Von Kyoto bis Paris, von einer COP zur nächsten weiß die Welt seit Jahrzehnten um den Ernst der Klimakrise. Und trotzdem leben wir weiter, als stünde uns ein anderer Planet zur Verfügung. Regierungen und große Wirtschaftsinteressen tragen eine enorme Verantwortung, aber auch wir Bürger:innen können Entscheidungen treffen, uns beteiligen und Veränderungen einfordern. Wir können nicht länger behaupten, wir hätten es nicht gewusst.

Die elf wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen

Die elf Jahre von 2015 bis 2025 waren die elf wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen. Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie war 2025 eines der drei wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen; die globale Durchschnittstemperatur lag etwa 1,43 °C über dem Mittelwert der vorindustriellen Zeit von 1850 bis 1900. Die Ozeane speichern weiterhin Wärme, während extreme Wetterereignisse in vielen Teilen der Welt Schäden, Todesopfer und wirtschaftliche Folgen verursachen.

Europa wiederum erwärmt sich mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt und ist der Kontinent mit der stärksten Erwärmung. Im Jahr 2025 wurden in mindestens 95 Prozent des europäischen Territoriums über dem Durchschnitt liegende Jahrestemperaturen verzeichnet. Hitzewellen, Dürren, Brände, der Rückgang von Schnee und Gletschern sowie außergewöhnlich hohe Meerestemperaturen verändern Landschaften und Ökosysteme – von der Arktis bis zum Mittelmeer.

Und trotzdem verhalten wir uns weiter, als wäre all das eine Warnung vor der Zukunft.

Doch die Zukunft ist bereits da.

Von Kyoto nach Paris: Dreißig Jahre voller Versprechen

Die Weltpolitik hat den Klimawandel nicht erst gestern entdeckt.

1997 wurde in Japan das Kyoto-Protokoll verabschiedet, das 2005 in Kraft trat. Erstmals wurden für die teilnehmenden Industrieländer verbindliche Ziele zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen festgelegt. Für die erste Verpflichtungsperiode von 2008 bis 2012 verpflichteten sich 37 Industrieländer und Transformationswirtschaften sowie die Europäische Gemeinschaft insgesamt zu einer durchschnittlichen Verringerung ihrer Emissionen um etwa fünf Prozent gegenüber dem Stand von 1990.

Das war ein historischer Schritt, aber er reichte nicht aus. Die Vereinigten Staaten unterzeichneten das Protokoll, ratifizierten es jedoch nicht, und für die aufstrebenden Volkswirtschaften galten nicht dieselben quantitativen Ziele wie für die Industrieländer.

Achtzehn Jahre nach Kyoto, am 12. Dezember 2015, wurde auf der COP21 das Pariser Abkommen verabschiedet.

Diesmal bestand der Anspruch darin, praktisch die ganze Welt einzubeziehen. Das gemeinsame Ziel: den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur deutlich unter zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu halten und die Anstrengungen fortzusetzen, um ihn auf 1,5 Grad zu begrenzen. Jedes teilnehmende Land muss regelmäßig seinen eigenen Klimaplan, den sogenannten NDC, vorlegen und aktualisieren und darin darlegen, welche Maßnahmen zur Verringerung der Emissionen und zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels vorgesehen sind.

Doch ein Ziel zu kennen, bedeutet noch lange nicht, es zu erreichen.

2025, zehn Jahre nach Paris, berechnete das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), dass selbst bei vollständiger Umsetzung der nationalen Klimazusagen die im Laufe dieses Jahrhunderts zu erwartende globale Erwärmung bei 2,3 bis 2,5 °C liegen würde. Bei den tatsächlich geltenden politischen Maßnahmen steuert die Entwicklung dagegen auf etwa 2,8 °C zu. Um wieder auf einen mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbaren Pfad zu gelangen, müssten die weltweiten jährlichen Emissionen im Jahr 2035 um 55 Prozent niedriger sein als 2019.

Und es gibt sogar einen Rückschritt: Seit dem 27. Januar 2026 sind die Vereinigten Staaten nicht mehr Teil des Pariser Abkommens, nachdem sie ein Jahr zuvor ihren Austritt angekündigt hatten.

Damit wird die Frage unausweichlich: Wie viele weitere Abkommen müssen wir noch unterzeichnen, bevor wir anfangen, uns so zu verhalten, als hätten wir sie tatsächlich unterschrieben?

Die „Herrschenden der Welt“ – und wir

Wenn von der Klimakrise die Rede ist, richtet sich der Blick unweigerlich auf die Regierungen, die großen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger:innen, auf diejenigen, die man als die „Herrschenden der Welt“ bezeichnen könnte. Und das ist auch richtig so.

Entscheidungen über die Energieerzeugung, fossile Brennstoffe, Verkehr, Infrastruktur, Landwirtschaft, den Schutz von Gebieten und öffentliche Investitionen können die Emissionen in einem Ausmaß verändern, das ein einzelner Mensch niemals erreichen könnte.

Es wäre daher nicht richtig, die Verantwortung eines Menschen, der mit dem Auto zur Arbeit fährt, mit der Verantwortung eines Menschen gleichzusetzen, der über Jahrzehnte die Energiepolitik eines Staates bestimmt. Ebenso bequem wäre es jedoch, daraus zu schließen, dass wir nichts tun können.

Die Klimakrise lässt sich nicht allein dadurch bewältigen, dass wir einige individuelle Verhaltensweisen ändern. Der Weltklimarat IPCC zeigt, wie die Entscheidungen Einzelner mit Infrastrukturen, gesellschaftlichen Normen und strukturellen Veränderungen zusammenwirken. Gleichzeitig weist er auf ein erhebliches Potenzial von Strategien hin, die auf die Nachfrage in den Bereichen Gebäude, Landverkehr und Ernährung einwirken.

Genau hier aber droht uns ein Fehler: den Menschen auf seine Rolle als Konsument:in zu reduzieren.

Menschen sind auch Wähler:innen. Sie leben in einer Stadt und einer Region. Sie können sich mit anderen zusammenschließen, sich in einer Bürgerinitiative engagieren, eine Verwaltung zur Rede stellen, entscheiden, wem sie ihr Geld anvertrauen, eine Initiative unterstützen, von einer Stadtverwaltung, einem Parlamentsmitglied oder einer Regierung Rechenschaft verlangen.

Vielleicht ist es genau dieser Teil, den wir vergessen haben.

Wir stehen nicht außerhalb der Natur

Zu lange haben wir von der Natur gesprochen, als wäre sie etwas, das uns umgibt: eine Landschaft, die es zu schützen gilt, einen Wald, den es zu retten gilt, ein Meer, das wir nicht verschmutzen dürfen.

Aber wir stehen nicht außerhalb der Natur. Wir sind ein Teil von ihr.

Wir atmen die Luft, die wir verändern, trinken das Wasser, das wir verschmutzen, und essen, was auf den Böden wächst. Wir sind abhängig von den Ozeanen, den bestäubenden Insekten, den Wäldern und der Stabilität eines Klimas, in dem sich unsere Zivilisation entwickelt hat.

Nachhaltig zu leben bedeutet also nicht einfach, „besser“ mit dem Planeten umzugehen. Es bedeutet, die Bedingungen zu schützen, die unsere eigene Existenz und die der kommenden Generationen überhaupt erst ermöglichen.

Doch Bewusstsein allein reicht nicht aus.

Vom individuellen Verhalten zur kollektiven Verantwortung

Ein unnötiges Licht auszuschalten, weniger Energie zu verbrauchen, Verschwendung zu vermeiden, weniger und bewusster einzukaufen, Dinge zu reparieren und wiederzuverwenden, nach Möglichkeit öffentliche Verkehrsmittel oder den Zug zu nutzen, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren: All das sind Verhaltensweisen, die etwas bewirken. Es wäre jedoch eine Illusion zu glauben, die Klimakrise ließe sich lösen, indem Millionen kleiner individueller Handlungen addiert werden, während die großen energie-, industrie- und raumpolitischen Entscheidungen unverändert bleiben.

Die Verantwortung der Bürger:innen endet daher nicht vor dem Supermarktregal oder bei der Wahl des Verkehrsmittels für den Weg zur Arbeit.

Sie beginnt auch im öffentlichen Raum.

Das bedeutet, von Kommunen, Regionen und Regierungen zu verlangen, offenzulegen, welche Klimaziele sie sich gesetzt haben und welche überprüfbaren Ergebnisse sie vorweisen können. Es bedeutet, Wahlprogramme zu lesen und nach konkreten Vorschlägen zu Energie, öffentlichem Verkehr, Flächenverbrauch, Wasser, Abfall, Wiederaufforstung, Anpassung an Hitzewellen und der Prävention hydrogeologischer Risiken zu suchen, ohne sich mit dem Wort „Nachhaltigkeit“ zufriedenzugeben.

Es bedeutet, sich zu beteiligen. Eine Bürgerinitiative, ein Verein, eine öffentliche Versammlung, eine Konsultation oder eine zivilgesellschaftliche Kampagne können aus einer individuellen Sorge eine kollektive Angelegenheit machen. Auch eine Grünfläche zu verteidigen, einen verschmutzten Bach zu melden oder gegen unnötige neue Bebauung zu protestieren bedeutet, sich dort mit der Umweltkrise auseinanderzusetzen, wo wir konkret leben.

Und es bedeutet, Netzwerke zu bilden. Einen einzelnen Menschen kann man ignorieren. Einhundert Bürger:innen, die dieselbe Frage stellen, schon viel weniger. Tausende können aus dieser Frage ein politisches Problem machen.

Es geht also nicht darum, zwischen individueller und politischer Verantwortung zu wählen. Die eine kann die andere nicht ersetzen.

Vor allem dürfen wir uns nicht der Vorstellung hingeben, es sei ohnehin zu spät. Jeder Bruchteil eines Grades an Erwärmung, den wir vermeiden können, bedeutet geringere Verluste und Schäden für Menschen und Ökosysteme. Der Unterschied zwischen 1,5, 2 oder 3 Grad ist keine abstrakte Zahl: Er bedeutet erheblich unterschiedliche Folgen für Gesellschaften, Gebiete und Ökosysteme.

Kyoto war 1997. Paris war 2015. Wir sind im Jahr 2026.

Wir können nicht länger behaupten, wir hätten es nicht gewusst.

Und vielleicht ist die Frage, die wir unseren Regierenden und zugleich uns selbst stellen sollten, ganz einfach:

Worauf warten wir noch?

Quellen

 

Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!