{"id":1007127,"date":"2020-01-08T15:44:56","date_gmt":"2020-01-08T15:44:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1007127"},"modified":"2020-01-08T15:44:56","modified_gmt":"2020-01-08T15:44:56","slug":"doikayt-wo-wir-leben-dort-ist-unser-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/01\/doikayt-wo-wir-leben-dort-ist-unser-land\/","title":{"rendered":"Doikayt: \u201eWo wir leben, dort ist unser Land\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.isabelfrey.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Isabel Frey<\/a> schnappt sich gern ihre Gitarre und macht revolution\u00e4re jiddische Musik. Sie bezeichnet sich selbst als Millenial-Bundistin und setzt sich mit der j\u00fcdischen Diaspora auseinander. Bekannt geworden ist sie einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit in Wien durch ihre Auftritte bei den Donnerstagsdemos.<\/strong><\/p>\n<p><em>Langfassung eines Gespr\u00e4chs mit Alexander Stoff, das zuerst im <a href=\"https:\/\/augustin.or.at\/dort-wo-wir-leben-dort-ist-unser-land\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Augustin<\/a> (Nr. 492, Oktober\/November 2019) erschienen ist.<\/em><\/p>\n<p><strong>Isabel, erz\u00e4hle uns bitte \u00fcber deinen Werdegang. Wie bist du aufgewachsen und was ist dir heute in deinem Leben wichtig?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Ich bin j\u00fcdisch-s\u00e4kular in Wien aufgewachsen. Wir waren nicht gl\u00e4ubig, aber gewisse Traditionen haben wir eingehalten, wie an Feiertagen in die Synagoge gehen oder an Schabbat die Kerzen anz\u00fcnden. Das kommt recht h\u00e4ufig in der j\u00fcdischen Gemeinde vor, um das Judentum kulturell am Leben zu erhalten. W\u00e4hrenddessen habe ich jede Woche an den Treffen der sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung <em>Hashomer Hatzair<\/em> teilgenommen. Das hat mich sowohl hinsichtlich meiner j\u00fcdischen Identit\u00e4t als auch meines politischen Bewusstseins sehr gepr\u00e4gt. So bin ich als Jugendliche mit den Leuten vom <em>Hashomer Hatzair<\/em>gemeinsam auf Demos gegangen. Nach der Schule bin ich dann \u00fcber den <em>Hashomer Hatzair<\/em> f\u00fcr ein Jahr nach Israel gereist, wo ich mit anderen aus Europa und den USA an so einer Art von freiwilligem sozialem Jahr teilgenommen habe. Ich habe in dieser Zeit auch die Siedlungen in der Westbank und den Zaun gesehen. Das hat mich schockiert und zum Nachdenken gebracht, was schlie\u00dflich dazu f\u00fchrte, dass ich mich vom Zionismus abgewendet habe. Mir wurde mein Leben lang erz\u00e4hlt, dass ich zwar \u00d6sterreicherin bin, aber dass ich auch eine Heimat in Israel habe. Dennoch habe ich das Land vor Ort als fremd empfunden. Mir gef\u00e4llt die israelische Kultur und ich habe ein bisschen Hebr\u00e4isch gelernt, ich habe auch Familie in Israel. Aber ich denke inzwischen, es ist eine Illusion zu glauben, dass es von Geburt aus mein zu Hause ist.<\/p>\n<p>Nach diesem Jahr in Israel wollte ich weg aus Wien und habe 2013 in Amsterdam Soziologie und Politikwissenschaften zu studieren begonnen. Durch den Kontakt zu verschiedenen politischen Gruppen wurde ich nun stark politisiert. So war ich zB in der Hausbesetzer*innenszene aktiv. Als Studierende haben wir R\u00e4ume besetzt, um sie selbst zu verwalten. Au\u00dferdem habe ich mich im Netzwerk \u201eFeministinnen im Widerstand\u201c engagiert und bin unter anderem gegen den (rechtsextremen Politiker) Geert Wilders auf die Stra\u00dfe gegangen und habe mit anderen Antirassist*innen gegen die Feiern mit der rassistischen Karikatur des \u201eZwarte Piet\u201c (schwarzer Peter) protestiert. Der tritt bei den gro\u00dfen Nikolo-Feierlichkeiten auf und es kommt dabei immer wieder zu black facing und stereotypen Verkleidungen. Das ist ganz schrecklich, weil in Holland auch People of color leben, viele Nachkommen von ehemaligen Sklav*innen aus Surinam. Ich war also quer durch verschiedene politische Bewegungen aktiv.<\/p>\n<p><strong>Als du in Israel warst, hast du im Kibbuz gelebt. Mit welchen Erwartungen bist du dort hingegangen? Und welche Erfahrungen hast du dann im Kibbuz gesammelt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Meine Erwartung war, eine sozialistische Utopie vorzufinden. Die Realit\u00e4t war dann aber eine andere. Im Kibbuz, wo ich zuerst gewohnt habe, war kaum noch etwas kommunal. Es war wie in einem Dorf, wo jede Familie ein Haus kauft und f\u00fcr sich dort lebt. Die kommunale Essenshalle haben sie \u00fcberhaupt nur ge\u00f6ffnet, weil wir jugendlichen G\u00e4st*innen so eine gro\u00dfe Gruppe waren. In einem anderen Kibbuz habe ich in einem Kindergarten gearbeitet \u2013 das hat mir schon besser gefallen. Toll finde ich, dass in den st\u00e4rker kommunalisierten Kibbuzim die Kinder gemeinsam aufwachsen und es einfach mehr gemeinschaftliches Leben gibt. Was mich aber gleichzeitig erschreckt hat, war die politisch rechte Gesinnung und der Alltagsrassismus von vielen jungen Menschen dort. In einem Kibbuz nahe der Westbank haben sie die ganze Zeit auf Araber*innen geschimpft. Viele Junge haben inzwischen ganz andere Ziele als die Generation ihrer Eltern, die die Kibbuzbewegung aufgebaut haben. Einerseits leiden die Menschen in den Kibbuzim unter der aufgeheizten Kriegssituation, wenn etwa Felder in Brand gesetzt werden, und sie entwickeln dann einen Hass auf die Pal\u00e4stinenser*innen. Andererseits wird \u00fcberhaupt nicht \u00fcber Ursachen wie die 53-j\u00e4hrige Besatzung gesprochen. Das hat mich ern\u00fcchtert und zeigt f\u00fcr mich, dass eine Utopie in dem Moment zerbr\u00f6selt, wo sie institutionalisiert wird, weil es nicht statisch bleiben kann. Im Kibbuz haben wir auch eine fr\u00fchere Partisanin kennen gelernt. Sie hat als junges M\u00e4dchen w\u00e4hrend des Warschauer Ghettoaufstandes Nachrichten \u00fcbermittelt. Sie hat mich sehr beeindruckt, auch weil sie eine scharfe Analyse \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Situation hatte. Sie ist Unterst\u00fctzerin der Friedensbewegung. Leider geh\u00f6rt sie zu einer aussterbenden Generation.<\/p>\n<p><strong>Kommen wir doch wieder zur\u00fcck zu sprechen auf deine Erlebnisse in Amsterdam.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Vielleicht ein paar Worte dar\u00fcber, wie ich zur Musik gekommen bin. Das Problem war, dass ich zwar in Amsterdam politisch sehr engagiert war, aber mir hat g\u00e4nzlich ein j\u00fcdisches Umfeld gefehlt. Ich hatte dort keine Familie und in eine fremde Gemeinde wollte ich auch nicht einfach so gehen. Dazu kam, dass ich zum Zionismus auf Distanz gegangen bin. Auch in den Kreisen der linken Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4tsbewegung habe ich keinen Platz f\u00fcr mich gesehen. Es war eben nicht meine Geschichte und ich wollte pal\u00e4stinensischen Erz\u00e4hlungen nicht den Platz wegnehmen. Mir hat eine Antwort darauf gefehlt, wie ich gleichzeitig links und j\u00fcdisch sein kann, wie das vereinbar ist. Und so bin ich schlie\u00dflich auf dieses Liedgut gesto\u00dfen. Durch einen Freund habe ich gewisse Lieder wie den \u201eArbetlose Marsch\u201c schon gekannt. Noch in Israel habe ich mir selbst beigebracht, Gitarre zu spielen, und so habe ich mich beim Singen begleitet. Und dann kam der Tag, als ich in einem besetzten Haus in Amsterdam mein erstes Konzert gegeben habe. Ich habe daf\u00fcr ein Repertoire aus jiddischen Revolutions- und Widerstandsliedern zusammengestellt. Und zwischen den Liedern habe ich ein bisschen etwas dar\u00fcber erz\u00e4hlt. So ist also dieses Setting zustande gekommen. Das war eine sehr sch\u00f6ne Erfahrung f\u00fcr mich und ich fand es auch stimmig.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/SGiU-1xPPGg\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" data-mce-fragment=\"1\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Ist dir also mit deiner Musik die Verbindung von j\u00fcdischer Identit\u00e4t mit linker Politik gelungen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Ja, mit diesem Liedgut und dieser Geschichte. Ich habe dabei auch viel gelernt, denn ich wusste bis dahin nicht, dass es eine s\u00e4kulare, j\u00fcdisch-sozialistische und nicht-zionistische Bewegung gegeben hat und mir war auch nicht bekannt, dass die russische Revolution besonders vom j\u00fcdischen Proletariat getragen wurde. Im Mittelpunkt stand f\u00fcr mich auch die jiddische Sprache. Beim Singen habe ich das Jiddisch sehr sch\u00f6n gefunden. Und ich habe auch mehr Bezug dazu als zum Hebr\u00e4ischen, da die jiddische Sprache aus dem Mittelhochdeutschen kommt und es mir daher leichter gefallen ist zu verstehen. Und so habe ich dann begonnen, auf Demonstrationen zu spielen und zu singen. Manchmal spontan bei Student*innenprotesten, dann wieder bei einer gro\u00df angelegten Blockadeaktion der Klimaschutzbewegung in Groningen, mit zivilem Ungehorsam so \u00e4hnlich wie Ende Gel\u00e4nde in Deutschland. Kurz nachdem die holl\u00e4ndische Polizei die Demonstrant*innen mit Hunden und Pfefferspray attackiert und uns eingekesselt hatte, bin ich mit ein paar Liedern wie zB \u201eDaloy politsey\u201c (\u201eNieder mit der Polizei\u201c, ein Lied gegen den russischen Zaren, Anm.) aufgetreten. Es war auch eine tolle Verbindung, meine j\u00fcdisch-revolution\u00e4re Musik vor einem Publikum aus Klimaschutzaktivist*innen vorzustellen, das sonst wenig damit am Hut hatte.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr die Klimaschutzaktivist*innen war es also etwas ganz Neues. Wie wird deine Musik sonst von den Zuh\u00f6renden aufgenommen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Einmal hat jemand zu mir gesagt, es sei toll, weil durch meine Musik das Gef\u00fchl entstehe, Teil von einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen zu sein. Es kn\u00fcpft eine Verbindung, wenn Menschen zum ersten Mal an einer politischen Aktion teilnehmen und dort erfahren, dass sie Teil von einer viel \u00e4lteren Geschichte sind. Und es bedeutet auch Aufkl\u00e4rung. Aufgrund des Holocaust leben in Europa wenige Juden und J\u00fcdinnen. Und viele kennen j\u00fcdische Gemeinden nur aus Geschichten \u00fcber Antisemitismus und die Shoa. Mir ist es ein wichtiges Anliegen, den Menschen auch einen ganz anderen Teil der j\u00fcdischen Kultur n\u00e4her zu bringen.<\/p>\n<p><strong>Bei manchen Liedern schreibst du eigene Texte dazu. Wie bist du auf die Idee gekommen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Inspiriert dazu hat mich Daniel Kahn, der auch jiddische revolution\u00e4re Musik macht und die Texte immer auf Englisch \u00fcbersetzt. Es spricht einfach mehr Leute an. So habe ich den Arbetlose Marsch (Arbeitslosenmarsch) f\u00fcr die Donnerstagsdemo \u00fcbersetzt, denn auf einer Demonstration brauchst du etwas, um die Menschen aufzur\u00fctteln. Und das \u201eNieder mit HC\u201c-Lied (im Original: \u201eDaloy politsey\u201c) habe ich zu diesem Anlass \u00fcberhaupt neu vertextet. Diese Dynamik steht durchaus in der Tradition dieser Musik \u2013 es muss sich gar nicht streng an das Original halten wie bei einer klassischen Komposition.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/iu9dSfCwg0Q\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" data-mce-fragment=\"1\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Auf deiner Website wird die j\u00fcdische Diaspora thematisiert. Bitte erz\u00e4hle uns mehr dar\u00fcber.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Was ich mache, wird als Teil eines Judentums gesehen, das von manchen diasporistisch genannt wird. Gemeint ist damit alles, was au\u00dferhalb Israels stattfindet. Obwohl das eigentlich nicht ganz richtig ist, denn auch Israel geh\u00f6rt zur Diaspora. In der Geschichte lebten und leben heute Juden und J\u00fcdinnen auf der ganzen Welt verstreut und es gibt viele verschiedene j\u00fcdische Kulturen. Jiddisch ist eine Sprache der Diaspora, die urspr\u00fcnglich aus Osteuropa kommt und sich auf der Welt verbreitet hat, etwa durch die Migration in die USA. Es gab auch gro\u00dfe j\u00fcdische Bev\u00f6lkerungen in Nordafrika, wo \u00fcberhaupt kein Widerspruch zwischen einer j\u00fcdischen und arabischen Identit\u00e4t existierte. Mit dem Aufkommen des Zionismus und der Staatsgr\u00fcndung von Israel bekam es eine Bedeutung, alles neu zu entwickeln. Neben neuer Fahne und Hymne das moderne Hebr\u00e4isch mit neuen T\u00e4nzen und Liedern. Diaspora im heutigen Sinne bedeutet ein nicht-zionistisches Judentum. Es steht im Gegensatz zu einem st\u00e4ndigen Sehnen nach Israel als Heimat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15680\" class=\"wp-caption alignright\" aria-describedby=\"caption-attachment-15680\"><figcaption id=\"caption-attachment-15680\" class=\"wp-caption-text\"><\/figcaption><\/figure>\n<p>Was mich sehr inspiriert hat, ist die Geschichte des j\u00fcdischen Arbeiter*innenbundes. Der Bund repr\u00e4sentierte eine dritte Str\u00f6mung neben den j\u00fcdischen Kommunist*innen und den sozialistischen Zionist*innen. Der Bund stand dazwischen, weil er sich weder bestehenden linken Parteien anschlie\u00dfen noch nach Pal\u00e4stina emigrieren wollte, um dort den Sozialismus aufzubauen. Der Bund stand f\u00fcr ein selbstbewusstes Judentum, man sprach Jiddisch und die Aktivist*innen des Bundes wollten den Sozialismus an dem Ort aufbauen, wo sie gerade lebten. Das jiddische Wort Doikayt, was \u00fcbersetzt so viel bedeutet wie \u201eDaheit\u201c, war genau dieses Prinzip: dort, wo wir leben, dort ist unser Land. Es braucht daf\u00fcr keinen Nationalstaat, aber wir wollen unsere Rechte, um als Minderheit hier zu leben. Ich finde dieses Prinzip sehr sch\u00f6n, denn es ist eine k\u00e4mpferische, antifaschistische Ansage: wir wollen hier die Welt verbessern. Es tr\u00e4gt in sich das \u00dcberleben der eigenen Gruppe, ebenso wie einen Universalismus, der alle Menschen frei sehen will. In der Diaspora-Tradition des Bundes steht f\u00fcr mich in heutiger Zeit die Solidarit\u00e4t mit Gefl\u00fcchteten genauso wie das Engagement gegen rechtsextreme Hetze und antimuslimischen Rassismus.<\/p>\n<p><strong>Welche Organisationen arbeiten heutzutage in diese Richtung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Kleine Gruppen wie die <a href=\"https:\/\/jfrej.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Jews for racial and economic justice<\/em><\/a> in den USA. Die nennen sich zwar nicht diasporistisch, aber sie praktizieren genau das. Diese Organisation ist solidarisch mit Black Lives Matter und aktiv gegen Abschiebungen durch die Trump-Regierung. Oder das Kollektiv <a href=\"https:\/\/www.jewdas.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Jewdas<\/em><\/a> in London. Die organisieren das lustige <em>Birthwrong<\/em>, als eine Alternative zu den <em>Birthright<\/em>-Reisen nach Israel, die von einem reichen, rechten US-Amerikaner veranstaltet werden und vor allem dazu dienen sollen, den Nationalismus zu st\u00e4rken. <em>Birthwrong<\/em> will nun die j\u00fcdische Identit\u00e4t in der Diaspora gemeinsam, lustvoll erforschen, etwa durch Reisen nach Andalusien und Marseille, wo ich dabei gewesen bin und das letzte <em>Birthwrong<\/em> in Amsterdam mitorganisiert habe. Ich war davon begeistert, denn es sind lauter junge, linke Juden und J\u00fcdinnen aus ganz Europa zusammengekommen, es gab eine Tour zur linken j\u00fcdischen Geschichte und wir haben eine Ausstellung \u00fcber den kommunistischen Widerstand gegen die Nazis sowie ein Archiv \u00fcber die Sklaverei in Holland besucht. Seit ich wieder zur\u00fcck bin, versuche ich mit anderen auch hier in Wien etwas aufzubauen. Bisher treffen wir uns informell und feiern zusammen <em>Rosch ha-Schana<\/em>, das j\u00fcdische Neujahrsfest, und gehen gemeinsam auf Demos.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/5MpHiw341vw\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" data-mce-fragment=\"1\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Was sind deine Utopien? Von welcher Welt tr\u00e4umst du?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Eine Welt, in der es keine Lohnarbeit gibt und wir nicht zum Arbeiten gezwungen werden. Also eine Welt, wo wir unserer Kreativit\u00e4t freien Lauf lassen k\u00f6nnen und unsere Handlungen aus eigener Motivation heraus mit dem Wunsch setzen, einander zu helfen oder etwas Neues zu schaffen. Und ich tr\u00e4ume von einem Ort, an dem es kein Privateigentum mehr gibt. Wohnraum soll kollektives Eigentum sein und die Produktion von G\u00fctern gemeinschaftlich reguliert werden. Und zwar in einer dezentralen und offenen, flexiblen Weise, damit es sich nicht in einem starren System festf\u00e4hrt. Ich tr\u00e4ume auch von einer Welt, in der Geschlechterverh\u00e4ltnisse, Geschlechtsidentit\u00e4ten und Sexualit\u00e4ten sich \u00f6ffnen und vielf\u00e4ltige Dinge m\u00f6glich sind. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn wir in unserer gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft vorhandene, unterdr\u00fcckende Normen in diesen Bereichen \u00fcberwinden und zu mehr Freiheit gelangen. Ich w\u00fcnsche mir eine Welt ohne Grenzen, mit Bewegungsfreiheit, grundlegenden Rechten f\u00fcr alle Menschen und gegenseitiger Hilfe. Und ich w\u00fcnsche mir eine Art des Zusammenlebens im Einklang mit der Natur, die anerkennt, dass unser Planet bedroht ist. Ich will eine Welt ohne Polizeigewalt.<\/p>\n<p><strong>Und was bedeutet es f\u00fcr dich, zu Hause zu sein? F\u00fchlst du dich in \u00d6sterreich wohl oder hast du auch schon daran gedacht, woanders zu leben?<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_15675\" class=\"wp-caption alignright\" aria-describedby=\"caption-attachment-15675\"><figcaption id=\"caption-attachment-15675\" class=\"wp-caption-text\"><\/figcaption><strong>Isabel<\/strong>: Zu Hause f\u00fchle ich mich besonders in Wien. Hier bin ich schlie\u00dflich auch aufgewachsen und ich sehe mich auch mehr als Wienerin denn als \u00d6sterreicherin. Das hat auch damit zu tun, dass es nur hier in Wien eine gr\u00f6\u00dfere j\u00fcdische Gemeinde und ein j\u00fcdisches Leben gibt. Obwohl ich mich also in Wien zu Hause f\u00fchle, bleibt ein kleiner Rest von einem Gef\u00fchl, dass ich nicht zu 100% Teil der Gesellschaft bin. Das liegt teilweise an der Geschichte, aber auch an der Gegenwart, da wir als j\u00fcdische Gemeinde eine Minderheit sind. Und ich finde es auch lustig, denn ich war gerade f\u00fcr einen Monat in den USA und Kanada. In New York habe ich Familie und obwohl ich nie dort gelebt habe, f\u00fchle ich mich dort sehr zu Hause. Das hat gar keinen bestimmten Grund, aber ich glaube, es h\u00e4ngt damit zusammen, dass New York eine Stadt ist, in die fast alle zugezogen sind. Und auch damit, dass viele Juden und J\u00fcdinnen in der Stadt leben, sodass es im Alltag einfach zum Leben dazu geh\u00f6rt. Die j\u00fcdische Gemeinde ist dort sehr vielf\u00e4ltig, man trifft auch Linke. Zur j\u00fcdischen Gemeinde in Wien, die ziemlich konservativ gepr\u00e4gt ist, habe ich eine gemischte Beziehung, manchmal ecke ich mit meiner politischen Einstellung und meinen Gef\u00fchlen gegen\u00fcber Israel an. Und obwohl mein letzter Aufenthalt sechs Jahre her ist, m\u00f6chte ich auch gerne wieder nach Israel. Ich wei\u00df noch nicht, wie ich es anstellen werde \u2013 ich h\u00e4tte gerne einen Grund daf\u00fcr, denn nur f\u00fcr einen Strandurlaub m\u00f6chte ich ungern hinfahren. Im Moment bin ich dabei, meine Kenntnisse in Hebr\u00e4isch aufzufrischen. Nicht der Zionismus, aber meine biographische Verbindung zieht mich nach Israel. Ich sehe Israel eben auch als eine Form der Diaspora, als einen Ort, an den Juden und J\u00fcdinnen hingezogen sind und dort eine eigene Kultur aufgebaut haben.<\/figure>\n<p><strong>\u00d6sterreich ist ein sehr konservatives Land. In anderen L\u00e4ndern gibt es lebendigere soziale Bewegungen. Welche Perspektiven siehst du hier, deine Tr\u00e4ume von einer besseren Welt zu verwirklichen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Isabel:<\/strong> Es stimmt, dass \u00d6sterreich ein konservatives Land ist, aber ich glaube, im Moment sieht es nirgends auf der Welt besser aus. In Amsterdam fand ich die Hausbesetzer*innenszene schon toll, aber andererseits ist Holland vor allem am Land sehr konservativ, neoliberal und apolitisch. Es gibt dort an l\u00e4ndlichen Orten \u00fcberhaupt keine linke Jugendkultur. Bei uns hat mich in diesem Jahr schwarz-blauer Regierung die Opposition auf der Stra\u00dfe bei den Donnerstagsdemos schon sehr beeindruckt. Sicher w\u00fcrde ich mir mehr w\u00fcnschen, aber es ist etwas Besonderes, dabei zu sein. Das hat mir ein bisschen Hoffnung gemacht. Schon aus dem erw\u00e4hnten jiddischen Prinzip der Doikayt denke ich mir, ich bin jetzt hier und muss mich auch hier engagieren und versuchen, die Lebensumst\u00e4nde zu verbessern.<\/p>\n<p><em>Homepage: <a href=\"https:\/\/www.isabelfrey.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">isabelfrey.com<\/a> \/ Facebook: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/isabelfreymusic\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">facebook.com\/isabelfreymusic<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Kommende Konzerte:<\/em><\/p>\n<ul>\n<li class=\"font_7\"><strong>16. J\u00e4nner:<\/strong> Jiddischer Liederabend \/\/ Open House, Vienna<\/li>\n<li class=\"font_7\"><strong>6. Februar:<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/618418095362822\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-content=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/618418095362822\/\" data-type=\"external\">Jiddische revolution\u00e4re Lieder \/\/ Caf\u00e9 Morgenstern, Vienna<\/a><\/li>\n<li class=\"font_7\"><strong>14. Februar:<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/559020464662875\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-content=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/559020464662875\/\" data-type=\"external\">Duo Wratschko &amp; Frey \/\/ Zentrum im Werd, Vienna<\/a><\/li>\n<li><strong>14.\/15. M\u00e4rz:<\/strong> Auftritt auf der <a href=\"https:\/\/www.unsere-zeitung.at\/2019\/12\/14\/rosa-for-future-3-rosa-luxemburg-konferenz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rosa Luxemburg Konferenz 2020<\/a> (tbc)<\/li>\n<li><strong>30. April:<\/strong>\u00a0Konzert f\u00fcr den 1. Mai \/\/ J\u00fcdisches Institut f\u00fcr Erwachsenenbildung, Vienna<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/WiederDonnerstag\/photos\/foto-florian-trendelenburg\/821733531523111\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Isabel Frey auf der Donnerstagsdemo<\/a>\u00a0(Foto: Florian Trendelenburg)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Isabel Frey schnappt sich gern ihre Gitarre und macht revolution\u00e4re jiddische Musik. Sie bezeichnet sich selbst als Millenial-Bundistin und setzt sich mit der j\u00fcdischen Diaspora auseinander. 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