Mit dem Ausdruck „die gläserne Decke durchbrechen“ sind vor allem Frauen gemeint, denen es gelingt, auferlegte Barrieren zu überwinden und angesehene Positionen zu erlangen. Am Abend des 22. September hörte ich einer Frau zu, die auf ihrem Gebiet zu einer wahren Koryphäe geworden ist. Ihr von einem Hijab bedeckter Kopf macht sie für die meisten jedoch nicht erkennbar; bekannt ist sie vor allem denjenigen, die sich mit palästinensischen Angelegenheiten beschäftigen. Samah Jabr ist Psychiaterin und Psychotherapeutin. Durch ihre Arbeit und ihre Schriften gibt sie Zeugnis von der schwierigen Lage der Palästinenser*innen im besetzten, bombardierten und geschundenen Palästina.

Wenn wir an den derzeit stattfindenden Völkermord denken, richtet sich unser Entsetzen oft vor allem auf die Toten und Verletzten, auf amputierte Gliedmaßen, auf Zelte, in die Regen oder Sand eindringen, auf ausgemergelte Kinder. Doch diese einseitige Vernichtung verursacht auch Leiden, die äußerlich nicht sichtbar sind und 100 % der palästinensischen Bevölkerung betreffen – auch jene, die nicht direkt vom Krieg betroffen sind, weil sie inzwischen in andere Länder ausgewandert sind.

Samah Jabr befasst sich genau mit diesen psychischen Leiden und durchbricht im therapeutischen Bereich sogar die „gläserne Decke“, indem sie die im Westen geltenden diagnostischen und therapeutischen Standards infrage stellt, verändert und revolutioniert. Dies erläuterte sie am Abend des 22. September vor einem großen Publikum im „Casa delle Donne“ in Mailand, wohin sie von Maria Nadotti eingeladen worden war. Gemeinsam haben sie auch das äußerst interessante Buch Trauma infinito. Una psichiatra palestinese racconta („Unendliches Trauma. Eine palästinensische Psychiaterin berichtet“) veröffentlicht, das kürzlich beim italienischen Verlag Feltrinelli erschienen ist. Das Besondere an ihrer Arbeit ist, dass sie sich mit Traumata befasst, während diese noch andauern: Seit vier Jahren findet ein Völkermord statt, und fast das gesamte Volk ist extremer Gewalt ausgesetzt.

Bild von Piera Vismara

Normalerweise lässt sich ein Trauma psychologisch erst dann bewältigen, wenn die betroffene Person vom auslösenden Faktor getrennt wurde (ein Kind von der Person, die es schlägt, eine Frau von ihrem Vergewaltiger usw.), um wieder ein Gefühl des Vertrauens aufzubauen, auf dessen Grundlage die eigene Zukunft neu gestaltet werden kann. In Palästina ist diese Trennung nicht möglich, da das Trauma allgegenwärtig ist. Auf welche Elemente kann Dr. Jabr ihre Therapie dann stützen? Auf die Erinnerung, die Hoffnung, die Vorstellungskraft – und vor allem auf die Gemeinschaft. Genau das unterscheidet ihren Ansatz vom klassischen westlichen Ansatz, der sich auf das Individuum und dessen innere Ressourcen konzentriert. Für Jabr hingegen sind es unsere Wurzeln, die uns retten: die Erzählungen der Großeltern, die emotionalen Bindungen und die Kenntnis der Geschichte unseres Landes. All dies schafft das Bewusstsein dafür, Teil eines gemeinsamen Diskurses zu sein. Dieses kollektive Gedächtnis, in dem man sich wiedererkennen kann, lässt sich nur rekonstruieren, indem man Teile verschiedener Erinnerungen zusammenfügt und so eine Bedeutung schafft, die über einzelne Ereignisse, Details und die Wunden, die uns in ihrem Bann halten, hinausgeht.

Es gibt ein weiteres Wort, um all dies zu definieren: „Sumud“. Es ist nicht einfach mit „Resilienz“ oder der Fähigkeit zum „Coping“ gleichzusetzen, wie wir es im Westen definieren und dabei auf eine Art persönliche Veranlagung reduzieren. Für Jabr ist die Dimension kollektiv: Man kann einen Menschen nicht heilen, ohne auch die Seele seines Volkes, seine Wurzeln, zu heilen. In diesem Sinne wird Heilung zu einem politischen und öffentlichen Akt, der nicht auf das einzelne Individuum beschränkt ist. Die Besatzung und die verschiedenen Formen der Gewalt, die den Menschen zugefügt werden, zielen nicht so sehr darauf ab, die Körper zu zerstören, sondern vielmehr darauf, die Seelen zu zerstören. Indem sie die Häuser besetzen, besetzen sie auch die Seelen.

Wie bewahrt man seine Menschlichkeit? Das ist die große Herausforderung, der sich Samah Jabr stellt. Psychische Heilung setzt voraus, dass wir in uns selbst einen sicheren Ort finden, an dem wir eine sichere Vorstellungskraft entwickeln können. Heilung ist ohne Vorstellungskraft nicht möglich. Sie ist nichts anderes als die jedem Lebewesen eigene transformative Fähigkeit, sich dem Leben selbst anzupassen, ohne sich zu betäuben und zu einem Stein zu werden. Jabr verfolgt einen dekolonialen Ansatz der Heilung, um die vom Westen auferlegten Normen zu bekämpfen, die leider auch im psychiatrischen Bereich von Fachleuten in der arabischen Welt übernommen werden – ein intellektueller Kolonialismus, dem sich Jabr entziehen will. Ihre Kritik ist scharfsinnig und präzise, aber frei von Groll. Während die westliche Therapie auf die Schaffung von Grenzen des Ichs abzielt, sucht Jabr den Dialog zwischen den (auch inneren) Konfliktparteien und strebt eine Versöhnung an, die zu einer Auseinandersetzung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten führen kann.

Diese Sichtweise hat für Jabr nichts mit Optimismus zu tun, sondern mit Hoffnung als spiritueller Dimension. Es geht also nicht darum, sich frommen Wünschen oder Illusionen hinzugeben, sondern darum, ein Gemeinschaftsgefühl wiederherzustellen. Die Liebe ist das revolutionäre Gefühl.

PS.: Inzwischen habe ich begonnen, das Buch zu lesen. Jede Zeile verdient es, unterstrichen zu werden.

 

Übersetzung aus dem Italienischen von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!