{"id":1033213,"date":"2020-02-13T18:47:48","date_gmt":"2020-02-13T18:47:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1033213"},"modified":"2020-02-13T18:47:48","modified_gmt":"2020-02-13T18:47:48","slug":"ausspaehen-unter-freunden-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/02\/ausspaehen-unter-freunden-ii\/","title":{"rendered":"Aussp\u00e4hen unter Freunden (II)"},"content":{"rendered":"<p><strong>BND und CIA nutzten die Schweizer Crypto AG zum Abh\u00f6ren fremder Regierungen. Verb\u00fcndete wurden auch sp\u00e4ter noch ausgeforscht.<\/strong><\/p>\n<p>Der BND hat die Ausforschung verb\u00fcndeter Regierungen auch nach seinem Ausstieg aus der Schweizer Crypto AG fortgef\u00fchrt. Wie eine Reihe aktueller Berichte zeigen, hatte der Dienst mit Hilfe der Crypto AG \u00fcber mehrere Jahrzehnte Regierungen, Geheimdienste und Streitkr\u00e4fte aus gut 130 Staaten in aller Welt abgeh\u00f6rt. M\u00f6glich war dies, weil BND und CIA die Crypto AG Hintert\u00fcren in ihre Verschl\u00fcsselungstechnologie einbauen lie\u00dfen, was ihnen den Zugriff auf geheime Kommunikation erlaubte. Zudem konnte der deutsche Geheimdienst, weil er im Teilbesitz der Crypto AG war, mit dem Verkauf infizierter Technologie heimlich Millionensummen verdienen und sie ganz ohne parlamentarische Kontrolle ausgeben. Involviert war auch die Siemens AG, die einst als &#8222;eine Art technischer Hilfsdienst in Grenz- und Grauzonen des Agentenhandwerks&#8220; bezeichnet worden ist. Nach seinem Ausstieg aus der Crypto AG im Jahr 1993 nutzte der BND vor allem Online-Spionage &#8211; dies unter anderem gegen die US-Streitkr\u00e4fte und gegen den franz\u00f6sischen Au\u00dfenminister.<\/p>\n<h4><strong>Zur Abnahme nach Bonn<\/strong><\/h4>\n<p>Hinweise auf die Steuerung der Schweizer Crypto AG nicht nur durch den US-Geheimdienst CIA, sondern auch durch den deutschen BND lagen \u00f6ffentlich seit 1994 vor. Die Ursache: Der Crypto-Verkaufsingenieur Hans B\u00fchler, der im M\u00e4rz 1992 in Teheran festgenommen und anschlie\u00dfend neun Monate lang wegen Spionageverdachts verh\u00f6rt worden war, hatte nach seiner Heimkehr &#8211; zuvor offenbar im Unklaren \u00fcber die Zuarbeit seiner Firma f\u00fcr die Geheimdienste &#8211; begonnen, dem tats\u00e4chlichen Hintergrund seiner Inhaftierung nachzusp\u00fcren. B\u00fchler wurde entlassen; es folgten Gerichtsverfahren sowie erste Recherchen von Journalisten. Manche von B\u00fchlers Crypto-Kollegen wurden mit Aussagen zitiert, die die Geheimdienstverbindungen des Schweizer Unternehmens klar erahnen lie\u00dfen. So wurde bekannt, dass die Crypto AG ihre Ger\u00e4te zuweilen zur bundesdeutschen Zentralstelle f\u00fcr Chiffrierwesen (ZfCH) nach Bonn schicken musste, wo sie gepr\u00fcft und offiziell abgenommen wurden &#8211; f\u00fcr eine Privatfirma aus der Schweiz eine bemerkenswerte Praxis.[1] Die ZfCH, eine geheime Dienststelle des BND, ist sp\u00e4ter im heutigen Bundesamt f\u00fcr Sicherheit in der Informationstechnik aufgegangen; sie k\u00fcmmerte sich um Verschl\u00fcsselungstechnologien. Hinzu kamen Vorf\u00e4lle wie die Entlassung eines Crypto-Mitarbeiters, weil er laut Unterlagen der Berner Bundespolizei &#8222;vom westdeutschen Verteidigungsministerium als Sicherheitsrisiko taxiert&#8220; worden war. Die penible Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung des Personals von Schweizer Unternehmen geh\u00f6rt nicht zum klassischen Aufgabenspektrum des Bundesverteidigungsministeriums.<\/p>\n<h4><strong>&#8222;Geheime Siemens-Tochterfirma&#8220;<\/strong><\/h4>\n<p>Im R\u00fcckblick erkl\u00e4ren die damaligen Vorf\u00e4lle, weshalb der BND nach Jahrzehnten nutzbringender Spionagekooperation im Jahr 1993 bei Crypto ausstieg: Durch das Bekanntwerden der geheimdienstlichen Steuerung des Unternehmens drohte ein schwerer Imageschaden; auch lie\u00df die \u00f6ffentliche Berichterstattung es als fraglich erscheinen, dass auf Dauer noch genug Regierungen sich auf Crypto-Technologien verlassen und geheimdienstlichen Ertrag liefern w\u00fcrden. Zudem zogen die Enth\u00fcllungen zunehmend auch die M\u00fcnchner Siemens AG in Mitleidenschaft. So wurde bekannt, dass einige Crypto-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer vor ihrer T\u00e4tigkeit in der Schweiz f\u00fcr den deutschen Konzern gearbeitet hatten.[2] Ein f\u00fcr die M\u00fcnchner Treuhandgesellschaft KPMG aktives Mitglied des Crypto-Verwaltungsrats teilte mit, er habe in dem Gremium &#8222;das Mandat f\u00fcr die Siemens AG wahrgenommen&#8220;. Ein Ex-Siemens-Manager stufte die Crypto AG einmal sogar offen als &#8222;geheime Siemens-Tochterfirma&#8220; ein.[3] Siemens geriet zunehmend in den Geruch der BND-N\u00e4he.<\/p>\n<h4><strong>Der Hauslieferant des BND<\/strong><\/h4>\n<p>Das wog schwer, weil der M\u00fcnchner Konzern in der Tat eng mit dem BND kooperierte. Wie es im Jahr 2008 in einem Medienbericht hie\u00df, sei die Firma &#8222;lange eng mit dem Bundesnachrichtendienst verflochten gewesen&#8220; [4]: &#8222;Siemens agierte &#8230; als eine Art technischer Hilfsdienst in Grenz- und Grauzonen des Agentenhandwerks. Siemens war der Hauslieferant des BND f\u00fcr Spionagetechnik.&#8220; Der Konzern habe unter anderem &#8222;Abh\u00f6rtechnik f\u00fcr Geheimdienste in aller Welt&#8220; geliefert, so etwa nach Russland und nach \u00c4gypten. In Festnetz- oder Mobilfunkanlagen, die er ins Ausland verkauft habe, habe er jederzeit Zugang &#8211; &#8222;zur Fehleranalyse&#8220;, wie es hie\u00df. Dies lege &#8222;den Verdacht nahe&#8220;, der BND habe sich durch die Kooperation mit Siemens &#8222;Zugang&#8220; zu den &#8222;Einwahlschl\u00fcsseln verschaffen&#8220; wollen. Abgesehen davon h\u00e4tten, hie\u00df es weiter, &#8222;Ingenieure des Konzerns beim Bau von Telefonanlagen R\u00e4ume zu sehen bekommen, die auch einem US-Spionagesatellit verschlossen&#8220; seien &#8211; &#8222;zum Beispiel in Iran&#8220;.<\/p>\n<h4><strong>Mehr als 130 Staaten<\/strong><\/h4>\n<p>Die aktuellen Berichte \u00fcber die Steuerung der Crypto AG durch BND und CIA legen nun erstmals das volle Ausma\u00df der Operation offen. Demnach befand sich das Unternehmen seit 1970 im Besitz der beiden Geheimdienste und belieferte zu seinen besten Zeiten Regierungen, Streitkr\u00e4fte und Nachrichtendienste in \u00fcber 130 Staaten. Deren Kommunikation konnten BND und CIA vollst\u00e4ndig entschl\u00fcsseln und mitlesen; zumindest einzelne Erkenntnisse wurden an verb\u00fcndete L\u00e4nder weitergeleitet, etwa an Gro\u00dfbritannien, das damit im Falkland-Krieg weitgehenden Einblick in die interne Kommunikation der argentinischen Milit\u00e4rs hatte. Abgeh\u00f6rt wurden dank Crypto nicht nur Milit\u00e4rdiktaturen etwa in Argentinien und Chile, \u00fcber deren Massenverbrechen Washington und Bonn deshalb intimste Kenntnisse hatten, sondern auch Regierungen in Nah- und Mittelost (Saudi-Arabien, Iran, Irak, Syrien, Libanon und andere), in Nordafrika (\u00c4gypten, Libyen, Algerien), in Afrika s\u00fcdlich der Sahara (unter anderem Nigeria und S\u00fcdafrika) sowie in Europa &#8211; Jugoslawien, aber auch EU- und NATO-Verb\u00fcndete wie Italien, Spanien, Portugal, Irland und die T\u00fcrkei. Dabei zahlten die K\u00e4ufer hohe Summen f\u00fcr Technologie, mit der sie anschlie\u00dfend abgeh\u00f6rt wurden. &#8222;Die j\u00e4hrliche Gewinnaussch\u00fcttung&#8220;, hei\u00dft es, wurde, was die deutsche Seite betrifft, &#8222;dem BND-Haushalt zugeschlagen&#8220; &#8211; jenseits parlamentarischer Kontrolle.[5]<\/p>\n<h4><strong>Verb\u00fcndete abgeh\u00f6rt<\/strong><\/h4>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich hat der BND auch nach seinem R\u00fcckzug aus der Crypto AG nicht aufgeh\u00f6rt, Regierungen fremder Staaten abzuh\u00f6ren &#8211; engste Verb\u00fcndete inklusive. So wurde zum Beispiel im Jahr 2015 bekannt, dass der BND nicht nur in Wien ans\u00e4ssige internationale Organisationen per Online-Absch\u00f6pfung ausspionierte, sondern auch \u00d6sterreichs Inlandsgeheimdienst, das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz und Terrorismusbek\u00e4mpfung.[6] Ebenfalls 2015 ergaben Recherchen, dass der deutsche Geheimdienst rund 2.800 sogenannte Selektoren nutzte, um &#8222;bei Diplomaten, Milit\u00e4rs und Regierungsmitarbeitern befreundeter L\u00e4nder&#8220; &#8211; wie es hie\u00df, rund 700 Personen &#8211; &#8222;Telefonate abzuh\u00f6ren und E-Mails mitzulesen&#8220;. Betroffen waren demnach die Innenministerien Polens, D\u00e4nemarks, \u00d6sterreichs und Kroatiens sowie diplomatische Vertretungen Schwedens, Frankreichs, Gro\u00dfbritanniens, Portugals, Spaniens, Italiens, Griechenlands, \u00d6sterreichs, der Schweiz und des Vatikan. Abgeh\u00f6rt wurden dar\u00fcber hinaus das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam und Care International.[7]<\/p>\n<h4><strong>Frankreichs Au\u00dfenminister ausgeforscht<\/strong><\/h4>\n<p>Nicht zuletzt h\u00f6rte der BND US-amerikanische und franz\u00f6sische Regierungsstellen ab. So nahm er die US-Ministerien f\u00fcr Inneres und Finanzen, das Lagezentrum des US-Au\u00dfenministeriums, diplomatische Vertretungen der Vereinigten Staaten bei der EU, bei den Vereinten Nationen und in Deutschland, aber auch die US-Botschaft im Sudan sowie die US-Streitkr\u00e4fte in Afghanistan ins Visier. Vom BND \u00fcberwacht wurden nicht zuletzt Frankreichs Botschaft in Niger &#8211; sowie der franz\u00f6sische Au\u00dfenminister Laurent Fabius.[8]<\/p>\n<p>[1] Wilhelm Dietl: Trojanische Ohren. focus.de 28.03.1994.<br \/>\n[2] &#8222;Wer ist der befugte Vierte?&#8220; spiegel.de 02.09.1996.<br \/>\n[3] Wayne Madsen: Greatest Intel Coup Of The Century? The NSA&#8217;s Crypto AG. In: Covert Action Quarterly 63 (1999).<br \/>\n[4] Siemens eng mit BND verflochten &#8211; Ex-Manager packen aus. spiegel.de 12.04.2008.<br \/>\n[5] Elmar Theve\u00dfen, Peter F. M\u00fcller, Ulrich Stoll: #Cryptoleaks: Wie BND und CIA alle t\u00e4uschten. zdf.de 11.02.2020.<br \/>\n[6] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/6635\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die neue deutsche Arroganz (II)<\/a>.<br \/>\n[7], [8] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/6815\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aussp\u00e4hen unter Freunden<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BND und CIA nutzten die Schweizer Crypto AG zum Abh\u00f6ren fremder Regierungen. Verb\u00fcndete wurden auch sp\u00e4ter noch ausgeforscht. Der BND hat die Ausforschung verb\u00fcndeter Regierungen auch nach seinem Ausstieg aus der Schweizer Crypto AG fortgef\u00fchrt. 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