Diese Woche hat das Innenministerium in England und Wales neue gesetzliche Regeln für häusliche Gewalt verbunden mit der Überprüfung von Todesfällen veröffentlicht, ein Verfahren, das zuvor als „Klärung häuslicher Tötungsdelikte“ bekannt war. Die Änderung mag bürokratisch klingen, berücksichtigt jedoch etwas weitaus Entscheidendes. Ein Todesfall in Verbindung mit häuslicher Gewalt folgt nicht unbedingt auf einen endgültigen tödlichen Angriff. Es kann sich um einen Selbstmord  nach Monaten oder Jahren von Zwangskontrolle, emotionaler oder wirtschaftlicher Gewalt handeln. Bis jemand stirbt, kann die Gewalt bereits über einen sehr langen Zeitraum stattgefunden haben, selbst wenn es nur wenige oder gar keine sichtbaren Verletzungen gibt.

Dies stellt unser grundsätzliches Denken über Gewalt vor ein Problem. Wenn jemand geschlagen, erstochen oder erschossen wird, wissen wir, womit wir es zu tun haben. Schwierig wird es, wenn es keinen eindeutigen körperlichen Angriff gibt. Jemand anderes kontrolliert das Geld, entscheidet darüber, wen du triffst, überprüft deine Nachrichten, legt fest wohin du gehst, droht mit Konsequenzen, wenn du nicht gehorchst, und richtet deine Entscheidungen allmählich nach deren Wünschen aus. Von außen mag es noch so aussehen, als hätte man die Wahl. In Wirklichkeit hat sich der Bereich, in dem eine Wahl möglich ist, kontinuierlich verringert. Wenn wir es ablehnen, all dies als Gewalt zu bezeichnen, sofern nicht jemand körperlich angegriffen wird, übersehen wir etwas Wichtiges. Wenn jedoch jede Ungerechtigkeit, Ungleichheit oder Einschränkung zu Gewalt wird,  bedeutet das Wort am Ende fast alles und somit sehr wenig.

Johan Galtung setzte sich mit diesem Problem auseinander, als er behauptete, dass Gewalt nicht nur als bewusste körperliche Handlung einer  Person gegen eine andere verstanden werden könnte. Gesellschaftliche Strukturen selbst können vermeidbares Leid und deutlich reduzierte Möglichkeiten hervorbringen. Sein Ansatz über strukturelle Gewalt war höchst einflussreich, da er uns ermöglichte, Formen von Gewalt zu erkennen, bei denen es keinen eindeutigen Täter geben könnte. Trotzdem blieb auch eine Frage offen: Wo endet Gewalt und wo beginnt Ungerechtigkeit im weiteren Sinne? Armut, Diskriminierung, Ungleichheit und Ausgrenzung mögen zwar absolut ungerecht sein, aber hilft es uns tatsächlich zu verstehen was Gewalt ist, wenn wir all diese Phänomene als Gewalt bezeichnen?

Der argentinische Denker Silo unterbreitet eine weitere Möglichkeit zu diesem Problem. Sein Ausgangspunkt ist der Mensch als bewusstes Wesen: jemand, der sich Chancen ausmalt, Pläne schmiedet, die Welt verändert und eine Zukunft gestaltet. Mein Körper ist nicht einfach ein Gegenstand, den ich mit mir herumtrage. Er ist das Medium, durch das meine Pläne in die Welt gelangen. Der Mensch mir gegenüber ist  nicht einfach nur ein weiterer Körper, sondern ein anderes Zentrum von Absichten, mit Plänen und einer Zukunft, die nicht mir gehört. In seinem Werk „Die menschliche Landschaft“ beschreibt Silo, was geschieht, wenn diese Erkenntnis verlorengeht: „ Ich kann die Absicht anderer vernichten, indem ich sie als Prothesen (Verlängerungen) meines eigenen Körpers betrachte.“ Eine Prothese hat keinen eigenen Plan; sie führt den meinen aus. Einen anderen Menschen auf diese Weise zu behandeln, bedeutet, ihn zum Objekt zu machen und zu entmenschlichen.

Diese Darstellung legt einen klaren Ansatzpunkt  nahe, um über körperliche Gewalt nachzudenken. Meine durch meinen Körper ausgedrückte Absicht ist eine Ausübung von Freiheit. Deine meinem Körper aufgezwungene Absicht ist Gewalt. Wenn mich jemand schlägt, mich zwingt, mich zu bewegen, mich am Weggehen hindert oder meinen Körper gegen meinen Willen benutzt, stellt die Verletzung nicht die ganze Geschichte dar. In diesem Augenblick hat die Absicht eines anderen die Herrschaft über meinen Körper übernommen. Meine Fähigkeit zu handeln,  mich zu weigern oder zu fliehen wurde aufgehoben und mein Körper  ist zum Instrument geworden, durch das der Plan einer anderen Person umgesetzt wird.

Zwangskontrolle ist deshalb so verstörend, weil sich dieselbe Dynamik entwickeln kann, ohne dass  jemand meine Gliedmaßen physisch bewegt. Anstatt für einen Augenblick die Herrschaft über den Körper zu übernehmen, kann eine andere Person schrittweise die Herrschaft über ein Leben übernehmen. Der eigene Körper des Opfers führt zwar weiter Handlungen aus, doch diese Handlungen richten sich zunehmend nach den Absichten von jemand  anderem. Eine Person kann anscheinend frei bleiben, während die brauchbaren  Möglichkeiten, durch die Freiheit ausgeübt wird, nach und nach ausgehöhlt werden.

Dies beschränkt sich auch nicht auf zwischenmenschliche Beziehungen. Zwangsarbeit  stellt Körper und Tätigkeit einer anderen Person in den Dienst eines Vorhabens, für das sie sich nicht freiwillig entschieden hat. Rassistische, religiöse oder politische Herrschaft kann bei ganzen Bevölkerungsgruppen etwas Vergleichbares bewirken, indem sie Chancen verhindert und Menschen mit Entscheidungen über ihre Zukunft konfrontiert, an deren Gestaltung sie kaum beteiligt sind.  Im Laufe der Zeit werden sich solche Beziehungen in Gesetzen, Institutionen und wirtschaftlichen Vereinbarungen verankern und noch lange fortbestehen, nachdem sich die Absichten ihrer eigentlichen Schöpfer aufgelöst haben. Das macht nicht jede ungerechte Struktur gewalttätig, und eine Institution besitzt keine Absicht in der Weise, wie es eine Person tut. Aber menschliche Absichten können Strukturen hinterlassen, die weiterhin das Leben anderer Menschen prägen.

Diese Formel lässt sich nicht auf jeden Fall anwenden. Menschen beeinflussen ständig die Entscheidungen der anderen. Ein Elternteil zerrt ein Kind von der Straße weg. Ein Arzt darf handeln, wenn ein Patient keine Einwilligung geben kann. Ein Angreifer muss unter Umständen überwältigt werden. Zwei Boxer schlagen absichtlich aufeinander ein. Zustimmung, Gegenseitigkeit, Notwendigkeit und die Stellung der anderen Person sind dabei von Bedeutung. Physische Gewalt liefert uns das offensichtlichste Beispiel, aber keine schematische Definition: das tiefere Problem beginnt, wenn ein anderer Mensch nicht mehr uneingeschränkt als Person seines eigenen Handelns betrachtet wird und stattdessen zum Instrument wird, mit dem die Absicht von jemand anderem durchgesetzt wird.

Gewalt und Ungerechtigkeit sind auch nicht dasselbe. Etwas kann ungerecht sein, ohne zwangsläufig gewalttätig zu sein, während Gewalt manchmal begründet sein kann. Wenn jemand einen schwerwiegenden Angriff verübt, und der einzige realistische Weg, ihn aufzuhalten, darin besteht, ihn zu verletzen, wird der Verteidigungsakt nicht plötzlich gewaltfrei, nur weil wir seinen Zweck gutheißen. Es darf Gewalt bleiben, während es gleichzeitig die am wenigsten schädliche, wirksame Reaktion ist, die zur Verfügung steht. Jede begründete Gewaltanwendung als „gewaltfrei“ zu bezeichnen, macht das Konzept nur schwerer verständlich.

Silo vermittelt uns im „Vierten Brief an meine Freunde“ die andere Seite der Beziehung: „ Vermenschlichen bedeutet, über die Objektivierung hinauszugehen, um die Intentionalität eines jeden Menschen zu bestätigen.“ Das bedeutet nicht, jedem zu erlauben, das zu tun was er will.“ Das menschliche Leben bringt zwangsläufig Grenzen, Konflikte und manchmal Einschränkungen mit sich. Das  bedeutet, dass der andere Mensch selbst dann nicht aufhört, eine Person mit einem Körper, einer Stimme, mit eigenen Absichten und einer Zukunft zu sein.

Die neuen Untersuchungen zu Todesfällen in Verbindung mit häuslicher Gewalt sind von Bedeutung, weil sie von uns verlangen, letztlich über die Verletzung hinauszublicken, und manchmal sogar über körperliche Verletzungen insgesamt. Ein Bluterguss sagt uns sofort, dass mit dem Körper etwas geschehen ist. Zwangskontrolle lässt uns genauer hinschauen. Wenn die Absichten einer anderen Person darüber bestimmen, wohin du gehst, wen du triffst, wofür du Geld ausgibst, was du sagst und welche Zukunft du dir real ausmalst, bedeutet das Fehlen eines Blutergusses nicht, dass keine Gewalt erfolgt ist. Es kann bedeuten, dass wir an der falschen Stelle danach gesucht haben.

 

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!