{"id":104981,"date":"2014-05-03T18:54:50","date_gmt":"2014-05-03T17:54:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=104981"},"modified":"2014-05-04T07:50:53","modified_gmt":"2014-05-04T06:50:53","slug":"montagsmahnwachen-tahrir-oder-teaparty","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2014\/05\/montagsmahnwachen-tahrir-oder-teaparty\/","title":{"rendered":"Montagsmahnwachen: Tahrir oder Teaparty?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit circa sechs Wochen gibt es die so genannten Montagsdemos. Sie sind Mahnwachen f\u00fcr den Frieden, es wird aber auch f\u00fcr ausgewogenere Medienberichterstattung und gegen den internationalen Finanzkapitalismus protestiert. Die Mahnwachen finden in mehreren deutschen St\u00e4dten statt und haben erstaunlich viel Zulauf, stehen aber unter harscher Kritik vor allem linker Gruppierungen und unter Beschuss der Medien. Folgender Bericht, geschrieben von <a title=\"pedram-shahyar.org\" href=\"http:\/\/www.pedram-shahyar.org\">Pedram Shahyar<\/a>, einem langj\u00e4hrigen linken Aktivisten und Beobachter von Protestbewegungen weltweit, stellt auf ausgewogene Art die Situation dar. Er ist auch <a title=\"montagsmahnwachen-tahrir-oder-teaparty\" href=\"http:\/\/pedram-shahyar.org\/2014\/04\/montagsmahnwachen-tahrir-oder-teaparty.html?spref=fb\">hier<\/a>\u00a0auf seiner Webseite zu finden.<\/strong><\/p>\n<p>Es war eine Freundin aus Pankow, die mich zum ersten Mal auf die Montagsmahnwachen aufmerksam gemacht hat. Sie hat mit aktiver Politik nichts am Hut, sympathisiert mit den Linken und wollte \u201ejetzt unbedingt was f\u00fcr Frieden machen in diesen Zeiten\u201c. Wie auch allen anderen linken Freunden von mir, waren diese Aktionen v\u00f6llig an mir vorbeigegangen. Als ich nach dem Ort und der Zeit recherchierte, weil sie mich darum bat, stie\u00df ich auf die Warnung meiner Organisation Attac vor diesen \u201eneurechten Demos\u201c.<\/p>\n<p>Ich war skeptisch als ich das las. Ich trage n\u00e4mlich ein politisches Trauma mit mir: das von den Montagsdemos gegen Hartz 4 im Jahre 2004. Damals war ich als Koordinator von Attac schnell mittendrin in dieser ersten echten sozialen Bewegung zu dieser sozialen Frage, die ich erleben durfte. Aber die meisten meiner Mitstreiter\/innen blieben der Sache fern.<\/p>\n<p>Die Nazis versuchten \u00fcberall in den Demos Fu\u00df zu fassen, hier und da solidarisierten sich sogar die Demonstrant\/innen mit den Kameradschaften. In den offenen B\u00fchnen wurden zum Teil die wirrsten Gedanken ge\u00e4u\u00dfert, abstruse Zinskritiker flyerten kleinere Versammlungen voll und stie\u00dfen nicht selten auf Zustimmung. Die maoistische Gruppe der MLPD bestimmte am Anfang die Demos in Berlin mit einem abstrusen Kurs und es brauchte sehr viel M\u00fche, ihnen die Kontrolle \u00fcber die Demos zu entrei\u00dfen. Die meisten Linken konnten damals vor allem kulturell mit den Demonstrant\/innen wenig anfangen \u2013 sie kamen aus einer anderen Schicht, sprachen eine andere Sprache. So blieben wir wenige Linke, die diese gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte neoliberale Projekt wirklich ernst nahmen und sich voll hinein begaben. Wir verloren diesen Kampf gegen die rot-gr\u00fcne Regierung, aber es gelang, die Montagsdemos f\u00fcr einen progressiven Geist zu gewinnen und dadurch das gesellschaftliche Klima massiv zu beeinflussen. In vielen kleineren Orten lebten die Initiativen noch Jahre lang weiter und das Engagement bl\u00fchte f\u00f6rmlich auf. Aber dieses Gef\u00fchl der Vereinsamung an einem entscheidenden historischen Moment hat mich politisch gepr\u00e4gt. Ich tat vieles danach, damit sich das bei den aktivistischen Linken nicht wiederholt, und ich dachte wir sind weiter.<\/p>\n<p>Nach dieser Vorgeschichte und als ich erfuhr, dass auch noch J\u00fcrgen Els\u00e4sser am letzten Montag in Berlin spricht, musste ich mir von meiner Sp\u00e4tschicht frei nehmen und bin hin gegangen, um mir das Ganze mal mit einem kritischen Auge anzuschauen. Das, was ich dort sah, passte \u00fcberhaupt nicht zu den warnenden Stimmen, die ich in meinem Umfeld geh\u00f6rt hatte. Die Menge war vom Bild her \u00e4hnlich dem, was auch damals auf den Montagsdemos 2004 war: sehr gemischtes Publikum, meistens Leute, die noch nie auf Demonstrationen waren. Die einzigen Transparente zitierten Gandhi, Brecht und Hessel: \u201eEmp\u00f6rt Euch\u201c. Klar, ich sah auch Gruppen aus der Neonazi-Szene und auch den Chef von NPD in Berlin. Sie kommen immer, wenn eine Bewegung von \u201eeinfachen Leuten\u201c losgeht, wo sie sich unerkannt erstmal sicher f\u00fchlen k\u00f6nnen. Aber die Reden und auch das Beifallverhalten zeugten auf keinem Fall von einem rechten Geist. Ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p>Ich habe mir die Gesichter angeschaut, w\u00e4hrend ich die Reden von Lars M\u00e4hrholz und J\u00fcrgen Els\u00e4sser verfolgte. Nein, ganz klar es ist kein rechtsgerichteter Hass hier zu sp\u00fcren. Es ist eine Wut gegen \u201edie da Oben\u201c oder die \u201egleichgeschaltete Presse\u201c, ein gro\u00dfes Selbstbewusstsein \u00fcber die Bewegung, die man gerade startet. Wenn diese Kundgebung einen \u201eFrame\u201c hat, also eine Deutung von sich selbst, dann ist das eine Mischung aus Friedensbewegung und Occupy. Man kann dieser Menge Naivit\u00e4t vorwerfen, wie jeder Bewegung, die von Leuten kommt, die sich neu politisieren. Ich habe in den gro\u00dfen Revolten auf dem Tahrir, in Madrid und im Gezi-Park in Istanbul auch viel Naivit\u00e4t gesp\u00fcrt \u2013 eine hoffnungsvolle Naivit\u00e4t ist der zynischen Besserwissermentalit\u00e4t von Depressiven immer vorzuziehen.<\/p>\n<p><b>Imperialismus, Kapitalismus und Obskurantismus<\/b><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Abend sitze ich mit Aktivisten dieser Bewegung in einer Kneipe. Wir sind uns in vielen Fragen einig. Dass man Rassist\/innen bek\u00e4mpfen muss und auch den Antisemitismus. \u00dcber Familienpolitik werden wir uns nicht einig, archaische Bilder von heiler Natur, pr\u00e4-zivilisatorische Wunschtr\u00e4ume von Nat\u00fcrlichkeit und Authentizit\u00e4t werden ge\u00e4u\u00dfert, die mit meiner boh\u00e8men, hedonistischen Lebensphilosophie aber nun gar nicht vereinbar sind. Aber solange man die Homosexuellen respektiert, muss ich mit dem Familienbild von Menschen nicht \u00fcbereinstimmen, um mit ihnen gegen Krieg und kapitalistische Ausbeutung k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Viel Esoterisches liegt in der Luft, aber auch die Erz\u00e4hlung von \u201eTruthern\u201c, die satanistische Verschw\u00f6rungen an den zentralen Machtstellen zu enttarnen w\u00fcssten, versetzten mich in ein tiefes Staunen. Naivit\u00e4t wird hier obskur, aber es ist m\u00f6glich den Dialog fortzuf\u00fchren. Ich weise auf die Rolle von Staaten im imperialen System hin, und die Verwobenheit von Staat und Finanzkapital, auf die Netzf\u00f6rmigkeit der Macht, die kein Zentrum mehr besitzt, aber hierarchische Ordnungen, wo der US-Staat und die NSA nat\u00fcrlich eher oben zu verorten sind, wo aber auch die Rolle der Europ\u00e4ischen Zentralbank EZB nicht zu untersch\u00e4tzen sei. Mein Gegen\u00fcber denkt nach, wir werden uns nicht einig, aber h\u00f6ren uns zu.<\/p>\n<p><b>Anti-imperiale Souver\u00e4nit\u00e4t und der neurechte Diskurs<\/b><\/p>\n<p>Diese Bewegung organisiert sich ausschlie\u00dflich \u00fcber das Internet. W\u00e4hrend ich \u00fcber die Osterm\u00e4rsche nichts aber auch gar nichts in Facebook finden konnte, hat die Gruppe Anonymous, eine der Seiten, die hierzu aufruft, \u00fcber 400.000 Follower. Und in der Tat, hier entdeckt man immer wieder Versatzst\u00fccke von dem, was einen neurechten Diskurs ausmacht. In einem Beitrag ist von \u201eDeutschfeinden\u201c die Rede, der \u201eAmerikanisierung der Kultur\u201c und dass Deutschland sowieso noch besetzt sei. Die Basis dieser neurechten Ideologie ist der Diskurs \u00fcber Souver\u00e4nit\u00e4t, den J\u00fcrger Els\u00e4sser systematisch und zugespitzt f\u00fchrt. Deutschland sei kein souver\u00e4ner Staat, und m\u00fcsse sich vom Joch der USA befreien, so hier die Argumentation, und das wiederum brauche eine St\u00e4rkung des nationalen Bewusstseins und St\u00e4rke. Geopolitisch zielt er auf das Herausbrechen der BRD aus dem westlichen Block und eine Hinwendung zu den autorit\u00e4ren Regimen in Russland und China, um die Dominanz der USA zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>Insbesondere nach der NSA-Aff\u00e4re haben wir ein berechtigtes und gro\u00dfes gesellschaftliches Unbehagen \u00fcber das offensichtlich imperiale Verhalten der USA und das sklavische Ducken der Bundesregierung. Das Gef\u00fchl, Deutschland sei ein Vasall der USA, ist weit verbreitet und trifft auch geopolitisch einen wahren Kern. Els\u00e4sser und Co. vertreten hier eine Querfrontstrategie, indem sie bewusst\u00a0 mit rassistischen Projekten (Hochfeiern von Sarrazin, Hetze auf Sinti und Roma etc.) das rechte nationalistische Unbehagen \u00fcber die \u201enationale Schw\u00e4che\u201c der BRD bedienen und st\u00e4rken. Dies ist ein oberfl\u00e4chlich anti-imperialer Jargon, der als anti-amerikanischer Nationalismus in der Losl\u00f6sung von den USA eine Forcierung und Entfesslung des deutschen Imperialismus versucht.<\/p>\n<p>Die inhaltliche Verbindung des Imperialismus mit dem Finanzsystem wird in dem Moment nazistisch, wenn Verschw\u00f6rungstheorien antisemitische Z\u00fcge entwickeln. Dies l\u00e4uft vor allem in der Debatte \u00fcber die Rolle der Federal Reserve Bank FED. So sehr Kritik an FED berechtigt ist, und Kriege wie im Irak 2003 auch w\u00e4hrungspolitisch motiviert sein k\u00f6nnen: der Ansatz, der FED liege eine Verschw\u00f6rung zu Grunde (vorwiegend von j\u00fcdischen Finanziers), die die Welt in den Krieg und Abgrund ziehen wolle, ist nicht nur faktischer Unsinn und Hokuspokus, sondern klar in der Linie des nationalsozialistischen pseudo-Antikapitalismus.<\/p>\n<p>Es ist vollkommen ungerechtfertigt, diffamierend und voreingenommen, der Mehrheit der Demonstrant\/innen auf den Mahnwachen solch ein nazistisches Weltbild zu unterstellen. Der pauschale Vorwurf, alle Verschw\u00f6rungstheorien seien (strukturell) antisemitisch und das Bild dieser Leute w\u00e4re hermetisch geschlossen, ist nicht nur eine Verharmlosung des Antisemitismus, sondern zeugt von einer Geste der politischen Kapitulation. Sorry, auch wenn ich fast Pickeln bekomme wenn ich mich solchen Debatte aussetze, aber esoterisch zu sein oder an geheime Logen zu glauben, oder daran, dass die Amerikaner selber den 9.11. veranstaltet haben, das macht noch keinen Neurechten!<\/p>\n<p>Was der Kern der Organisatoren der Mahnwachen f\u00fcr eine Strategie verfolgt, ist noch unklar (wenn sie \u00fcberhaupt eine koh\u00e4rente Strategie besitzen). Sie haben oft genug sich von der rechten Zuschreibung distanziert und den multi-ethnischen und friedlichen Charakter der Mahnwachen betont. Der solidarische Ton in einigen Reden gegen\u00fcber den Menschen in s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern (insbesondere bei M\u00e4hrholz) zeugt nicht gerade von einem rechts-chauvinistischen Diskurs.<\/p>\n<p>Auch Els\u00e4sser war am letzten Montag deutlich bem\u00fcht, keine offene Flanke nach Rechts zu zeigen, ganz im Gegenteil blinkte er bei seiner Rede heftig nach links und stellte klar, dass seine Gegner multi-religi\u00f6s seien. Dennoch war es ein verheerendes Signal, dass er als Redner hier auftrat, jemand, der in seiner j\u00fcngeren Geschichte zu viele reaktion\u00e4re Man\u00f6ver abgezogen hat und in der Verteidigung von Ahmadinedschad oder bei der Hetze auf Sinti und Roma sogar einen faschistoiden Ton traf. Dass auch Ken Jebsen, dessen Reden auf den Mahnwachen astrein sind (die organisierten Linken sollten sich da wirklich ein St\u00fcck abschneiden), f\u00fcr Els\u00e4ssers Compact-Magazin schreibt, dass z.B. Thilo Sarrazin hochfeiert, gibt Grund f\u00fcr gro\u00dfer Skepsis gegen\u00fcber dem organisatorischen Kern dieser Mahnwachen.<\/p>\n<p><b>Linker Abstentionismus: die selbstzufriedene Kapitulation<\/b><\/p>\n<p>Dennoch: die Mehrheit der Menschen auf den Mahnwachen sind dort, weil sie zurecht besorgt sind um den Frieden in Europa. Diese Sorge ist real, die Nato eskaliert gegen den Osten und Russland sucht seine alte imperiale St\u00e4rke. \u00a0Die traditionelle Friedensbewegung und die Linken haben es vers\u00e4umt ein eigenes Aktionsangebot f\u00fcr diese Menschen zu machen. W\u00e4hrend die radikale Linke zur Abwechselung mit sich selbst besch\u00e4ftigt ist und die parlamentarische Linke im Wahlkampf steckt, formiert sich hier eine Bewegung, deren Potenziale und Ausgang nat\u00fcrlich noch offen sind. Aber egal wie sich diese Bewegung entwickelt, wir m\u00fcssen auf die Menschen auf diesen Pl\u00e4tzen zugehen, die Kundgebungen st\u00e4rken und den Dialog suchen. Immer, wenn eine wirklich gesellschaftliche Bewegung entsteht, werden wir harte Auseinandersetzungen f\u00fchren m\u00fcssen. Da wo es keine Grundsatzdiskussionen gibt, bewegen wir uns in unserem eigenem Zirkus. Auf dem Tahrirplatz in Kairo erlebte ich w\u00e4hrend der Kampftage gegen die Polizei massive \u00dcbergriffe einiger Demonstranten auf Frauen. Ich sah, wie im salafistischen Block (ja sie waren fast immer dabei, direkt neben den linken und liberalen) ein junges Paar auf dem Platz verpr\u00fcgelt wurde, weil sie angeblich im Zelt H\u00e4ndchen gehalten hatten. Meine Mitstreiter kamen nie auf die Idee, deswegen den Platz zu verlassen oder zu verteufeln. Sie begaben sich in die Auseinandersetzungen, die sie oft nicht gewinnen konnten, aber sie versuchten es.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, was aus diesen Mahnwachen wird. Wenn der Konflikt in der Ukraine eskaliert, k\u00f6nnen sie eine gro\u00dfe Dynamik entwickeln. Es kann genauso sein, dass sie in 2-3 Wochen ihr Momentum verlieren. Es kann aber auch sein, insbesondere wenn die linken Kr\u00e4fte der Sache fernbleiben, dass sich wirklich ein neurechter Diskurs durchsetzt und wir eine deutsche Variante von der \u201eTea-Party\u201c bekommen, also eine rechtsgerichtete soziale Bewegung, die Teile der Wut gegen das Establishment kanalisiert. Aber unabh\u00e4ngig davon, wenn wir nicht lernen, mit Menschen, die anders ticken, die wirklich anders ticken und nicht unsern Jargon bedienen, in Ruhe, mit Respekt und \u00fcberzeugend zu diskutieren, dann habe ich Angst davor, wenn eines Tages wirklich die gro\u00dfe Krise kommt.<\/p>\n<p>Pedram Shahyar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit circa sechs Wochen gibt es die so genannten Montagsdemos. Sie sind Mahnwachen f\u00fcr den Frieden, es wird aber auch f\u00fcr ausgewogenere Medienberichterstattung und gegen den internationalen Finanzkapitalismus protestiert. 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