Der Vielvölkerstaat Jugoslawien entstand 1918 am Ende des Ersten Weltkrieges und wurde 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg neugegründet. In den 1990er Jahren brach Jugoslawien gewaltsam entlang ethnischer Trennlinien auseinander. Die Kriege zeichneten sich durch schwere Menschenrechtsverletzungen aus, die bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet worden sind.
von Aleksandar Abramović
Ein in ganz Jugoslawien bekannter Musiker war Đorđe Balašević. In seinen Liedern sprach er auch gesellschaftliche und politische Themen an. Balašević lebte in Novi Sad, der Hauptstadt der zu Serbien gehörenden autonomen Provinz Vojvodina. In der Familiengeschichte des ethnischen Serben spiegelte sich die bewegte Geschichte des westlichen Balkans wider. So kämpfte Balaševićs Großvater im Ersten Weltkrieg nicht etwa für das Königreich Serbien, sondern für dessen Widersacher Österreich-Ungarn. Der Grund: Die Vojvodina gehörte damals anders als heute gar nicht zu Serbien, sondern zur habsburgischen Doppelmonarchie. Đorđe Balašević widmete dem Kriegseinsatz seines Großvaters in Galizien (heute zwischen Polen und der Ukraine geteilt) ein kritisches Lied. Damit nahm er in gewisser Weise auch die offizielle Erinnerungspolitik der serbischen Regierung aufs Korn, die sich vor allem auf das ehemalige Königreich fokussiert und das österreich-ungarische Erbe ihres Landes übergeht.
Der auch als „Kantautor“ bezeichnete Balašević setzte sich vor dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens für den Erhalt des südslawischen Vielvölkerstaates ein. Jahre später, im Februar 1998, brach er zu einem Konzert nach Sarajevo auf. Die inzwischen mehrheitlich muslimisch bewohnte Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas war in den Jahren 1992 bis 1995 von den bosnischen Serben belagert worden. Die Hauptstraße Sarajevos wurde dabei zur berüchtigten „Sniper-Alley“, auf der die Scharfschützen auf alles schossen, was sich bewegte. Aufgrund dieses Hintergrundes war unklar, wie Đorđe Balašević in Sarajevo aufgenommen werden würde. Es stand gar ein Attentat muslimischer Nationalisten auf ihn im Raum. Auf die Frage, ob er sich vor der Reise in die bosnische Hauptstadt fürchten würde, antwortete der „Kantautor“: „Wenn ich Angst hätte, würde ich mich verstecken, anstatt nach Sarajevo zu reisen.“ Anhänger unterstützten den Musiker. Eine Frau, offenkundig Serbin, sprach in die Kamera: „Er reist auf dem Weg des Friedens nach Sarajevo. Auf dass wir so leben können, wie wir einst gelebt haben.“ Damit nahm sie Bezug auf das weitgehend friedliche Zusammenleben der jugoslawischen Völker vor dem Staatszerfall.
Im Jahr 2003 fand in Sarajevo ein weiteres Konzert statt. Ein Sohn der Stadt, Kemal Monteno, lud zu seiner Musik ein. Montenos Mutter war eine bosnische Muslimin, während sein Vater ein ehemaliger italienischer Besatzungssoldat aus dem Zweiten Weltkrieg war. Er blieb nach 1945 in Sarajevo. Kemal Monteno bekannte auch Jahrzehnte nach dem Untergang Jugoslawiens seine Verbundenheit zu dem Vielvölkerstaat. Dabei führte er aus, er habe ihm ein anständiges Einkommen aus der Musik ermöglicht. „Jugoslawien war mein liebstes Land“, so der Sänger weiter. Zu Montenos musikalischem Repertoire gehörte unter anderem das Lied „Sarajevo, meine Liebe“ („Sarajevo, ljubavi moja“). Hier besang der Künstler sein Verhältnis zu seiner Heimatstadt. Den Einstieg des Liedes bilden die Verse „Gemeinsam sind wir gewachsen, Stadt, du und ich (. . .) unter dem Trebević-Gebirge träumten wir, wer von uns schneller wachsen, wer schöner sein würde“. Bei Montenos besagtem Konzert trat zur großen Überraschung des Publikums Zdravko Čolić auf. Bei seinem Anblick erhoben sich die Zuschauer begeistert und applaudierten. Das war bemerkenswert, denn Zdravko Čolić ist bosnischer Serbe. Er lebt heute in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens, und ist laut dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Kroatiens (HRT) der möglicherweise berühmteste Musiker des ehemaligen Jugoslawiens. Zu seinen bekanntesten Stücken gehören „Das Feuer brennt“ („Gori vatra“), mit dem er 1973 beim Grand Prix de la Chanson d´Eurovison (dem Vorgänger des Eurovison Song Contest) auftrat sowie „Čaje Šukarije“ (Schönes Mädchen), das er zusammen mit der aus der jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien stammenden Roma-Sängerin Esma Redžepova aufnahm. Es ist teilweise in Serbokroatisch, teils im Romanes gehalten.
Belgrad beherbergte im Jahr 2012 ein Konzert der bekannten Popsängerin Nina Badrić. Beim Lied „Berührungen aus Glas“ („Dodiri od stakla“) trat sie zusammen mit dem Interpreten Tony Cetinski auf. Die Zuschauer klatschten ebenfalls aus Begeisterung. Das Besondere hier: Badrić und Cetinski sind Kroaten. Kroatien und Serbien hatten sich in den 1990er Jahren heftig um die zu Kroatien gehörende, aber mehrheitlich serbisch besiedelte Krajina bekämpft. Dabei kam es zu schweren Menschenrechtsverletzungen. Die Aufarbeitung dieses Konflikts ist bei weitem nicht abgeschlossen. Diese Tatsache hielt die bekennende Katholikin Nina Badrić aber nicht davon ab, im Jahr 2015 mit dem Serben Željko Vasić den Song „Parole für das Paradies“ („Lozinka za raj“) aufzunehmen. Das sind nur einige Beispiele für den bis heute andauernden musikalischen Austausch zwischen den verschiedenen Ländern und Nationalitäten im ehemaligen Jugoslawien.
Die populäre Musik Jugoslawiens: Eine Schöpfung Titos
Erleichtert wird dieser Austausch durch eine gemeinsame populäre Musikkultur. Letztere geht auf die jugoslawischen Kommunisten um Josip Broz, besser als Tito bekannt, zurück. Sie ergriffen 1945 in Jugoslawien die Macht und versuchten, dem Vielvölkerstaat eine gemeinsame kulturelle Identität zu verschaffen. Das sollte dem besseren Zusammenhalt des Staates dienen. Ein Mittel dazu war die Förderung einer modernen populären Musik, die in der breiten Bevölkerung großen Anklang fand. Diese Musik verband traditionelle balkanische Klänge mit moderner Popmusik und wurde Neo-Folk genannt. Hier verschmolzen die verschiedenen regionalen Stile zu etwas Neuem. Gesungen wurde vornehmlich auf Serbokroatisch, jener Lingua Franca, die in ganz Jugoslawien verstanden wurde. Jugoslawien war anders als die anderen sozialistischen Länder Europas offen für westliche Einflüsse, so dass sich neben der Folkmusik auch Rock und Pop etablieren konnten. Diese westlichen Stile verbanden sich in Jugoslawien mit Elementen der Folkmusik. Die Interpreten brachten so einen Musiktypus hervor, der so nur in Jugoslawien existierte. Er hatte politische Bedeutung und symbolisierte sowohl die Einheit des Vielvölkerstaates als auch die individuellen Identitäten seiner ethnischen Gruppen.
Obwohl die jugoslawische Popmusik staatlich gefördert wurde, war der Musikmarkt größtenteils frei von Eingriffen durch die Regierung. Dennoch gab es eine indirekte Regulierung: Die Kommunisten besteuerten jene Platten mit hohen Steuern, die ihnen nicht als „einwandfrei“ galten. Auch duldete die Regierung keine offene Kritik am sozialistischen System oder gar an Präsident Tito. Die Plattenfirmen agierten in einer Art vorauseilendem Gehorsam und milderten in ihrer veröffentlichten Musik alles ab, was „subversiv“ erscheinen konnte. Viele Künstler griffen daher zur Ironie als verdeckte Kritik am jugoslawischen Sozialismus. Die Plattenfirmen selbst befanden sich offiziell in staatlichem Besitz, wurden aber wie Privateigentum geführt. Die größten Anbieter auf dem Markt waren „Jugoton“ aus der kroatischen Hauptstadt Zagreb und „PGP-RTB“ aus der serbischen Kapitale Belgrad. Beide Labels arbeiteten mit internationalen Plattenfirmen zusammen, so dass westliche Einflüsse nach Jugoslawien gelangten. So entstanden in dem südosteuropäischen Land Genres wie Jazz, Rock und Disco.
Die Musikszene Jugoslawiens besaß ein reiches Spektrum und erstreckte sich vom Turbofolk bis hin zur Rockmusik als politischem Gegenpol. Der Turbofolk entstand gegen Ende der 1970er Jahre und er betonte ethnonationale Werte sowie das Patriarchat. Die Kommunisten bemühten sich nach Kräften, ihn zu bekämpfen und erhoben auf Turbofolk-Platten hohe Steuern. Die nationalistische Wende in Jugoslawien ab Ende der 1980er Jahre führte zum Durchbruch des Turbofolks: Slobodan Milošević, der Präsident Serbiens, adaptierte ihn als Mittel, um jede kulturelle und politische Alternative zu seiner Herrschaft zu beseitigen. Der Turbofolk wurde folglich im Serbien der 1990er Jahre allgegenwärtig und ersetzte die Debatte über die Politik. Dabei wurde unter anderem der Vidovdan besungen, ein bei vielen Serben wichtiger jährlicher Feiertag am 28. Juni. An jenem Datum im Jahr 1389 soll der Überlieferung nach das mittelalterliche Serbien in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) gegen die Osmanen untergegangen sein. Damit begann die jahrhundertelange „türkische“ Herrschaft über die Serben, was für letztere bis heute ein Trauma darstellt. Die Schlacht auf dem Amselfeld spielte eine zentrale Rolle bei der ethnonationalistischen Mobilisierung der serbischen Nation Ende der 1980er Jahre und damit auch beim Auseinanderbrechen Jugoslawiens.
Rockmusik als Gegenpol zum Krieg der 1990er Jahre
Die Rockmusik sah sich hingegen traditionell in der Rolle einer „ewigen Opposition“ zur offiziellen Politik. Viele Rockmusiker setzten sich seit Ende der 1980er Jahre aktiv gegen einen möglichen Krieg auf jugoslawischem Boden ein und arbeiteten dabei mit der Friedensbewegung zusammen. Nachdem die Kämpfe Ende Juni 1991 begonnen hatten, fand am 28. Juli desselben Jahres in Sarajevo das „Konzert für den Frieden“ statt. Es wurde vom Sender „Yutel“, einer Gründung des jugoslawischen Ministerpräsidenten Ante Marković, veranstaltet. Marković war bosnischer Kroate und er versuchte, Jugoslawien durch demokratische Reformen und eine Heranführung an den Westen zu retten, womit er in Opposition zu den nationalistischen Führungen in den Teilrepubliken stand. Das Friedenskonzert von Sarajevo wurde von Zehntausenden besucht. Unter anderem trat dabei die multiethnische Gruppe „Indexi“ auf. In dem Lied „Ich träume“ („Sanjam“) besingen „Indexi“ den Wert des Lebens: „Ich träume, um dir zu sagen, kehre zurück, Geliebte. Wenn es nötig ist, fliehe vor allem, denn es gibt nur dieses eine Leben. Es gibt nichts, nichts außerhalb von ihm“. Einen Monat nach dem Konzert von Sarajevo folgte in der Nähe von Kragujevac (Serbien) das Konzert „Künstler für den Frieden“. Hierbei traten Künstler auch aus Kroatien auf, obwohl die Teilrepublik sich damals bereits im Krieg mit Serbien befand. Weitere Friedenskonzerte folgten in Serbien, Kroatien und Slowenien. Größte Bekanntheit erhielt das Konzert „Zählt nicht auf uns“ in Belgrad, das nach dem Beginn der Belagerung Sarajevos im April 1992 veranstaltet wurde. Der Titel des Konzerts nahm Bezug auf ein in Jugoslawien bekanntes Lied der Gruppe „Rani Mraz“ aus Novi Sad im Jahr 1978. Es wurde von Đorđe Balašević komponiert und hieß „Zählt auf uns“. Es handelte sich um ein Bekenntnis zum sozialistischen Jugoslawien und begann mit den Worten „Für all uns aus den 50er Jahren, mit dem Eid auf Tito habe ich einen Vers geschrieben. Ich erwähne nicht die Vergangenheit und die entfernten Schlachten, denn ich bin erst nach ihnen geboren worden“. Und weiter: „Das Leben versteckt vor uns noch Schlachten und droht uns, droht uns wie eine tiefe Quelle. Ich weiß, dass auf uns noch hundert Offensiven warten, denn wir müssen den Frieden bewahren. Zählt auf uns.“ Mit den Schlachten und Offensiven bezieht sich das Lied auf den Kampf der Tito-Partisanen gegen die deutsche Wehrmacht und deren jugoslawische Verbündete in den Jahren 1941 bis 1945.
Es folgten weitere dreieinhalb Jahre Krieg, die erst im Oktober 1995 durch das Friedensabkommen von Dayton beendet wurden. Während des Krieges konnten sich Künstler aus Serbien, Montenegro, Kroatien und Bosnien-Herzegowina nur noch in den beiden ehemaligen Teilrepubliken Slowenien und Mazedonien (dem heutigen Nordmazedonien) treffen. Beide fungierten als eine Art neutraler Boden. So tourten in den Jahren 1991 und 1992 die serbischen Bands „Partibrejkers“ und „Bajaga und die Instrukteure“ durch Slowenien. Die „Partibrejkers“ traten dabei mit kroatischen Bands auf. Im Lied „Komme auf mich zu“ („Kreni prema meni“) besingen die Musiker die Realitäten der Liebe: „Du bist nicht Julia, ich bin nicht Romeo. Nachts habe ich etwas Hässliches gegessen, du redest schön, du läufst schön, süße Kleine, verkaufe dich nicht billig“. Bajaga hingegen äußerte in Slowenien den Wunsch, auch in Kroatien auftreten zu können. In seinem Lied „Stille“ („Tišina“) singt Bajaga: „Hey Gott, sei ein Kamerad und drehe den Planeten einmal zurück. Die Nacht hat kurz gedauert, wir benötigen aber die längste auf der Welt. In meinem Auge nur Kälte, in meinem Herzen nur Scham, Frost und Schatten. Die Vögel haben nicht gesungen, so lange über dem Dach die Stille musizierte“. Einen Schritt auf die „andere“ Partei zu ging auch der montenegrinische Interpret Rambo Amadeus. Montenegro stand damals an der Seite der nationalistischen serbischen Regierung und empfand sich selbst als eine mehrheitlich serbische Teilrepublik. Rambo Amadeus traf sich in Slowenien mit kroatischen Musikern. Für besonderes Aufsehen sorgte aber der Auftritt von Đorđe Balašević in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, bei dem der „Kantautor“ die ethnonationalistische Politik von Serbiens Präsidenten Slobodan Milošević erneut kritisierte.
Die Rockmusiker und die Friedensbewegung arbeiteten mit oppositionellen Parteien, Medien und NGOs zusammen. Der Sender B92 aus Belgrad weigerte sich, den in Serbien allgegenwärtigen Turbofolk zu spielen und strahlte stattdessen Rockmusik aus. Die Rockmusik erweckte den Argwohn der Regierungen Serbiens, Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas. Letztere versuchten, in ihrem Herrschaftsbereich eine ethnisch „reine“ Musikszene zu schaffen. In Serbien etwa übte Belgrad auf die Radiosender Druck aus, auf Interpreten aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu verzichten. Ähnliches geschah unter umgekehrten Vorzeichen in Kroatien durch die Regierung von Präsident Franjo Tuđman. Und die bosnisch-herzegowinische Regierung um Alija Izetbegović verbot Mitte 1994 im belagerten Sarajevo die Ausstrahlung von Musik aus den Nachbarländern Serbien, Montenegro und Kroatien. Dafür erhielten die Antikriegsbewegung und Rockmusik aus dem nicht-jugoslawischen Ausland Unterstützung. Ab Mitte 1993 fanden etwa in Amsterdam, Manchester und Wien Unterstützungskonzerte mit mehreren zehntausend Teilnehmern statt.
Nach den Kriegen: die „Jugonostalgie“
Nach 1995 blühte die Zusammenarbeit zwischen Künstlern aus den postjugoslawischen Staaten wieder auf. Laut Beobachtern war dies eine Folge der jahrzehntelangen gemeinsamen Sozialisation während der kommunistischen Herrschaft, die zu einem ähnlichen Musikgeschmack geführt habe. Dazu kam, dass der Nationalismus der 1990er Jahre ab etwa dem Jahr 2000 einem toleranteren politischen Klima wich. 2000 wurde in Novi Sad (Serbien) das Musikfestival „Exit“ gegründet, wo bis heute Musiker aus dem gesamten ehemaligen Jugoslawien auftreten. Die Hinwendung zur gesamten Region des Westbalkan hat aber auch damit zu tun, dass Musiker nach größeren Märkten suchen und sie in den anderen ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken finden. Das Business folgt der Logik und der serbische Musiksender „TV Pink“ hat inzwischen seine Präsenz auf den ganzen Westbalkan ausgedehnt. Stars aus der jugoslawischen Ära treten heute wieder in der gesamten Region vor vollen Hallen auf. Ebenso Künstler, die ihre Karriere erst nach dem Zerfall Jugoslawiens begonnen haben. Auch hat sich die Musik teilweise geändert: Der serbische Turbofolk hat den Nationalismus inzwischen hinter sich gelassen und nähert sich immer weiter westlichen Klängen an. Er wird mittlerweile selbst in Kroatien und im Kosovo gehört. Nicht wenige Menschen in Ex-Jugoslawien hoffen daher auf die Wiederauferstehung einer gemeinsamen Kultur in der Region. Gerade die populäre Musik soll hierbei einen wichtigen Beitrag leisten und die Völker auf dem Westbalkan miteinander versöhnen. Selbst jene, die dieser Rolle skeptisch gegenüberstehen, geben zu, dass Musik Ängste und Vorurteile überwinden kann.
Das Hören von jugoslawischer Popmusik ist nach Meinung von Beobachtern nicht nur eine Frage des künstlerischen Geschmacks, sondern auch der politischen Haltung. So spiele die Sehnsucht nach dem auseinandergebrochenen Heimatland und ein Statement gegen den ethnischen Nationalismus eine große Rolle. Weiterhin würden sich viele Menschen als Jugoslawen empfinden und bestimmte Musikgruppen und Lieder seien ein Ausdruck dieses Gefühls. Das Phänomen ist auch als „Jugonostalgie“ bekannt. Es bezieht sich auf all das, was von Jugoslawien noch heute übriggeblieben ist: Die Menschen und die Kultur, vor allem die Musik. Die „Jugonostalgie“ ist nicht nur bei jenen verbreitet, die Jugoslawien noch erlebt haben, sondern auch bei den nachgewachsenen Generationen. Letztere kommen mit der jugoslawischen Musik auf Hochzeiten und Festivals in Berührung und übernehmen sie. Letzteres kann zu Konflikten mit der politischen Obrigkeit führen, wie etwa in Kroatien. Dessen konservative Regierung ist darauf bedacht, ihr Land von den anderen ex-jugoslawischen Staaten zu distanzieren. Die jungen Menschen beschäftigen sich dennoch mit der Musik der post-jugoslawischen Nachbarn, wobei über Genres hinweg ein Mix aus alter und neuer Musik entsteht. Gerade in Kroatien sind viele junge Menschen die nationalistische Unterscheidung in „wir“ und „die anderen“ leid. Sie empfinden sich, mehr als dreißig Jahre nach dem Zerbrechen Jugoslawiens, wieder verstärkt als Jugoslawen. Die Musik wird dabei zu einem Raum, wo Brücken zu den anderen Ethnien geschlagen werden. Die Zusammenarbeit zahlreicher Musiker aus dem ehemaligen Jugoslawien über nationale Grenzen hinweg findet bei diesen jungen Menschen breite Zustimmung. Im sozialistischen Jugoslawien produzierte Musik erlebt in seinen Nachfolgestaaten auf diese Weise ein Revival.
Musik als Mittel der Versöhnung
Seit dem Ende des Kosovo-Kriegs im Juni 1999 ist die Stadt Mitrovica in einen albanischen Süden und einen serbischen Norden geteilt. Im Jahr 2008 wurde die „Mitrovica Rock School“ (MRS) gegründet. Die MRS bemüht sich, die ethnische Teilung in der Stadt zu überwinden und unterhält Standorte im Norden und Süden Mitrovicas. Für die Musikschüler bietet letzteres die Möglichkeit eines interethnischen Austausches. So entstanden im Rahmen der Schule mehr als 40 ethnisch gemischte Bands. Die MRS sieht sich in der Tradition der lokalen Rockszene, die sich in Mitrovica seit den 1960er Jahren entwickelt hat und die in ganz Jugoslawien Bekanntheit erlangte. Im bosnisch-herzegowinischen Srebrenica, Schauplatz des bekannten Massakers von 1995, gibt es ein der MRS verwandtes Projekt: Das „Haus der Guten Töne“. Ismar Porić ist der Vorsitzende. Er betont, dass das Haus die lokale Jugend ungeachtet ihrer Ethnizität zusammenbringe. Das sei durch die Musik möglich, die Menschen in Post-Konflikt-Gesellschaften verbinden könne.
Quellen:
https://www.derstandard.at/story/3136127/musik-heilt-die-wunden-auf-dem-balkan
https://www.hhv-mag.com/feature/die-musikgeschichte-jugoslawiens-teil-1-musik-und-marktsozialismus/
https://www.hhv-mag.com/feature/die-musikgeschichte-jugoslawiens-teil-2-freiheit-und-zerfall/
https://www.dw.com/de/balkan-rock-die-musik-der-anderen/a-47424905
https://erinnerung.hypotheses.org/1502
Musik im ehemaligen Jugoslawien: Vom Krieg zum Beat | taz.de
Music as a Tool for Peacebuilding | Balkan Diskurs
Music Mondays: How Ex-Yugoslav music still unites the region – The Collegian










