Ida Ilenia Macera ist eine italienische Schriftstellerin, die aus Sesto Campano in der Region Molise stammt und derzeit in Deutschland wohnt. Hier hat sie das Kulturprojekt „Das Buch, das nicht allein sein will“ entwickelt – ein Buch auf der Reise, ohne Besitzer, das Zug fährt und von Hand zu Hand weitergegeben wird, auch an Unbekannte. Wir haben ihr einige Fragen zu ihrem Projekt gestellt.
Wo ist die Idee für diese Initiative entstanden?
Die Idee entstand in Deutschland in einer Phase meines Lebens, in der ich mich aus der Nähe mit Einsamkeit auseinandersetzen musste. Ich stamme ursprünglich aus Sesto Campano in Molise, und der Umzug in ein anderes Land bedeutete für mich einen Neubeginn in vielen Dingen: eine neue Sprache, neue Orte, neue Gewohnheiten und Menschen, die ich zuerst nicht kannte.
Ich schreibe seit meiner Kindheit, und es war für mich immer eine Möglichkeit, dem Gestalt zu verleihen, was ich nur mit Mühe zum Ausdruck bringen konnte. Irgendwann habe ich mich gefragt, ob ein Buch nicht noch etwas anderes tun kann, als einfach gelesen zu werden: ob es nicht zu einer konkreten Möglichkeit für Begegnungen werden könnte.

Ich habe mir das Buch ohne einen bestimmten Besitzer oder eine bestimmte Besitzerin vorgestellt, das hauptsächlich in Zügen fährt, gefunden und gelesen und dann wieder auf die Reise geschickt werden kann. So wird das Buch zum Reisenden. Es hat kein endgültiges Zuhause und gehört nicht einer Person allein. Jeder Leser und jede Leserin kann einen Satz oder eine Erinnerung hinzufügen.
Was ist das Ziel des Projekts?
Das Hauptziel ist ganz einfach: einen Kontakt herzustellen.
Wir leben in einer Gesellschaft, die über die Technologie ständig in Verbindung steht, aber verbunden zu sein heißt nicht unbedingt, sich einander nahe zu fühlen. Ich wollte eine andere Verbindung aufbauen, eine langsamere, menschlichere Verbindung.
Ein Mensch findet das Buch, liest die Worte von jemand anderem, dem er vielleicht nie begegnen wird, dann kann er oder sie eine eigene Botschaft hinterlassen und dafür sorgen, dass diese Stimme die Reise fortsetzt. Jede Leserin und jeder Leser kann Teil des Projekts werden.
Das Buch soll keinen definitiven Besitzer, keine definitive Besitzerin haben: Es soll eher ein vorübergehender Aufenthalt sein. Gerade weil es nicht für immer jemandem gehört, kann es symbolisch allen gehören.
Im Buch befindet sich ein QR-Code, der zur offiziellen Website führt. Wer das Buch findet, kann eintragen, wo es gerade ist, und eine Botschaft hinterlassen. Ich sammle diese Meldungen persönlich und aktualisiere die interaktive Karte der Reise.

Die Karte macht etwas sichtbar, was andernfalls unsichtbar bliebe: Jeder Punkt repräsentiert einen Menschen, der eine Spur hinterlassen wollte. Deshalb sehe ich sie wie eine Art menschliches Archiv aus Worten, Emotionen, Lebensfragmenten.
Der QR-Code ist die Brücke zwischen der realen und der digitalen Reise. Der Reiz liegt in der Unvorhersehbarkeit: Ich kann nicht vorher wissen, wo das Buch hinreist oder wem es begegnen wird.
Kannst du uns eine besondere Episode im Zusammenhang mit deinem Projekt erzählen?
Ich finde vor allem die Reaktion der Menschen interessant, wenn sie entdecken, dass dieses Buch keinen Besitzer und keine Besitzerin hat und dass sie es nehmen, lesen und wieder auf die Reise schicken können.
Was mich am meisten berührt, sind die Botschaften. Einige erzählen, wo sie das Buch gefunden haben, warum sie beschlossen haben, es wieder loszuschicken, oder sie teilen persönliche Gefühle mit. Wenn ich diese Worte lese, denke ich, dass das Buch nicht mehr nur mein Werk ist: Es ist etwas Kollektives geworden.
Die Ausbreitung des Projekts hat mich auch überrascht. Es ist in Deutschland entstanden, aber nach und nach hat es die Grenzen des Ortes überschritten, an dem es konzipiert wurde – inzwischen wird auf internationaler Ebene darüber berichtet. Italienische und deutsche Medien haben darüber berichtet und hat über Zeitschriften wie Il Globo auch italienische Gemeinschaften im Ausland erreicht.
Damit hat das Projekt gewissermaßen den Weg des Buches imitiert: von einem Ort ausgehen, eine Grenze überqueren, woanders ankommen.
Ich bin in Sesto Campano in Molise aufgebrochen, und wenn ich heute die weite Reise dieser Geschichte sehe, berührt mich das tief. Das Buch hält beide Dimensionen meines Lebens zusammen.
Als Italienerin, die nach Deutschland emigriert ist, hast du Situationen der Einsamkeit und Ausgrenzung erlebt, aber auch von Offenheit und Nähe?
Ja, und ich glaube, dass gerade diese Erfahrung dazu beigetragen hat, dem Projekt Gestalt zu verleihen. Gerade die Sprache kann Distanz schaffen. Wenn man nicht genau das ausdrücken kann, was man denkt, hat man manchmal das Gefühl, dass ein Teil der eigenen Identität am anderen Ende des Satzes bleibt. Für Schreibende kann diese Distanz noch stärker sein.
Meine Erfahrung in Deutschland ist nicht nur eine Geschichte von Schwierigkeiten: Ich habe auch hilfsbereite, neugierige und freundliche Menschen kennengelernt und habe festgestellt, dass manchmal eine kleine Geste genügt, um eine große Distanz zu überwinden.
Migration bedeutet auch Begegnung. Es bedeutet, eine andere Perspektive einzunehmen und zu lernen, sich selbst mit anderen Augen zu betrachten.
Das Buch ist auch diesem Prozess zu verdanken. Es entstand in Deutschland, aber es trägt Italien in sich, Molise, meine Geschichte und alle Fragen, die ein Mensch hat, wenn er eine Grenze überschreitet.
Ich habe es auf Deutsch geschrieben, in der Sprache des Landes, in dem ich heute lebe. Das hat für mich eine symbolische Bedeutung: Eine Sprache, die anfänglich eine Schwierigkeit darstellt, kann zum Mittel werden, um eine Brücke zu bauen.
Meinst du, dass deine Initiative Räume für den Dialog zwischen Menschen eröffnen kann, die zwar aus verschiedenen Ländern kommen, aber dennoch vieles gemeinsam haben?
Ich glaube nicht, dass ein Buch komplexe soziale Probleme lösen kann. Aber es kann einen Raum schaffen, in dem wir den anderen nicht durch eine Zuschreibung betrachten, sondern durch eine Geschichte.
Hinter Worten wie „Migrant*innen“, „Italiener*innen“, „Deutsche“, „Ausländer*innen“ vergessen wir leicht die Menschen mit ihren Ängsten, Wünschen, Erinnerungen, Verletzlichkeiten und Hoffnungen.
Das Projekt will die Unterschiede nicht auslöschen, sondern sie kennenlernen und respektieren. Bevor wir uns fragen, woher jemand kommt, könnten wir uns fragen, was er oder sie erlebt hat.
Ein Leser oder eine Leserin findet das Buch in einem Zug oder an einem öffentlichen Ort und kann feststellen, dass Ängste, Wünsche oder Einsamkeit, die als ganz eigene Erfahrungen empfunden werden, auch von einem anderen Menschen erlebt wurden.
Und so geschieht etwas Einfaches: Ein fremder Mensch ist nicht mehr nur ein fremder Mensch.
Vielleicht ist gerade die Einsamkeit einer der Punkte, an denen wir uns alle begegnen können. Wer emigriert, kennt sie, aber auch, wer in seinem Heimatland bleibt oder eine schwierige Zeit durchmacht. Einsamkeit hat keine Nationalität und spricht nicht nur eine Sprache. Deshalb habe ich von einem Buch erzählen wollen, das nicht allein bleiben will. Im Grunde betrifft dieser Satz nicht nur das Buch. Er betrifft uns selbst.
Das Buch reist, weil jemand es weiterziehen lässt, es geht von Hand zu Hand, weil jemand beschließt, einem oder einer Unbekannten zu vertrauen, und es lebt weiter, weil jeder Mensch etwas hinzufügen kann.
Ich würde gern im Laufe der Zeit eine große Karte mit diesen Menschen und diesen Begegnungen erstellen, die nicht nur zeigen kann, wohin das Buch gelangt, sondern auch, wie viele Menschen ihm einen Teil von sich anvertraut haben.
Das Projekt will nicht das Problem der Einsamkeit lösen und ein Buch kann keine Beziehung ersetzen, aber es kann etwas Kleines tun: eine Tür öffnen, einen Moment des Zuhörens schaffen, jemanden daran erinnern, dass hinter einer Buchseite eine andere Stimme existiert.
Ich möchte, dass die Idee bleibt, dass ein Mensch für einen anderen, einen unbekannten Menschen mit einer kleinen Geste etwas tun kann.
Ein Buch nehmen.
Das Buch lesen.
Ein Wort darin hinterlassen.
Und es dann weiterziehen lassen.
Vielleicht ist die wahre Reise nicht die des Buches in den Zügen, sondern die der Menschen, die aus ihrer Isolation treten und etwas von sich anderen anvertrauen, die danach kommen.
Das Projekt ist in Deutschland entstanden, aber heute hat es eine internationale Dimension erreicht und bezieht Menschen und Realitäten auch in Italien und anderen Ländern ein. Was bedeutet es für dich als Schriftstellerin, dass deine Idee, die auf einer persönlichen Erfahrung basiert, sich in ein Projekt verwandelt, das verschiedene Länder, Sprachen und Kulturen überqueren kann?
Für mich ist das etwas wirklich Bedeutungsvolles. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass eine in Deutschland entstandene Idee Grenzen, Sprachen und Kulturen überwinden könnte.
Heute hat „Das Buch, das nicht allein sein will“ eine internationale Dimension erreicht und baut ein Netzwerk aus Menschen und Realitäten auf, die sich über das Buch begegnen. Das lässt mich über den Sinn des Schreibens nachdenken: Eine Geschichte kann aus einer individuellen Erfahrung hervorgehen und zu einem Ort werden, an dem sich andere Menschen wiedererkennen, eine Spur hinterlassen und die Erzählung fortsetzen.
Als Schriftstellerin fühle ich, dass dieses Projekt eine Weiterentwicklung meiner Art zu schreiben darstellt. Das Wort ist nicht mehr nur etwas, das ich auf das Blatt schreibe: Es ist zu einer Möglichkeit geworden, Verbindungen zwischen fernen Menschen zu schaffen.
Vielleicht ist es genau das, was mich heute an Literatur interessiert: die Möglichkeit, dass eine Stimme, die an einem Ort entsteht, woanders angehört werden kann, dass sie Sprachen und Grenzen überwindet und so zu einem Teil einer Geschichte wird, die größer ist als die der Autorin.
Übersetzung aus dem Italienischen von Annette Seimer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!










