{"id":1044001,"date":"2020-02-26T16:51:44","date_gmt":"2020-02-26T16:51:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1044001"},"modified":"2020-02-26T16:52:38","modified_gmt":"2020-02-26T16:52:38","slug":"wie-die-schwedischen-behoerden-die-vergewaltigungsanzeige-gegen-julian-assange-faelschten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/02\/wie-die-schwedischen-behoerden-die-vergewaltigungsanzeige-gegen-julian-assange-faelschten\/","title":{"rendered":"Wie die schwedischen Beh\u00f6rden die Vergewaltigungsanzeige gegen Julian Assange f\u00e4lschten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dank der Recherchearbeit und der Hartn\u00e4ckigkeit des Uno-Sonderberichterstatters f\u00fcr Folter, Nils Melzer, gelangt allm\u00e4hlich die Wahrheit an die \u00d6ffentlichkeit.<\/strong><\/p>\n<p>Zu den erfolgreichsten in Umlauf gesetzten Fake-News des vergangenen Jahrzehntes geh\u00f6rt, wie jetzt offenbar wird, die Erz\u00e4hlung, zwei Frauen h\u00e4tten im August 2010 bei der schwedischen Polizei gegen Julian Assange Anzeige wegen Vergewaltigung erstattet, und der Wikileaks-Gr\u00fcnder h\u00e4tte sich anschlie\u00dfend durch Flucht nach England der schwedischen Justiz entzogen.Wer sich nur anfangs von all diesen als gesichert hingestellten Geschichten t\u00e4uschen hat lassen, war Nils Melzer, der Uno-Sonderberichterstatter f\u00fcr Folter. Der Vorteil des Schweizers: Er spricht flie\u00dfend Schwedisch, und war darum in der Lage, Einsicht in die Originaldokumente zu nehmen. Und da zeigte sich zu seinem Erstaunen: der Ablauf der Ereignisse war ein ganz anderer.<\/p>\n<h4><strong>Aussagen einer Frau umgeschrieben<\/strong><\/h4>\n<p>Tats\u00e4chlich war \u2013 so Melzer k\u00fcrzlich in einem <a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/2020\/01\/31\/nils-melzer-spricht-ueber-wikileaks-gruender-julian-assange\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">gro\u00dfen Interview mit dem Schweizer Online-Magazin \u201eRepublik\u201c<\/a>, auf das ich mich in der Folge beziehe \u2013 eine der beiden Frauen, die von der anderen lediglich begleitet wurde, entsetzt, als die Polizisten vor ihren Augen begannen, aus ihren Aussagen eine Vergewaltigungsanzeige zu konstruieren. Sie hatte, wie sie auch immer wieder betonte, g\u00e4nzlich einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit Assange und suchte die Beh\u00f6rden lediglich auf, um sich zu erkundigen, ob es m\u00f6glich w\u00e4re, ihn nachtr\u00e4glich dazu zu verpflichten, sich einem Aids-Test zu unterziehen. Sobald sie bemerkte, dass die Polizei damit begann, etwas ganz anderes daraus zu machen, brach sie schockiert die Befragung ab und verlie\u00df das Wachzimmer. Trotzdem erschien bereits wenige Stunden sp\u00e4ter in der schwedischen Boulevardpresse gro\u00df die Schlagzeile: Julian Assange der zweifachen Vergewaltigung beschuldigt.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang liegt Melzer ein ganz besonders brisantes Dokument vor: Eine E-Mail des Vorgesetzten der einvernehmenden Polizistin mit der Anweisung an sie, das Vernehmungsprotokoll richtiggehend umzuschreiben. Hintergrund war offenbar die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft schon daran war, das Verfahren einzustellen, da die Aussagen der betroffenen Frau unzureichend f\u00fcr eine Anklage wegen Vergewaltigung waren.<\/p>\n<p>Da der urspr\u00fcngliche Wortlaut des Dokuments am Computer \u00fcberschrieben wurde, kann er zwar nicht mehr rekonstruiert werden. Jedoch kann sein Inhalt aus der urspr\u00fcnglichen Reaktion der Staatsanwaltschaft hinreichend vermutet werden: Denn die stellte laut Melzer fest, \u201edie Aussagen von S. W. seien zwar glaubw\u00fcrdig, doch g\u00e4ben sie keinerlei Hinweise auf ein Delikt.\u201c<\/p>\n<p>Dazu passt auch, dass noch auf der Polizeistation die Frau an eine Freundin eine SMS sendete: Sie habe den Eindruck, der Polizei gehe es nur darum, Assange \u201ein die Finger zu kriegen\u201c.<\/p>\n<h4><strong>Die Anzeige der zweiten Frau<\/strong><\/h4>\n<p>Eine undurchsichtige Rolle spielt dabei die zweite Frau, die anfangs lediglich als Begleitung fungierte. Sie hat Melzer zufolge nicht nur der ersten Frau vorgeschlagen, zur Polizei zu gehen, sondern sie auch auf jene Wachstube hindirigiert, wo eine Freundin von ihr Dienst machte. Diese war dieselbe Person, die dann \u2013 und bereits das war ein rechtlich inkorrektes Vorgehen \u2013 die Einvernahme machte. Sp\u00e4ter erledigte diese befreundete Polizistin auch die F\u00e4lschung des Dokuments.\/event\/830197\/christian-schacherreiter-lugenvaters-kinder<\/p>\n<p>Erst einen Tag nach der Einvernahme der ersten Frau machte jedoch die zweite Frau ihre eigene Aussage und berichtete, dass Assange gegen ihren Willen ungesch\u00fctzt mit ihr geschlafen habe. Das w\u00e4re in der Tat den schwedischen Gesetzen zufolge gleichbedeutend mit einer Vergewaltigung. Melzer weist allerdings auf Widerspr\u00fcche in der Aussage hin. Betrachten wir au\u00dferdem einmal die Chronologie: Bizarrerweise berichteten die schwedischen Medien also bereits von einer Doppelvergewaltigung, bevor diese zweite Frau \u00fcberhaupt ihre Aussage gemacht hatte.<\/p>\n<h4><strong>Wie Assange sich der schwedischen Justiz zu stellen versuchte<\/strong><\/h4>\n<p>Als eindeutig unwahr stellt sich dank der Recherchen Melzers die Behauptung heraus, der Wikileaks-Gr\u00fcnder h\u00e4tte sich systematisch der schwedischen Justiz entzogen. Melzer: \u201eDas Gegenteil ist der Fall. Assange hat sich mehrfach bei den schwedischen Beh\u00f6rden gemeldet, weil er zu den Vorw\u00fcrfen Stellung nehmen wollte. Die Beh\u00f6rden wiegelten ab.\u201c<\/p>\n<p>Dank der Recherchearbeit und der Hartn\u00e4ckigkeit des Uno-Sonderberichterstatters f\u00fcr Folter, Nils Melzer, gelangt allm\u00e4hlich die Wahrheit an die \u00d6ffentlichkeit.Melzer weiter: \u201eDie schwedischen Beh\u00f6rden waren an der Aussage von Assange nie interessiert. Sie lie\u00dfen ihn ganz gezielt st\u00e4ndig in der Schwebe.\u201c Dadurch hatten sie ihn aber auch in der Hand. Melzer: \u201eStellen Sie sich vor, Sie werden neuneinhalb Jahre lang von einem ganzen Staats\u00adapparat und von den Medien mit Vergewaltigungs\u00advorw\u00fcrfen konfrontiert, k\u00f6nnen sich aber nicht verteidigen, weil es gar nie zur Anklage kommt.\u201c<\/p>\n<p>Dank der Recherchearbeit und der Hartn\u00e4ckigkeit des Uno-Sonderberichterstatters f\u00fcr Folter, Nils Melzer, gelangt allm\u00e4hlich die Wahrheit an die \u00d6ffentlichkeit.Den beiden Frauen wurde ein Rechtsvertreter zuerkannt, der \u201ezuf\u00e4lligerweise\u201c der Kanzleipartner des ehemaligen Justizministers Thomas Bodstr\u00f6m war. Bodstr\u00f6m pflegte ein besonders vertrauliches Verh\u00e4ltnis zu den USA und arbeitete eng mit der CIA zusammen. Indessen bat Assange darum, das Land verlassen zu d\u00fcrfen, und erhielt auch eine schriftliche Einwilligung daf\u00fcr von der Staatsanwaltschaft. Kaum hatte Assange aber Schweden verlassen, wurde der Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. England mischt sich ein<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Flugs nach Berlin verschwanden \u00fcberdies seine Laptops aus seinem eingecheckten Gep\u00e4ck. Scandinavian Airlines verweigerte dazu jede Auskunft. Der Wikileaks-Gr\u00fcnder reiste weiter nach London, auch von dort aus bot er weiterhin der schwedischen Justiz seine Zusammenarbeit an. Bis er Wind von einem m\u00f6glichen Komplott gegen ihn bekam. Melzer: \u201eAb jetzt sagt sein Anwalt: Assange sei bereit, in Schweden auszusagen, aber er verlange eine diplomatische Zusicherung, dass Schweden ihn nicht an die USA weiterausliefere.\u201c Die Schweden weigerten sich allerdings beharrlich, eine solche Zusicherung zu geben.<\/p>\n<p>Gleichzeitig jedoch war es rechtlich schwierig f\u00fcr die schwedische Justiz, das Verfahren jahrelang in Schwebe zu halten, ohne es entweder einzustellen oder Anklage zu erheben. Nun mischte sich \u2013 ungew\u00f6hnlicherweise \u2013 die britische Justiz ein, um eine Einstellung des Verfahrens zu verhindern.<\/p>\n<p>Melzer: \u201eJa, die Engl\u00e4nder, namentlich der Crown Prosecution Service, wollten die Schweden unbedingt davon abhalten, das Verfahren einzustellen. Dabei m\u00fcssten die Engl\u00e4nder doch eigentlich froh sein, wenn sie nicht mehr f\u00fcr Millionen an Steuer\u00adgeldern die Botschaft Ecuadors \u00fcberwachen m\u00fcssten, um Assanges Flucht zu verhindern.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Warum die USA Assange f\u00fcrchten<\/strong><\/h4>\n<p>Der Hintergrund all dieser bizarr anmutenden Vorf\u00e4lle liegt f\u00fcr Melzer auf der Hand. Er verweist darauf, dass Assange zum damaligen Zeitpunkt gerade dabei war, systematisch schwere Kriegsverbrechen der Amerikaner \u00f6ffentlich zu machen, in Zusammenarbeit mit der \u201eNew York Times\u201c, dem \u201eGuardian\u201c und dem \u201eSpiegel\u201c. Erst wenige Monate zuvor, im April 2010, hatte Wikileaks das sogenannte \u201eCollateral Murder\u201c-Video ver\u00f6ffentlicht, das der Organisation von der amerikanischen Whistleblowerin Chelsea Manning zugespielt worden war. Es zeigt, wie Angeh\u00f6rige der amerikanischen Streitkr\u00e4fte in Bagdad unter Gel\u00e4chter vom Hubschrauber aus Menschen niederm\u00e4hen, darunter zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Auch auf Verwundete, auf jemanden, der ihnen zu Hilfe kommen will, und auf Kinder wird dabei gefeuert.<\/p>\n<p>Gegen keinen der Soldaten wurde ein Strafverfahren er\u00f6ffnet. In der Folge erging stattdessen von den USA die Direktive an alle verb\u00fcndeten Staaten, den Wikileaks-Gr\u00fcnder von nun an mit allen nur erdenklichen Strafverfahren zu \u00fcberziehen.<\/p>\n<p>Falls Assange tats\u00e4chlich an die USA ausgeliefert wird, erwartet ihn dort nach Melzers Einsch\u00e4tzung kein rechtsstaatliches Verfahren. Er wird vor den ber\u00fcchtigten \u201eEspionage Court\u201c kommen, von dem nie ein Mensch freigesprochen worden ist, und die Verhandlung wird unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit sowie aufgrund geheimer Beweismittel vonstattengehen. Assange drohen dabei 175 Jahre Gef\u00e4ngnis. Melzer stellt einen Vergleich an: Keiner der Kriegsverbrecher des jugoslawischen B\u00fcrgerkriegs sei zu mehr als 45 Jahren verurteilt worden.<\/p>\n<h4><strong>Wie sich Journalisten t\u00e4uschen lie\u00dfen<\/strong><\/h4>\n<p>Dass das alles nun allm\u00e4hlich an die \u00d6ffentlichkeit kommt, ist weniger der T\u00fcchtigkeit der Medien zu verdanken \u2013 die sich im Gegenteil lange weigerten, Melzers Rechercheergebnisse zur Kenntnis zu nehmen \u2013 als dessen Hartn\u00e4ckigkeit und der unerm\u00fcdlichen T\u00e4tigkeit diverser Aktivisten sowie der Tatsache, dass es diesen gelang, auch Prominente f\u00fcr Demonstrationen, Solidarit\u00e4tskundgebungen, Unterschriftenaktionen und Aufrufe zur Freilassung von Assange ins Boot zu holen.<\/p>\n<p>War die Presse n\u00e4mlich anf\u00e4nglich von Assange und Wikileaks durchaus angetan gewesen, so war das in die Welt gesetzte Vergewaltigungs-Narrativ auch hier durchaus erfolgreich gewesen: Man nahm unbesehen an, dass es damit schon seine Richtigkeit habe, und brachte in der Folge \u00fcber viele Jahre lang dem Schicksal des in die ecuadorianische Botschaft in London gefl\u00fcchteten Wikileaks-Gr\u00fcnders eine gewisse Gleichg\u00fcltigkeit entgegen.<\/p>\n<p>Allzu bereitwillig lie\u00df man sich nun auch von den Argumenten der Amerikaner bet\u00f6ren: Assange sei gar kein ordentlicher Journalist, er habe durch seine Ver\u00f6ffentlichungen Menschen in Gefahr gebracht, und er sei ein Komplize Putins. Auch diese Vorbehalte gegen\u00fcber Assange stellen bei n\u00e4herem Hinsehen jedoch nur eine Variante des von Melzer beschriebenen Ablenkungsman\u00f6vers dar, gerade denjenigen, der Kriegsverbrechen aufgedeckt hat und an dem darum Verbrechen begangen werden, selbst als Verbrecher zu brandmarken und so den eigentlichen Skandal aus der Wahrnehmung zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Anders als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen fand wenigstens eine Korrespondentin der deutschen \u201etaz\u201c zu deutlichen Worten der Selbstkritik: <a href=\"https:\/\/taz.de\/Pressefreiheit-in-Gefahr\/!5658727\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Bettina Gaus r\u00e4umt mittlerweile ein<\/a>, dass auch sie auf das in der \u00d6ffentlichkeit verbreitete Bild der Ereignisse hereingefallen sei, ohne es je zu hinterfragen. Allm\u00e4hlich wendet sich das Blatt. Und auch wenn die Organisation \u201eReporter ohne Grenzen\u201c sich weiterhin ziert, Assange ausdr\u00fccklich als \u201eJournalisten\u201c zu bezeichnen, anstatt ihm blo\u00df eine \u201ejournalismus\u00e4hnliche T\u00e4tigkeit\u201c zu attestieren, so wurden im J\u00e4nner weltweit Mahnwachen f\u00fcr den Wikileaks-Gr\u00fcnder abgehalten, an denen sich auch Journalistenverb\u00e4nde beteiligten. Positiv hervorzuheben ist ein Beitrag im ZDF-Nachrichtenmagazin \u201eheute journal\u201c, der den von Melzer zutage gebrachten Skandal einer breiteren \u00d6ffentlichkeit bekannt zu machen versuchte.<\/p>\n<p><em><strong>Von Ortwin Rosner auf <a href=\"https:\/\/www.streifzuege.org\/2020\/wie-die-schwedischen-behoerden-die-vergewaltigungsanzeige-gegen-julian-assange-faelschten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">streifzuege.org<\/a> erstver\u00f6ffentlicht und von unserem Medienpartner <a href=\"https:\/\/www.untergrund-bl\u00e4ttle.ch\/politik\/europa\/julian-assange-schweden-vergewaltigung-anzeige-2541.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Untergrund-Bl\u00e4ttle<\/a> \u00fcbernommen.<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank der Recherchearbeit und der Hartn\u00e4ckigkeit des Uno-Sonderberichterstatters f\u00fcr Folter, Nils Melzer, gelangt allm\u00e4hlich die Wahrheit an die \u00d6ffentlichkeit. 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