Interview mit Ulrike Eifler über das Entstehen einer europaweiten Anti-Kriegs-Bewegung und die Rolle der Gewerkschaften in ihr.

Über die aktuelle Entwicklung der Anti-Kriegs-Bewegung in Europa und die Rolle der Gewerkschaften in ihr sprach german-foreign-policy.com mit Ulrike Eifler. Eifler, Gewerkschaftssekretärin in Würzburg, setzt sich bereits seit Jahren für eine entschiedene Friedenspolitik der Gewerkschaften ein. Wie sie urteilt, haben die beiden Anti-Kriegs-Konferenzen in Paris (Oktober 2025) und London (Juni 2026) stark dazu beigetragen, „eine europaweite Bewegung gegen den Krieg aufzubauen“. Gleichzeitig sei es gelungen, in den Gewerkschaften ein stärkeres Bewusstsein für die Notwendigkeit des Kampfes gegen Krieg und Militarisierung zu wecken. Zum einen führe die Militarisierung wegen ihrer hohen Kosten unmittelbar zu einem „Sozialkahlschlag“; zum anderen sei Krieg „unvereinbar“ mit zentralen Errungenschaften der Arbeiterbewegung wie dem Streikrecht und sogar „der Existenz freier Gewerkschaften“. „Arbeitsplatzsicherung“, fordert Eifler, müsse „auf ziviler Friedensproduktion beruhen“ anstatt „auf blutiger Kriegsproduktion“. Hinsichtlich der im Herbst bevorstehenden Proteste gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag warnt sie, die Protestbewegung dürfe sich nicht verzetteln, sondern müsse sich enger zusammenschließen.

german-foreign-policy.com: Seit wir uns zum ersten Mal über die Rolle der Gewerkschaften in der Anti-Kriegs-Bewegung unterhalten haben, ist fast ein Jahr vergangen. Seitdem haben sich die Hochrüstung, der Abriss der Sozialsysteme und die Kriegsvorbereitungen zugespitzt…

Ulrike Eifler: Ja, die Bundesregierung wird im kommenden Jahr 139,7 Milliarden Euro für die Aufrüstung ausgeben, während sie die Kosten für die Krankenhausinfrastruktur halbieren wird. Zusätzlich plant sie das größte Verarmungsprogramm in der Geschichte dieses Landes mit erheblichen Einschnitten bei Rente, Pflege und Gesundheit. Aber es geht nicht nur darum, das Geld für unsere Renten, unser Gesundheitssystem und unsere Bildung in die Aufrüstungstöpfe umzuleiten. Die Aufrüstung ist ja kein Selbstzweck. Sie dient der Kriegsvorbereitung. Es geht also vor allem darum, Staat und Gesellschaft kriegstüchtig umzubauen. Im Zuge dessen gerät vor allem die Handlungsfähigkeit der Gewerkschaften unter die Räder. So sehen wir beispielsweise, dass der Angriff auf den Sozialstaat nicht nur einen Angriff auf die institutionelle Macht der Gewerkschaften darstellt, sondern dass er Arbeitgeber geradezu ermutigt, Arbeits- und Gewerkschaftsrechte offen in Frage zu stellen. Letzte Woche haben die Arbeitgeberverbände gefordert, die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte einzuschränken. Und in Berlin hat die Klinikleitung der Charité erst vor wenigen Tagen einen Streik der Beschäftigten gerichtlich untersagen lassen. Mehr und mehr zeigt sich: In Zeiten, in denen der Krieg vorbereitet wird, stören selbstbewusste Belegschaften, handlungsfähige Betriebsräte und freie Gewerkschaften.

german-foreign-policy.com: Hochrüstung, Sozialkürzungen und Kriegsvorbereitungen beschränken sich nicht auf Deutschland, sondern sind ein gesamteuropäisches Phänomen…

Ulrike Eifler: Das ist vollkommen richtig. Überall in Europa werden derzeit rücksichtslose Angriffe auf den Sozialstaat vorbereitet. Die öffentliche Daseinsvorsorge wird rigoros zusammengestrichen, um Fregatten, Raketen und Uniformen zu kaufen. In den Niederlanden wird den Familien sogar ein sogenannter „Freiheitsbetrag“ in Höhe von 450 Euro pro Jahr abverlangt. Doch es sind nicht nur die nationalen Parlamente, die aufrüsten. Auch der europäische Imperialismus rüstet sich. Im Zuge des Rearm-Europe-Plans sollen bis zu 800 Milliarden Euro in die Aufrüstung fließen. Gleichzeitig werden neue Regeln festgeschrieben, mit denen sich das europäische Kapital in Stellung bringt. Geplant sind massive Angriffe auf Arbeitsrecht, Umweltstandards und soziale Sicherheiten, die enorme Folgen für die Beschäftigten haben werden. Geplant ist weiterhin eine Kapitalunion zur Finanzierung des geostrategischen Wettbewerbs, die die Pensionen und privaten Ersparnisse der Bevölkerung an die Aktienmärkte bringen und für die Aufrüstung mobilisieren soll. Und dann ist da noch der Abbau von Hindernissen für die Zentralisierung und Monopolisierung des Kapitals, was beispielsweise durch die Abschwächung des Kartellrechts sichergestellt werden soll. Große Unternehmensgiganten sollen die Regeln bestimmen und ihren Einfluss auf die Politik ausbauen können. Am Ende eines solchen Prozesses kann die Konkurrenz zwischen den Unternehmen in eine Konkurrenz zwischen den Staaten umschlagen – dann wäre ein Krieg nicht mehr sehr weit.

german-foreign-policy.com: Sie haben mehrere Großveranstaltungen gegen Militarisierung und Krieg mitorganisiert, zum Beispiel die zweite internationale Anti-Kriegs-Konferenz im Juni in London. Wie beurteilen Sie diese Konferenzen im Rückblick?

Ulrike Eifler: Die in erster Linie von der britischen Stop the War Coalition ausgerichtete Londoner Konferenz war ein zentraler Schritt auf dem Weg, eine europaweite Bewegung gegen den Krieg aufzubauen. Sie war bereits die zweite Konferenz mit internationaler Ausrichtung, nach derjenigen in Paris im Oktober 2025. Diese Konferenzen haben das Potenzial, die Arbeiterbewegung in Europa langfristig in ihrem Abwehrkampf zu stärken. In London haben 3.000 Kriegsgegner aus 28 Ländern zwei Tage lang miteinander diskutiert, wie sie ihren Protest stärker miteinander vernetzen können – unter starker Beteiligung europäischer Gewerkschaften wie beispielsweise Unison aus Großbritannien. Verschiedene Gewerkschaftsvorsitzende haben in ihren Reden deutlich gemacht, dass der Kampf gegen die Militarisierung und der Kampf für die Rechte der Beschäftigten zwei Seiten einer Medaille sind. Die größte und älteste Gewerkschaft Spaniens, die UGT, brachte es im Anschluss an die Londoner Konferenz gut auf den Punkt, als sie erklärte, dass Gewerkschaften der Kriegsvorbereitung nicht gleichgültig gegenüberstehen dürfen. Denn Frieden sei keine passive Haltung, sondern könne nur im Kampf für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Solidarität durchgesetzt werden. Das war der Geist der Londoner Konferenz.

german-foreign-policy.com: Im Juli fand in Würzburg die inzwischen bereits vierte Gewerkschaftskonferenz für den Frieden statt. Wie würden Sie die Entwicklung dieser Konferenzen seit der ersten im Jahr 2023 in Hanau beschreiben?

Ulrike Eifler: Die Konferenzen sind über die letzten drei Jahre größer und jünger geworden. Außerdem hat sich ihre Programmatik ausdifferenziert. Die erste Konferenz 2023 war noch stark geprägt vom der moralischen Selbstvergewisserung, dass die Gewerkschaften doch aufgrund ihrer Geschichte Teil der Friedensbewegung sein müssten. Schaut man sich die Geschichte etwas genauer an, dann war die Arbeiterbewegung zwar stets die wichtigste Kraft im Kampf gegen den Krieg. Aber der Weg dahin war immer mit Widersprüchen und Irrtümern besetzt. Im Verlaufe der Konferenzen sind wir dazu übergegangen, die Betroffenheit der Beschäftigten ins Zentrum zu stellen und daraus das Antikriegs-Interesse der Gewerkschaften abzuleiten. Insbesondere die Würzburger Konferenz hat einen Punkt ins Zentrum gestellt, der aus meiner Sicht zentral ist: Krieg ist unvereinbar mit Tarifverhandlungen, Arbeitszeitbegrenzung, Streikrecht und der Existenz freier Gewerkschaften. Die gewerkschaftliche Mobilisierung gegen den Krieg leitet sich also weniger aus moralischem Voluntarismus, sondern mehr aus einer objektiven Interessenlage ab. Mit dieser Ausrichtung sind die Konferenzen zu einem der wichtigsten Referenzpunkte für friedensbewegte Gewerkschafter geworden und haben einen wesentlichen Anteil daran, dass sich die friedenspolitischen Positionen der Gewerkschaften weiterentwickelt haben.

german-foreign-policy.com: Schaut man sich an, wie viele Aktionen gegen Militarisierung und Krieg für die kommenden Monate angekündigt sind, dann scheint da ein ausgewachsener Herbst des Protests bevorzustehen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ulrike Eifler: Es gibt in der Tat eine ganze Reihe von nationalen und internationalen Protesttagen in diesem Herbst. Das ist einerseits gut, weil das Thema Frieden dadurch gesellschaftlich präsent bleibt. Das ist vor dem Hintergrund der völlig verantwortungslosen Verschärfung der deutsch-russischen Beziehungen durch die Bundesregierung auch notwendig. Gleichzeitig ergibt sich dadurch aber auch eine hohe Termindichte: Am 21. September haben wir den bundesweiten Aktionstag der IG Metall gegen die Krise der Automobilindustrie. Am 25. September die Schulstreiks. Am 26. September den Aktionstag der Gewerkschaften gegen den Sozialkahlschlag. Nur eine Woche später, am 3. Oktober, die bundesweite Demonstration der Friedensbewegung. Wiederum eine Woche später, am 10. Oktober, den internationalen Aktionstag gegen den Genozid in Palästina. Diese Termindichte zeigt vor allem, dass noch nicht zusammengefunden hat, was zusammengehört, und birgt die Gefahr, dass wir uns schwächen. Aus meiner Sicht braucht es mehr Orientierung darauf, Strukturen zu schaffen, die es uns erlauben, unsere Anliegen gemeinsam auf die Straße zu tragen.

german-foreign-policy.com: Wo sehen Sie in der recht breiten Protestbewegung, die da zu entstehen scheint, die Rolle der Gewerkschaften?

Ulrike Eifler: Ich denke, der Protest hat drei Ebenen: Da wäre erstens der Kampf gegen die Zerstörung des Sozialstaates. Da spielen die Gewerkschaften mit der Mobilisierung zu bundesweiten Aktionstagen eine wichtige Rolle – auch wenn der Zusammenhang zwischen Sozialabbau und Aufrüstung stärker betont werden müsste. Was insbesondere deshalb notwendig ist, weil wir den Sozialstaat nicht erfolgreich verteidigen können, wenn wir nicht sagen, wo das Geld herkommen soll. Da wäre zweitens der Kampf gegen die Aufrüstung und konkrete Kriegsvorbereitung. Da gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von gewerkschaftlichen Gremien oder aktiven Gewerkschaftern, die die Proteste der Schulstreikbewegung gegen die Wehrpflicht unterstützen oder am 3. Oktober nach Berlin und Stuttgart mobilisieren. Es wäre sicherlich wünschenswert, dass die Gewerkschaften dort eine stärkere Rolle spielen, aber die Entwicklung geht in die richtige Richtung und verspricht, eher mehr als weniger zu werden. Und da ist drittens der Kampf gegen die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten oder gegen die Völkerrechtsbrüche durch die USA gegenüber Kuba und Venezuela. Hier gibt es Initiativen wie „Gewerkschafter*innen für Kuba“, die an die alten Formen gewerkschaftlicher Solidaritätsarbeit anknüpfen. Das ist gut und wichtig, aber insgesamt bräuchte es in den Gewerkschaften mehr Debatte über die rasante und zerstörerische geopolitische Entwicklung. Das ist ganz besonders deshalb wichtig, weil im Volkswagen-Werk in Osnabrück auf der Grundlage einer Kooperation zwischen der deutschen und der israelischen Regierung künftig Elemente für den Iron Dome produziert werden sollen.

german-foreign-policy.com: Aber sollte die Sicherung der Arbeitsplätze für die Gewerkschaften nicht im Vordergrund stehen?

Ulrike Eifler: Das ist in der Tat eine zentrale Aufgabe der Gewerkschaften. Aber wenn es so ist, wie die UGT sagt, dass Frieden keine passive Haltung ist, sondern nur im Kampf für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Solidarität entstehen kann, dann kann uns nicht egal sein, dass die Bundesregierung mit einer Regierung kooperiert, die den dicht besiedelten Gazastreifen in Schutt und Asche gebombt hat. Neun von zehn Häusern wurden zerstört. Es mangelt dort an Lebensmitteln, Trinkwasser und medizinischer Versorgung. Es gibt keine Schulen und Universitäten mehr. Zwischen Oktober 2023 und Juni 2026 wurden dort fast 70.000 Kinder getötet oder verletzt – viele durch gezielte Kopfschüsse der israelischen Armee, wie Röntgenaufnahmen immer wieder zeigen. Und obwohl es seit Oktober 2025 offiziell eine Waffenruhe gibt, geht das Töten und Sterben im Gazastreifen weiter. Der Stolz und die Stärke der Gewerkschaftsbewegung haben ihre Wurzel nicht in Betriebsblindheit und Gleichgültigkeit. Stark gemacht hat uns seit 150 Jahren die Kraft der Solidarität und der Mut, für große Gesellschaftsentwürfe einzutreten. Seit jeher haben wir die Frage aufgeworfen, wie wir arbeiten wollen, aber immer auch, wie wir leben wollen. Selbstbewusst die abscheulichen Verbrechen der israelischen Regierung zu kritisieren und die Rüstungsproduktion in Osnabrück abzulehnen, heißt nicht, sich nicht für die Arbeitsplätze der Kolleginnen und Kollegen zu interessieren, sondern heißt einzufordern, dass die Arbeitsplatzsicherheit auf ziviler Friedensproduktion beruhen muss statt auf blutiger Kriegsproduktion. Dadurch unterscheiden sich unsere Interessen im übrigen von denen der Arbeitgeber.

german-foreign-policy.com: Lässt sich denn die Entscheidung der Regierungen in Europa, voll auf Hochrüstung und Kriegsvorbereitung zu setzen, noch rückgängig machen?

Ulrike Eifler: Politische Entscheidungen werden getroffen und können rückgängig gemacht werden. Und sie müssen rückgängig gemacht werden, denn einen Krieg in Europa werden wir nicht überleben.

Bitte lesen Sie auch unsere Rezension zu Eiflers Buch Die Rechnung zahlen wir.

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