Wir wissen es: Wir werden von den Medien beeinflusst. Was wir im Fernsehen, in den sozialen Netzwerken oder in der Presse sehen, kann manchmal als „absolute Wahrheit“ wahrgenommen werden. Und ob wir wollen oder nicht – diese Darstellungen beeinflussen unsere Meinungen, unsere Überzeugungen und unsere Sicht auf die Welt.

Wir wissen auch: Die derzeitige Situation ist alles andere als rosig. Kriegsdrohungen, Arbeitslosigkeit, steigende Lebenshaltungskosten … Für viele Familien wird der Alltag immer schwieriger.

Umso wichtiger ist es, unsere Motoren des Vertrauens und unsere solidarischen Kräfte zu aktivieren … und vor allem, uns richtig zu informieren.

Nein, nicht das gesamte Elend der Welt kommt nach Europa.

Nein, die Aufnahme von Geflüchteten führt nicht automatisch dazu, dass die lokale Bevölkerung ärmer wird.

Angesichts vereinfachender Diskurse und vorgefasster Meinungen ist es unerlässlich, sich die Zeit zu nehmen, Informationen zu überprüfen, sie zu verstehen und miteinander abzugleichen.

Bei einer kurzen Recherche stoße ich auf eine Reihe von Organisationen, die mit Verstand, Sorgfalt und Sachlichkeit Stellung beziehen.

Dazu gehört CIRÉ, eine belgische, pluralistische NGO, die konkrete Unterstützungsangebote für Menschen ausländischer Herkunft bereitstellt. Doch ihre Arbeit geht darüber hinaus: Die Organisation richtet regelmäßig Appelle an die Behörden und macht auf die Lebensrealitäten von Menschen aufmerksam, die häufig „keine Stimme haben“.

CIRÉ bietet außerdem pädagogische Materialien und Räume für Diskussionen an. Besonders erinnere ich mich an eine Ausstellung, die an Schulen gezeigt wurde. Es handelte sich um einen interaktiven Parcours: Zu Beginn erhielten alle Teilnehmenden eine Karte mit einer Identität – zum Beispiel: Du bist ein 16-jähriger Eritreer, gerade ohne Papiere in Brüssel angekommen.

Im weiteren Verlauf musste man die verschiedenen Stationen seiner Geschichte durchlaufen und sich mit den Behördengängen, Nachforschungen, Entscheidungen und Hindernissen auseinandersetzen, die sich ihm in den Weg stellten.

Eine konkrete Möglichkeit, sich in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen, seinen Weg besser zu verstehen und sich der Lebensrealitäten bewusst zu werden, die wir häufig nur sehr unzureichend kennen.

CIRÉ hat außerdem einen „Kleinen Leitfaden gegen Vorurteile“ veröffentlicht, der in neun Kapiteln einige verbreitete Vorurteile über Migration und die Aufnahme von Menschen aus dem Ausland entkräftet.

Hier geht es um das zweite Vorurteil, das sich auf die Aussage bezieht: „Wir können nicht das gesamte Elend der Welt aufnehmen.“

Von den Geflüchteten und Menschen, die 2021 in ein anderes Land vertrieben worden waren, wurden 83 % von Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen aufgenommen, und 27 % fanden Zuflucht in den am wenigsten entwickelten Ländern. 72 % lebten in Ländern, die an ihr Herkunftsland angrenzen. Die Zahlen lassen daher nicht den Schluss zu, dass die Länder des globalen Nordens alle Migrant:innen aufnehmen. Und schon gar nicht die Ärmsten, denn Migration ist teuer!

Zu den Ländern, die die meisten Geflüchteten aufgenommen haben, gehören die Türkei (3,8 Millionen Geflüchtete – damit die größte Flüchtlingsbevölkerung weltweit), Uganda (1,5 Millionen), Pakistan (1,5 Millionen) und Deutschland (1,3 Millionen). Kolumbien nahm 1,8 Millionen aus Venezuela vertriebene Menschen auf. Gemessen an der Einwohnerzahl nahm der Libanon die meisten Geflüchteten auf (eine:r von acht Einwohner:innen), gefolgt von Jordanien (eine:r von 14) und der Türkei (eine:r von 23).

Entgegen einer verbreiteten Annahme gehören Menschen, die migrieren, weder zu den Ärmsten noch zu den am wenigsten qualifizierten. In den Jahren 2015–2016 verfügte ein Drittel der internationalen Migrant:innen, die in die Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eingewandert waren, über einen Hochschulabschluss.

Man darf auch nicht vergessen, dass die Länder des globalen Nordens und insbesondere die europäischen Länder, darunter Belgien, dazu beitragen, Armut und Elend in der Welt zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Dies geschieht durch ihre Rolle in Kriegen, die Millionen Menschen zur Flucht zwingen; durch die von ihnen unterstützte Wirtschaftspolitik, die eine ungerechte Verteilung des Reichtums weltweit begünstigt; oder durch ihre Verantwortung für die Umweltzerstörung und deren Folgen für das Klima, die immer mehr Menschen ihrer Lebensgrundlage und ihrer Einkommensquellen berauben.

Im Jahr 2017 verfügten Europa und Nordamerika über 60,6 % des weltweiten Vermögens, während auf Afrika lediglich 0,8 % und auf Lateinamerika 2,5 % entfielen; der Rest verteilte sich auf die Länder Asiens und des Pazifiks.

Angesichts dieser eklatanten Ungleichheit drängt sich eine Erkenntnis auf: Unsere Länder verfügen über die Mittel und tragen die Verantwortung, mehr zu tun und insbesondere ihre Türen für Migrant:innen weiter zu öffnen. Denn um die oben genannte Behauptung umzukehren, gilt: „Man kann nicht den gesamten Reichtum der Welt an sich reißen.“

Die vollständige Broschüre kann kostenlos auf der Website von CIRÉ heruntergeladen werden:

Leitfaden gegen Vorurteile von CIRÉ

Zum Abschluss sollten wir uns dieses Prinzip der Realität vor Augen halten:

„Du hast dir weder die Farbe deiner Haut noch das Land ausgesucht, in dem du geboren wurdest. Aber du trägst Verantwortung für die Welt, in der du zu leben bestimmt bist.“

Sich zu informieren, unsere Gewissheiten zu hinterfragen und Vorurteile zu überwinden – all das trägt dazu bei, eine gerechtere, bewusstere und solidarischere Gesellschaft aufzubauen.

(*) Der Ausdruck „Wir sind nicht gefährlich, wir sind in Gefahr“ bezeichnet ein Projekt und eine Ausstellung, die von La Voix des Sans-Papiers Bruxelles (VSP) mit Unterstützung der Vrije Universiteit Brussel (VUB) und des CFS asbl durchgeführt wurden.

 

Die Übersetzung aus dem Französischen wurde Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!