Er lässt sich gerne mit meinem Teddy fotografieren, denn ihm gefällt die Idee, Menschen in Westeuropa über etwas, das ihrem (inneren) Kind vertraut ist, einen Zugang zu etwas weniger Vertrautem zu eröffnen – zu dem also, was gewöhnlich als fremd bezeichnet wird. Der palästinensische Künstler Sliman Mansour hat sich mit mir 2022 getroffen, kurz bevor die israelischen Wahlen die jetzige Regierung an die Macht brachten.
Er starb mit 79 Jahren am 24. August 2026. Ich bin dankbar, dass ich diesen warmherzigen Menschen kennenlernen durfte.
Er träumte von einem Palästina vom Mittelmeer bis an den Jordan, in dem palästinensische und israelische Menschen gleichberechtigt Seite an Seite leben. Oft sprach er davon, dass er vermutlich ein Jahr vor der Verwirklichung dieses Traums sterben würde. Er war optimistisch und arbeitete unermüdlich mit seiner Kunst daran. Seinen Traum hat er gemalt: ein Baum, der auf seiner linken Hälfte Orangen trägt, für die Jaffa am Mittelmeer berühmt war, und auf seiner rechten Hälfte Oliven, die Lebensgrundlage und Zeichen der tiefen Verwurzelung palästinensischer Menschen mit ihrem Land, wie die abgebildete Frau zeigt, die den Baum umarmt.

Er darf sich aber glücklich schätzen, mit seiner Kunst einen großen Beitrag auf dem Weg dorthin geleistet zu haben: Trotz fortgesetzter Zerstörung von palästinensischem Zuhause, trotz Vernichtung von Olivenbäumen, trotz Vertreibung und Landnahme, trotz Leugnung palästinensischer Existenz, trotz Dehumanisierung, Tötungen, Genozid ist es nicht gelungen, palästinensische Identität auszulöschen.
Sliman Mansour wurde 1947 in Birzeit geboren, ein Jahr bevor der Staat Israel in seinen heutigen Grenzen gegründet wurde und während mehr als 700.000 Palästinenser:innen vertrieben wurden und ihnen bis heute entgegen der UN-Resolution 194 die Rückkehr verweigert wird. Er studierte Kunst an der israelischen Bezalel Academy of Arts and Design, denn nach dem Sechstagekrieg und der Besatzung von Ostjerusalem, Westjordanland und Gaza verbot die israelische Besatzungsmacht landwirtschaftliche und künstlerische Studienmöglichkeiten.
„Kunst- und Landwirtschaftshochschulen waren nicht gestattet“, erklärt Sliman im Gespräch im Jahr 2022. „Dieses Verbot gründet sich auf die zionistische Haltung gegenüber unserer Existenz als Palästinenser:innen. Wir haben kein Recht auf unser Land, und es ist uns untersagt, uns in einer universellen Sprache auszudrücken.“
In einem Interview 2024 fügt er sein Gefühl von Traurigkeit und Wut hinzu, dass nunmehr Journalist:innen und Künstler:innen in nie dagewesener Zahl direkt getötet werden.
„Ich bin traurig und wütend. Aber es entspricht der Denkweise der Israelis. Für sie ist das Narrativ sehr wichtig. Und wer dieses Narrativ erzählt – das sollten nur sie selbst sein, denn für sie ist das die Wahrheit. Jeder, der ein anderes Narrativ vertritt, sollte ins Gefängnis kommen. Oder – wie es jetzt geschieht – getötet werden.”
Er lehnt es ab, sich in dem gelehrten abstrakten Expressionismus auszudrücken und wählt realistische Inhalte aus der palästinensischen Lebenswelt, mit der sich seine Mitmenschen identifizieren können. Er entscheidet sich auch, seine auf Bildern zum Ausdruck gebrachten Inhalte als Poster drucken zu lassen, damit sie nicht nur in Galerien zu betrachten wären. Alsbald hingen sie in palästinensischen Wohnzimmern.
Ein israelisch-palästinensischer Community Organisator (Abed Abou Shhadeh) erinnert sich an seine Kindheit in den 1990ern im Stadtteil Ajami von Jaffa, als er Mansours Bild von „ein alter Mann, barfuß und in abgetragene Kleidung gehüllt, der in die Wildnis geht und eine ganze Stadt auf dem Rücken trägt” unter den Fotos an der Wohnzimmerwand im Haus seines Großvaters sah. Seine Cousins und er waren davon überzeugt, dass es ihren Urgroßvater abbildete, ein Mann, der sein Leben lang hart gearbeitet hatte, dem das körperlich anzusehen war. Sie fragten sich, warum er trotz der Last weiterging, warum es ihm so wichtig war, sie nicht einfach abzulegen.

Es handelt sich um das berühmte Bild „Jamal Al-Mahamel“ (Kamel der Mühsal), von dem Sliman Mansour drei Versionen anfertigen musste (1973, 1976 und 2005). Auf einer Veranstaltung mit Sliman Mansour wenige Monate vor seinem Tod möchte der Journalist Shhadeh teilen, dass er den alten Mann für seinen Urgroßvater hielt und dass dieser an einem Schlaganfall starb, als er zusehen musste, wie israelische Bulldozer Orangenbäume von seinem Land ausrissen, das nach 1948 enteignet worden war. Ihm kamen eine junge Frau und ein junger Mann zuvor, die eine nahezu identische Geschichte erzählten.
Genau das macht das Großartige von Sliman Mansours Kunst aus. Sie prägt das Bewusstsein ohne Denken vorzuschreiben. Sie greift private Erinnerungen von Menschen auf, die einander gar nicht kennen und verbindet sie in ihrer gemeinsamen Geschichte. Sliman Mansour ermöglicht – ohne jedwede schriftlich fixierte Interpretation – individuellen Menschen eine Identifizierung und gibt damit allen ein Gefühl gemeinsamer palästinensischer Identität. Der alte Mann im Bild ist spezifisch genug, um Palästinenser zu sein und zugleich universell genug, um ein Mitglied einer beliebigen palästinensischen Familie zu sein. Diese Kunst verbindet palästinensische Menschen mit ihrer Geschichte und miteinander, macht sie ihrer Identität bewusst – und stärkt ihre Widerstandskraft, sumud (Standfestigkeit), trotz der historischen und gegenwärtigen Lebenserfahrungen – wie der alte Mann – weiterzugehen.
Sliman Mansour stellt palästinensische Menschen dar, Frauen in ihren mit Kreuzstich bestickten Thobe (die ihre Biografie wiedergeben), Olivenbäume, die alltägliche Lebenswelt in Palästina. Er verwendet dabei die universelle Sprache der Kunst.
“Um die Idee von Identität zum Ausdruck zu bringen, habe ich Einflüsse aus vielfältigen Quellen aufgenommen: aus unserer alten kanaanäischen, ägyptischen und babylonischen Kultur; aus der islamischen Kunst, ihren Ornamenten und der Kalligrafie; aus der Volkskunst, palästinensischen Bräuchen, der Stickerei (Tatreez – Kreuzsticharbeiten auf Frauenkleidung) und der Kulinarik – um unsere Verbundenheit mit dem Land zu zeigen und die Beziehung zwischen Mensch und Land zu verdeutlichen; und nicht zuletzt aus der modernen Kunst, etwa bei Picasso und seiner Friedenstaube oder seinen Darstellungen von Gefängnisgittern”, erklärt er mir in unserem Gespräch.
Der Bekanntheitsgrad und die Beliebtheit seiner Bilder sprechen für den Erfolg, dass er palästinensische Menschen in ihrem Selbstwertgefühl und damit in ihrem Widerstand gegen die Besatzung stärkt. Das erkannte auch die israelische Besatzungsmacht. 1980 stellte er seine Bilder in der ersten Galerie Ramallahs aus. Nur vier Stunden nach Eröffnung schloss israelisches Militär die Veranstaltung und nahm die Schlüssel mit. Einen Monat später erhielt er die Schlüssel zurück, von 40 Gemälden waren nur noch vier vorhanden. Ein israelischer Offizier wies ihn und seine Kollegen an, aufzuhören, politisch zu malen, und stattdessen Blumen zu malen. Die palästinensische Flagge sei verboten und auch ihre Farben. Wenn sie eine Blume in den Farben malen würden, würde das Bild konfisziert. Der israelische Offizier fügte hinzu „Selbst wenn Sie eine Wassermelone malen, wird das Bild konfisziert.“ Das war die Geburtsstunde für die Wassermelone als Symbol für palästinensischen Widerstand. „Alles, was Israel verärgerte, wurde später zu einem Symbol.“
Sliman Mansour erklärt: “Sie wollten die Vorstellung einer palästinensischen Identität bekämpfen, weil unsere Existenz hier für sie „antisemitisch“ ist. Allein die Tatsache, dass wir existieren. Es geht nicht darum, was wir tun – schon unsere bloße Existenz hier ist etwas, das sie hassen. Sie passt nicht in ihr Narrativ über Israel. Was machen diese Leute hier? Wir sind in ein Land gekommen, das eigentlich leer sein sollte. Unsere Existenz hier macht sie also wütend. Existenz als Arbeitskräfte – dass wir für sie auf den Feldern oder in Fabriken arbeiten und so weiter – das ist in Ordnung. Aber Existenz, Existenz als nationale Identität, als Palästinenser – das ist es, was sie in Rage versetzt. Und genau deshalb verbieten sie uns, in diesen Farben zu malen. Denn diese Farben sind die Farben der palästinensischen Flagge, und die Flagge ist ein Symbol des Volkes.”
Seine Kunst repräsentiert das Widerstandskonzept von sumud. Er stellt kein israelisches Militär dar, keine Kampfhandlungen, ebenso wenig: „Ein Gemälde muss nicht von Gewalt und blutiger Brutalität geprägt sein. Wenn ich einfach eine schöne Landschaft oder Menschen bei der Feldarbeit male, ist das Teil des Sumud-Gedankens.”
Sliman hat das starke Identitätsgefühl der Palästinenser und ihre Verbindung zu ihrem Land zum Ausdruck gebracht. Wenn ich ihn neben meinem Teddybären sitzen sehe, verstehe ich, wie sehr er Menschen weltweit dazu einlädt, sich von der Schönheit seiner Kunst ansprechen zu lassen, um den Wunsch der Palästinenser anzuerkennen, zu akzeptieren und zu unterstützen, friedlich und Seite an Seite mit Israelis im Lande Palästina zu leben.










