»Wir machen Wildnispädagogik, keine Politik« – diesen Satz habe ich einmal in einer Auseinandersetzung über Verantwortung für diskriminierende Dynamiken in meiner eigenen wildnispädagogischen Ausbildung gehört. Ich verstehe die dahinterstehende Sehnsucht, nach einem Raum jenseits von Konflikten, nach Einfachheit und Harmonie. Doch je länger ich mit Gruppen arbeite, desto klarer wird mir: Räume, in denen Menschen zusammenkommen, sind niemals neutral. Sie sind geprägt von unseren Bildern von Geschlecht, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Normen. Auch wenn wir sie nicht benennen, wirken sie – meist zugunsten derjenigen, die ohnehin aufgrund von Privilegien leicht Raum einnehmen können. Neutralität schützt nicht Diskriminierte, sondern den Status quo.
Die Wildnispädagogik steht für wertvolle Grundhaltungen: Naturverbindung, Gemeinschaft, Achtsamkeit. Gleichzeitig wurde ich in der Szene mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert: wenig reflektierte Rollenbilder der Geschlechter und damit verbundene Machtdynamiken, Unsichtbarkeit queerer Menschen, geringe Präsenz von Menschen mit Rassismuserfahrung und die unkritische Weitergabe vermeintlich indigenen Wissens ohne Bezug zu Dekolonisierung oder kultureller Aneignung. Zur Abgrenzung von rechten Narrativen sind zudem eine klare Positionierung und ein kritischer, fundierter Umgang mit Wissen und dessen Quellen sowie mit den eigenen vermeintlichen Gewissheiten notwendig.
Vor diesem Hintergrund besuchte ich das Seminar »Geschlechterreflektierte Wildnispädagogik« von Eva Densing bei der empowernden Bildungseinrichtung »Naturally equal«. Es wurde für mich zu einem wichtigen Erfahrungsraum politischer Bildung in der Naturverbindungsarbeit. Wir setzten uns mit Diversität in der Geschlechterreflexion auseinander, hinterfragten gesellschaftliche Männlichkeits- und Weiblichkeitsanforderungen und entwickelten Handlungsstrategien zur Prävention interpersonaler Gewalt. Auch die eigene Biografie betrachteten wir behutsam im Spiegel gesellschaftlicher Geschlechterrollen. Der Austausch dort hat mich darin bestärkt und dazu befähigt, meine Verantwortung in der Gestaltung sichererer und zugänglicher Räume ernstnehmen und in meine wildnispädagogische Arbeit einbringen zu können.
Mit diesem Grundverständnis arbeitet auch die »Astori Wildnisschule«, die aus ähnlichen Gründen ins Leben gerufen wurde. Um Teilhabe zu ermöglichen, setzen wir uns dort für Regelungen ein, die dazu beitragen sollen, dass finanzielle Hürden nicht über den Zugang zu unseren Kursen entscheiden. Mit einem Schutzkonzept und einem Verhaltenskodex haben wir außerdem Präventionskonzepte gegen Grenzverletzungen innerhalb der Kurse geschaffen. Dies ist notwendig, da wildnispädagogische Angebote unter anderem intensive Gruppenarbeit sowie emotionale und körperbezogene Erfahrungsanteile umfassen. In unserer Praxis achten wir auf geschlechtergerechte und diskriminierungssensible Sprache und gestalten die von uns gehaltenen Räume achtsam hinsichtlich Rollenangeboten. Wir bringen hierzu nicht nur unsere fachliche Expertise mit, sondern haben teilweise auch selbst einen Migrationshintergrund mitsamt den damit verbundenen Erfahrungen in unserer Gesellschaft.
Aufklärungsarbeit kann nicht allein Aufgabe derjenigen sein, die Diskriminierung erfahren. Es liegt in der Verantwortung aller, sich zu bilden, hinzusehen und achtsam zu handeln. Denn selbst wertschätzend gemeinte Nachfragen und Erklärungen kosten marginalisierte Menschen Kraft – Kraft, die sie nicht immer aufbringen können oder sollten. Dabei wird mir immer klarer, dass »Sicherheit« eine zentrale pädagogische Grundkategorie ist. Nur wenn Menschen sich sicher fühlen, können sie ihre Wahrnehmung öffnen, können neugierig werden, können zuhören – sich selbst, einander und der mehr-als-menschlichen Welt. Dabei reicht es nicht aus, wenn ein Raum lediglich »für alle in Ordnung« erscheint. Oft entsteht dieser Eindruck auch deshalb, weil gerade niemand anwesend ist, der von Ausschlüssen oder Verletzungen betroffen ist. Sicherheit muss deshalb aktiv hergestellt und laufend reflektiert werden – nicht nur individuell, sondern auch strukturell.
Manche dieser Veränderungen mögen klein erscheinen, doch sie erfordern Erfahrungsräume, wie etwa die Workshops von Eva: Orte des Sehens, der Verbindung und des gemeinsamen Aushandelns, wo wir uns gegenseitig dazu ermutigen, aus Hoffnung Tatkraft für ein gutes Leben für alle entstehen zu lassen.
Lena Blechschmitt










