{"id":1001617,"date":"2019-12-24T13:36:52","date_gmt":"2019-12-24T13:36:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1001617"},"modified":"2019-12-24T13:41:58","modified_gmt":"2019-12-24T13:41:58","slug":"die-stille-in-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/12\/die-stille-in-uns\/","title":{"rendered":"Die Stille in uns"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Einsamkeit lernen wir, unsere Welt, unsere Mitwesen und letztlich uns selbst zu verstehen.<\/strong><\/p>\n<p>Wann sind wir mal wirklich alleine? So wirklich, wirklich alleine? Ohne im Beisein anderer Menschen, aber auch ohne jedwedes digitale Endger\u00e4t? An einem Ort, dem wir auch nicht mit Selfies versuchen habhaft zu werden. Ein stiller Ort, an dem der Dialog mit uns selbst nicht unterbrochen werden kann und wir gezwungen sind, uns selbst zuzuh\u00f6ren. An einen solchen Ort zu gehen, bedarf manchmal einigen Mumms. Auf die Schatten des eigenen Selbst zu sto\u00dfen, stellt so manche Geisterbahn in den Schatten. In der Stille werden wir mit dem konfrontiert, was wir immerzu in unserem st\u00e4ndigen Medienkonsum zu verdr\u00e4ngen versuchen. Doch wenn wir diesen Schatten gestatten, sich f\u00fcr eine Weile zu uns zu gesellen, k\u00f6nnen wir ihrem Fl\u00fcstern doch so manch Erstaunliches \u00fcber uns selbst entnehmen. Wir werden dessen gewahr, was uns eigentlich zum Halse heraush\u00e4ngt, wir aber in Ermangelung an Auskotzm\u00f6glichkeiten immerzu herunterschlucken m\u00fcssen. Wir erkennen langsam, dann immer deutlicher und dann mit einem Mal sehr genau, woran es uns mangelt, wonach wir d\u00fcrsten und wo unser Verlangen unbefriedigt bleibt. Wir beginnen, in der Stille der Isolation unser Verhalten zu hinterfragen. Fernab aller Kritiker, die uns sonst angreifen und gegen die wir uns \u2013 trotz berechtigter Kritik \u2013 sofort im Abwehrreflex verteidigen, k\u00f6nnen wir in einem sicheren Schutzraum unsere Taten reflektieren. Was haben wir wie und aus welchen Gr\u00fcnden getan? War das gerechtfertigt? Welche \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde haben uns dazu bewogen?<\/p>\n<p>Woran erkennen wir, dass ein Ereignis tats\u00e4chlich stattgefunden hat? Exakt! Wenn es von eben diesem Ereignis ein Selfie gibt. Und wenn es auch nur f\u00fcr 24 Stunden in einer Insta-, Facebook- oder WhatsApp-Story existiert. Wir \u2013 damit sind all jene gemeint, die mehr oder weniger an der sch\u00f6nen neuen durchdigitalisierten und smarten Welt teilnehmen k\u00f6nnen \u2013 sind heute alles andere als isoliert. \u00dcber unsere digitalen Endger\u00e4te nehmen wir 24\/7 am Leben der anderen teil. Nicht nur wir. Aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n<p>Obgleich wir rund um die Uhr digital mit allen verkn\u00fcpft sind, die \u00dcberwindung physischer Zwischenr\u00e4ume durch sinkende Flug-, Zug- und Buspreise immer leichter wird, l\u00e4sst sich eine tiefe Verbundenheit selten finden. Das ist nat\u00fcrlich meine subjektive Wahrnehmung. Doch nichts anderes ist der nachfolgende Beitrag.<\/p>\n<p>Wie erkl\u00e4rt sich also dieser Widerspruch aus Nicht-Isolation bei gleichzeitiger Unverbundenheit zwischen den Individuen? Durch die Digitalisierung? Die Flexibilisierung der Arbeitswelt und der damit verbundenen Aufweichung s\u00e4mtlicher uns Halt gebender Konstanten? Der Hedonismus, der Narzissmus der Gesellschaft? Vermutlich alles zusammen? All dies b\u00f6te Stoff f\u00fcr unz\u00e4hlig weitere Beitr\u00e4ge, und all dies in eine Nussschale zu quetschen, w\u00e4re f\u00fcr das Kernanliegen dieser Gedanken zu m\u00fchselig.<\/p>\n<blockquote><p><em>Fakt ist: Wir sind kollektiv vereinsamt!<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dies w\u00e4re nicht so schlimm, w\u00fcssten wir, mit dieser Einsamkeit richtig umzugehen. Stattdessen geben wir uns dem von vorneherein zum Scheitern verurteilten Unterfangen hin, dieses Loch in uns mit br\u00f6seligem, spr\u00f6dem Material zu stopfen. Viele Beziehungen in unserem Alltag sind von einer \u00d6dnis der Oberfl\u00e4chlichkeit gepr\u00e4gt und bestehen aus Surrogaten von Verbindungselementen, die das Ger\u00fcst echter, stabiler, tiefgehender und intimer Beziehungen darstellen. Wir k\u00f6nnen \u00fcber die banalsten Themen, \u00fcber alles und nichts, \u00fcber die langweiligsten, unspektakul\u00e4rsten Wetterlagen dieser Welt ellenlange Gespr\u00e4che in dem Latein der Jetztzeit \u2013 Small Talk \u2013 f\u00fchren. Emojis in Textmessengern mimen Gesichtsausdr\u00fccke, die wir Kraft echter Emotionen kaum noch zeigen. Sex wird versandkostenfrei \u00fcber Tinder wie eine Pizza bestellt. Das kalte Licht der digitalen Endger\u00e4te beleuchtet unser Gesicht, wenn wir Kopf und Kragen \u00fcber deren Bildschirm beugen.<\/p>\n<p>Wir wollen uns einfach nicht eingestehen, dass wir vereinsamt sind. Trauen uns nicht, dieser Tatsache ins Auge zu blicken. Der mittlerweile verstorbene Hollywood-Schauspieler Robin Williams sagte dazu einst:<\/p>\n<p>\u201eIch dachte immer, dass das Schlimmste im Leben darin besteht, allein zu enden. Das ist es nicht. Das Schlimmste im Leben ist, dann mit Menschen zusammen zu sein, die dir das Gef\u00fchl geben, allein zu sein.\u201c Ein so einfacher Satz, der doch so schwer wiegt. Wo findet sich denn \u2013 spitzt man im Alltag seine Ohren \u2013 in all dem inhaltsleeren Geschnatter und Geschw\u00e4tz wirklich etwas Substanz? Wo tritt keine unertr\u00e4glich laute Stille ein, wenn man beim Neuzeit-Latein Small Talk mit dem Latein am Ende ist und sich einfach nichts mehr zu sagen hat? An dieser Stelle kristallisiert sich heraus, ob eine tiefe Verbundenheit besteht, wenn anstelle des Schweigens keine Peinlichkeit, sondern Ruhe, Frieden und Entspannung eintritt.<\/p>\n<h4><strong>Allein<\/strong><\/h4>\n<p>Ist man allein, f\u00e4ngt tief im Inneren eine Musik an zu spielen, die einem Spotify niemals vorschl\u00e4gt, die Spotify nicht einmal im Angebot hat. Doch wann kann diese Musik in unserer heutigen Zeit jemals ohne St\u00f6rger\u00e4usche ert\u00f6nen? Sind wir doch der permanenten Ablenkung durch unz\u00e4hlige Entertainment-M\u00f6glichkeiten oder der Anwesenheit Dritter \u201eausgesetzt\u201c. Nietzsche schrieb dazu in \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c vom Freunde:<\/p>\n<p>\u201eIch und Mich sind immer zu eifrig im Gespr\u00e4che: wie w\u00e4re es auszuhalten, wenn es nicht einen Freund g\u00e4be? Immer ist f\u00fcr den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der Kork, der verhindert, dass das Gespr\u00e4ch der Zweie in die Tiefe sinkt. Ach, es gibt zu viele Tiefen f\u00fcr alle Einsiedler. Darum sehnen sie sich so nach einem Freunde und nach seiner H\u00f6he. Unser Glaube an Andre verr\u00e4th, worin wir gerne an uns selber glauben m\u00f6chten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verr\u00e4ther.\u201c<\/p>\n<p>Das sind Erkenntnisse und Zeilen, die man erst einmal sacken lassen muss. Zugleich bin ich der Ansicht, dass man die \u2013 um es mal ganz b\u00f6se auszudr\u00fccken \u2013 Suizid-Literatur des Friedrich Nietzsche mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht \u201egenie\u00dfen\u201c und sich von ihr allenfalls inspirieren lassen sollte!<\/p>\n<p>In den Zeilen Nietzsches vom Freunde steckt doch eine geballte Ladung Wahrheit. Es gilt im Hinblick auf seine Lebenszeit von 1844 bis 1900 als gesichert, dass Nietzsche nie bei Instagram war und auch \u00fcber keine sogenannten Facebook-Freunde verf\u00fcgte. W\u00e4re dem so, so h\u00e4tten diese Zeilen noch ein viel gr\u00f6\u00dferes Gewicht. Denn der Freund, den Nietzsche als den Korken in der Flasche umschreibt, der verhindert, dass das Selbst und das Ich in die dunkle Tiefe eines Meeres der eigenen Gedanken versinken, trifft heute auf die gesamte Zerstreuungsindustrie zu.<\/p>\n<p>Wann sind wir denn mal wirklich alleine? So wirklich, wirklich alleine? Ohne im Beisein anderer Menschen, aber auch ohne jedwedes digitale Endger\u00e4t? Allein. So ganz alleine? Nur du und dein Selbst. Auf einsamen Felde? Auf dem luftigen Gipfel eines Berges? An einem trostlosen Flussufer? In den Tiefen eines weitl\u00e4ufigen Waldes, dessen St\u00e4mme, Bl\u00e4tter und Nadeln s\u00e4mtliche Ger\u00e4usche der Zivilisation absorbieren? An einem Ort, der frei von k\u00fcnstlich erzeugten Reizen ist. Einem Ort, dessen wir auch nicht mit Selfies versuchen, habhaft zu werden. Ein stiller Ort, an dem der Dialog mit uns selbst nicht unterbrochen werden kann und wir gezwungen sind, uns selbst zuzuh\u00f6ren. An einen solchen Ort zu gehen, bedarf manchmal einigen Mumms. Auf die Schatten des eigenen Selbst zu sto\u00dfen, stellt so manche Geisterbahn in den Schatten.<\/p>\n<p>Nicht umsonst gilt in Gef\u00e4ngnissen die Einzelhaft als schwere Strafe. Auch haben grausame Tierversuche gezeigt, dass Affen physischen Schmerz der Isolation vorziehen, weil letztere noch viel mehr schmerzt.<\/p>\n<p>Was hier auf den ersten Blick nach einem Aufruf zum Masochismus der Vereinsamung und Isolation klingt, ist vielmehr die dringende Empfehlung, f\u00fcr eine gewisse Zeit \u2013 wenn auch nur f\u00fcr wenige Stunden \u2013 ein Reiz- und Informationsfasten zu betreiben. Dr. Daniele Ganser nennt es auch \u201edigital timeout\u201c. Behalten wir aber f\u00fcr diese Betrachtung den Fasten-Begriff bei. Wie beim herk\u00f6mmlichen Fasten geht auch diese Variante mit einer Form der Reinigung und Entgiftung einher.<\/p>\n<blockquote><p><em>In der zun\u00e4chst unertr\u00e4glich lauten Stille werden wir mit dem konfrontiert, was wir immerzu in unserem st\u00e4ndigen Medienkonsum zu verdr\u00e4ngen versuchen. Doch wenn wir diesen Schatten gestatten, sich f\u00fcr eine Weile zu uns zu gesellen, k\u00f6nnen wir ihrem Fl\u00fcstern doch so manch Erstaunliches \u00fcber uns selbst entnehmen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Wir werden dessen gewahr, was uns eigentlich zum Halse heraush\u00e4ngt, wir aber in Ermangelung an Auskotzm\u00f6glichkeiten immerzu herunterschlucken m\u00fcssen. Wir erkennen langsam, dann immer deutlicher und dann mit einem Mal sehr genau, woran es uns mangelt, wonach wir d\u00fcrsten und wo unser Verlangen unbefriedigt bleibt. Und unser Verhalten? Wir beginnen in der Stille der Isolation, genau dieses zu hinterfragen. Fernab aller Kritiker, die uns sonst angreifen und gegen die wir uns \u2013 auch bei berechtigter Kritik \u2013 sofort im Abwehrreflex verteidigen, k\u00f6nnen wir in einem sicheren Schutzraum unsere Taten reflektieren. Was haben wir wie und aus welchen Gr\u00fcnden getan? War das gerechtfertigt? Welche \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde haben uns dazu bewogen?<\/p>\n<p>Diese zun\u00e4chst \u201eschwierige\u201c (dieses Wort kann diesen emotionalen Zustand nur in Ans\u00e4tzen umschreiben) Konfrontation wird dann h\u00e4ufig allerdings belohnt.<\/p>\n<p>\u201eNur wo Leere ist, kann neues entstehen\u201c, rappen die Orsons in ihrem Track <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nyeInnZHZ_w\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eLagerhalle\u201c<\/a>. Und ja! Dieser Abstieg in die eigenen Tiefen ist das herbstliche Absch\u00fctteln alteingesessener Strukturen, auf die die Leere eines Winters und darauf wiederum das fr\u00fchlingshafte Erbl\u00fchen von Neuem folgt. Man kehrt bereichert aus der Einsamkeit zur\u00fcck. Manchmal stellt sich diese Bereicherung auch erst sp\u00e4ter ein. Gras wird schlie\u00dflich auch nicht l\u00e4nger, wenn man daran zieht. Jede Blumensaat braucht eben ein wenig bis zum Erbl\u00fchen.<\/p>\n<h4><strong>Mit wenigen gemeinsam, statt in der Masse einsam<\/strong><\/h4>\n<p>Eine sich h\u00e4ufig einstellende Erkenntnis nach einer solchen Erfahrung der freiwilligen Isolation ist jene, dass man von nun an in all den Beziehungen auf Qualit\u00e4t statt auf Quantit\u00e4t setzt. Hier kn\u00fcpfen wir wieder an das Zitat von Williams oben an. Das Alleinsein ist weitaus weniger schlimm als von Menschen umgeben zu sein, trotz deren Anwesenheit man sich alleine f\u00fchlt. Deswegen empfehle ich, sich folgende Faustregel mit einem Permanent-Marker hinter die Ohren zu schreiben:<\/p>\n<blockquote><p><em>Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man Menschen trifft, um etwas zu unternehmen, oder aber, ob man etwas unternimmt, um diese Menschen zu treffen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Merksatz, der zun\u00e4chst sehr banal klingt, birgt in seiner Tiefe doch einen wichtigen und gravierenden Unterschied in den Beziehungen, die wir f\u00fchren. In der ersten Variante bilden wir Zweckgemeinschaften mit f\u00fcr uns wenig bedeutsamen Menschen, nur mit der Absicht, eine Sache zu unternehmen oder zu meistern, meist auch nur deswegen, damit man nicht alleine ist. Danach hat man mit den eingebundenen Menschen nicht mehr viel auszutauschen. In der zweiten Variante hingegen spielt die Art der Aktivit\u00e4t eine \u00e4u\u00dferst untergeordnete Rolle, weil es im Wesentlichen darum geht, mit eben dieser oder diesen Personen seine Zeit zu verbringen. Was man in dieser Zeit genau tut, ist weniger wichtig, weil allein die Gegenwart dieser nahestehenden Menschen eine solche Bereicherung darstellt, dass es keinerlei Ablenkung bedarf, die im umgekehrten Falle die Tatsache kaschieren muss, dass die Anwesenden sich eigentlich nichts Tiefergehendes zu sagen haben.<\/p>\n<p>Damit wir uns aber nicht falsch verstehen! Das ist beileibe kein Aufruf, all jene Menschen aus dem eigenen Leben zu dr\u00e4ngen, mit denen ein tieferes Beziehungsgef\u00fcge einfach nicht (mehr) m\u00f6glich ist. Von Geburt an empathische, facettenreiche und wahrhaftig einzigartige Menschen werden in dem Betonklotz (auch \u201eSchule\u201c genannt) zurechtgestutzt zu unreflektierten, entwurzelten und seelisch verkr\u00fcppelten LohnarbeiterInnen, wie es der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz skizziert. An die Stelle tiefergehender Beziehungen tritt beispielsweise die \u201eLiebe\u201c und Hingabe zu einem Fu\u00dfballverein oder \u00c4hnlichem. Leider \u2013 und das ist die traurige Realit\u00e4t \u2013 kann das oben Beschriebene nur den Wenigen gelingen, die sich durch gl\u00fcckliche F\u00fcgungen und Umst\u00e4nde der toxischen Wirkung unseres Systems bis zu einem gewissen Grade entziehen konnten und von ihren Gef\u00fchlen noch nicht in nahezu unerreichbarer Distanz entfernt sind.<\/p>\n<p>Ein sonnt\u00e4glicher Spaziergang an der frischen Luft wird einem solchen Fasten meist nicht gerecht, weil dieser Spaziergang meist eher einem Hofgang der Lohnsklaven im Hamsterrad gleichkommt, bei dem die Gedanken dieser Sklaven meist schon wieder um den nahenden Montag kreisen.<\/p>\n<h4><strong>Die echte Verbundenheit<\/strong><\/h4>\n<p>Tats\u00e4chlich kann es die oben beschriebene Isolation in G\u00e4nze gar nicht geben. Zweifelsfrei klingt das erst einmal nach einem heftigen Widerspruch zu dem oben Beschriebenen. Doch ist dieser Gang in die Einsamkeit, von dem dieser Text handelt, mehr ein Rauschfilter als ein Kappen der Verbindung, die zu kappen gar nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Seien es spirituelle Denker, Schamanen oder Quantenphysiker \u2013 die Erkenntnis verfestigt sich, dass in der Welt, im Universum, alles miteinander verkn\u00fcpft und nichts getrennt ist. Alles und jeder steht in Resonanz zu allem und jedem. Alles bedingt sich wechselseitig. Der allt\u00e4gliche Strudel aus Oberfl\u00e4chlichkeit jedoch, der sich um den Materialismus dreht wie die M\u00fccke um das Licht, verdeckt den Blick auf diese Tatsache. An der Stelle sei auf ein Zitat des Physikers Hans-Peter D\u00fcrr aus dem Jahr 2007 verwiesen:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eIm Grunde gibt es Materie gar nicht. (&#8230;) Es gibt nur ein Beziehungsgef\u00fcge, st\u00e4ndigen Wandel, Lebendigkeit.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die ganzen sozialen Netzwerke sind im Grunde genommen billige Imitationen des einzigen echten Netzwerkes, das \u201ezwischen\u201c allem Leben besteht. Es gilt, sich selbst wieder f\u00fcr die Empf\u00e4nglichkeit dieser Verbundenheit zu sensibilisieren, die verstaubten Antennen wieder auf Vordermann zu bringen und wieder zu lernen, auf das Leben zu horchen. Wenngleich wir nat\u00fcrlich auch mit allen Menschen verbunden sind, die das Wissen \u00fcber diese Verbundenheit (noch) nicht erfassen, tun wir gut daran \u2013 und das ist keinesfalls abwertend gemeint \u2013, deren Rauschen \u00fcber Profanit\u00e4ten wie Fu\u00dfballspielanalysen, Politikdebatten oder nachbarschaftliche L\u00e4sterei immer wieder mal f\u00fcr einen kurzen Moment herunterzudrehen, um der Stille zu lauschen.<\/p>\n<p>Wem das zu verschwurbelt und esoterisch klingt, sei hier eine greifbare Veranschaulichung pr\u00e4sentiert. Viele Astronauten berichten, dass sie bei ihrem ersten Flug ins All \u2013 wo k\u00f6nnte man isolierter sein als dort oben? \u2013 auf die Erde herabblickten, diese von so weit oben betrachteten wie noch nie zuvor, und daraufhin erst einmal laut loslachen mussten. Nicht aus Spott, sondern weil sie angesichts dieses wundersch\u00f6nen Planeten erkannten, wie l\u00e4cherlich und kleinlich doch die vielen der von uns selbst gemachten Probleme sind.<\/p>\n<p>Ziehen wir zum Schluss noch einmal Nietzsches Metapher herbei, mit dem Freund als Korken, der verhindert, dass die Flasche (das Ich und das Selbst) im Dialog in die Tiefe versinkt. Ja, wir m\u00fcssen diesen Korken immer wieder mal weglassen \u2013 er ist ja nicht verschwunden, kann er auch gar nicht \u2013 und uns selbst reinen Wein einschenken, die Flasche auf den Meeresgrund sinken lassen. Am Ende taucht sie dann ganz sicher wieder auf, sodass wir den gereiften Wein genie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em><strong>Dieser Beitrag von Nicolas Riedl erschien erstmalig bei <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/die-stille-in-uns\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rubikon \u2013 Magazin f\u00fcr die kritische Masse<\/a> unter CC BY 4.0.<\/strong><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Nicolas Riedl<\/strong>, Jahrgang 1993, ist Student der Politik-, Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen. Er lernte fast jede Schulform des deutschen Bildungssystems von innen kennen und w\u00e4hrend einer kaufm\u00e4nnischen Ausbildung ebenso die zwischenmenschliche K\u00e4lte der Arbeitswelt. Die Medien- und Ukrainekrise 2014 war eine Z\u00e4sur f\u00fcr seine Weltanschauung und -wahrnehmung. Seither besch\u00e4ftigt er sich eingehend und selbstkritisch mit politischen, sozio-\u00f6konomischen, \u00f6kologischen sowie psychologischen Themen und fand durch den Rubikon zu seiner Leidenschaft des Schreibens zur\u00fcck. Soweit es seine technischen Fertigkeiten zulassen, produziert er Filme und Musikvideos. Er ist Mitglied der Rubikon-Jugendredaktion und schreibt f\u00fcr die Kolumne \u201e<a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/kolumnen\/junge-federn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Junge Federn<\/a>\u201c.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Einsamkeit lernen wir, unsere Welt, unsere Mitwesen und letztlich uns selbst zu verstehen. Wann sind wir mal wirklich alleine? So wirklich, wirklich alleine? Ohne im Beisein anderer Menschen, aber auch ohne jedwedes digitale Endger\u00e4t? 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