{"id":1001363,"date":"2019-12-23T19:16:40","date_gmt":"2019-12-23T19:16:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1001363"},"modified":"2019-12-23T19:17:26","modified_gmt":"2019-12-23T19:17:26","slug":"mit-cacerolazos-aus-dem-tiefschlaf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2019\/12\/mit-cacerolazos-aus-dem-tiefschlaf\/","title":{"rendered":"Mit Cacerolazos aus dem Tiefschlaf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Durch die andauernden Protestaktionen zeigt die Zivilgesellschaft in Kolumbien ein neues Gesicht.<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem 21. November h\u00f6rt es nicht mehr auf zu beben in der kolumbianischen Gesellschaft. Beginnend mit einem Generalstreik gehen Kolumbianer*innen seitdem in gro\u00dfen und kleinen St\u00e4dten f\u00fcr Frieden, den Schutz von Menschenrechtsaktivist*innen und der Umwelt und mehr Investitionen in Bildung auf die Stra\u00dfe. Die friedliche R\u00fcckeroberung der \u00d6ffentlichkeit und die Artikulation von gemeinschaftlichen Interessen ersch\u00fcttern den gefestigten Status Quo der Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber den ungerechten Verh\u00e4ltnissen im Land und den Gr\u00e4ueln eines 56-j\u00e4hrigen bewaffneten Konflikts. Nach jahrelangem kollektivem Wegschauen wacht ein Teil der entpolitisierten kolumbianischen Gesellschaft endlich auf.<\/p>\n<p>Laut und kreativ war der Protest, als die Menschen sich f\u00fcr den Auftakt des Generalstreiks in Bogot\u00e1 versammelten. Im Takt des Trommelwirbels tanzten Jung und Alt vor der nationalen Universit\u00e4t, im Sim\u00f3n Bolivar Park und vor der Casa Nari\u00f1o, dem Regierungssitz, mitten in der Hauptstadt. \u201eIch will in einem Land in Frieden und ohne Angst leben\u201c, \u201eUnsere Kinder sind kein milit\u00e4risches Ziel\u201c oder \u201eBasta ya\u201c (\u201eEs reicht\u201c), stand auf den Plakaten der Demonstrant*innen, die ihren Unmut gegen die Regierung von Pr\u00e4sident Iv\u00e1n Duque zum Ausdruck brachten.<\/p>\n<p>Damit war es allerdings vorbei, als am fr\u00fchen Nachmittag Polizist*innen der Aufstandsbek\u00e4mpfungseinheit (ESMAD) mit Tr\u00e4nengas den gewaltlosen Protestzug, der zum Flughafen f\u00fchren sollte, unterbrachen. \u201eIch habe mich in die Enge getrieben gef\u00fchlt. Wir waren Tausende, die versuchten in irgendeiner Ecke Schutz zu finden. Einige rannten los, andere stellten sich der ESMAD entgegen, wieder andere versuchten \u00fcber das Geschehen zu berichten. Ich habe gesehen, wie die Wut und Angst nicht mehr zu b\u00e4ndigen waren\u201c, schildert Daniela Quintero, Journalistin der Stiftung f\u00fcr Frieden und Vers\u00f6hnung, die Eskalation der Proteste.<\/p>\n<p>Auch die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Vermummten und der mobilen Einheit zur Aufstandsbek\u00e4mpfung (ESMAD) in Bogot\u00e1 und Cali \u00fcberschatteten die friedliche Stimmung und die vielf\u00e4ltigen Forderungen der Protestierenden. Vermummte warfen Steine auf Busstationen des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs und Molotov-Cocktails auf Polizist*innen. In beiden St\u00e4dten wurde eine n\u00e4chtliche Ausgangssperre verh\u00e4ngt.<\/p>\n<blockquote><p>Die Polizei verbreitete eine Warnung vor Raubz\u00fcgen von Kriminellen \u2013 die aber nie eintrafen<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Polizei reagierte mit brutaler H\u00e4rte. Milit\u00e4rs und Polizist*innen patrouillierten entlang der Stra\u00dfen der \u00e4rmeren Bezirke Bogot\u00e1s und Calis und warfen Steine auf H\u00e4user und umliegende Geb\u00e4ude, w\u00e4hrend die Bewohner*innen von drinnen die Ausschreitungen filmten und ins Internet hochluden. Als die Polizei in der Nacht zum 22. November die falsche Warnung von massenhaften Raubz\u00fcgen durch Gated Communities verbreitete, bewaffneten sich einige Anwohner*innen mit Pistolen, Messern und Besen, um sich gegen die Kriminellen zu verteidigen, die aber nie eintrafen.<\/p>\n<p>Andere B\u00fcrger*innen lie\u00dfen sich w\u00e4hrenddessen ihr Recht auf Protest nicht verbieten. Viele schlugen von ihren Wohnungen und Balkonen aus auf T\u00f6pfe und trotz der n\u00e4chtlichen Ausgangssperre versammelten sich die Bogotaner*innen auf den Stra\u00dfen und tanzten dort zum Takt der ersten landesweiten cacerolazos (Protestform, bei der durch Schlagen auf Kocht\u00f6pfe Krach gemacht wird). Sogar vor dem Haus des Pr\u00e4sidenten im Norden der Hauptstadt schlugen Hunderte auf ihre Kocht\u00f6pfe, w\u00e4hrend drinnen Iv\u00e1n Duque eine Fernsehansprache hielt. \u201eHeute haben die Kolumbianer*innen gesprochen, wir h\u00f6ren ihnen zu. Der soziale Dialog war schon immer ein Aush\u00e4ngeschild dieser Regierung und wir m\u00fcssen ihn mit allen Sektoren der Gesellschaft vertiefen\u201c, sagt der Pr\u00e4sident, der bis jetzt keinen ernstzunehmenden Dialog mit dem Streikkomitee eingegangen ist. \u201eDas kolumbianische Volk kann sicher sein, dass wir es nicht erlauben werden, dass Vandalen und Gewaltbereite die Gesellschaft erschrecken und vor allem die M\u00f6glichkeiten uns auszudr\u00fccken einschr\u00e4nken\u201c, erkl\u00e4rte Duque weitergehend.<\/p>\n<p>Es war dann aber die ESMAD, die den Protest blutig niederschlug und mit Wasserwerfern und Tr\u00e4nengas aufl\u00f6ste. Die Gewalt eskalierte, als am Samstag, dem 26. November in Bogot\u00e1 ein Polizist dem 18-j\u00e4hrigen Dilan Cruz aus einer Entfernung von zehn Metern mit illegaler Munition den Kopf zertr\u00fcmmerte. Aufgrund des Sch\u00e4delbruchs wurde er sofort ohnm\u00e4chtig. Drei Tage sp\u00e4ter erlag Cruz in einem Krankenhaus in Bogot\u00e1 seinen Verletzungen, dem Tag seines offiziellen Schulabschlusses. Seitdem wird bei den Protestaktionen immer wieder betont: Dilan ist nicht gestorben, er wurde von der Polizei ermordet.<\/p>\n<p>Diese wird jedoch, wie zu erwarten, von der Politik in Schutz genommen. Unter dem Hashtag #NoPudieron schrieb die Innenministerin Nancy Patricia Guti\u00e9rrez, die 2011 wegen Vorteilsgew\u00e4hrung zu Hausarrest verurteilt wurde, auf Twitter: \u201eDie Polizei wurde attackiert, damit sie reagiert und ihr sp\u00e4ter vorgeworfen werden kann, dass sie Menschenrechtsverletzungen begeht.\u201c Mitglieder der rechtsgerichteten Partei Demokratisches Zentrum (CD) gingen noch weiter und nahmen den ermordeten Sch\u00fcler ins Visier: \u201eEs wurde festgestellt, dass Dilan Cruz ein Randalierer war\u201c, behauptete die Senatorin Paloma Valencia in einem Interview der Zeitschrift Semana. In der ersten Woche des Streiks wurden 769 Menschen (darunter 397 Polizist*innen) verletzt und 914 Menschen willk\u00fcrlich verhaftet.<\/p>\n<p>Dass ausgerechnet ein Reformpaket der Regierung das Fass zum \u00dcberlaufen brachte, mag zun\u00e4chst verwunderlich klingen. Doch seine zum Teil gravierenden Folgen f\u00fcr die Lebensbedingungen der Kolumbianer*innen erkl\u00e4ren, warum so viele unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche dem Aufruf der Gewerkschaften folgten. Es wird zu Recht bef\u00fcrchtet, dass damit ein System weiter gefestigt wird, das Wachstum und Wirtschaftsinteressen vor die Arbeitsrechte der B\u00fcrger*innen stellt.<\/p>\n<p>Trotz andauernder Proteste gegen die Reformvorschl\u00e4ge der Regierung wurde deren paquetazo (Gesetzespaket) in Windeseile im Senat durchgewunken. Ein Teil dessen ist die Steuerreform, die am 4. Dezember von der ersten Kammer des Senats ratifiziert wurde und die steuerliche Ungerechtigkeit in Kolumbien weiter vertiefen wird. Die darin enthaltene Steuersenkung von umgerechnet 264 Millionen Euro bei Megainvestitionen und der Steuererlass beim Kauf von Immobilien \u00fcber 230.000 Euro sind ein sattes Weihnachtsgeschenk f\u00fcr Unternehmen und Superreiche.<\/p>\n<p>Populistisch ist dagegen der versprochene Erlass der Mehrwertsteuer an drei Tagen im Jahr, den Duque vorschlug, als die Proteste auf den Stra\u00dfen \u00fcber sieben Tage andauerten.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDilan ist nicht gestorben, er wurde von der Polizei ermordet\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Besonders gro\u00df ist die Ablehnung gegen\u00fcber der von der Regierung vorgeschlagenen Arbeits- und Rentenreform, welche die informelle Arbeit, die steigende Arbeitslosigkeit und Altersarmut bek\u00e4mpfen soll. Stundenvertr\u00e4ge statt unbefristeter Vertr\u00e4ge, so lautet die Zauberformel der Regierung, um die Arbeitslosigkeit zu bek\u00e4mpfen. Diese Flexibilisierung wird allerdings zu einer Prekarisierung der Arbeitsverh\u00e4ltnisse bei gleichzeitigem Verlust von Arbeitsrechten f\u00fchren. Denn die sozialen Leistungen werden infolgedessen gek\u00fcrzt, die Sozialversicherungs\u00adbeitr\u00e4ge nach Stunden berechnet und die gesundheitlichen und sicherheitsrelevanten Arbeitsnormen gesenkt.<\/p>\n<p>Auch die geplante Fusion der privaten und staatlichen Rentenunternehmen bereitet gro\u00dfe Sorgen. Um zw\u00f6lf Prozent soll das Budget des neuen Rentensystems wachsen. Bis jetzt ist allerdings noch nicht klar, wie die Integration privater und staatlicher Rentenkassen funktionieren soll. Dazu ist es sehr wahrscheinlich, dass zu wenige Menschen von dem erh\u00f6hten Budget profitieren. Vor allem wenn man beachtet, dass nur zwei von zehn Kolumbianer*innen \u00fcberhaupt rentenberechtigt sind.<\/p>\n<p>Trotz lautstarker Kritik von den Gewerkschaften und Akademiker*innen, beharrt die zust\u00e4ndige Ministerin Duques auf einen positiven Effekt dieser Arbeits- und Rentenreform. Denn f\u00fcr diese taube Regierung sind die Priorit\u00e4ten klar: \u201eDas wichtigste ist, dass das wirtschaftliche Wachstum und die Produktivit\u00e4t erh\u00f6ht wird\u201c, behauptete die Arbeitsministerin Alicia Arango (CD) im Interview mit der Wirtschaftszeitung El Portafolio.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich beinhaltete die von der Regierungspartei vorgeschlagenen Arbeitsreform eine K\u00fcrzung des Mindestlohns auf 160 Euro statt bisher 208 Euro f\u00fcr Menschen unter 25 Jahren. Der sogenannte differenzierte Mindestlohn sollte die Arbeitgeber entlasten und einen Anreiz darstellen, Menschen mit weniger Arbeitserfahrung einzustellen. Angesichts des lautstarken Protests von Studierenden, die ohnehin schon schwindelerregende Semestergeb\u00fchren f\u00fcr das Studium bezahlen m\u00fcssen, wurde der Vorschlag zur\u00fcckgezogen. Ob es dabei bleibt, ist noch offen. Es w\u00e4re nicht das erste Mal, dass die Regierung entgegen ihrer Versprechungen handelt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen schmieren Duques Zustimmungswerte bei der Bev\u00f6lkerung weiter ab. Nach 15 Monaten im Amt ist die Unbeliebtheit des Pr\u00e4sidenten mit 69 Prozent h\u00f6her als die aller seiner Vorg\u00e4nger. Von Beginn seiner Regierungszeit an wurde Duque als eine Marionette seines politischen Vaters, Alvaro Uribe V\u00e9lez, verlacht. Mit 19 Auslandsreisen in seinem ersten Jahr als Pr\u00e4sident wird Duque als ein abwesendes und dazu sehr ungeschicktes Staatsoberhaupt wahrgenommen, das die Realit\u00e4t des Landes verkennt. Er erkl\u00e4rte den \u201ebreiten gesellschaftlichen Dialog\u201c zum Ziel seiner Regierung, brach dann aber Anfang 2019 die Verhandlungen mit der nationalen Befreiungsarmee (ELN) ab und lie\u00df als \u201eStrategie\u201c schlicht internationale Haftbefehle auf ihre Anf\u00fchrer ausstellen.<\/p>\n<p>Indem Duque die Friedensverhandlungen mit der ELN von der bedingungslosen einseitigen Waffenruhe abh\u00e4ngig machte, verspielte er die historische Chance auf ein Kolumbien ohne Aufst\u00e4ndische. Der Abbruch der Friedensverhandlungen hat zu einem Erstarken der nun \u00e4ltesten aktiven Guerilla des Kontinents gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nach der Entwaffnung der revolution\u00e4ren bewaffneten Streitkr\u00e4fte Kolumbiens \u2013 Volksarmee (FARC-EP) war zu bef\u00fcrchten, dass das Machtvakuum in den l\u00e4ndlichen Regionen von der ELN und paramilit\u00e4rischen Gruppierungen gef\u00fcllt wird. Und da es offensichtlich keine Ambitionen gab, die Situation weiterzudenken, l\u00f6ste dies einen regelrechten Kokain-Boom in Kolumbien aus, der zu einem neuen Rekord in der Produktion des wei\u00dfen Pulvers f\u00fchrte. Laut den Vereinten Nationen wird derzeit 70 Prozent des weltweit verkauften Kokains in Kolumbien hergestellt. Doch anstatt Programme zur freiwilligen Vernichtung der Koka-Plantagen zu st\u00e4rken, beharrt die Regierung auf die Zwangsvernichtung der Plantagen durch eine Sondereinheit der Armee. Im Krieg gegen die Drogen 3.0 wurde das Land nun wieder weiter militarisiert, mit einer Armee, die den Befehl hat, im Zweifel auch zu schie\u00dfen.<\/p>\n<p>Obwohl eigentlich der Kampf gegen die grassierende Korruption angesagt w\u00e4re, sah Pr\u00e4sident Duque unbeteiligt zu, als seine Partei ein Gesetz zur Korruptionsbek\u00e4mpfung im Senat immer wieder verhinderte und schlie\u00dflich endg\u00fcltig zum Scheitern zwang. Das im November 2016 unterzeichnete Friedensabkommen mit den bewaffneten Streitkr\u00e4ften Kolumbiens (FARC) wurde zu einer Zielscheibe von Uribes CD-Partei. Aufgrund von mangelndem politischen Willen wurde die integrale Zusammensetzung der Vereinbarungen torpediert und ihre Umsetzung bewusst verlangsamt.<\/p>\n<p>\u201eWas wir heute erleben, ist etwas, das es noch nie in der kolumbianischen Geschichte gab: die Cacerolazos, die emp\u00f6rten Leute auf der Stra\u00dfe, die Menschen, die immer noch von der Regierung klare L\u00f6sungen und Antworten fordern\u201c, sagt Alejandro Palacio Restrepo, Mitglied des kolumbianischen Verbandes der Studierendenvertreter*innen (Acrees). Die andauernden Aktionen mit der Beteiligung von Aktivist*innen, K\u00fcnstler*innen und Musiker*innen sind ein noch nie dagewesener Impuls f\u00fcr einen \u00fcbergreifenden sozialen Dialog \u00fcber Ungerechtigkeiten und Privilegien. Und dieser historische Moment w\u00e4re ohne die Unterzeichnung des Friedensabkommens mit der FARC-Guerilla vor drei Jahren und ihrer darauf folgenden Entwaffnung nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Dass Frieden in Kolumbien dennoch weiter eine gedachte Gr\u00f6\u00dfe bleibt, die nur auf dem Papier gilt, ist ein Affront gegen\u00fcber den Opfern des bewaffneten Konflikts, den entwaffneten Guerillerxs und einer Zivilgesellschaft, die nach dem Nein im Referendum zum Friedensabkommen wach geworden ist. Die Welle willk\u00fcrlicher T\u00f6tungen von Zivilist*innen, gezielter Ermordungen von Menschenrechtsaktivist*innen und entwaffneten FARC-Guerillerxs k\u00f6nnen im heutigen Kolumbien nicht mehr versteckt und geleugnet werden. Zum ersten Mal schaut die entpolitisierte kolumbianische Gesellschaft nicht mehr weg, sondern vers\u00f6hnt sich mit der eigenen Geschichte voller Vertreibungen, Entf\u00fchrungen und Tod.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch die andauernden Protestaktionen zeigt die Zivilgesellschaft in Kolumbien ein neues Gesicht. Seit dem 21. November h\u00f6rt es nicht mehr auf zu beben in der kolumbianischen Gesellschaft. 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