Seit 7 Jahren verleiht die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit ihren „Anita Augspurg Preis an eine Rebellin gegen den Krieg“. 2026 ist Krieg und Kriegsvorbereitung so massiv präsent auch in unserem Land, dass sich die Mitglieder einer 111 jährigen Organisation, mit Fug und Recht als Rebellinnen gegen den Krieg verstehen wollen und müssen. Mit ihren Preisträgerinnen bringen sie dies zum Ausdruck
Wer ist oder war Anita Augspurg? Eine mutige Friedensfrau, die nicht mehr so bekannt ist, wie sie sein sollte. In dieser angespannten Weltlage hätte auch sie uns noch etwas zu sagen zum Zusammenhang von Frieden und Gerechtigkeit.
Sie war die erste promovierte Juristin Deutschlands; sie verstand die Juristerei immer auch in einem politischen Sinn, sich für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung einzusetzen. Dazu hat sie ein Leben lang für das Wahlrecht von Frauen gekämpft und nachdem dieser Schritt in Deutschland formal erkämpft war, weiterhin ihr Leben lang die tatsächliche Beteiligung von Frauen an allen Entscheidungen eingefordert.
Sie arbeitete vor Ort – lange Jahre in und um München – und war gleichzeitig bestens international vernetzt im Engagement für die Prävention von Krieg und Gewalt, für friedliche und gewaltfreie Konfliktlösung und gegen alle Formen von Unterdrückung. Sie analysierte mit vielen Frauen weltweit messerscharf die Ursachen von Kriegen und Gewalt und verankerte sie im Dreieck zwischen Militarismus, Patriarchat und Kapitalismus.
1915 gründete sie in Den Haag die Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit an führender Stelle mit, schrieb als Herausgeberin von „der Frau im Staat“ über Verteidigung von Frauenrechten und Frieden. Sie agierte gemeinsam mit Französinnen, Engländerinnen, grenzüberschreitend, gegen den aufkommenden Faschismus. Nach der Machtübernahme Hitlers setzte sie sich im Schweizer Exil noch für die Rechte von Flüchtlingen bei der Entstehung der Genfer Flüchtlingskonvention ein, konnte vor ihrem Tod nicht mehr in die Heimat zurück, sondern starb 1943 im Exil.
Welche Frauen haben den Rebellinnenpreis der IFFF inzwischen bekommen?
Die Liste an mutigen Frauen, die diesen Preis von der IFFF/WILPF bekommen haben zeichnet nach, was das Engagement einer Rebellin gegen den Krieg ausmacht: Mut, Entschiedenheit, Empathie, ein steter Kampf gegen das Vergessen und die Verbindung von lokalem und kollektiven Handeln.
Zaina Erhaim, eine junge Filmemacherin aus Syrien hat noch unter der Assaddiktatur Filme gedreht über die Situation von Frauen in der Bewältigung ihres Alltags, der Bedrohung ihrer Heimat, der Familie, der Werte. Seit sie mit ihrer kleinen Tochter nach London flüchten musste arbeitete sie kontinuierlich weiter für „War and Peace Reporter“. Sobald sie nach dem Sturz des Regimes wieder nach Syrien und in den Nahen Osten reisen konnte, bildet sie dort Frauen in der filmischen Dokumentation aus.
Gulnara Shahinian aus Armenien hat die Welt als UN Berichterstatterin für moderne Formen der Sklaverei und des Menschenhandels bereist und überall den Finger in die Wunden gelegt. Gleichzeitig hat sie sich in ihrem gebeutelten Land lokal engagiert und die Organisation Democracy today Armenia gegründet, die Trainings in der Region für junge Menschen zur friedlichen Konfliktlösung veranstaltet und internationale Frauenkonferenzen abhält. Mit großem Engagement hat sie den jüngsten Nationalen Aktionsplan für die Umsetzung der Frauen-Frieden-Sicherheitsagenda nach unendlichen Diskussionen mit zivilgesellschaftlichen Kräften und Vertriebenen verantwortlich gestaltet und widmet sich der Umsetzung.
Rasha Jarhoum aus dem Jemen hat sich gegen stereotypische Geschlechterrollen in einem extrem patriarchalen Raum gewehrt und sich eingemischt. Auch sie musste ins Exil. Sie ist Mitbegründerin des Frauen-Solidaritäts-Netzwerkes (Women Solidarity Network), ein Zusammenschluss von 250 jemenitischen Frauen und frauengeführten Organisationen, die sich für den Schutz von Frauen und die Friedensschaffung im Jemen einsetzen. Sie ist die Gründerin und Direktorin der „Peace Track Initiative“, die sich für die Lokalisierung von Friedensprozessen und die Gewährleistung von Inklusivität einsetzt.
Efi Latsoudi aus Griechenland arbeitet als Psychotherapeutin unter schwierigsten Bedingungen mit Flüchtlingen u.a. in Lesbos. Gleichzeitig mit der schwierigen praktischen Unterstützungsarbeit vor Ort ist sie unterwegs, um auf die katastrophalen Bedingungen der Geflüchteten, die politischen Missstände einer verfehlten Migrationspolitik und der militärisch gestützten Abschiebung anzuprangern, die auf den Köpfen der Ärmsten ausgetragen wird.
Olena Zinenko ist Sprachwissenschaftlerin aus Charkiw in der Ukraine, die in Deutschland ihre Promotion abgeschlossen hat und an einer Uni unterrichtet, während sie ständige Kontakte mit der Ukraine, mit Freund*innen und Weggefährt*innen hält, deren Geschichten sie dokumentiert und auch Fake-News verfolgt. In zahlreichen Seminaren und Treffen erarbeitet sie Wege zur Alltagsbewältigung und Krisen im Umgang mit Krieg und Vertreibung.
Eine Rebellin gegen den Krieg – die Preisverleihung 2026 in Verden
Asjad Alnoo aus dem Sudan ist Menschenrechtsverteidigerin, Friedensaktivistin und Feministin aus dem Sudan. Sie träumt von einem Sudan, in dem keine Bomben mehr auf Krankenhäuser oder Schulen fallen, in dem keine Familie jeden Tag darum bangen muss, ob sie ihre Kinder ernähren kann, in dem Menschen frei wählen und selbst darüber entscheiden können, von wem sie regiert werden.
Über den Traum hinaus braucht eine Rebellin jedoch noch eine weitere Zutat: eine große Portion Mut – auch und gerade wenn es gefährlich wird. Aufgewachsen in einer politisch engagierten Familie hat sie studiert und war schon in einer Jugendorganisation engagiert und schuf Vernetzungen. Mit der Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Krise ab 2018 hungerten die Menschen nicht nur, sondern Menschenrechtsverletzungen nahmen dramatisch zu.
Aus zunächst lokalen Protesten gegen die wirtschaftliche Not entwickelte sich eine landesweite Freiheitsbewegung. Menschen forderten nicht nur niedrigere Preise, sondern ein Ende der Herrschaft al-Bashirs und eine demokratische Zukunft für ihr Land.
Diese Revolution war in besonderer Weise von Frauen geprägt. Sie organisierten, führten Demonstrationen an und erhoben ihre Stimmen. Und eine von ihnen war Asjad. Sie führte als junge Frau Proteste an – in einer Situation, in der politischer Widerstand lebensgefährlich war. Wer auf die Straße ging, riskierte, festgenommen, verletzt oder sogar getötet zu werden.
Für Frauen kam noch eine weitere Dimension hinzu: In einer konservativen Gesellschaft war öffentliches politisches Engagement von jungen Frauen keineswegs selbstverständlich. Frauen, die sich politisch einmischten, überschritten damit bewusst eine gesellschaftliche Grenze. Sie wurden von Sicherheitskräften geschlagen, festgenommen, öffentlich gedemütigt und teilweise auch sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Politischer Widerstand bedeutete für sie nicht nur, die eigene Stimme zu erheben. Es bedeutete, den eigenen Körper und das eigene Leben zu riskieren.
Gemeinsam mit ihrer Cousine war Asjad am 3. Juni 2019 an vorderster Front des Protestgeschehens. Dieser Tag ging später als das „3 June Massacre“ in die Geschichte ein. Der Sitzstreik vor dem Militärhauptquartier in Khartum wurde gewaltsam aufgelöst. Menschen wurden getötet, verletzt und verschleppt. Für viele Beteiligte war dieser Tag ein traumatischer Einschnitt – und zugleich ein Moment, in dem sichtbar wurde, welchen Preis die Menschen bereit waren zu zahlen, um für Freiheit und Demokratie einzustehen. Asjad sagt rückblickend über diese Gewalt einen Satz, der einem besonders im Gedächtnis bleibt: „Die Prügel haben uns nur stärker gemacht.“
Diese tragischen Erfahrungen waren so eine Motivation, die Geschichten und den Widerstand gerade der Frauen zu dokumentieren – als starkes Zeichen gegen das Vergessen.
Nach dem Militärputsch 2021 und der damit verbundenen Repression war auch für Asjad nur das Exil noch ein Ausweg. Aber auch hier blieb sie mit ihren Netzwerken im Sudan verbunden, mobilisierte aus der Ferne und unterstützte weiterhin Menschen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzten. Sie kehrte noch einmal in den Sudan zurück, um junge Menschen zu vernetzen und besonders junge Frauen in ihrem politischen Engagement zu stärken. Doch dann kam der Krieg.
Im April 2023 brach im Sudan der Krieg zwischen den sudanesischen Streitkräften und den Rapid Support Forces aus. Viele der Hoffnungen, für die Asjad und so viele andere Menschen gekämpft hatten, wurden erneut brutal zerstört. Asjad musste den Sudan erneut verlassen und kehrte nach Deutschland zurück. Heute arbeitet sie aus Deutschland heraus weiter. Sie organisiert gemeinsam mit Aktivist:innen Friedensdialoge im Sudan und stärkt Netzwerke von Menschenrechtsverteidigerinnen.
In Berlin protestiert sie gegen den Krieg und diejenigen, die ihn weiterführen oder unterstützen. Sie fordert Frieden, Menschenrechte und eine politische Zukunft, in der die Menschen im Sudan selbst über ihr Land bestimmen können.
Fazit
Rebellinnen gegen den Krieg sind heute so notwendig wie eh und je. Sie stehen für eine zutiefst menschliche Überzeugungskraft, dass die Logik des Krieges in die Irre führt, dass es nie zu einer Normalisierung von Krieg und Vernichtung in den Köpfen und Herzen der Menschen kommen darf.
Ihre Beispiele pflastern seit ihrer Gründung den Weg der Internationale Frauenliga durch die Geschichte. Sie belegen die Notwendigkeit der Proteste auch 2026 gegen die irrsinnige Aufrüstungswelle und für Abrüstung, Wehrdienstverweigerung zugunsten einer dringend gebotenen Umschichtung der Gelder für soziale Belange, Kultur, Nachbarschaftsdialoge, Verhandlungen und Friedensbildung.
Der Preis soll deutlich machen, dass Mut inspiriert, konstruktiv und grenzüberschreitend immer nach friedlichen Lösungen für Konflikte zu suchen. Gerade damit ist auch ein zutiefst demokratischer Anspruch verbunden und mit den vielen jungen Menschen, die sich dafür einsetzen auch die Hoffnung auf eine nachhaltigere Zukunft.
Die Informationen zu Asjad sind zu großem Teil der Laudatio einer junge Vertreterin der IFFF entnommen.










