Von Manfred Böhm
Die politische Sprache in Europa durchläuft eine fundamentale Wende. Standen früher Diplomatie und wirtschaftliche Verflechtung im Fokus, fordert die deutsche Politik heute eine umfassende „Kriegstüchtigkeit“. Diese rhetorische Mobilmachung geht Hand in Hand mit einer beispiellosen Europa-Aufrüstung im Zuge des eskalierenden West-Ost-Konflikts. Während Strategen und Militärexperten den Diskurs mit rationalen Kosten-Nutzen-Analysen und Abschreckungsszenarien dominieren, bleiben die unbewussten Triebkräfte dieses Prozesses meist im Verborgenen.
Eine psychoanalytische Gesellschaftskritik, wie sie die Schweizer Psychoanalytikerin Jeannette Fischer formuliert, wirft einen tiefgründigeren Blick auf die Dynamiken von Macht und Zerstörung. Ihre zentrale Prämisse besagt, dass Krieg kein plötzliches Ereignis ist, sondern strukturell in den psychischen Mechanismen unserer Gesellschaftsform wurzelt. Aktuell warnt Fischer eindringlich vor dieser Entwicklung. Sie legt dar, dass die europäische Bevölkerung durch eine gezielte politische und mediale Rhetorik systematisch auf einen Krieg vorbereitet wird, indem psychologische Abwehrmechanismen bedient werden, statt reale Friedensoptionen auszuloten.
Die Instrumentalisierung: Furcht versus Angst
Um die psychologische Dynamik hinter den aktuellen Rüstungsanstrengungen zu durchdringen, hilft die freudianische Unterscheidung zwischen Furcht und Angst, die Fischer in ihrer Gesellschaftskritik aufgreift. Furcht ist rational und objektbezogen; sie reagiert auf eine konkrete, reale Bedrohung im Außen – wie den Krieg in der Ukraine. Diese Furcht aktiviert eigenschöpferische Schutzmechanismen und hält die Gesellschaft handlungsfähig.
Angst hingegen ist strukturell diffus und objektlos. Sie entspringt einer tiefen inneren Ohnmacht des Subjekts. Wenn Politik und Medien im Zuge von Bedrohungsszenarien eine permanente, strukturelle Angst bewirtschaften, entmündigen sie die Bürger unbewusst. Genau diese Dynamik wird heute genutzt: Eine in Angst versetzte Bevölkerung verliert ihre Eigenmächtigkeit und flüchtet sich in die totale Schutzbedürftigkeit. Wer in diffuser Angst lebt, hinterfragt nicht mehr, sondern verlangt nach dem starken, schützenden Staat. Die massive materieller Aufrüstung fungiert in diesem Sinne als ein kollektiver, neurotischer Beruhigungsversuch, um die eigene psychische Ohnmacht abzuwehren. Die politische Instrumentalisierung einer realen Bedrohung verschiebt den gesellschaftlichen Zustand von der rationalen Furcht hin zu einer kollektiven Angst, wodurch die Aufrüstung als alternativlose Lösung legitimiert wird.
Die Abwehr: Projektion und die Verweigerung des „Differenten“
Ein Kernproblem internationaler Konflikte liegt im psychoanalytischen Umgang mit dem „Differenten“ – demjenigen, das nicht dem eigenen Ich entspricht. Ein friedlicher, intersubjektiver Diskurs setzt voraus, dass das Gegenüber als eigenständiges Subjekt mit einer eigenen Geschichte, eigenen Traumata und Sicherheitsbedürfnissen anerkannt wird, ohne es beherrschen zu wollen.
Im aktuellen Verhältnis des Westens zu Russland lässt sich jedoch eine radikale Verweigerung dieser Differenz beobachten. Durch den Abwehrmechanismus der Projektion externalisiert der Westen eigene, ungeliebte Anteile – wie imperiales Machtstreben oder geopolitische Aggression – und überträgt sie vollständig auf das Feindbild. Russland wird dadurch vom komplexen Subjekt zum absoluten Objekt des Bösen degradiert. Aus dieser moralischen Asymmetrie entsteht ein starres hierarchisches Gefälle. Diese moralische Selbsterhöhung des Westens führt dazu, dass jede diplomatische Annäherung im Keim erstickt wird. Sobald der Andere nur noch bewirtschaftet, kontrolliert oder eliminiert werden soll, ist das Fundament für den realen Krieg in den Köpfen bereits gelegt.
Die Heilung: Kollektive Therapie statt Aufrüstungsspirale
Da die Wurzeln des Konflikts tief im psychischen Beziehungsgefüge verankert sind, kann eine rein militärische Strategie keinen dauerhaften Frieden stiften. Sie zementiert lediglich die Angststrukturen. Geopolitik bedarf in diesem Sinne einer grundlegenden kollektiven Therapie, die bei der Entlarvung der Angstdiskurse ansetzt. Die Gesellschaft muss die politisch inszenierte Angst als Instrument zur Aufrechterhaltung von Hierarchien durchschauen, um ihre politische Eigenmächtigkeit zurückzugewinnen.
Gleichzeitig fordert wahrer Frieden den schmerzhaften Verzicht auf moralische Selbsterhöhung. Der Westen muss die eigenen Anteile an globalen Eskalationen reflektieren, anstatt die Schuld exklusiv im Außen zu verorten. Eine stabile Nachkriegsordnung lässt sich nur aufbauen, wenn die Existenz des radikal Anderen akzeptiert wird. Nur durch den Abbau des hierarchischen Machtgefälles wird ein echter Dialog auf Augenhöhe wieder möglich. Der Ruf nach „Kriegstüchtigkeit“ ist somit die Manifestation einer psychischen Flucht vor der eigenen Ohnmacht in die äußere Gewalt. Wirkliche Friedensfähigkeit erweist sich nicht an der Bereitschaft zur Aufrüstung, sondern an der psychologischen Reife einer Gesellschaft, die Angst auszuhalten, Projektionen aufzulösen und die Differenz des Anderen anzuerkennen.
Literaturverzeichnis
- Fischer, J. (2018). Angst – vor ihr müssen wir uns fürchten. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann (Klostermann/Nexus, Bd. 105). Klostermann Verlag
- Fischer, J. (2021). Hass. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann (Klostermann/Nexus, Bd. 106). Freud-Buchhandlung
- Fischer, J. (2022). Der Krieg ist in unserer Gesellschaft bereits angelegt. Psychotherapie-Wissenschaft, 12(2), 79–83. PsychArchives
- Fischer, J. (2026). «Wir werden auf einen Krieg vorbereitet». Die Weltwoche, Ausgabe 36/2026. Die Weltwoche
Manfred Böhm, Jahrgang 1956, Publizist und Buchautor, Dipl.-Theologe, Studium der Katholischen Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Mainz und Tübingen, Ausbildung in Psychopädie (nach Dr. Derbolowsky) und Fortbildungen in Logotherapie, Publizistische Schwerpunkte: Spiritualität und Friedenstheologie










