5OUVfUdztdJH6CsigXlw34Xh9A\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">WMN <\/a>Magazin, \u00dcbersetzung aus dem Ungarischen von Ferenc H\u00e9jjas<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong>Alles Fotos von\u00a0Chripk\u00f3 Lili\/WMN<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adrienn Kurucz, eine\u00a0Journalistin der\u00a0WMN (ungarisches Internetportal), konnte &#8211; gerade mal einige Augenblicke bevor das Thema Corona-Virus in der Medienwelt (und in der gesamten Gesellschaft) zum alleinigen, alles beherrschenden Thema wurde \u2013 ein lang ersehntes Interview mit einer Wissenschaftlerin f\u00fchren, die&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1014,"featured_media":1065923,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9150,9142,9143,9169],"tags":[53081,29502,15792],"class_list":["post-1062429","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europa-de","category-interviews-de","category-meinungen","category-wissenschaft-und-technologie","tag-protestbewegung","tag-soziologie","tag-ungarn"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.1.1 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zsuzsa Ferge: Protestbewegungen haben in diesem Land (Ungarn) keine Tradition<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Protestbewegungen haben in diesem Land (Ungarn) keine Tradition. 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