{"id":1001630,"date":"2019-12-26T17:58:47","date_gmt":"2019-12-26T17:58:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1001630"},"modified":"2020-06-14T13:14:40","modified_gmt":"2020-06-14T12:14:40","slug":"des-bundesrats-lobhudeleien-fuer-mussolini-und-franco","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/12\/des-bundesrats-lobhudeleien-fuer-mussolini-und-franco\/","title":{"rendered":"Des Bundesrats Lobhudeleien f\u00fcr Mussolini und Franco"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine historische Aufarbeitung der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zeigt, wie nazifreundlich sich die Schweiz damals verhalten hat und wie paranoid gegen\u00fcber der Sowjetunion. Die Geschichte hat Spuren hinterlassen, die bis in die Gegenwart reichen: Die antirussische Politik h\u00e4lt bis heute an.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas war das gr\u00f6\u00dfte weltpolitische Ereignis seit dem Weltkrieg.\u201c Mit diesen Worten beschrieb Giuseppe Motta Hitlers Einmarsch in \u00d6sterreich im M\u00e4rz 1938. Motta war Au\u00dfenminister der Schweiz und in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg ein pr\u00e4gender Kopf der Au\u00dfenpolitik \u2014 einer Au\u00dfenpolitik wohlgemerkt, welche vielen Schweizern Angst machte. So auch dem Journalisten Harry Gm\u00fcr.<\/p>\n<p>Der politische Kurs, den Motta vor Beginn des kolossalen Gemetzels anvisierte, war 1939 f\u00fcr den 31-j\u00e4hrigen Gm\u00fcr Grund genug, sich journalistisch ganz dem Kampf gegen den Faschismus zu widmen. Gm\u00fcr stammte aus einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Familie und hatte sich als scharfer Beobachter seiner Zeit in den Drei\u00dfigerjahren bereits einen Namen als Journalist und Agitator innerhalb der Linken gemacht.<\/p>\n<p>In der von ihm herausgegebenen und mitfinanzierten Wochenzeitung ABC schrieb der studierte Historiker und Germanist Gm\u00fcr 1937\/1938 gegen Faschismus, Antisemitismus sowie auch gegen die Komplizenschaft der Schweizer Regierung und Wirtschaftselite an, die den Achsenm\u00e4chten nahestand. Die Zeitung, die in Deutschland bereits im Juli 1937 von den Nazis verboten wurde, genoss auch \u00fcber die linken Kreise hinaus Prestige und galt geradezu als ein Leuchtturm des kritischen und engagierten Journalismus. Zu den regelm\u00e4\u00dfigen Autoren geh\u00f6rten Josef Halperin, Theo Pinkus, Charles Ferdinand Vaucher, Friedrich Glauser und Annemarie Schwarzenbach.<\/p>\n<h4><strong>Bundesanwaltschaft beschlagnahmte Zeitung<\/strong><\/h4>\n<p>Aufgrund personeller und finanzieller Schwierigkeiten musste das ABC jedoch bereits im M\u00e4rz 1938 nach nur 55 Ausgaben eingestellt werden. Entscheidend an der \u201eBeerdigung\u201c des ABC hatte zuletzt die Bundesanwaltschaft mitgewirkt. Im M\u00e4rz 1938 beschlagnahmte sie eine bereits gedruckte Auflage von 1145 St\u00fcck, weil sie Wind von einem Plakat erhalten hatte, mit dem die Wochenzeitung auf sich aufmerksam machen wollte. Auf diesem war ein mit roter Farbe durchgekreuzter Nazi zu sehen, der Flugbl\u00e4tter verteilte. Darunter war zu lesen: \u201eDer Schweizer liest die freie demokratische Wochenzeitung ABC.\u201c Begr\u00fcndet wurde die Beschlagnahmung des Plakates mit den \u201ev\u00f6lkerrechtlichen Beziehungen\u201c, welche die Schweiz damit gef\u00e4hrden w\u00fcrden. Gemeint waren die Beziehungen zu den Achsenm\u00e4chten.<\/p>\n<h4><strong>\u201ePatriotisches Gro\u00dfkapital\u201c \u2014 ein scharfes Pamphlet<\/strong><\/h4>\n<p>Aus der Emp\u00f6rung heraus griff Gm\u00fcr, den die Beh\u00f6rden als gef\u00e4hrlichen Dissidenten einstuften, sodann im Sommer 1939 zur Feder und verfasste das informationsreiche rund 90-seitige Pamphlet: \u201ePatriotisches Gro\u00dfkapital \u2014 anderthalb Jahre schweizerische Au\u00dfenpolitik\u201c.<\/p>\n<p>Verbreitung fand die Streitschrift keine, einen Verlag suchte Gm\u00fcr vergeblich. Die Unterdr\u00fcckung der Schrift d\u00fcrfte einen einfachen Grund gehabt haben: Sie deckte in einer Episode, die von Pressezensur und Angst gekennzeichnet war, die Beziehungen der Schweizer Machtelite zu Franco-Spanien, Mussolini-Italien und Hitler-Deutschland schonungslos und akribisch auf. W\u00e4hrend linke Literatur durch die Beh\u00f6rden unterdr\u00fcckt und beschlagnahmt wurde, tat der Bundesrat in den Monaten vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wenig, um gegen die nationalsozialistische Propaganda, welche auch die Schweiz flutete, vorzugehen.<\/p>\n<p>Zeitungen, welche \u201edurch besonders schwere Ausschreitungen die guten Beziehungen der Schweiz zu anderen Staaten\u201c gef\u00e4hrden konnten, wurden mit Verwarnungen und vor\u00fcbergehenden Verboten belegt. Im Oktober 1938 verbot der Bundesrat zum Beispiel die antifaschistische welsche Zeitung \u201eJournal des Nations\u201c. Radikale Kritik am Faschismus und Nazismus sollte m\u00f6glichst marginalisiert werden. Im Dezember 1938 erweiterte der Bundesrat die Pressezensur \u2014 endg\u00fcltige Verbote f\u00fcr Zeitungen wurden nun in Betracht gezogen.<\/p>\n<h4><strong>Faschismus auf dem Vormarsch<\/strong><\/h4>\n<p>W\u00e4hrend hierzulande ein unerbittlicher Kampf gegen die Presse und insbesondere auch gegen die Linken gef\u00fchrt wurde, breitete sich der Faschismus auf dem europ\u00e4ischen Kontinent wie ein Krebsgeschw\u00fcr aus. In Spanien tobte ein blutiger internationaler Konflikt, die nationalistischen Anh\u00e4nger von Francisco Franco wurden durch die beiden faschistischen M\u00e4chte Deutschland und Italien unterst\u00fctzt. Im M\u00e4rz 1938 marschierte Hitler in \u00d6sterreich ein, der \u201eAnschluss\u201c war perfekt.<\/p>\n<p>Es folgte die Konferenz in M\u00fcnchen Ende September 1938, welche die Annexion des Sudentenlandes beschloss; und nur wenige Wochen sp\u00e4ter wurde die geheime Anordnung f\u00fcr die Besetzung der restlichen Tschechoslowakei Realit\u00e4t. Sp\u00e4testens mit der \u201eKristallnacht\u201c vom 9. November 1938 und der systematischen Judenverfolgung war klar, welche Intentionen der Nationalsozialismus hegte.<\/p>\n<p>Der Bundesrat n\u00e4herte sich mehr und mehr den faschistischen Achsenm\u00e4chten an; in den Augen Gm\u00fcrs ein Grauen. Zwei Monate nach der Annexion \u00d6sterreichs befreite sich die Schweiz am 14. Mai 1938 als Mitglied des V\u00f6lkerbundes von der Pflicht, Wirtschaftssanktionen gegen\u00fcber k\u00fcnftig Krieg f\u00fchrenden Nationen wie dem Deutschen Reich oder Italien mittragen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gm\u00fcr schrieb:<\/p>\n<p>\u201eDem Vorwurf, die Schweiz habe durch ihren Abfall von der Kollektivsicherheit die Gesch\u00e4fte der faschistischen Kriegstreiber besorgt, wird demnach die Berechtigung nicht abzusprechen sein.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Beweihr\u00e4ucherung des M\u00fcnchner-Abkommens<\/strong><\/h4>\n<p>Spiritus rector hinter dieser Politik war der Tessiner Au\u00dfenminister Motta, der als strenger Antikommunist im Nationalsozialismus und Faschismus eine effiziente Abwehr gegen den Sowjet-Bolschewismus zu erkennen glaubte. Insbesondere die Position, die Motta sowie auch der Schweizer Gesandte in Berlin, Hans Fr\u00f6licher, zum M\u00fcnchner Abkommen und der Annexion des Sudetenlandes einnahmen, tadelte Gm\u00fcr aufs sch\u00e4rfste.<\/p>\n<p>An einer Rede in M\u00fcnchen sprach Fr\u00f6licher im Oktober 1938 positiv \u00fcber Hitlers Annexion des Sudetenlandes. F\u00fcr den scharfsinnigen politischen Beobachter Gm\u00fcr bedeutete das: Fr\u00f6licher war der Goebbels-Propaganda auf den Leim gekrochen. Er schrieb:<\/p>\n<p>\u201eEs ist zwar richtig, dass die deutschen Machthaber 1938 in der Hauptsache Gebiete annektierten, in denen ein starker Prozentsatz den Anschluss w\u00fcnschte. Bei \u00d6sterreich ist aber zumindest fraglich, ob bei freier Abstimmung sich eine Mehrheit f\u00fcr den Anschluss gefunden h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>Fr\u00f6lichers Lobrede war nicht etwa ein Aussetzer, der vom Bundesrat desavouiert wurde. Im Gegenteil. Der Bundesrat verteidigte den Gesandten in Berlin. Bundesrat Motta war gar entr\u00fcstet, dass Fr\u00f6licher f\u00fcr sein Auftreten in der Presse so arg kritisiert wurde. Was Gm\u00fcr lakonisch kommentierte:<\/p>\n<p>\u201eDadurch ist die Rede Fr\u00f6lichers zu einem Skandal geworden, den das ganze Regime zu verantworten hat.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Tr\u00e4nen des Bundesrates<\/strong><\/h4>\n<p>Noch einen Schritt weiter bei der faschismusaffinen Interpretation der geopolitischen Lage ging Bundesrat Motta selbst, wie Gm\u00fcr schrieb. Zur Er\u00f6ffnung der Mustermesse in Lugano im November 1938 heroisierte der Schweizer Magistrat das M\u00fcnchner-Abkommen regelrecht:<\/p>\n<p>\u201eWem w\u00e4ren nicht die Tr\u00e4nen in die Augen getreten, als er den epischen Flug von Neville Chamberlain nach Berchtesgarden, nach Godesberg und nach M\u00fcnchen verfolgte? Dieser edle Greis war in Wahrheit der fliegende Bote des Friedens, ein unverg\u00e4nglicher Ruhm seines Landes und eine gemeinsame Ehre aller V\u00f6lker, die sich vor seiner moralischen Gr\u00f6\u00dfe verneigen.\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich durften auch Lobhudeleien auf den Diktator Mussolini, der ebenfalls zu Gast war, nicht ausbleiben. Diese devote Haltung gegen\u00fcber den faschistischen Machthabern Europas brachte Gm\u00fcr knackig auf den Punkt:<\/p>\n<p>\u201eDass er (Motta) sich vorbehaltlos in die Reihe jener Hosianna-Schreier stellte, die die Weltmeinung durch eine Verdrehung der Tatsachen um 180 Grad irrezuf\u00fchren und f\u00fcr neue Kapitulationen reif zu machen sich m\u00fchten, bleibt \u2026 ein unentschuldbares Verbrechen gegen unser Land.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Ungleiche Behandlung<\/strong><\/h4>\n<p>Am deutlichsten zeigte sich die selektive politische Wahrnehmung Mottas am Beispiel Russlands. Einerseits glorifizierte der Au\u00dfenminister st\u00e4ndig die angebliche Neutralit\u00e4t der Schweiz, andererseits diffamierte er bei jeder Gelegenheit die Sowjetunion. Der Au\u00dfenminister war auch davon \u00fcberzeugt, dass Lenin pers\u00f6nlich f\u00fcr den Generalstreik 1918 in der Schweiz verantwortlich war.<\/p>\n<p>Ein Jahr nach Ausbruch der bolschewistischen Revolution hatte die Schweiz im Herbst 1918 die diplomatischen Beziehungen zu Moskau abgebrochen. Im April 1939 argumentierte die oberste Landesbeh\u00f6rde, dass diese auch weiterhin nicht aufgenommen werden k\u00f6nnten, da sich Moskau im Unterschied zu anderen Staaten in die inneren Angelegenheiten der Schweiz einmischen w\u00fcrde.<\/p>\n<blockquote><p>In der politischen Realit\u00e4t war es aber der verl\u00e4ngerte Arm Hitlers und Mussolinis, der bis tief in die helvetische Politik hineindr\u00e4ngte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gm\u00fcr legte in seinem Pamphlet akribisch dar, wie 1938 und 1939 noch unz\u00e4hlige Nazi-Spione ungehindert und weitgehend ungestraft ihre Propaganda in der Schweiz verbreiten konnten.<\/p>\n<p>Die Konsequenz dieser asymmetrischen Diplomatie bekam auch Gm\u00fcr selbst zu sp\u00fcren, f\u00fchrte sie doch innenpolitisch zur Unterdr\u00fcckung jeglicher linker Stimmen und Bewegungen. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges trat das Vollmachtenregime in Kraft, welches der Regierung weitgehende Machtbefugnisse \u00fcbertrug.<\/p>\n<p>Im November 1940 verbot der Bundesrat die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS). Gm\u00fcr, der aufgrund seiner radikal antifaschistischen Haltung bereits Ende der Drei\u00dfigerjahre mit den Kommunisten zusammengearbeitet hatte, wurde 1942 aus der SP hinausgeworfen und agierte daraufhin in der Illegalit\u00e4t.<\/p>\n<h4><strong>Unterst\u00fctzung f\u00fcr Franco-Spanien<\/strong><\/h4>\n<p>Hart ins Gericht ging Gm\u00fcr in seiner Streitschrift mit der Politik der westlichen Demokratien und insbesondere der Schweiz gegen\u00fcber den Putschisten in Spanien. Gm\u00fcr war sich sicher: Ohne deren Komplizenschaft mit Franco-Spanien h\u00e4tte sich der Faschismus in Europa niemals ausbreiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Besonders heftig kritisierte Gm\u00fcr, dass die Schweiz als eines der ersten L\u00e4nder am 14. Februar 1939 offiziell die diplomatischen Beziehungen mit Franco-Spanien aufnahm \u2014 und zwar schon zu einem Zeitpunkt, als Franco erst zwei Drittel des spanischen Territoriums unter seiner Kontrolle hatte. Und vor dem Hintergrund, dass die offizielle Schweiz verweigert hatte, die republikanische Regierung anzuerkennen.<\/p>\n<p>Gm\u00fcr nahm auch den Umgang der Beh\u00f6rden mit Spaniern hierzulande unter die Lupe: Den Anh\u00e4ngern des republikanischen Spaniens wurde das \u00f6ffentliche Auftreten in der Schweiz untersagt, die Franco-Anh\u00e4nger hingegen konnten unbehelligt und mit beh\u00f6rdlicher Genehmigung an \u00f6ffentlichen Anl\u00e4ssen Propaganda betreiben.<\/p>\n<p>Diese ungleiche Behandlung bekamen auch die mutigen Schweizer Spanienk\u00e4mpfer zu sp\u00fcren, die bereit waren, gegen die Faschisten ihr Leben aufs Spiel zu setzen. 800 Schweizer hatten sich den Internationalen Brigaden angeschlossen. Mehrere Dutzend starben im Kampf gegen die Faschisten. Die \u00dcberlebenden wurden zuhause zu mehrj\u00e4hrigen Freiheitsstrafen verurteilt und erst 2009 durch das Parlament rehabilitiert.<\/p>\n<blockquote><p>In keiner anderen Demokratie der Welt wurden die Spanienk\u00e4mpfer so konsequent weggesperrt wie in der Schweiz. Umgekehrt kamen diejenigen Schweizer, die f\u00fcr Franco gek\u00e4mpft hatten, wesentlich milder davon.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr Gm\u00fcr jedenfalls stand bereits 1939 fest: Die Schweizer Machteliten hatten im spanischen B\u00fcrgerkrieg gegen die Interessen der Republik gehandelt und somit \u201eder Gewaltpolitik des faschistischen Kriegsblocks aus freier Willk\u00fcr den Weg gebahnt\u201c. Verantwortlich f\u00fcr diesen politischen Kurs war in seinen Augen \u2014 ebenso wie in der Deutschland- und Italienpolitik \u2014 die herrschende Klasse, welche die nationalen Belange zugunsten ihrer eigenen Kapitalinteressen, des patriotischen Gro\u00dfkapitals, opferte.<\/p>\n<h4><strong>Die Welt von gestern \u2014 die Welt von heute<\/strong><\/h4>\n<p>Die hier beschriebenen Ereignisse liegen mittlerweile 80 Jahre zur\u00fcck. Aus heutiger Perspektive ist es einfach, sich \u00fcber die Politik der herrschenden Klasse der Schweiz in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg und die damalige Pressezensur zu echauffieren. Die Welt ist eine andere. Die Frage aber stellt sich: Hat sich die Welt seither grunds\u00e4tzlich zum Besseren ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Einen Kampf gegen die Presse f\u00fchren die Machteliten, ebenso wie vor 80 Jahren, auch heute. Man denke nur an den Fall Julian Assange. Die US-Machteliten tun alles, um den wom\u00f6glich bedeutendsten Verleger des 21. Jahrhunderts zu t\u00f6ten. Sein Verbrechen? Er hat die Kriegsverbrechen des US-Imperiums aufgedeckt.<\/p>\n<p>Die M\u00f6rdermaschinerie der Nationalsozialisten ist Vergangenheit. Doch ist das alleine bereits ein Fortschritt? Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, Mitglied des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates, sagt (1):<\/p>\n<p>\u201eDer Faschismus brauchte sechs Kriegsjahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen, die heutige neoliberale Weltwirtschaftsordnung schafft das locker in gut einem Jahr.\u201c<\/p>\n<p>Die Namen und Gesichter der Machteliten haben sich ver\u00e4ndert, doch gleichartige Machtstrukturen bestehen auch heute. Die Weltmacht USA, die \u00fcber 800 Milit\u00e4rbasen auf dem ganzen Planeten verf\u00fcgt und im Kampf um wirtschaftlichen und politischen Einfluss auch vor Regime Changes nicht zur\u00fcckschreckt, hat mit ihren milit\u00e4rischen Interventionen seit 1945 zwischen 20 bis 30 Millionen Menschenleben auf dem Gewissen.<\/p>\n<p>Und auch an faschistischen Strukturen herrscht kein Mangel. Man denke nur an den Aufstieg Jair Bolsonaros in Brasilien oder den Putsch, der gerade gegen den ersten indigenen Pr\u00e4sidenten Boliviens, Evo Morales, ausgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<h4><strong>Heute kuschen die politischen Eliten der Schweiz vor den USA<\/strong><\/h4>\n<p>Kommen wir aber nochmals zur\u00fcck auf die Schweiz. Die gegenw\u00e4rtige Schweiz. 1938\/39 dr\u00e4ngte der verl\u00e4ngerte Arm Hitlers und Mussolinis bis tief in die helvetische Politik hinein. Heute ist die Eidgenossenschaft den Druckversuchen der USA ausgesetzt.<\/p>\n<p>Ein anschauliches Beispiel hierf\u00fcr ist ihr Umgang mit dem US-Whistleblower und einstigen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden, dem sie kein Asyl gew\u00e4hrte. Der Grund ist ein einfacher: Die Angst vor Repressalien seitens des US-Imperiums. Snowden hatte nach seiner folgenreichen Entscheidung, seinem ehemaligen Arbeitgeber den R\u00fccken zu kehren und die Welt \u00fcber die Total\u00fcberwachung der US-Geheimdienste aufzukl\u00e4ren, in dutzenden Staaten politisches Asyl beantragt. Auch in der Schweiz.<\/p>\n<p>Diese hatte zun\u00e4chst ernsthaft erwogen, dem geschassten Paria sicheren Unterschlupf zu gew\u00e4hren. Es w\u00e4re nicht das erste Mal gewesen, dass sie einem bekannten politischen Fl\u00fcchtling Hilfe geleistet h\u00e4tte. Thomas Mann, Rosa Luxemburg, Ernst Bloch, Michail Bakunin und Wladimir Lenin erhielten in der friedlichen Alpenrepublik Asyl.<\/p>\n<p>Der Versuch scheiterte jedoch, nachdem die amerikanischen Machteliten Druck auf Bundesbern ausge\u00fcbt hatten. Die US-Botschafterin in Bern, Suzi LeVine, intervenierte am 19. September 2014 beim Bundesamt f\u00fcr Justiz. Daraufhin wurden die \u00dcberlegungen, ob und wie Snowden zu sch\u00fctzen w\u00e4re, aufgegeben. Die bereits geplanten Bestrebungen, ihn in der Schweiz zu befragen, wurden liegengelassen. Auch die Strafanzeige, welche die Bundesanwaltschaft zuvor wegen US-Spionage in der Schweiz eingereicht hatte, wurde ad acta gelegt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber schrieb die Schweizer Zeitung \u201eTages Anzeiger\u201c (2) im November 2016:<\/p>\n<p>\u201eMit den Amerikanern will es sich der Bund nicht verscherzen. Die kleine Schweiz ist in Sicherheitsfragen vom gro\u00dfen Bruder jenseits des Atlantiks schwerstabh\u00e4ngig. Ihr Geheimdienst profitiert von der umfassenden US-Cyberspionage \u2014 die Nachbarl\u00e4nder tun dies ebenso.\u201c<\/p>\n<p>Formelle Neutralit\u00e4t hin oder her. Bei einem Snowden wird sie auf dem Altar realer Machtverh\u00e4ltnisse geopfert. Daf\u00fcr gew\u00e4hrte Russland dem Geplagten und Gejagten Asyl.<\/p>\n<p>Snowden hatte in insgesamt 27 Staaten Asyl beantragt (3). Die US-Machteliten schafften es jedoch mittels Einsch\u00fcchterung und Drohung, dass kein einziger von diesen sich dazu bereit fand. Konkret waren es Joe Biden, der damalige US-Vizepr\u00e4sident, und John Kerry, damaliger US-Au\u00dfenminister, welche denjenigen Staaten mit unabsehbaren Konsequenzen drohten, die mit dem Gedanken spielten, Snowden aufzunehmen.<\/p>\n<h4><strong>Auch die Schweiz tr\u00e4gt die Sanktionen gegen Russland mit<\/strong><\/h4>\n<p>\u00c4hnlich manifestiert sich die Vormachtstellung des US-Imperiums auch im Rahmen des Ukraine-Konfliktes, f\u00fcr dessen Ausbruch die USA mitverantwortlich sind und der gegenw\u00e4rtig im Zusammenhang mit dem Amtsenthebungsverfahren gegen US-Pr\u00e4sident Donald Trumps wieder ins Zentrum der Welt\u00f6ffentlichkeit ger\u00fcckt ist. Auch hier ist es der Schweiz nicht gelungen, sich der Ukrainepolitik der US-Machteliten zu widersetzen.<\/p>\n<p>Ebenso wie die EU-Staaten tr\u00e4gt sie die Sanktionen mit (4), welche die westlichen Staaten nach dem Krim-Referendum und dem Abschuss der Malaysia Airlines Flug 17 \u00fcber der Ukraine 2014 gegen Russland verh\u00e4ngt haben. Eine neutrale Au\u00dfenpolitik sieht anders aus.<\/p>\n<p>Die Vasallenhaltung der europ\u00e4ischen Staaten inklusive der Schweiz ist insbesondere deshalb erstaunlich, da es den US-Machteliten im Februar 2014 gelang, den damaligen Pr\u00e4sidenten Wiktor Janukowitsch zu st\u00fcrzen und eine ihnen genehme Putschregierung an die Macht zu bringen, die aus Parteimitgliedern der rechtsradikalen, antisemitischen und russophoben Swoboda-Partei bestand (5).<\/p>\n<p>Deren Absichten waren von Anfang an klar: NATO-Beitritt sowie eine engere milit\u00e4rische und \u00f6konomische Zusammenarbeit mit dem Westen. George Friedman (6), US-Stratege und einstiger Vorsitzender von Stratfor, sprach von einem offensichtlichen Putsch, der in Kiew \u00fcber die B\u00fchne ging. Die Sanktionen erhoben die europ\u00e4ischen L\u00e4nder allerdings nicht gegen die USA, sondern gegen Russland. Dies, nachdem die B\u00fcrger auf der Krim, die historisch und kulturell Russland nahe stehen, gegen die neuen Machthaber in Kiew zu rebellieren begonnen und sich f\u00fcr einen Anschluss an Russland ausgesprochen hatten. Der Krieg, der daraufhin begann, dauert bis heute an.<\/p>\n<p>So sieht aktuell Machtpolitik aus. Die politische Elite in der Schweiz will es mit dem US-Imperium nicht verscherzen und es sich nicht zum Feind machen. Die Gefahr kann schlie\u00dflich nur von Russland ausgehen. Genauso wie zu Zeiten Mottas, als die Schweiz den Kommunismus f\u00fcr alles Schlechte auf der Welt verantwortlich machte, marschiert die politische Elite der Schweiz heute mit den transatlantischen Herrschern dieser Welt mit, die hinter allen b\u00f6sen Taten den verl\u00e4ngerten Arm Wladimir Putins sehen. Und das, obwohl die NATO mittlerweile bis an die Grenzen Russlands vorger\u00fcckt ist.<\/p>\n<h4><strong>Zur Person Harry Gm\u00fcr<\/strong><\/h4>\n<p>Berthold Harry Gm\u00fcr stammte aus einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Familie und wurde 1908 als \u00e4ltestes von drei Kindern des Ehepaars Max und Clara Gm\u00fcr-Fischer in Bern geboren. Sein Vater Max war einer der bekanntesten Juristen des Landes, Professor und Rechtshistoriker an der Universit\u00e4t Bern und deren Rektor. Zusammen mit Eugen Huber war er an der Ausarbeitung des Zivilgesetzbuches (ZGB) beteiligt. Harrys Mutter Clara war die Tochter eines reichen Kolonialwarenh\u00e4ndlers.<\/p>\n<p>Ungew\u00f6hnlich und nicht dem Lebensstil seiner Herkunft entsprechend, heiratete er schon als 22-j\u00e4hriger Germanistik- und Geschichtsstudent Genrietta Esther (auch Gena genannt), die Tochter j\u00fcdischer Eltern, welche wegen der Repressionen gegen\u00fcber Juden im Zarenreich Russlands 1908 staatenlos in die Schweiz \u00fcbersiedelten. Schon im Laufe seiner Gymnasialzeit sah er seine eigene b\u00fcrgerliche Welt mit zunehmend kritischeren Augen an und distanzierte sich von dieser mehr und mehr. Sp\u00e4testens nach seiner R\u00fcckkehr in die Schweiz im Jahr 1933 nach Absolvierung seiner Studienjahre in mehreren europ\u00e4ischen St\u00e4dten brach Gm\u00fcr mit seiner eigenen Herkunftsklasse.<\/p>\n<p>Er trat der Sozialdemokratischen Partei bei und wurde ebenfalls Mitglied der \u201eJungsozialistischen Bewegung\u201c, die sich links von der Sozialdemokratie positionierte. Auch geh\u00f6rte er ab 1934 dem Projekt \u201ePlan der Arbeit\u201c an, welches die \u00dcberwindung des Kapitalismus inmitten der wirtschaftlichen und politischen Krisen der 1930er Jahre beabsichtigte. Das Projekt wurde vom Verband des Personals der \u00f6ffentlichen Dienste (VPOD) unter dem damaligen gesch\u00e4ftsleitenden Sekret\u00e4r Hans Oprecht lanciert. Von 1937 bis 1938 war er einer der Redakteure der antifaschistischen Wochenzeitschrift ABC, an deren Realisierung er mitbeteiligt war und die er mit seinem Erbe finanziell unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>Aufgrund seiner f\u00fcr die Sozialdemokratie zu radikalen Positionen wurde Gm\u00fcr 1942 aus der Partei ausgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt geh\u00f6rte er bereits mindestens zwei Jahre der damals verbotenen Kommunistischen Partei an. Als noch w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs, 1944, in Z\u00fcrich die Partei der Arbeit (PdA) gegr\u00fcndet wurde, geh\u00f6rte Gm\u00fcr zu den Gr\u00fcnderv\u00e4tern. Von 1944 bis 1949 war er der erste Pr\u00e4sident der Z\u00fcrcher Sektion.<\/p>\n<p>Gleichzeitig war er auf nationaler Ebene in der Parteileitung vertreten und einer der drei Vizepr\u00e4sidenten. F\u00fcr die PdA-Zeitung Vorw\u00e4rts war er von 1944 bis 1947 als Chefredakteur t\u00e4tig. Ab 1958 schrieb er bis zu seinem Tod 1979 unter dem Pseudonym Stefan Miller (zum Teil auch Gaston Renard und Mercator) f\u00fcr die bekannte DDR-Zeitschrift Weltb\u00fchne zahlreiche Berichte \u00fcber Afrika und deren Entkolonialisierungsbestrebungen sowie \u00fcber die rechtsfaschistischen Diktaturen in Europa.<\/p>\n<p>Aus Angst vor Spionagevorw\u00fcrfen enthielt er sich kritischer Beitr\u00e4ge \u00fcber die Schweiz. 1968 erschien im Sinwel Verlag die Erz\u00e4hlung \u201eDie wei\u00dfe H\u00fcndin\u201c. Nach seinem Tod wurden im Europa Verlag 2015 der Niederdorfroman \u201eAm Stammtisch der Rebellen\u201c und 2016 der 1929 verfasste Jugendroman \u201eLiebe und Tod in Leipzig\u201c ver\u00f6ffentlicht. 2009 erschien von Mario K\u00f6nig und Markus B\u00fcrgi im Chronos Verlag die Biographie Gm\u00fcrs: \u201eHarry Gm\u00fcr \u2014 B\u00fcrger, Kommunist, Journalist.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Die Schweizer Geschichtsschreibung hat das Pamphlet von Harry Gm\u00fcr ignoriert<\/strong><\/h4>\n<p>Die aufdeckende Auseinandersetzung der Historiker mit den faschistischen und hitlerfreundlichen Bewegungen und Sympathien, auch der offiziellen Schweiz, hat nach dem Krieg mit gro\u00dfer Verz\u00f6gerung eingesetzt. Auch die neue Bewertung dieser bedenklichen Vorkommnisse. Zu diesem Vers\u00e4umnis geh\u00f6rt auch, dass das mutige und echtzeitlich verfasste Pamphlet von Gm\u00fcr kaum ber\u00fccksichtigt worden ist. Ein wichtiges St\u00fcck Schweizer Geschichte ist damit bis heute nicht gen\u00fcgend beleuchtet worden. Eine solche Schrift, die in einer der dunkelsten Episoden der Menschheitsgeschichte verfasst wurde, hat geb\u00fchrende Aufmerksamkeit verdient.<\/p>\n<p><strong><em>Dieser Text ist leicht \u00fcberarbeitet und erschien zuerst unter <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/Politik\/Des-Bundesrats-Lobhudeleien-fur-Mussolini-und-Franco\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.infosperber.ch<\/a> und wurde von Rubikon unter Creative Commons-Lizenz 4.0 \u00fcbrnommen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen und Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p>(1) <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/192298.f%C3%BCr-die-v%C3%B6lker-des-s%C3%BCdens-hat-der-dritte-weltkrieg-l%C3%A4ngst-begonnen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/192298.f\u00fcr-die-v\u00f6lker-des-s\u00fcdens-hat-der-dritte-weltkrieg-l\u00e4ngst-begonnen.html<\/a><br \/>\n(2) <a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/schweizer-rueckzieher-im-fall-snowden\/story\/28546514\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/schweizer-rueckzieher-im-fall-snowden\/story\/28546514<\/a><br \/>\n(3) <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=e9yK1QndJSM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=e9yK1QndJSM<\/a><br \/>\n(4) <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Aussenwirtschaftspolitik_Wirtschaftliche_Zusammenarbeit\/Wirtschaftsbeziehungen\/exportkontrollen-und-sanktionen\/sanktionen-embargos\/sanktionsmassnahmen\/massnahmen-zur-vermeidung-der-umgehung-internationaler-sanktione.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Aussenwirtschaftspolitik_Wirtschaftliche_Zusammenarbeit\/Wirtschaftsbeziehungen\/exportkontrollen-und-sanktionen\/sanktionen-embargos\/sanktionsmassnahmen\/massnahmen-zur-vermeidung-der-umgehung-internationaler-sanktione.html<\/a><br \/>\n(5) Kees, Van der Pijl (2018). Flight MH17, Ukraine and the New Cold War \u2014 Prism of Disaster. Manchester: Manchester University Press.; siehe auch<br \/>\n<a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2014\/09\/02\/whos-telling-the-big-lie-on-ukraine\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/consortiumnews.com\/2014\/09\/02\/whos-telling-the-big-lie-on-ukraine\/<\/a><br \/>\n(6) <a href=\"https:\/\/www.newcoldwar.org\/stratfor-chiefs-most-blatant-coup-in-history-interview-from-dec-2014\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.newcoldwar.org\/stratfor-chiefs-most-blatant-coup-in-history-interview-from-dec-2014\/<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Rafael Lutz<\/strong> arbeitet als Journalist f\u00fcr die Z\u00fcrcher Lokalzeitung Der T\u00f6\u00dfthaler und schlie\u00dft aktuell sein Soziologiemasterstudium an der Universit\u00e4t Fribourg ab. Zuletzt erschien von ihm \u201eHei\u00dfe F\u00e4uste im Kalten Krieg \u2014 Antikommunistischer Krawall beim Bahnhof Z\u00fcrich-Enge 1957\u201c.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine historische Aufarbeitung der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zeigt, wie nazifreundlich sich die Schweiz damals verhalten hat und wie paranoid gegen\u00fcber der Sowjetunion. 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