Mehr als 500 Wissenschaftler und Ärzte aus der EU fordern das Europäische Parlament auf, seine Beratungen über neue europäische Vorschriften zu Lebensmittelsicherheit, Landwirtschaft und Tierfutter auszusetzen. Sie drängen darauf, dass zunächst eine unabhängige Untersuchung der Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt durchgeführt wird.

Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind Teil des „Food and Feed Safety Omnibus“ („Omnibus-Paket zur Lebens- und Futtermittelsicherheit“). Initiatorin des offenen Briefes ist Martina Vijver, Professorin für Ökotoxikologie an der Universität Leiden. „Wir finden bereits überall Spuren von Pestiziden: in Oberflächengewässern, in Naturschutzgebieten sowie in unserem Blut und Urin. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Exposition gegenüber diesen giftigen Substanzen mit einem erhöhten Risiko für Krankheiten wie Krebs und Parkinson verbunden ist.“

Aussetzung der Beratungen

Vijver ergriff die Initiative zur Ausarbeitung des offenen Briefes, der innerhalb weniger Tage von mehr als 500 Wissenschaftlern und Ärzten aus der gesamten EU unterzeichnet und am 17. September dem Europäischen Parlament vorgelegt wurde. Die Unterzeichner fordern, die Beratungen über das Omnibus-Paket zur Lebens- und Futtermittelsicherheit (siehe Texteinschub unten) vorübergehend auszusetzen, bis eine unabhängige Folgenabschätzung durchgeführt wurde.

Neben den Auswirkungen des Gesetzespakets auf die öffentliche Gesundheit und die Umwelt sollten laut den Verfassern auch die Folgen für die Wirtschaft, rechtliche Rahmenbedingungen, Mandate und den Übergang zu einem nachhaltigen Ernährungssystem untersucht werden.

Das Schreiben ist an Roberta Metsola, Präsidentin des Europäischen Parlaments, und an die Vorsitzenden der parlamentarischen Ausschüsse für Umwelt, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung gerichtet.

Europäische Vorschriften für Lebensmittel, Futtermittel und Landwirtschaft

Der „Food and Feed Safety Simplification Omnibus“ ist ein europäisches Gesetzespaket, mit dem eine Reihe von Vorschriften in den Bereichen Lebensmittel, Futtermittel und Landwirtschaft vereinheitlicht werden sollen. Ein Ziel besteht darin, den Verwaltungsaufwand für Unternehmen und Behörden zu verringern und Verfahren zu beschleunigen. Der Vorschlag umfasst Änderungen der Vorschriften für die Neubewertung von Pestiziden.

Unabhängige Bewertung im Vorfeld

Die Unterzeichner sind besorgt über die möglichen Folgen des Gesetzesentwurfs. Sie verweisen auf die wachsende Anzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass die Auswirkungen von Pestiziden auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt möglicherweise größer sind, als zum Zeitpunkt der ursprünglichen Zulassung dieser Stoffe angenommen wurde.

Sie argumentieren daher, dass solche Stoffe regelmäßig neu bewertet werden sollten. „Eine regelmäßige Neubewertung ist unerlässlich, um die fortwährende Einhaltung der von der Gesellschaft erwarteten Sicherheitsstandards zu gewährleisten“, sagt Vijver.

Die Forderung wurde in Form eines offenen Briefes vorgebracht, da das Europäische Parlament am 18. September über den Gesetzesentwurf beraten soll. In dem Schreiben wird darauf hingewiesen, dass der Entwurf zehn verschiedene Rechtsakte zur Lebens- und Futtermittelsicherheit auf EU-Ebene ändern würde. Die Verfasser argumentieren, dass eine Reform dieser Größenordnung eine vorherige unabhängige Bewertung erfordert.

Der Brief verweist auf zuvor veröffentlichte Analysen, Berichte und wissenschaftliche Studien, die kritische Fragen zu verschiedenen Aspekten des Gesetzesvorschlags aufwerfen.

Unterzeichner aus verschiedenen Fachbereichen

Die Unterzeichner kommen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen, darunter Ökologie, Toxikologie, Medizin, öffentliche Gesundheit, Physik und Rechtswissenschaften. Neben Forschern aus mehr als 20 europäischen Institutionen haben auch Experten für Umweltschutz den Brief unterzeichnet.

„Wir setzen uns nicht für ein bestimmtes politisches Ergebnis ein. Wir fordern lediglich ausreichende wissenschaftliche Belege, bevor solch weitreichende Veränderungen eingeführt werden“, sagt Vijver.

Anhörung

Vijver nahm am 2. September an einer Anhörung des Europäischen Parlaments zum Omnibus-Paket zur Lebens- und Futtermittelsicherheit teil. „Dieser Brief zeigt, dass viele Wissenschaftler und Ärzte, darunter auch ich, Bedenken hinsichtlich dieses Gesetzesentwurfs haben. Ich hoffe, dass dies zu einer Unterbrechung des Verfahrens und zur Einleitung einer unabhängigen Untersuchung führen wird.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 16. September 2026 auf der Webseite der Universität Leiden in niederländischer und englischer Sprache.

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Der Originalartikel kann hier besucht werden